Die Kunst, scheiße zu singen: Von Max B über French Montana bis hin zu Young Thug

"Nicht mal ihre eigenen Mütter würden behaupten, dass sie gut singen." Ihre Lyrics sind "eine Katastrophe", sie singen "heiser", "zusammenhangslos", mit nicht mehr als "der für Kommunikation allernötigsten Artikulation". Gemeinsam "klingen sie, wie eine Gruppe unorganisierter Amateure, deren Stimmen sich gegenseitig zu bekämpfen scheinen". "Die Chancen sind hoch, dass sie bald wieder verschwinden, wie die meisten Erwachsenen zuversichtlich voraussagen".


Klingt so wie etwas, dass man über Chief Keef, French Montana, Future und Rich Homie Quan sagen würde? Absolut. Klingt wie Kritik am „kann nix, klingt aber geil“-Style. Am "Rapper, der nur schief singt und weder den Ton noch den Takt trifft"-Style.


Wurde aber 1964 auch über die Beatles gesagt.


Das amerikanische Complex Magazin hat diesen unpassend passenden Vergleich gezogen, nachdem die Los Angeles Times einen Stapel alter Beatles-Reviews zusammengetragen hat. Maximal Money Boy käme auf die Idee, Chief Keef ähnliches Talent wie den Beatles zu unterstellen. Dass aber selbst die Beatles für derartig scheiße befunden wurden, sollte jedem zu denken geben, der glaubt, dass mit Chief Keef Rap untergeht. Complex meint: "Man erkennt wirklich neue und originelle Sachen daran, dass sie genau so viel Abscheu wie Begeisterung auslösen". Das ist wahr.


Stumpfheit ist schon auch ein geiles Stilmittel. In den letzten Jahren in den USA extrem beliebt. Waka Flocka Flame, 2 Chainz, Gucci Mane. Stumpf. Besonders passen die Beatles-Kritiken aber auf die singenden Kollegen, die uns schiefe Ohrwürmer in die Köpfe hämmern, indem sie die gleichen paar Töne vier Minuten lang wiederholen. French Monatana, Chief Keef und seine Jungs, Rich Homie Quan. Wo kommt das her?


Der Vater ist vielleicht Max B. Nach einem langen Gefängnisaufenthalt trat er an der Seite von Diplomat Jim Jones auf. Kurz darauf zerstritten sie sich und Max B wurde zu 75 Jahren wegen Raubmord verurteilt.




Die Fackel trug anschließend French Montana weiter. Mit etwas Autotune und besserem Rap wurde der Style massentauglicher. Der gebürtige Marokkaner aus der South Bronx stand 2013 mit seinem Debütalbum auf Platz 4 der US-Charts. Vor allem regiert er aber mit zahllosen Mixtapes und Gastauftritten. Letztere bekommt er auch gerne als "Sänger". Mit der Maybach Music Group und Bad Boy Records hat er gleich zwei Top-Labels im Rücken.

 

Wer hat's erfunden?

 

Man könnte auch 50 Cent den Credit dafür geben, den Style erfunden zu haben. Sein Erfolg hing stark mit Gesang und Melodien zusammen.

Ohne ihn hätte der Max B-Style vielleicht keine Chance gehabt. Zum Opernsänger hätte es bei Fifty nicht gereicht, aber er sang noch nicht schlecht genug, um mehr als Vater des Gedankens zu sein.

Wer hat's erfunden?

 

Wenn man an singende Rapper denkt, denkt man auch an ihn: Ja Rule sang damals mit DMX-Stimme Pop-Songs, 50 Cent stieß ihn vom Thron, indem er Sprechgesang zurück auf die Straße brachte.  Hätte er schief gesungen und dabei durch Hustensaft-verhangene Augen geglotzt, anstatt Süßholz zu raspeln, wäre es vielleicht anders gelaufen. Aber dafür war die Zeit noch nicht reif.

In die Gegenwart

 

Dann kam Chief Keef. Der wirsche Freak aus Chicago wurde spätestens mit I Don't Like zum lokalen Star. Selbst Kanye West war begeistert und das Phänomen kam landesweit auf die Karte. Auch ohne Taktgefühl und Töne-treffen. Wenn man originelle Musiker daran erkennt, dass sie auch Abscheu auslösen, ist der Häuptling vorne dabei. Er hat selbst seine eigene Witze-Reihe. "Chief Keef macht Musik für Leute, die meinen, sie müssten heute nicht duschen, weil sie vorhin im Pool waren." Na ja.


In die Gegenwart

 

Chief Keef brachte seine Jungs mit, vor allem SD, Fredo Santana und Lil Reese. Letzterer war auch auf der Single I don't Like dabei, ist fast so oft vor Gericht wie sein Chef und steht bei Def Jam unter Vertrag. Letztes Mixtape: Supa Savage. SD hat das mit dem Takt besser drauf als Chef Keef.

Aber auch außerhalb seines Camps gab es Copy Cats…


Copy Cats all over

 


In Atlanta tauchte Rich Homie Quan auf. "Clips auf YouTube, dann die Mixtapes Still Goin In (Reloaded) und Where Were You. Das Problem: meine Ohren hören Rich Homie Quan, in meinem Kopf läuft Love Sosa. Der reiche Kollege klingt wie Cheef Kief in weich." (blog.hiphop.de/toxikkargoll)




Mehr Sänger

 

Der Süden hat natürlich seine ganz eigene Tradition stumpfer, melodischer Musik.  Die haben auch die Hot Boys bei Cash Money schon geliefert. Dass in New York und später Chicago gesungen wurde, hat man dem Süden zu verdanken. Später wurde Atlanta die südliche Rap-Hauptstadt. Hier findet sich ein weiterer aktueller Sänger: Future.

Aktuell bringt sich Young Thug ins Spiel. Gucci Mane nahm ihn bei 1017 Brick Squad Records auf. Im Januar 2014 ging er dann für 1,5 Millionen Dollar zu Futures Label Freebandz. Nun soll er auch bei Cash Money Records gesignt sein. Kanye West zeigte sich begeistert, wie schnell Young Thug Songs fertig bekommt. Was wohl auch an seinem Style liegen könnte: Die wenigsten hier in der Liste stehen für ausgefeilte Perfektion. Darum geht es ja grade. Bei Young Thug stehen Mixtapes mit Rich Homie Quan, Chief Keef und Bloody Jay auf dem Plan. Das Magazin Fader schrieb über den potentiellen nächsten Star: "Er lallt, weint, singt und verzerrt seine Stimme fieberhaft in seltsame Klangfarben, wie ein wunderschön gespieltes, aber kaputtes Blasinstrument”. Mit diesen poetischen Worten entlassen wir dich in die Weiten zeitgenössischer Rapmusik. Die Chancen sind hoch, dass sie bald wieder verschwinden, wie die meisten Erwachsenen zuversichtlich voraussagen.