Festivals sagen Müllbergen den Kampf an, aber das reicht nicht

Die Festival-Saison 2019 nähert sich ihrem Ende. Was am Schluss davon bleibt, ist neben einem Kater meist vor allem der Müll. Das Schlachtfeld, das viele Fans auf den Zeltplätzen großer Festivals hinterlassen, kann nur als Armutszeugnis interpretiert werden. Die Bilder der Müllberge sind beschämend und sprechen Bände. Hier muss sich etwas ändern. Wir schauen uns an, welche Maßnahmen die Veranstalter ergreifen, aber das kann natürlich nicht reichen. Wenn wir wollen, dass sich etwas verbessert, müssen wir alle umdenken und mit anpacken.

Müllberge: So scheiße es leider immer noch nach vielen Festivals aus

Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, möglichst wenig Müll zu produzieren. Auf vielen Festivals ist Müllvermeidung aber nicht einmal das Hauptproblem, sondern die Tatsache, dass viele Besucher einfach alles stehen und liegen lassen. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob es das Wacken Open Air, Rock am Ring, Rock im Park, die Love Parade oder das Splash-Festival ist. Im schlimmsten Fall sieht das zum Beispiel so aus:

Stefan on Twitter

The Day after. Und das ist gute 3-4km so, lins und rechts vom Traisen Ufer. . So viele gute Zelter (außer die, die extra noch zerschnitten werden damit sie niemand mehr verwenden kann). So viele intakte Campingsesseln.

Oder so:

Wacken Open Air on Twitter

I actually had to walk quite a bit to get to the next lonely #wackencouch and please note the cucumber

Manche Leute lassen auch einfach ihren kompletten Hausrat zurück.

Wacken Open Air on Twitter

While many Wackings made a great effort to keep the Holy Ground clean, some still mistake it for a landfill. A freezer? Really?

Wie es auch gehen kann, zeigen Green Camping oder das Haldern Pop

Es gibt immer mehr Aktionen und Kampagnen, die dem Festival-Müll etwas entgegensetzen sollen. Da wären zum Beispiel die sogenannten Green Camping-Bereiche, die es auf immer mehr Festivals gibt. Sie wachsen auf vielen Festivals auch und bieten Möglichkeiten zur Mülltrennung. Sie sollen von vornherein ein größeres Bewusstsein schaffen und dabei helfen, Müll zu vermeiden.

Aber wieso nicht einfach sämtliche Campingplätze zum Green Camping umfunktionieren oder zumindest überall Mülltrennung möglich machen? Manche Festivals arbeiten mit Hochdruck daran, Plastik zu verbannen und nachhaltige Alternativen zu Verpackungen, Strohhälmen und dem ganzen Rest anzubieten.

Auf einigen Festivals gibt es nicht einfach nur Müllpfand, sondern zum Beispiel gleich zwei Müllsäcke: Einen Restmüll und einen gelben Sack. Auf dem Splash gab es dieses Jahr zwar auch viel Kritikwürdiges, aber zum Beispiel auch den Fairopolis-Bereich, mit Workshops zum Thema Nachhaltigkeit, NGOs und vielem mehr.

Dazu kommen weitere Anreize und besondere Aktionen, die manche Veranstalter ins Leben rufen. Das Wacken erklärt den Zeltplatz kurzerhand zum heiligen Grund und Boden, was viele Metaller dankend annehmen. Das Splash verlost zum Beispiel Tickets fürs nächste Jahr unter allen, die Fotos von besonders sauber hinterlassenen Zeltplätzen twittern.

Dann gibt es da noch solche Ausnahmen wie zum Beispiel das Haldern Pop-Festival. Die haben es offenbar geschafft, eine vollständig müllfreie Zelt-Wiese zu hinterlassen. Die Veranstalter mutmaßen, dass das an der familiären Atmosphäre und der überschaubaren Teilnehmerzahl liegt.

Security Check Required

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Veranstalter sind auf deine Hilfe angewiesen: Mach mit!

Aber die besten Initiativen bringen alle nichts, wenn niemand bereit ist, sein Verhalten zu ändern. Zum Glück findet langsam, aber sicher ein Umdenken statt – auch unter den skrupellosesten Festival-Besuchern. Aber solange noch Zelte aufgeschlitzt und abgefackelt werden, Müll liegengelassen wird und Sofas stehenbleiben, liegt das Zero Waste-Ziel auf Festivals noch immer in weiter Ferne.

Wir müssen alle dabei helfen. Auch du. Was 7000 Menschen schaffen, können auch 70.000 hinbekommen. Eigentlich müsste es sogar noch besser klappen, wenn mehr Menschen mit anpacken. Damit am Schluss nicht so viel aufgeräumt werden muss, kann auch schon im Voraus kurz nachgedacht werden: Wer wenig mitbringt, muss nach dem Festival auch nicht so viel mit nach Hause schleppen.

Das kannst du gegen die Festival-Müllberge unternehmen:

  • Sammel deinen Müll wenigstens wieder ein, wenn du schon welchen machst
  • Leave no trace: Alles, was du mitbringst, muss auch wieder mit nach Hause
  • Weniger ist mehr: Wer wenig einpackt, muss verkatert nicht schwer schleppen
  • Einweg-Verpackungen, -Becher und -Trinkflaschen sind tabu
  • Plastikgeschirr und Plastikbesteck haben nichts auf einem Festival verloren
  • Glasflaschen erst recht nicht, die sind außerdem auch noch gefährlich

Wer seinen Kram dann doch nicht mehr mitnehmen will oder noch etwas zu Essen übrig hat, kann das auf vielen Festivals auch an Sammelstellen loswerden (von denen es dann natürlich genug geben müsste). Die führen das dann einem guten Zweck zu, spenden es, reparieren es, verteilen es oder recyclen es.

Auf Seiten der Veranstalter wären mehr Möglichkeiten zur Müllvermeidung beziehungsweise ganz simpel mehr Mülleimer wünschenswert. Auch der generelle Verzicht auf (Einweg-)Plastik wäre denkbar und nicht unmöglich, vor allem was die Anbieter von Essen und Trinken angeht.

Oder, ganz verrückt: Einen weiteren, großen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz könnten die Festival-Veranstalter leisten, wenn sie komplett auf vegetarisches oder veganes Essen umsteigen würden. Das klappt bei anderen Festivals wie bei der Fusion ja auch und selbst der härteste Fleischaner kann ein paar Tage auf totes Tier verzichten.

Wie stehst du zum Müllproblem auf Festivals? Woran liegt's und bist du bereit, etwas dagegen zu unternehmen?

Splash! 2019: Viel Kritik statt Feuerwerk

Das Splash! Festival ist vorbei. Im Normalfall ist das der Moment, in dem man wehmütig auf das vergangene Wochenende zurückschaut und sich schon auf das nächste Jahr freut. Dieses Jahr sieht das alles ein bisschen anders aus.

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Ein kleiner Moment Openair Frauenfeld 2020 trotz Corona

Ein kleiner Moment Openair Frauenfeld 2020 trotz Corona

Von Clark Senger am 15.07.2020 - 16:42

Die einen haben Rock Am Ring, die anderen das Summerjam, Wacken, Hurricane oder was auch immer. Für manchen Leser*innen dürfte es das Splash! sein. Für die Hiphop.de-Crew ist das Openair Frauenfeld jedes Jahr das Highlight der Festival-Saison. Im Summer of Coroni ist aber alles anders.

Es ist Donnerstag Nachmittag. Eigentlich würde grade Jamule oder ein ähnliches Kaliber die ersten Gäste auf das Gelände vor der riesigen Skyline Stage locken. Bei 29° und praller Sonne spielen ein paar unfair gut trainierte Dudes vorm SNIPES Store Basketball. Leute stehen Schlange für frisches Bier, das diesjährige Frauenfeld-Merch und kaltes Wasser aus den Zapfstationen, die überall über das Gelände verteilt sind. Endlich geht's wieder los!

Ich schlendere vorbei an Gruppen, die auf dem Boden sitzen und Joints durch die Runde wandern lassen. Ein Kerl sieht für diesen frühen Zeitpunkt des Tages und Festivals schon eindeutig zu rot aus. Ein anderer ext das zweite 0,5er Piwo in Folge. Für beide wird es morgen ein böses Erwachen geben.

Während meine Kollegen entweder ausgeschwärmt sind, um Interviews mit Fans für unsere Insta Story zu machen oder ihre Laptops aufbauen, um News und Artikel übers Festival zu schreiben, bilde ich mir ein, mein Eröffnungsspaziergang sei Vorbereitung auf "Release Friday". Dann erschüttern aus den Boxen eines Standes diese gefährlichen 808 Slides den Boden, die man aktuell jeden Freitag bei einem neuen Rapper hört.

"She like the way that I dance, she like the way that I move" – 2018 stand XXXTentacion wenige Wochen nach seinem Tod im Fokus vieler DJs und Artists beim Frauenfeld, dieses Jahr werden Pop Smokes und Juice WRLDs Geister über vielen Sets und Moshpits schweben. Pop Smoke wäre sogar leibhaftig hier gewesen, sein Slot war für Freitag geplant und wie gemacht für einen dieser legendären Abrisse in der La Fabrik Area.

Ein Blick in die OAF App: Vor A$AP Rocky und seinem Homie Ferg sind gleich noch DaBaby, Royce Da 5'9'' und Saint JHN am Start, die ich aus unterschiedlichen Gründen sehen möchte. Generell hat das wie gewohnt prominente Lineup 2020 einige Volltreffer für mich parat. Kendrick Lamar, Meek Mill, Apache 207, die Earthgang, Ski Mask The Slump God, Rico Nasty, IDK und Maxo Kream – alle kenne ich mehr oder weniger gut von Spotify, aber noch nicht in natura. Das will korrigiert werden.

Besonders gespannt dürfte nicht nur ich auf das Konzert von PNL sein. Die französischen Gebrüder Andrieu schaffen es, dass selbst fünf Jahre nach ihrem Debütalbum "Le Monde Chico" noch ein mysteriöser Schleier über ihrem Schaffen hängt. "Deux frères" war 2019 eins der besten Alben, auch wenn ich kein Wort verstanden habe.

Ihr legendäres Bühnenbild, das RAF und Bonez inspiriert haben dürfte, werden sie wohl kaum mitgebracht haben. Ich frage mich trotzdem, wie die riesige Bühne bei den beiden Perfektionisten aussehen wird. Und wie geben sie sich im Backstage? Kommen sie mit einer Armee an Securitys oder ist die Devise eher Understatement? Vermutlich werden sie – wie Busta Rhymes damals beim Out4Fame in Hünxe – mit dem Auto direkt an die Bühne gebracht und sind dann so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind.

Dass außerdem die Kölner Homeboys Lugatti & 9ine dieses Wochenende auf Europas größtem Rapfestival auftreten, fühlt sich fast wie ein persönlicher Sieg an. Der Weg von wilden Gigs im Kölner AZ oder im Grüngürtel bei Yelms Bday Bash bis hin zum millimetergenau geplanten Openair hier in der Schweiz war lang, der heutige Spot der beiden ist mehr als verdient.

Als ich mir grade im Kopf ein paar Smalltalk-Fragen zurechtlege, mit denen man in ein Festival-Interview einsteigen könnte, reißt mich ein Anruf aus den Gedanken. Toxik. Aria soll einen Ami interviewen und unserem Backstage-Team fehlt jemand für den Ton. Jetzt!

Erst widerwillig trabend, dann immer schneller manövriere ich mich an sehr vielen sehr schönen Menschen vorbei und fühle mich wie Ezio Auditore. Ohne die Waffen, versteht sich. Ausweichen, beschleunigen, abbremsen, Kopftuch nass machen, wieder beschleunigen, Backstage-Pass für die Securitys aus dem Hemd friemeln, freundlich lächeln, aber nicht anhalten.

Diese sportlichen Einlagen gehören genauso zum Frauenfeld wie die Suche nach jemandem, der die Rückfahrt zum Hotel übernehmen kann. Für andere Leute gibt es andere Momente, in denen die monatelange Vorfreude zur Gewissheit wird, endlich wieder angekommen zu sein: Zum Beispiel das erste Bier nach dem Zeltaufbau.

Für die Besucher bedeutet so ein Festival: Drei Tage Urlaub, die vor einem liegen und sowohl schnell vergessene als auch unvergessliche Momente mit sich bringen werden. Neue Menschen, die man kennenlernt. Neue Künstler, die man entdeckt. Diese Vorfreude auf den beginnenden Trip in eine andere Welt – und da lasse ich gerne mit mir diskutieren – ist der beste Moment auf so einem Festival.

Am portablen Nachbau des Tischs aus unserem Büro sitzt Aria neben einem Kerl, der mit (vermutlich teurer) Sonnenbrille auf der Nase und Dior-Seidentuch auf dem Kopf in sein Handy guckt. Zwei Securitys, die breiter als hoch sind, lassen die Umgebung ihres Schützlings nicht aus den Augen.

"You're the audio guy, right?", sagt die unverwechselbare Stimme unter dem Seidentuch, die ich grade noch irgendwo gehört habe. Seinem mäßig überzeugenden "Let's go" lässt er schnell ein aufrichtiges "Woo!" folgen, mit dem er sich motiviert und mich aus meinem Gedankekonstrukt reißt.

Das passt nicht. Der Mann ist eigentlich tot und eigentlich sollten die Leute auf dem Gelände auch gar nicht so eng aneinander stehen.

Diesen Sommer versuchen wir vergeblich, etwas zu ersetzen, das man sich nicht so einfach mit einem Artikel herbeischreiben kann. Uns fehlen die Festivals, den Festivals fehlen die Einnahmen, den Künstlern fehlen ebenfalls die Festivals. Ja, für die meisten von uns hat Corona größere Probleme mit sich gebracht als den Verzicht auf einen Kurzurlaub mit Musik und Exzess. Wer sich aber irgendwo in diesen Zeilen wiedergefunden hat, wird unterschreiben: Die Festivals sind vielleicht die Highlights jeden Sommer. Sie fehlen!

(Wer von Covid-19 getroffenen Unternehmen der Kulturbranche helfen will, behält bestenfalls seine Tickets. Auch große Festivals wie das Openair Frauenfeld sehen sich in dieser Krise existenziellen Gefahren ausgesetzt. Wie du in dieser Situation aktiv werden und supporten kannst, haben wir in diesem Artikel erklärt. Das Openair Frauenfeld beispielsweise geht 2021 einen Tag länger – mit dem #OAForever-Upgrade kann man ein bestehendes Ticket auf diese Dauer erweitern und den Veranstaltern des Festivals (finanzielle) Planungssicherheit geben.)


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