Mert mag keine Schw*len. Deshalb wird er jetzt Rapper.

 

Rapper und Ex-YouTuber Mert hat mit einer hasserfüllten Tirade gegen Homos*xuelle auf Kritik an hasserfüllten Tiraden gegen Homos*xuelle reagiert. In der Rapszene fühlt er sich mit seiner Meinung am richtigen Platz. Was ist da schiefgelaufen?

Worum es ursprünglich ging: Wir haben kurz recherchiert und sind auf eine Teenie-Website namens "bravo.de" gestoßen. Die berichtet, dass eine youtubende Deutschland sucht den Superstar-Jurorin angeblich "die gesamte Homos*xuellen-Community gegen sich aufgebracht" habe, weil sie mit Mert eine "(mittlerweile gelöschte) [...] Nutella Challenge" veranstaltet habe. Was ja an sich "harmlos" sei, nur: "itsMertTV ist offen homophob!"

Tatsächlich muss man nicht lange recherchieren, um herauszufinden, was Mert von Homos*xualität hält. Getriggert von Menschen, die es wagen, ihn zu dissen, während sie rosane Augenbrauen tragen, legt Mert nach: 

"Das ist doch kein Mensch mehr. Ein Mensch ist entweder Frau und Mann. Aber keine Frau, die aussieht wie ein Mann."

Oder auch kein Mann, der aussieht wie eine Frau. Das ist ja alles sehr verwirrend. Die Kritik an seinen Aussagen bestätigt Mert auf jeden Fall darin, dass seine Zukunft nicht in der YouTuberei, sondern im Rap liegt:

"Dieses Rap-Geschäft gehört den Kanacken, ist einfach so. Es gibt keinen Deutschen, Dikka, der einfach so richtig auf Alman ist, der bei Rap was reißt. Weil: Rap ist asozial, Dikka. [...] Da fühl ich mich wie zu Hause, weil: Ich kann da asozial sein, wie ich will."

Wow. Nicht mal völlig falsch!? Zumindest nicht, wenn man nur von Straßenrap redet (es gibt mehr Rap als Straßenrap amk). Aber auch Straßenrapper und Straßenrap-Fans haben in der Mehrheit eine andere Meinung als Mert. Wir wollen Staiger und rap.de nicht Rolle der Political-Correctness-Hausmeister streitig machen. Aber wir besetzen dieses Haus auch schon seit 1998 und haben eine andere Meinung als Mert, was Rap und Homos*xualität angeht.

Wenn Mert rappen will, statt zu youtuben, let's go. Er kann's ja sogar. Rap hat keine Angst vor Schimpfwörtern, asozialem Verhalten oder maximaler Meinungsfreiheit. RapUpdate, die die Hasstirade gegen Homos*xuelle mit: "Gebt Euch bitte mal das folgende Statement von Mert – es lohnt sich definiv!" [sic] bewerben, haben sogar noch Recht damit, dass Mert performance-technisch einen beeindruckenden Rant hinlegt. Reime rein, fertig ist der Disstrack. Aber dass man in einer Punchline alle mögliche asoziale Sche*ße verpacken kann, heißt nicht, dass ernst gemeinte Asozialität nicht ekelhaft wäre. Dass solche Aussagen in der Rapszene kein Problem wären, ist Schwachsinn. Wäre schön, wenn das nicht dauernd jemand falsch verstehen würde.

Fler hat übrigens mal gut erklärt, wo das Missverständnis herkommt:

"Das passt natürlich super in das Klischee, der Rapper hätte was gegen Schw*le, Lesben oder Leute, die soft sind. Was die Leute nicht verstehen, ist, dass es Teil des Sports ist, dass wir Wörter wie 'Schw*chtel' benutzen. Ein Fußballer, der einem anderen Fußballer in die Beine grätscht, hat auch keine Körperverletzung begangen. Denn das war Teil des Spiels. Dafür bekommt er dann wahrscheinlich eine rote Karte, aber niemand ruft die Polizei. Vielleicht hätte der ein oder andere Rapper auch mal eine rote Karte verdient. Aber er ist nicht gleich schw*len- oder frauenfeindlich, nur weil er über 'Schw*chteln' rappt."

Fans feiern Tabubrüche. Das heißt aber nicht, dass sie jede Asozialität feiern. Mert fragt, warum man Homos*xuelle tolerieren müsse. Das hat erst mal gar nichts mit Rap zu tun. Wir glauben an Menschenrechte. Unter anderem an die Freiheit, "alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet" und nicht tun zu dürfen, was einem anderen schadet. Hiphop ist eine Veranstaltung, bei der es nicht darauf ankommt, was du bist, sondern was du kannst. Deshalb widerspricht Hass auf eine Ethnie, Religion oder S*xualität der Idee von Hiphop.

Jemandem die Menschlichkeit abzusprechen, weil er sich schminkt, passt noch weniger zu Hiphop als in die Mehrheitsgesellschaft. Wäre geil, wenn jemand mit pinken Augenbrauen mit einem Track antworten würde. Aber auch, wer nicht rappen kann, darf nicht als "unmenschlich" bezeichnet werden. Das ist einfach ... unmenschlich?

In der Rap-"Industrie" wird es Mert mit solchen Aussagen nicht viel leichter haben als auf YouTube. Ein paar Rapper werden hinter den Kulissen zustimmen – die meisten aber auch nur dort. Mert riskiert auch in der Rapszene die Chance auf Sponsoringverträge, Festival-Auftritte, Major Label-, Booking- und Vertriebsdeals, weil viele nichts mit Hass gegen bestimmte Gruppen von Menschen zu tun haben wollen oder opportunistisch sind. So sehr diese Empörungs- und Verurteilungskultur suckt, das ist nachvollziehbar.

Mert sagt:

"Auf die Straße gehen 20.000 Leute, protestieren gegen eine Moschee in Deutschland. Aber wenn man einmal was gegen Schw*le sagt, wird man gef*ckt." 

Die Argumentation bringen viele. Ist das so? Warum?

S*xuelle Freiheit wird vielleicht manchmal noch stärker verteidigt, weil sich der Mensch seinen Glauben "aussuchen" kann, die S*xualität aber nicht? Kann sein. Man sollte beide Freiheiten schützen. So sehr Rechtsradikale in Deutschland auf dem Vormarsch sind, Islamfeindlichkeit wird nach wie vor kritisiert und Religionsfreiheit steht im Grundgesetz.

Man muss sich nicht entscheiden, ob man "für Moslems", "für Schw*le", für Bodybuilder, Busfahrer, Frühaufsteher oder für sonst wen ist. Wir sind einfach gegen Hass auf Menschengruppen. Klingt das schw*l? Ok, so be it.

Die, die gegen Moscheen demonstrieren, werden auch gef*ckt. Beziehungsweise ihre Aussagen. Für die Berichterstattung auf Hiphop.de ist uns diese Unterscheidung wichtig: Wir wollen Mert nicht f*cken. Wir finden seine Aussagen in dem Video sche*ße. 

Lange Rede, kurzer Sinn:

"Why does that sh*t matter? If he wanna f*ck dudes, why does that matter?"

- Tyler, the Creator, 2014

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