Bild über #wirsindmehr: Wieso die Hass-Debatte um K.I.Z gefährlich ist

Die #wirsindmehr-Veranstaltung, die am Montag in Chemnitz stattfand, wurde überwiegend als das gefeiert, was sie war: eine Party gegen Rassismus und alle Formen von Menschenfeindlichkeit, die allerdings nur ein Anfang sein kann. Es waren Momente, die den Fans vor Ort und denen, die vor den Streams hockten, Hoffnung gaben. Doch wir sind in Deutschland im Jahre 2018 und da schlägt die Realität meist schnell zurück. In diesem Fall sind es (konservative) Politiker und einige Medien - allen voran die Bild-Zeitung - die versuchen, die Veranstaltung umzudeuten. 

"27 Minuten Hass auf Veranstaltung gegen Hass" titelt die Bild-Zeitung und meint den Auftritt der K.I.Z-Jungs. Als wäre das nicht schlimm genug, stimmen verschiedene Leute aus der Politik mit ein. Dazu werden - wie fast immer, wenn Rap von konservativen und älteren Menschen diskutiert wird - Zitate und Lines aus dem Kontext gerissen. Das ist in diesem Fall gefährlich, weil es denen Auftrieb gibt, die seit Tagen versuchen, die Veranstaltung zu verunglimpfen. 

Es waren bewegende Bilder: Ungefähr 65.000 Menschen setzten am Montagabend in Chemnitz ein Zeichen gegen Rassismus und alle anderen Formen von Menschenfeindlichkeit. Dort, wo wenige Tage zuvor Rassisten und Neonazis unter dem Deckmantel der Trauer gegen Migrantinnen und Migranten hetzten und auf alles Jagd machten, was nicht in ihr Weltbild passte, traten nun Künstlerinnen und Künstler auf, hielten junge Leute flammende politische Reden und das Publikum feierte ausgelassen. Es war auch ein Zeichen an all jene, die sich wenige Tage zuvor verzweifelt dem Mob aus "besorgten Bürgern" entgegengestellt hatten. Maxim und Tarek von K.I.Z nutzten die Pausen immer wieder, um auf ihre ganz eigene Weise ein paar politische Inhalte zu transportieren. Im Wesentlichen sind es drei Dinge, die der Bild sauer aufstoßen.

Bild-Zeitung: K.I.Z verbreiten Hass, machen sich über Heiko Maas lustig und befürworten Gewalt

Dass die Jungs Hass verbreiten würden, leitet der Verfasser aus verschiedenen K.I.Z-Lines ab, von denen er eine sicherheitshalber gleich unter die Headline gepackt hat.

Ich ramm' die Messerklinge in die Journalisten-Fresse 

Zudem ist er entsetzt über eine Line, in der die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman verbal hart angegangen wird:

Eva Herman sieht mich, denkt sich: "Was'n Deutscher!" / Und ich gebe ihr von hinten, wie ein Staffelläufer / Ich f*ck sie grün und blau, wie mein kunterbuntes Haus / Nicht alles was man oben reinsteckt, kommt unten wieder raus

Beide Lines stammen vom Track "Ein Affe und ein Pferd". Es ist natürlich vollkommen in Ordnung, Rapper für ihre Texte auch mal zu kritisieren - aber bitte vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit. Wir empfehlen dabei außerdem, sich den Kontext des Tracks anzuschauen und sich mit dem gesamten Werk der Artists zu beschäftigen. Vor allem zur Eva Hermann-Line empfehlen wir dem Verfasser der Zeilen genius.com - dass Hermann "umstritten" ist, wusste er immerhin. Wobei wir froh sein können, dass er sich nicht die gesamte Track-List des Mixtapes "Ganz oben" angeschaut hat. Wer möchte, kann das gesamte Tape hier nochmal hören:

Ganz Oben (Mixtape)

Ganz Oben (Mixtape), an album by K.I.Z on Spotify

Die anderen beiden Hauptkritikpunkte beziehen sich auf Äußerungen zwischen den Tracks, die Maxim und Tarek losließen. Einmal behauptete Tarek, auf dem Weg zum Gelände hätten die drei Heiko Maas beobachtet, wie er gleich fünf Neonazis aufeinmal attackiert hätte. Ihm deswegen zu unterstellen, er würde sich über Heiko Maas lustig machen, weil dieser "Neonazis nur doof findet und nicht k.-o.-haut" (BILD), ist eine mögliche Interpretation. Es wäre aber auch denkbar, dass Tarek Maas' Aufruf, Menschen sollten Neonazis gegenüber Gesicht zeigen, zum Anlass nahm, zu fragen, wieso bislang so wenig Politikerinnen und Politiker in Chemnitz waren, oder?

Dass Maxim der Antifa beziehungsweise dem schwarzen Block dankte, weil dieser zeitweise die Arbeit der Polizei übernommen habe, gefällt vielen nicht. Das mag aus verschiedenen Gründen sogar nachvollziehbar sein. Tatsächlich ist es aber so gewesen, dass die Polizei zeitweise überfordert war, die von Neonazis gejagten Menschen zu schützen.

Zweifelhafte Äußerungen auch aus der Politik

Dass das ehemalige CDU-Mitglied Erika Steinbach immer mal wieder durch polarisierende Äußerungen auffällt, ist keine Neuigkeit. Insofern macht Tarek alles richtig, als er auf Twitter im gewohnten K.I.Z-Stil Erika Seinbachs Kritik kontert:

Tarek kaizett on Twitter

@SteinbachErika Das ist ja krank. Wer rappt den sowas??

Nun hat Steinbach die CDU mittlerweile verlassen und ist stattdessen für eine AfD-nahe Stiftung tätig. Dass es allerdings auch aus einer Partei wie der SPD Versuche gibt, die Veranstaltung im Nachhinein abzuwerten, könnte viele eher überraschen. Sabine Sieble - die SPD-Geschäftsführerin in Südwest-Sachsen - wird von der Bild so zitiert:

Ich habe aber in dem Moment geweint, als mir bewusst wurde, dass Chemnitz zu einem bloßen Austragungsort im Kampf um die Deutungshoheit eines tragischen Ereignisses wurde. Der Mensch, der getötet wurde, war da schon längst auf beiden Seiten in den Hintergrund getreten.

Damit bemüht sie genau die Strategie, die rechte Trolle seit Tagen nutzen. Dass die Hälfte der gesammelten Spenden an die Familie des Opfers ging, es zu Beginn eine Schweigeminute gab und die Hinterbliebenen die Veranstaltung begrüßten, wurde so oft betont, dass man es schon gezielt ignoriert haben muss, um es noch immer nicht zu wissen. Wir hoffen, dass sich (Boulevard-)Medien sowie Politikerinnen und Politiker bewusst werden, wen sie mit solchen Statements stärken.

Auf der #wirsindmehr-Veranstaltung gab es nach der Schweigeminute Musik. Die muss zwar nicht jeder gut finden, wenigstens sollte man die Absicht der angereisten Acts aber anerkennen. Nach den Schweigeminuten auf der anderen Seite folgte Gewalt gegen Andersdenkende. Dann lieber ein paar in den Augen diverser Menschen geschmacklose K.I.Z-Lines. Denn es geht um mehr als die alte Debatte Hiphop gegen den Boulevardjournalismus und die Empörung aus der Politik.  

Wer noch an weiteren spannenden Blickwinkeln auf die Bild-Berichterstattung über K.I.Z und den vergangenen Montag interessiert ist, dem sei dieser Artikel der Kolleginnen und Kollegen des BILDblogs empfohlen:

K.I.Z: Die „Gewalt-Verherrlicher", die bei „Bild" Kultstatus haben

Nach gerade mal 50 Sekunden im Song „Wir" erklärt Nico von K.I.Z eigentlich alles, was „Bild"-Mitarbeiter über die Berliner Hip-Hop-Gruppe wissen muss: Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen, wenn ihr bei K.I.Z nicht lacht, ihr Amöben. „Bild"-Chefreporter Peter Tiede lacht ganz offenbar nicht bei K.I.Z.

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Kommentare

Wenn du's magst bist du cool wenn nicht bist du ein *******

Ähem, das ist also "Kunstfreiheit"? Veranstaltungen wo Freiwild auf tritt werden boykottiert wegen vergleichsweise völlig harmloser Texte. Noch ein paar Minuten vorher wurde massiv verurteilt dass auf den rechten Demos vorher Journalisten angegriffen wurden, aber hier wird dazu aufgerufen Journalisten nen Messer ins Gesicht zu rammen, es wird Vergewaltigung und Steinigung verherrlicht.
Würden Rechte davon nur 10% machen würden sie wegen Volkverhetzung im Knast landen, das völlig zu recht wie auch diese Leute in den Knast gehören, das hat auch nichts mehr mit Meinungs oder Kunstfreiheit zu tun. Sowas auf einen angeblichen Konzert gegen Gewalt und die Leute schunkeln mit. Na dann kann man ja auch mal die Zillertaler Türkenjäger einladen, ob das auch als Kunstfreiheit durchgeht wenn das als Satire angemeldet wird?

mann mann mann - habe selbst Migrationshintergrund und auch viele "solche" Freunde (incl. Neuankömmlingen aus Syrien und so) aber ihr verzapt hier mal wirklich wieder totalen Unsinn liebe hiphop.de-"Journalisten".

Aber mal der Reihe nach:

1. Waren neben den "Rassisten" und "Nazis" auch normale Bürger bei den Demos, die ein Zeichen gegen die "Messerstecherkultur" aus den muslimischen Ländern setzen wollten. Diese aggressive Art haben unsere geliebten Refugees halt einfach eher im Blut als wir in Deutschland.

2. Ein Mensch wurde aufs brutalste niedergemetzelt - das erwähnt ihr in Eurem Beitrag gar nicht. Dabei geht damit erst diese ganze Geschichte los. Damit unterschlagt ihr Profijournalisten 99% der Story. Ich würde sowas "Lügen durch weglassen" nennen.

3. Fällt Euch nicht auf, dass es kein "Zeichen gegen Rechts" gab, wenn diese 65.000 Menschen nur durch bekannte Acts da hin kamen? Hätte es überhaupt keine (angebliche) "politische Message" gegeben, wären vielleicht sogar noch mehr als die 65.000 gekommen.

4. Ihr beschimpft und beleidigt jeden einzelnen der "rechten" Demonstranten als "Nazis" und "Rassisten". Findet ihr das nicht ein wenig pauschal, wenn nach einer Gewalttat Menschen auf die Straße gehen und dieses Unheil nicht mehr auf deutschen Straßen sehen wollen?

5. Vor paar Tagen wurde ein zehnjähriger Junge von drei kleinen 10 und 11 jährigen Flüchtlingskindern vergewaltigt (kurze google Suche genügt, seriöse Quellen) - und das ist nur wieder eine der vielen vielen Warnzeichen, dass hier etwas entscheidend schief läuft. Wie wärs mal mit einem Artikel über die Gefahr radikaler kultureller Strömungen - gerade aus den muslimisch geprägten Ländern.

6. In der Regel werden von den flüchtenden Menschen aus muslimischen Ländern auch jede Menge Frauenverachtung, Homohass und brutalste "ehreverteidigende" Taten begangen. Wie wärs wenn ihr mal Euren Einfluss nutzt, um da auch mal dagegen anzuschreiben?

Bin echt enttäuscht von Euch, dass ihr kein bisschen differenzieren könnt, zwischen berechtigtem gesellschaftlichem Aufstand auf der einen Seite und Nazi und Rassistentum auf der anderen Seite. Wir dürfen als Gesellschaft diese Entwicklung, die mit unseren (zumeist doch gerne aufgenommen) Refugees sich hier langsam festsetzt. Finde es schon schlimm genug, dass wir Kanaks schon oft so ätzend und agressive Stimmung erzeugen auf den Streets, aber die Leute, die in den letzten Jahren herkamen müssen einfach GEZWUNGEN werden unser System zu respektieren oder sie sollen sofort wieder zurück in ihr Land wo sie herkommen. Ob es da Krieg gibt oder nicht ist egal. Wer sich nicht an unsere freiheitlich demokratische Grundordnung hält und sie respektiert - bitte ciao.

Danke... Betterknower! Genau so sieht’s aus!

Hallo,

niemand verherrlicht Vergewaltigungen, Steinigungen oder ähnliches. Wenn du dich mit K.I.Z. auseinandersetzt, wirst du erkennen, dass diese Übertreibungen Teil von Satire und Sarkasmus sind (und damit natürlich von der Kunstfreiheit gedeckt). Falls du nicht zu dieser Einsicht gelangst, glaubst du wahrscheinlich auch, dass K.I.Z. tatsächlich einen Affen und ein Pferd besitzen und gerne Urlaub in Taka-Tuka-Land machen.

Guten morgen Michael, warum wurde meine antwort in der ich nicht beleidigend wurde gelöscht?

Hallo Michael Rubach,
ich erkenne in deinem Kommentar einen interessanten Ansatz. Die Zurückführung, bzw. Interpretation der Texte von K.I.Z. auf das was die Autoren damit "meinen" und nicht formal "sagen". Das was sie dabei formal sagen, wurde dabei von der Bildzeitung aufgegriffen. Doch du weißt daraufhin, dass K.I.Z etwas anderes damit meint. Du endest bei deiner Interpretation bei der Kunstfreiheit. Dies ist jedoch lediglich ein Wechsel der Ebene, denn die Kunstfreiheit ist im Grunde nur das Dach, unter dem die Texte ihre Berechtigung haben dürfen. An dieser Stelle möchte ich die Frage stellen, ob es nicht für alles Geistige, für jeden Gedanken ein solches Dach geben sollte? Ein Dach unter dem jeder Gedanke gedacht und diskutiert werden kann, bevor er unreflektiert in die Tat umgesetzt wird.
Doch zurück zum Ansatz der Interpretation. Ob die Texte von K.I.Z. unter das Dach der Kunstfreiheit fallen, könnte nun davon abhängen, welchen Mehrwert bzw. welche Emergenz sie in ihrem Kontext bieten? Das ist leider aktuelle noch unklar. Den gleichen Ansatz könnten wir nun auf die Ausschreitungen in Chemnitz anwenden. Wie sind diese in einem größeren Kontext zu interpretieren? Offensichtlich kommen hier viele Faktoren zusammen, die Energien erzeugen, welche sich in Gewalttaten von Menschen gegen Menschen entladen. Die Frage ist doch, wie solche Energien erst gar nicht entstehen? Hilft dabei eine Veranstaltung wie #wirsindmehr? Könnte diese Veranstaltung nicht ein klassisches Beispiel dafür sein, „Wenn die Lösung das Problem (befeuert) ist“.
Was will ich damit sagen? Es macht mir den Eindruck, dass alle Beteiligten lediglich ihr eigenes Süppchen löffeln, aber nicht über den Tellerrand treten. Vielleicht konnte ich dies hiermit ein wenig anregen. Think out of the box!

Sorry für den doppelten Post. Kann gerne gelöscht werden.

Hallo Tauber!

Du hast Recht, wenn du sagst, dass wir hier die Ebene wechseln. Die Bild schreibt über die tatsächliche Aussage und ich als Verfasser sowie mein Kollege reden über die mögliche Interpretation des Textes. Meines Erachtens macht es aber keinen Sinn, über Texte von Künstlerinnen und Künstlern wie K.I.Z. zu reden, wenn man sich lediglich an der Ebene des tatsächlich geäußerten abarbeitet. Welchen Mehrwert sollte das bieten?

Vielmehr ist es sinnvoll, die Texte der Songs im Kontext der Werke und der Band K.I.Z. zu sehen - wie ich es im Artikel bereits ausgeführt habe. Und da sehen wir keine Anzeichen dafür, dass die Jungs tatsächliche körperliche Gewalt gegen Journalisten zu tolerieren. Vielmehr bieten ihre Texte, die teils sicher an gewisse - jeweils subjektive - Grenzen des guten Geschmacks stoßen können, eher Anstoß für Diskussionen über gewisse gesellschaftliche Zustände. 

Im Übrigen gibt es einen Unterschied zu verschiedenen Bands, die er dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Viele Mitglieder solcher Bands haben tatsächlich Vergangenheiten in recht***tremen oder nationalistischen Milieus. Wenn diese dann in ihrer künstlerischen Funktion erneut mit denselben Grenzen spielen, die sie teils außerhalb der Kunst bereits überschritten haben, ist das aus meiner Sicht tatsächlich problematischer als das, was wir bei den Texten von K.I.Z. beobachten.

Lieber Michael, du kannst davon ausgehen, dass mein Studium des hiphop (auch deutscher hh) den Master beinhaltet. Vielleicht bin ich sogar weit aus mehr Insider als man denken könnte ;)

Deshalb kann ich deine Argumentation auch nur teilweise nachvollziehen. Du stützt dich damit ausschließlich auf den Kontext der KIZ-Lines. Ihr kritisiert bei hh.de Kollegah Lines, unterstützt aber KIZ Lines. Meiner Meinung nach ist generell alles was gesagt wird von der persönlichen Meinungsfreiheit geschützt. Im Fall der Musik oder Kunst von der künstlerischen Freiheit. Es ist aber grundsätzlich FALSCH, die Kunst- und Meinungsfreiheit lediglich den Menschen zuzugestehen, deren Meinung man auch teilt. Denn das nennt sich MeinungsDIKTAT - und wohin sowas führt, steckt in dem Wort bereits drin.
Oft sind die „politisch Korrekten“, nicht weiter entfernt von Hitler als die „besorgten Bürger“.

:⁣D

Bitte den Kommentar von 14:00 löschen. Schöne Nazi-Codes tec. Wow, wo das alles hinschwappt...
Und wie leicht die Leute auf die Erzählung der AfD auf den Leim gehen.

@#onelove Mensch danke für dein Insiderwissen sonst hätte das wohl niemand verstanden

Hallo David Büchler,
vielen Dank für deine Antwort. Ich glaube es sind Missverständnisse in unserem Post-Wechsel entstanden. Um diese schneller zu beseitigen, antworte ich direkt auf deine Absätze in Kursiv.

[Du hast Recht, wenn du sagst, dass wir hier die Ebene wechseln. Die Bild schreibt über die tatsächliche Aussage und ich als Verfasser sowie mein Kollege reden über die mögliche Interpretation des Textes. Meines Erachtens macht es aber keinen Sinn, über Texte von Künstlerinnen und Künstlern wie K.I.Z. zu reden, wenn man sich lediglich an der Ebene des tatsächlich geäußerten abarbeitet. Welchen Mehrwert sollte das bieten?]

Tatsächlich habe ich in meinem Post nicht die Frage gestellt, welchen Mehrwert das Gesagte, bzw. das Offensichtlich haben könnte? Ich habe nach dem Mehrwert gefragt, der sich durch die Interpretation der Texte ergibt? (Hierbei sollte nicht vernachlässigt werde, dass zwischen dem Gesagtem und dem Gemeinten durchaus ein interessanter Mehrwert bzw. eine interessante, kraftvolle Diskrepanz entstehen kann) Trotz des Missverständnis hast du dann auf meine "gemeinte" Frage wie folgt geantwortet:

[Vielmehr ist es sinnvoll, die Texte der Songs im Kontext der Werke und der Band K.I.Z. zu sehen - wie ich es im Artikel bereits ausgeführt habe. Und da sehen wir keine Anzeichen dafür, dass die Jungs tatsächliche körperliche Gewalt gegen Journalisten zu tolerieren. Vielmehr bieten ihre Texte, die teils sicher an gewisse - jeweils subjektive - Grenzen des guten Geschmacks stoßen können, eher Anstoß für Diskussionen über gewisse gesellschaftliche Zustände.]

Du stellst in deiner Interpretation zwei interessante Thesen auf. Die erste These lautet: Die Texte müssen im Kontext der Werke und der Band K.I.Z. betrachtet werden. Oder anders formuliert, die Texte sind für sich genommen nicht interpretierbar, weil sie von sich aus keinen Kontext(keine andere Ebene) mitliefern.

Wenn die erste These zutrifft, dann ist es verständlich, dass die Texte falsch verstanden werden, weil es keine Regel gibt, die besagt, dass man für das Verstehen eines Werkes den Autor kennen muss. Genauso gut kann man von einem Werk verlangen, dass es für sich selbst sprechen muss. Das ein Werk für sich selbst spricht, soll aber nicht bedeuten, dass es Eindeutig sein soll. Ganz im Gegenteil. Ein Werk lebt von seinen Widersprüchen. Doch scheinbar waren diese Widersprüche in den besagten Songs nicht vorhanden und verlangen nach Kontext.

Die zweite These lautet: Die Texte bieten Anstoß für Diskussionen über gewisse gesellschaftliche Zustände.
Die zweite These setzt voraus, dass die erste These funktioniert hat. Da dies offensichtlich nicht der Fall war, wie die Bild Zeitung uns offenbarte, ist auch die zweite These nicht eingetreten. Es ergibt sich die hypothetische Frage, ob die Kombination aus K.I.Z. Text und Kontexte tatsächlich zu der gewünschten Wirkung führen kann und einen Anstoß bewirkt, um über gesellschaftliche Umstände zu diskutieren?

[Im Übrigen gibt es einen Unterschied zu verschiedenen Bands, die er dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Viele Mitglieder solcher Bands haben tatsächlich Vergangenheiten in recht***tremen oder nationalistischen Milieus. Wenn diese dann in ihrer künstlerischen Funktion erneut mit denselben Grenzen spielen, die sie teils außerhalb der Kunst bereits überschritten haben, ist das aus meiner Sicht tatsächlich problematischer als das, was wir bei den Texten von K.I.Z. beobachten.]

In deinem letzten Abschnitt stellst du wieder zwei interessante Thesen auf:
Die erste These lautet erneut, dass das Werk im Kontext des Künstlers bewertet werden muss. Dies ist, wie ich oben bereits habe durchblitzen lassen, eine sehr fragwürdige These. Im Rückschluss würde das bedeuten, dass ein Kunstwerk niemals unabhängig von seinem Autor exzitieren kann. Das wäre sehr traurig, für alle Kunstwerke deren Autoren unbekannt sind. Dies wäre aber auch sehr traurig für alle Kunstwerke die Kunst sind, aber dessen Autor nicht den passenden Kontext liefert. Hierbei müsste evtl. klarer definiert werden, wann der Künstler nicht mehr nur Künstler ist, sondern bereits Teil seiner Kunst und somit je nach Betrachtung Künstler oder Kunstelement(Die Frage nacht Innen oder Außen, Klasse oder Element, Objektebene oder Metaebene)?

Die zweite These lautet, dass etwas Schlechtes durch den Vergleich mit etwas noch Schlechterem, an Schlechtheit verliert. Aus der Logik heraus bleibt das Schlechte jedoch schlecht und das Schlechtere bleibt schlechter. Durch den Vergleich wissen wir lediglich, dass es noch etwas Schlechteres gibt und wir können davon ausgehen, dass es auch etwas Besseres gibt.
Dies soll aber nicht bedeuten, dass ich die K.I.Z. Texte an dieser Stelle als schlecht bewertet hätte.
Ich will lediglich deutlich machen, dass die bis jetzt benutzten Argumente, in sich nicht schlüssig sind und das deshalb eine Bewertung der K.I.Z. Texte (noch) nicht möglich ist.

Dem Artikel liegt das viel zu verbreitete Missverständnis zu Grunde: links gut, rechts böse.
Die Realität ist verzwickter: linke Extreme haben über Jahrzehnte schlauer und subtiler die Politiklandschaft beeinflusst. Und das auf keinen Fall nur zum Guten. Das somit nach links gekippte Gleichgewicht wird sich jetzt auf weniger subtile und ekelerregende Art von den Rechten "zurückerkämpft". Dass in Wahrheit beide Ränder gefährliche und Gesellschaftsgefährdende Ideologie betreiben wird schnell vergessen, wenn sich die Linken beim Protest gegen Rassismus unter die Masse mischt. Ich verabscheue beide Seiten zutiefst. K.I.Z macht zwar erfrischende Musik und der Kunstfreiheit entsprechend auch bitte mehr davon. Wenn man aber bewusst politisch-ideologische Inhalte in Kunst einbaut, ist es nicht gefährlich wenn diese dann auch der Kritik ausgesetzt wird. Zumal diese im genannten Fall auch nicht im HipHop-, sondern klar im politischen Kontext performt wurde. Die Kritik ist also berechtigt. Allerdings nicht an KIZ, sondern den Spezialisten, der diese Band auf so ein Event bucht....
Eure fehlende nuancierte Differenzierung zwischen steht exemplarisch für eine Verlegenheitshaltung der Deutschen, die aus Angst eine kritische Haltung mit Fremdenfeindlichkeit gleichgesetzt hat. Und eine kritische Haltung bedeutet nicht, dass man gegen Migration oder Ausländer ist. Es kann auch bedeuten, dass man sich konkret & detailliert Gedanken macht, wie man diese Migration und Integration behandelt. Warum?
Um genau der Spaltung der Gesellschaft vorzubeugen. Hilfe ja, aber richtig und mit Plan.

PS. ich muss zugeben, dass Taubers Gedanke auch nachvollziehbar ist. Widerspricht meinem auch nicht unbedingt.
PPS: das einzige was ich noch mehr hasse als Rassismus und Linke/Rechte sind politische Hashtags #WirOnanierenAufPolitischeKorrekheit

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Samy Deluxe – Privilegiert [Video]

Samy Deluxe – Privilegiert [Video]

Von Robin Schmidt am 28.06.2020 - 09:53

Samy Deluxe nutzt seine Stimme einmal mehr, um ein Statement im Kampf gegen Rassismus zu setzen und auf die immer noch herrschenden Vorurteile gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe hinzuweisen. Dabei plädiert Samy in "Privilegiert" für "Offenheit" anstelle von "falscher Betroffenheit". Zudem regt er an: "Ohne Diskurs is dis der Kurs zur nächsten Katastrophe". Im Video sind zudem Szenen zu sehen, in denen Menschen auf die Straße gehen und sich gegen rassistische Strukturen auflehnen. 

"Privilegiert" wurde von Samy selbst produziert und befindet sich auf seinem letzten Album "Hochkultur". 

Zuletzt hatte Samy Deluxe zudem erklärt, warum es für ihn der falscge Weg sei, #BlackLivesMatter durch ein #AllLivesMater zu ersetzen:

Bewegendes Statement: Samy Deluxe erklärt, warum #AllLivesMatter fatal ist

Samy Deluxe hat in knapp zehn Minuten auf den Punkt gebracht, warum der in diesen Tagen kursierende Hashtag #AllLivesMatter eine problematische Angelegenheit ist. Die Hamburger Rap-Legende meldet sich via IGTV aus einem vernebelten Zimmer, um Klartext zu sprechen. Allen, die seinen Gedanken nicht folgen können oder wollen, empfiehlt er, die Social-Media-Verbindung zu ihm aufzulösen.


Samy Deluxe - Privilegiert (Offizielles Musikvideo)

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