Fler und seine asozialen Gäste: Natürlich kannst du das sagen, aber dann bist du halt rechts

Fler hat gestern einen offenen Brief an Farid Bang veröffentlicht. Darin schreibt er, Farid solle sich mit seiner "Asozialen-Mentalität" zurückhalten und "aufgrund (s)einer Nationalität" aufpassen, was er "als Gast" sage. Er erwartet Dankbarkeit, weil "wir Deutsche" Farids Familie aufgenommen hätten und "noch mehr Asylanten in unser Land" ließen. Stattdessen würde er von Farid und seinen "Rapper-Freunden, die alle Migrations-Hintergrund haben andauernd beleidigt".

Das Kalkül dahinter wird sein, Deutsche, die sich von Ausländern gemobbt fühlen, auf seine Seite zu ziehen. Wahrscheinlich sieht er es auch wirklich so.

Völlig zurecht gab es bereits negative Reaktionen. Seit Flers Album Neue Deutsche Welle mit einem Hitler-Zitat beworben wurde ("Am 1. Mai wird zurückgeschossen!" war ein Remix von Hitlers Kriegserklärung an Polen), wehrt sich Fler gegen Vorwürfe, rechtsradikal zu sein. Dass er keine rechten Einstellungen hat, dürfte nach dem Brief niemand mehr glauben. Bestimmt hat Fler etliche Freunde "mit Migrationshintergrund" und ich glaube ihm auch, dass für ihn generell alle Menschen gleich viel wert sind. Er hat aber ziemlich deutlich gemacht, dass er Menschen nach ihrer Herkunft bewertet und findet, dass jeder Mensch an einen bestimmten Ort gehört. Das ist rechtes Denken und widerspricht meiner Meinung nach allem, wofür Hiphop steht. Auch wenn Fler natürlich absolut Hiphop ist, als Writer und Rapper, und dazu eine andere Meinung haben kann als ich. Er hat eine Menge investiert um da zu sein, wo er heute ist. Schade, dass er so denkt. Ich denke halt anders und hoffe, den meisten geht es genauso.

Wer hat eigentlich keinen Migrationshintergrund? Wer weiß schon, ob die eigene Familie nicht vor zig Generationen aus einem anderen Land in diese Ecke der Welt kam? Die Frage kann vielleicht jemand beantworten, der sich für Nationen mehr interessiert, als ich: Ab wann ist man denn Deutscher? Wie viele Generationen muss man hier leben? Bei Polen reichen 1,2 Generationen, Schwarzköpfe brauchen sich gar nicht erst Hoffnungen zu machen?

Wofür muss man als Zugezogener dankbar sein und wem? Meine eigene (soweit ich weiß deutsche) Familie floh im und nach dem Krieg aus Ostpreußen, Czernowitz und der DDR. Sie lebte teilweise in den selben Lagern, in denen später Ausländer untergebracht wurden. Sie waren in ihren neuen Städten nicht immer erwünscht. Bisher kam ich nie auf die Idee, Fremden auf der Straße die Hand zu schütteln, weil ihre Vorfahren durch ihre Steuern Flüchtlingsbaracken finanziert- und meiner Familie erlaubt haben, sich in ihrer Nachbarschaft ein Haus zu bauen. Vielleicht wäre das ja angebracht. Vor allem zeigt es mir aber, dass ich als Deutscher kein Recht habe, auf Zuwanderer hinabzuschauen.

Meiner Meinung nach, sollte jeder Mensch das Recht haben, zu leben, wo er will. Cool, was hier für ein nettes Land gebaut wurde, aber dafür kann ich mir keinen Orden anheften. Ich kann nur für etwas Dankbarkeit verlangen, dass ich selbst gemacht habe. Genau so kann niemand etwas dafür, wenn er in einem Land mit schlechteren Bedingungen geboren wird. Jedes Jahr verrecken hunderte bis tausende bei dem Versuch, von Nordafrika nach Europa zu kommen, wo sie ein besseres Leben suchen. Wenn sie überleben, leben sie bei uns erst mal scheiße. Wenn sie bleiben dürfen, leben sie mit Glück und harter Arbeit eines Tages ganz okay. Wenn sie wollen, können sie dann ja dankbar sein. Bei mir brauchen sie sich nicht bedanken, bislang habe ich noch keinen Flüchtling bei mir Zuhause aufgenommen. Wenn man jetzt argumentieren will, dass wir ja Steuern zahlen, mit denen Asylantenheime gebaut werden: Ich bin ziemlich sicher, dass der Großteil deiner Steuern für weniger edle Dinge ausgegeben wird. Und man könnte dann auch dagegen rechnen, dass der deutsche Reichtum zum Teil erst durch die Armut anderer Länder möglich wird. Wenn man sich damit brüsten will, dass Deutschland Asylanten aufnimmt, muss man sich dafür selbst schlagen, dass für jedes Handy Sklavenarbeit nötig ist, dass für unsere Wirtschaftsinteressen Kriege geführt werden und dass unsere Sneakers Kinder zusammenkleben.

Ein Rapper mit marokkanischen Wurzeln hat genau so viel oder wenig das Recht, andere zu mobben, wie ein Deutscher. Farid hat ganz offensichtlich Spaß daran, sich manchen gegenüber asozial zu benehmen. Das muss man nicht gut finden, es hat aber nichts damit zu tun, dass seine Familie aus Marokko kommt.

Wenn ich Fler in Interviews richtig verstanden habe, hat er sich sein ganzes Leben lang von Ausländern gemobbt gefühlt, weil er Deutsch ist. Auch unter Ausländern gibt es Rechte. Kann sein, dass sogar mehr Ausländer in Nationen denken, als Deutsche. Wenn man in Deutschland nicht deutsch aussieht, beschäftigt man sich zwangsläufig mehr mit dem Thema. Fler hat mir mal abgesprochen, mich dazu äußern zu können, weil ich nicht aus Berlin komme. Aber ich denke auch, dass es auf der Straße Rassismus gegen Deutsche gibt. Es gibt auf der Straße allgemein viel Rassismus. Viele definieren sich über ihre Herkunft und werfen anderen deren Herkunft vor. Jude und Alman werden von manchen als Schimpfwörter benutzt. Die einen sollen geizig sein, die anderen spießige Weicheier. Genauso haben manche Deutsche Vorurteile gegen Polen, Araber, Türken, Moslems und so weiter. Eins ist so scheiße, wie das andere.

Als Hiphop entstand, war es eine Subkultur, in der ziemlich egal war, wo man herkam. Es geht um Kunst und Skills, nicht um Abstammung. Wenn zwei Rapper sich battlen (oder Beef haben) sollte es scheißegal sein, wo ihre Eltern herkommen. Im deutschen Hiphop sind wahrscheinlich alle Abstammungen vertreten, die man in Deutschland finden kann. Komisch, dass das in anderen Kreisen nicht so ist, aber bei "uns", im Hiphop-Land, ist es so. So sollte es auch bleiben. Ausländer bekommen daher natürlich kein Battleverbot. Sie müssen keine Danksagungsballaden an vermeintliche Volksdeutsche aufnehmen, um dazuzugehören. Natürlich kann jeder denken und sagen was er will. Aber wenn man so was sagt, ist man halt rechts. Und Rechts passt nicht zu Hiphop. Und es ist halt scheiße.









 

Toxik

Autoreninfo

Toxik ist Musikjournalist und Chefredakteur von Hiphop.de. In der Vergangenheit schrieb er außerdem für WAZ, WR, taz, Juice, Raveline und andere.
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