Hat Deutschrap ein Problem? Falk Schachts Antwort an Die Welt
Falk Schacht

 

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Lieber DIE WELT-Autor Dennis Sand,

ich habe mit Freude deinen Artikel Deutschrap, du hast ein ernsthaftes Problem gelesen, in dem du auch meinen Namen in deinen Mund genommen hast. Hier nachzulesen: Deutschrap, du hast ein ernsthaftes Problem.

Auch ohne persönliche Attacke hätte ich deinen Artikel kommentieren müssen. So macht es aber doppelt so viel Spaß.

Am Anfang beschreibst du, wie der Rapper Toony seinen Kontrahenten Separate versucht, zu Hause zu besuchen. Er steht vor seiner Tür, klingelt und spricht aggressiv mit der Freundin seines Gegners über die Gegensprechanlage.

Unangenehm? Unangebracht? Unmöglich? Ohne Zweifel.

Aber wie du selber schreibst: "Eigentlich wäre das gar nicht sonderlich erwähnenswert." Wenn es nicht so wunderbar in das negativ zu zeichnende Rap-Weltbild von dir passen würde, das für dich den "Stand von Deutschrap im Jahr 2015" beschreibt.

In einer alarmistischen Art und Weise konstruierst du ein Bild von Deutschrap, als würden solche Hausbesuche 365 Tage im Jahr stattfinden. Es gab 2015 ganz genau einen Hausbesuch.

In Zahlen: 1.

Recherche ist aber nicht deine Stärke, was im weiteren Verlauf immer wieder deutlich wird.

Wie hat die Rap-Szene auf diesen Hausbesuch reagiert? Sie hat angefangen, darüber Scherze zu machen. Ganz Twitter und Facebook ist voll mit Sprüchen zu dem Thema. Ich werte das als eine gesunde Reaktion, die belegt, dass die Fans die Unsinnigkeit dieser Aktion verstanden haben.

Dann erwähnst du die Stadtverbote, die einige Rapper in Rage hin und wieder aussprechen. Die sind zwar in der Sekunde ernstgemeint, aber wenn du von "fließenden Grenzen" zwischen "Unterhaltung und ernsthafter Bedrohung" sprichst, übertreibst du die reale Situation maßlos.

Wie viele der Stadtverbote wurden 2015 umgesetzt? Nicht ein einziges.

In Zahlen: 0.

Und erneut reagiert die Rap-Szene darauf, indem sie das ganze in Witze ummünzt. Erneut wissen die Rap-Fans, im Gegensatz zu dir, es richtig einzuschätzen, dass solche Aussagen absurd sind und am Ende nichts passieren wird.

Aber was konstruierst du dir daraus? Ein Hausbesuch und null umgesetzte Stadtverbote reichen dir, um so zu tun, als wären alle Rapper so. Als wäre die gesamte Hiphop-Szene kaputt und bedroht. Ein einziges Kriegsgebiet.

Das 99% der Rapper völlig normal der Schaffung von Kunst nachgehen und versuchen, professionell zu arbeiten, kann man doch einfach mal unterschlagen. Solange es nicht in die eigene Argumentation passt.

Und die Verdrehung von Tatsachen zieht sich durch deinen ganzen Artikel. So schreibst du weiter: "Das Grundprinzip von Hiphop: Beats statt Schläge - geht immer mehr verloren."

Lieber Dennis, das ist kompletter Unsinn. Wir sind im Jahr 2015 sehr, sehr verwöhnt im Deutschrap. Diese Szene hat schon wesentlich schlechtere und vor allem gewalttätigere Zeiten durchlebt.

In den 90ern wurde sich auf jeder zweiten Hiphop-Jam geboxt. Entweder die Rapper untereinander oder das Publikum. Gerne auch beides. Es bestand immer eine relativ große Chance, dass man seine neue Raiders-Starter-Jacke abgezogen bekam. Oder dass man barfuß nach Hause ging, weil jemand anderes deine Patrick Ewing- oder Jordan-Sneaker trug.

Es wurde mit Gasknarren aus fahrenden Autos auf Rap Fans geschossen. Es gab Jams, wo Leute mit Macheten vor der Tür rumliefen. Und es gab Jams, wo die Kasse geklaut wurde und danach das Publikum mit den Holzstämmen verprügelt wurde, die eigentlich dafür da waren, Bäume zu stützen.

Eine Hiphop-Jam in den 90ern zu besuchen, war grundsätzlich mit der potentiellen Gefahr verbunden, mit einem dieser Probleme in Kontakt zu kommen. Ich habe das alles gesehen, Dennis, denn ich war da. Du kannst das natürlich nicht wissen. Zu der Zeit bist du gerade eingeschult worden.

Was du aber wissen könntest, sind die Entwicklungen in den 00er Jahren, aber anscheinend ist da nichts bei dir hängenbleiben. Da gab es nämlich auch Schlägereien zwischen Rappern auf Festivals. Umgestoßene Autos, die dann auch noch brannten. Hiphop-Journalisten, die aufs Maul bekommen haben.

Rapper die von Bühnen runtergeschlagen wurden. Und gestürmte Konzerte, die andere Rapper mit Platzwunden am Kopf zurückließen. Es gab Messerstechereien wegen Rap und Graffiti. Ja, sogar schon Schießereien. Sowohl mit echten, als auch mit Schreckschuss-Patronen.

Es waren diese Augenblicke in der Deutschrap Szene, wo ich jederzeit damit gerechnet habe, dass wir kurz davor stehen, den ersten toten deutschen Rapper betrauern zu müssen.

Und jetzt wo die absolute Mehrheit der Rapper ganz normal ihrem Job nachgeht und Kunst und Entertainment produziert, kommst du aus deinem Gebüsch der Unwissenheit gesprungen und tust so, als stünden Rap und Hiphop am absoluten Abgrund?

Und erneut beweist du deine sehr einseitige Sichtweise. Weil ich Flers Androhung nicht mit der Frage beantworte, ob er denkt, das es sinnvoll ist, was er da tut, bedeutet das noch lange nicht, dass ich seiner Meinung bin. Oder sind wir jetzt hier im George W. Bush-Land? Wer nicht für mich ist, ist automatisch gegen mich. Das ist mir ein bisschen zu simpel gedacht, Dennis.

Und wenn du behauptest, das Grundprinzip von Hiphop – Kunst statt Gewalt – würde immer mehr verloren gehen, dann unterschlägst du dabei deinen Lesern als erstes, dass selbst der von dir erwähnte Konflikt zwischen Toony und Separate in zwei Songs und Videos endete, und nicht etwa in konkreter Gewalt.

Und dann erwähnst du – wahrscheinlich wieder aus Unwissenheit – nicht, dass wir in den letzten 24 Monaten wahrscheinlich so viele Diss- und Battle-Songs plus epische Videos zu hören und zu sehen bekommen haben, wie in all den Jahren davor nicht.

Darunter waren:

Bushido vs. Kay One

Spongebozz vs. Kollegah

Bushido vs. Kai Diekmann

Gio vs. Lion T

Gio vs. Spongebozz

Toony vs. Schwesta Ewa

Jasko vs. SadiQ

P-Zak vs. Kollegah

usw.

Auch hier hätte ein bisschen Recherche deinemText gut getan.

Das beweist du auch noch mal an der Stelle, wo du es so darstellst, als ob Haftbefehl mit dem Song CopKKKilla künstlerisch eine Antwort auf Böhmermanns Ich hab Polizei gegeben hätte. Ich habe bis jetzt vier unabhängige Quellen die mir das Gegenteil bestätigt haben, was ich auch bereits publiziert habe. Wobei eine Quelle im Fler-Interview namentlich genannt ist.

Davon zu sprechen, dass es immer noch "zur Debatte steht, ob der Song tatsächlich eine geplante Antwort oder nur ein glücklicher Zufall war", ist erneut eine Verdrehung von Tatsachen.

Dann versuchst du argumentativ zu belegen, dass Rap- und Hiphop-Journalisten immer noch einen heute unnötigen "Verteidigungsreflex" gegenüber dem Mainstream und seinen Vertretern haben, der unnötig geworden sei. Denn Deutschrap wäre längst Bestandteil unserer Popkultur. Weil jede Woche "entern Alben von deutschsprachigen Künstlern die Toppositionen der Charts."

Die Argumentation ist ungefähr so sinnvoll, wie zu behaupten, dass jeder, der schon mal einen Mafia-Film gesehen hat, versteht, wie die Welt der Mafia funktioniert.

Nein, Dennis.

Du musst bei der Mafia und mit der Mafia leben. Du musst ihre Historie kennen und auch selber Mafia sein, um zu verstehen, was die Mafia ist. Sonst bist du nur jemand, der eine oberflächliche Sicht von außen hat.

Das an sich ist gar nicht weiter schlimm, solange man das zugibt. Genau so wie ich zugebe, dass ich eine Sicht aus dem Inneren habe. Mit all den Problemen, die so was mitbringt.

Was wirklich schlimm ist, ist wenn man diese Unwissenheit zum Fundament seiner verdrehten Meinung macht, und diese dann noch in Die Welt posaunt. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen, oder Dennis?

Wenn du dann weiter schreibst, dass der deutsche Hiphop keinen Anwalt mehr braucht, der ihn verteidigt, dann muss ich leider sagen: Solange die Hiphop-Kultur und Rap auf oberflächlich informierte Richter wie dich trifft, wird immer ein Anwalt notwendig sein, um "Einspruch" zu rufen.

So viel zu deinen Wissens- und Recherchedefiziten. Dass es mit der Logik auch nicht so weit her ist und du dir selber in deiner Kritik widersprichst, ist der nächste traurige Punkt. Du schreibst:

"Man kann einem Rapper, der die Gelegenheit zur Selbstvermarktung sieht, auch kaum vorwerfen, diese Chance zu nutzen. Aber man kann großen Hiphop-Plattformen den Vorwurf machen, dass sie nicht kritisch genug mit den Künstlern umgehen und kritische Aussagen unreflektiert verbreiten."

Verstehe ich dich richtig? DU als Mainstream-Medienvertreter kannst es Rappern nicht vorwerfen, die Gelegenheit zu nutzen, aber verlangst, dass WIR als Hiphop-Medienvertreter das müssen?

Wo besteht denn als Medienvertreter der Unterschied zwischen dir und uns? Außer, dass du nicht genügend Fachwissen besitzt? Wieso darfst du es tolerieren und wir nicht? Merkste selber, ne?

Dennis, du hast deine "Fakten" nicht gecheckt, weil Recherche offensichtlich ein Fremdwort für dich ist. Du ziehst falsche Schlüsse. Du stellst Tatsachen absichtlich verquer dar. Dein Hintergrundwissen reicht nicht aus, um die aktuelle Situation richtig einzuordnen. Du zimmerst dir eine Meinung und ein Weltbild zurecht, wie du es für die Leser der Welt brauchst, was man wunderbar in der Kommentarleiste unter deinem Text sehen kann, aus der nur Verachtung und Gift und Galle für Rap tropft.

Und ja, Dennis, Deutschrap-Journalismus hat wirklich ein ernsthaftes Problem, welches du aber unerwähnt lässt. Es wird symbolisiert von RapUpdate - Das Magazin. Das ist die Bild Zeitung des Raps. Eine alarmistische und oberflächliche Gossip-Plattform. Diese Bild-Zeitung des Raps treibt die Boulevardisierung des Hiphop-Jorunalismus voran.

Deshalb kann man das evtl. als Treppenwitz der Historie bezeichnen, wenn gerade jemand wie du vom Springer Verlag den Rap-Journalismus kritisiert, weil er den Publikationen deines Hausverlages immer ähnlicher wird.

Das ist todtraurig für Hiphop und Rap. Und ein weiterer Beleg dafür, dass diese Kultur die Probleme des Mainstreams spiegelt, je größer diese Kultur wird. Denn die Refinanzierungsproblematik, von der du sprichst, ist keine Unbekannte für die Großverlage. Die daraus entstehenden Drücke und Anpassungsreaktionen sorgen auch bei ihnen immer wieder für schlechtere Formen der Berichterstattung. So wie dein Artikel.

Mit dem du einfach mal alle Kollegen, die sich mit Rap-Journalismus beschäftigen, über einen Kamm scherst. ALLE HipHop Medien sind unkritisch. OK!

Wie wäre es wenn du ein paar Medien oder Kollegen einfach namentlich nennst? Warum so bescheiden? Oder liest du nur meine Texte und die von Ralf Theil?

Sei ein richtiger Rapper und nenn Namen! Wir setzen uns hin und reden zusammen vor einer Kamera. Ich kann das organisieren. Bring den Frederik Schwilden gleich mit. Und den Stefan Niggemeier. Und diesen einen da von ZEIT ONLINE.

Lets talk about Rap Baby.

Nichtsdestotrotz ist dein Text tatsächlich das größte Armutszeugnis der Mainstream-Presse im Zusammenhang mit Hiphop und Rap, was ich 2015 gelesen habe. Und somit leider der Beleg dafür, dass sehr viel der Kritik an der bürgerlichen Mainstream-Presse gerechtfertigt ist.

Dein ganzer Text ist eine reine Provokation. Dein Schreibstil ist reine Provokation. Die Erwähnung des Films: Alles Provokation. Nur Pose. Als wärst du ein verkappter Rapper.

Ich mag das, Dennis. Ich finde Provokation super, merkste ja auch hier.

Aber ich möchte an dieser Stelle Moritz Bleibtreu zitieren, der in der Sendung Durch die Nacht mit … mit Oliver Pocher konfrontiert war. Nach einem der typischen Pocher-Ausfälle sagte Bleibtreu:

"Oliver, du musst wissen: Provokation alleine, ohne Hintergrund, ist nichts wert. Das ist vielleicht ein gutes Mittel, um mal ein paar Idioten zu beeindrucken. Verstehst du?"

Kollegiale Grüße,

Falk Schacht

Der Artikel erschien zuerst auf Falks Facebook Page.

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