Kettensägen & nackte Tatsachen: Wie der krasseste Musikvideo-Dreh des Jahres ablief (Interview)

Von Null auf Hundert und direkt in das Gesicht Zeigefinger schwingender Hiphop-Dogmatiker, die auch im Jahre 2015 noch nicht verstanden haben, dass Hiphop eine Kultur ohne Grenzen und Barrieren ist. Kaum eine Crew erhitzte die Gemüter eingefleischter Raphörer so sehr wie die zwei Berliner Schnauzen Nura und Juju von SXTN. Zeit, sich mit den beiden über ihre Anfänge, sexuelle Selbstbestimmung und den vielleicht krassesten Videodreh des Jahres zu unterhalten.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich Nura als Bestandteil der Toten Crackh*ren im Kofferraum. Wie kam es nach dem Verlassen der Band zur musikalischen Neuorientierung hin zur Hiphop-Musik?

Nura: Ich war nicht mehr zufrieden bei den H*ren. Es war nicht so richtig mein Ding. Alleine auf der Bühne stehen, da hatte ich nie Bock drauf und Juju und ich haben immer so aus Spaß zusammen Mucke gemacht. Dann kam Claus, die eine Hälfte unseres Managements, um die Ecke und so nahm alles seinen Lauf.

Im Interview mit Visa Vie gabt ihr zudem an, es gäbe kaum ernstzunehmende weibliche MCs in Deutschland. Worauf führt ihr das zurück?

Juju: Ich glaube, es gibt viele Rapperinnen im deutschsprachigen Raum, die nur so aus Spaß rappen und auch gut sind, aber sich nicht trauen, mal was rauszubringen. So ging es mir auch die ganzen letzten Jahre. Das Einzige, was ich damals gemacht habe, war ein paar Songs bei Myspace hochzuladen. Vielleicht haben die Mädels auch einfach keinen Bock auf diese Hater-Kommentare, die beispielsweise unter unseren, Schwesta Ewas oder Kitty Kats Videos stehen. Ich hab' das Gefühl, du verletzt als Rapperin allein mit deiner puren Anwesenheit schon das Ego mancher männlicher Raphörer und vielleicht auch das der Rapper. Deswegen wirst du dann halt sofort auf Äußerlichkeiten reduziert und alle versuchen, dich auszuschließen, indem du als nicht vollwertig betitelt wirst. Du musst besser als die meisten Typen rappen, damit wenigstens mal einer sagt: "Für 'ne Frau geht das klar." Darauf haben die meisten Weiber wahrscheinlich keinen Bock und das kann ich auch verstehen.

Nura: Weibliche Rapperinnen haben es noch schwerer als männliche Rapper. Sie müssen sich einfach mehr behaupten. Fuß fassen in der Szene ist echt schwer und vielleicht ist das der Grund, warum es nicht so viele weibliche MCs gibt.

Erste Hiphop-Live-Erfahrungen konntet ihr auf den berüchtigten Easydoesit-Partys sammeln. Die Jungs haben dann auch euer erstes Musikvideo gedreht. Welchen Einfluss haben sie auf euren Werdegang genommen?

Nura: Die Jungs sind schon seit Jahren unsere Atzen und standen schon immer hinter uns. Sie wollten uns immer unterstützen und mit Freunden zu arbeiten, macht die Arbeit einfach immer leichter und wir sind sehr dankbar, dass wir die Crew hinter uns haben.

Juju: Im Juli dieses Jahres haben uns die Jungs auf ihre legendäre Easydoesit-Party im Haubentaucher gebucht. Der Auftritt ging gut ab und das hat uns echt weitergeholfen. Danach haben wir einen Booking-Deal bei Four Artists und einen Verlagsvertrag bei BMG bekommen. 

Juju konnte sich früher nie vorstellen, selbst auf einer Bühne zu stehen und hatte aus diesem Grund kurzzeitig gar mit dem Rappen aufgehört. Wie kamst du zu dem Entschluss, es dennoch zu versuchen und wie reibungslos liefen eure ersten Auftritte ab?

Juju: Das stimmt nicht ganz. Ich habe nicht deswegen mit dem Rappen aufgehört, sondern weil alle mir eingeredet haben, ich sollte was Vernünftiges machen. Und weil ich zu der Zeit auch nicht so krass daran geglaubt habe, dass daraus mal was werden kann. Soweit habe ich gar nicht gedacht. Ich hab' das eher als Hobby gesehen, wozu ich in dem Moment einfach keine Motivation mehr hatte. Wieder angefangen mit Texte schreiben habe ich dann irgendwann einfach aus Langeweile. Und dann wollten Nura und ich aus Spaß ein Album bei Freunden aufnehmen. Als dann Claus gefragt hat, ob wir zwei eine Band gründen wollen mit ihm und Guy als Manager, wir plötzlich in 'nem geilen Studio aufgenommen haben und Krutsch uns geile Beats gebaut hat, da hab ich dann auf einmal voll dran geglaubt. Ich wusste auch, dass ich ein paar Ängste dafür überwinden muss, aber das war es mir wert. Alle Auftritte, auch der erste Auftritt, waren bis jetzt geil. Wir arbeiten hart an uns und ich glaube, wir werden mal ein richtig krasser Live-Act (grinst).

Nura: Unser erster Auftritt war ein Secret Gig auf der Blunts´n´Roses-Party von 'nem Atzen. Bis dahin ist Juju noch nie aufgetreten, aber es war echt der Knaller!

Ob das Video zu Deine Mutter wirklich echte Partyszenen zeigt, erfährst du auf der nächsten Seite.

Das angesprochene Video zum Song Deine Mutter enthält Angaben des Regisseurs zufolge echte Partyszenen von dessen Auszugsparty. Stimmt das und gibt es eine interessante Anekdote vom Dreh, die ihr uns erzählen könnt?

Nura: Ein Nachbar kam irgendwann runter, als es mit den Kettensägen und all dem Zeug so richtig los ging. So um 16 Uhr an 'nem Sonntag und er hat uns angeschrieen: "Samma spinnt ihr eigentlich alle?!"

Juju: Ja, es kam uns wie gerufen, dass Maxim seine Auszugsparty feierte und alles aus der Wohnung raus musste, damit die renoviert werden kann. Unter anderem die Küche, die wir zerlegt haben. So hatten wir direkt die perfekte Location. Und es waren ja echt über 300 Leute da, die uns teilweise nicht mal kannten. Es gibt natürlich einige Anekdoten, aber die kannst du keinem erzählen.

Die Kollegen von Rap.de haben sich die Frage gestellt, ob ihr im Rahmen des Videos sexuelle Selbstermächtigung darstellt oder lediglich männlich bestimmte S*xphantasien reproduziert. Wie reagiert ihr auf "Kritik" dieser Art?

Nura: Wir hatten einfach Bock, so ein Video zu drehen, keiner hat gesagt: "Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, solltet ihr bla bla bla." Leute, die uns kennen, wissen, dass man uns nichts einreden kann und Easydoesit-Partys gehen meistens so ab. Wir wollten jetzt nicht so tun, als ob wir mit den Kerlen mithalten wollen, sondern ich hatte Bock zu kiffen und Juju wollte nackte Ollen dabei haben. Wenn das ein Bushido oder ein Frauenarzt machen, dann würde sich doch auch keiner wundern. Nur, weil wir auch T*tten haben, regt sich jeder drüber auf. Ohne Sinn.

Juju: Wir wollten einfach ein geiles Video mit geilen B*tches. Das war der Grund. Das mit der sexuellen Selbstermächtigung passiert da eher nebenbei.

Generell werfen euch einige Zuschauer in der Kommentarsektion eures Videos vor, stumpf zu provozieren, um hiermit größtmögliche Aufmerksamkeit auf das erste Video eurer Band zu lenken. Sind Video und Text bewusst so krass überzeichnet, um in der dicht bevölkerten Deutschrap-Landschaft wahrgenommen zu werden?

Nura: Nein.

Juju: Die Leute kommen einfach noch nicht drauf klar, dass wir real sind. Sie können sich das alles einfach nicht anders erklären, als dass wir eine krasse Marketing-Strategie verfolgen. Aber wir schreiben unsere Texte nicht extra. Wir haben uns dafür entschieden, diesen Song als erstes zu bringen, weil er einfach Spaß macht und live immer am Krassesten abgegangen ist. Es ist ein halb Party- halb Battle-Song. Nicht mehr und nicht weniger. Spätestens auf Suff feiert doch jeder normale Mensch sowas. Und der Battle-Anteil ist halt für die Hater bestimmt, die jeder hat. Es geht nicht unbedingt darum, dass wir als Band jeden beleidigen, sondern dass der Hörer bei dem Song mitsingt, und so jeder seine eigenen Hater beleidigen und seinen Frust rauslassen kann. Das führt dann dazu, dass er sich viel befreiter fühlt als vorher und dadurch wiederum ein besserer Mensch wird. Da habt ihr die Message, die einige Menschen anscheinend brauchen. Man ist nicht automatisch ein A*schloch oder dumm, nur weil man Schimpfwörter sagt. 

Ist das der Sound, für den SXTN in Zukunft stehen wird oder kann man in Zukunft noch weitere Facetten von euch erwarten? Juju war zum Beispiel mit Said im Studio.

Juju: Wir haben wie die meisten Rapper mehrere Facetten. Wir können auch komplett anders. Seid einfach gespannt. Zu dem Song mit Said, der Berliner Schnauze heißt, wird es noch im Dezember ein Video geben. 

Nura: Im Frühjahr kommt unsere EP und da geht es nicht nur um H*rensöhne. Wir haben auch Liebeslieder und ernstzunehmende Themen, lasst euch überraschen.

Ihr gabt an, euch den ganzen Tag über eure Kommentare kaputtzulachen. Könnt ihr mir zum Abschluss des Interviews euren Lieblingshaterkommentar verraten?

Nura: Naja, nicht den ganzen Tag, aber Juju und ich haben so 'ne Art von Disslike nachgemacht. Wir haben uns gefilmt und uns gegenseitig unsere Lieblingskommentare vorgelesen. Wir haben es dann auf Snapchat hochgeladen, weil es auch echt krass lustige Kommentare darunter gab und mehr als drüber lachen kann man ja nicht. Ich mag lustige Menschen und über mich selbst lachen kann ich auch sehr gut. Deswegen immer her mit den lustigen Kommentaren!

Juju: "Die Zweite sieht aus wie Drake", und: "Irgendwann seid ihr auch mal Mütter und werdet selbst gefickt."

Marc Schleichert

Autoreninfo

Marc Schleichert ist seit Anfang 2014 ein Teil von Hiphop.de und leitet hier den Textinterview-Bereich. In dieser Funktion spricht er regelmäßig sowohl mit hungrigen Newcomern als auch mit alteingesessenen Künstlern.

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Kommentare

Wieso zensiert ihr immer Schimpfwörter?

Suchmaschinen und so ****zle. Die Amis verstehen da keinen Spaß amk!

CHIEF TEXTREDAKTION

****** und Ärsche > Rapskill und Köpfchen. Armes, armes Rapdeutschland.

ich **** auf die 2te und danach auch nochmal

Deine Meinung dazu?

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Asches "HIStory": Reaktionen von Bushido, Mois, Sentino & mehr

Asches "HIStory": Reaktionen von Bushido, Mois, Sentino & mehr

Von Michael Rubach am 11.01.2021 - 17:24

Asches raptechnische Antwort auf die Fake-Vorwürfe von Mois steht seit fast einem Tag online. In "HIStory" arbeitet der Alpha Music-Member seine Familiengeschichte auf und teilt in einer ausgiebigen Disspassage gegen Mois aus. Auch gibt es den einen oder anderen Seitenhieb gegen alte Weggefährten. Wie die musikalisch vielfältige "HIStory"-Stunde in der Szene aufgenommen wurde, haben wir in diesem Artikel zusammengestellt. Eine übersichtliche Aufarbeitung des gesamten Disstracks kannst du hier checken:

Asche-Track "HIStory" zusammengefasst: Tschetschenien, richtiger Name & Mois-Disses

Sechs Tage nach Mois' Enthüllungsvideo über Asches nicht ganz sauberes Image als Tschetschene mit Kriegserfahrung hat das Kollegah-Signing sich umfangreich zu seiner Lebensgeschichte geäußert.

Mois reagiert auf Diss von Asche

Die ausgiebigste Reaktion auf "HIStory" kam natürlich von Mois. Hinsichtlich der Tatsache, dass ohne sein Video der Track wohl auch nicht entstanden wäre, ist das kaum überraschend. Unmittelbar nach dem Release von "HIStory" postete Mois einige Insta-Storys, in denen er Asche hart beleidigte. Auch leakte er dort einen angeblichen Audio-Mitschnitt des Managements von Asche. Der Track hat für ihn nur eine Konsequenz: "Dann machen wir weiter". Die Storys hat Mois relativ schnell wieder gelöscht. Wie es genau weitergeht, erfahren wir wohl heute gegen 18 Uhr. Zu dieser Zeit soll ein weiteres Video von Mois erscheinen, das sich mutmaßlich Asche widmet.

Update: Mois hat seine Ankündigung wahr gemacht und ein weiteres Video über Asche veröffentlicht. Alles dazu hier:

Mois führt Asche-Beef mit weiterem Video fort

Ebenfalls hat Mois sein Instagram-Profil zum Asche-Gebiet erklärt. Sowohl sein aktueller Post im Feed als auch sein Profilbild stehen im Zeichen von Asche.

Bushido & Baba Saad nehmen Asches Track unterschiedlich auf

In "HIStory" nimmt Asche hörbar auf den Deutschrap-Evergreen "Nie ein Rapper" von Bushido und Baba Saad Bezug. Beide zeigen auf Instagram unterschiedliche Reaktionen. Zum einen ist da Bushido, der den Asche-Track auf Instagram samt Swipe-up-Aufforderung teilt und seinen Fans empfiehlt, sich das einmal anzuhören. Hierbei ist noch anzumerken, dass Bushido selbst kurz davor war, mit Mois einen Beef zu starten. Letztendlich entschieden sich beide Parteien jedoch für den friedlichen Weg.

Zum anderen erklärt sein Kollege Baba Saad in einer Fragerunde, den Track gehört zu haben. In der gesamten Angelegenheit sei er neutral eingestellt.

Kianush und Rooz bringen klassische Reactions

Als "raptechnisch einfach sehr stark" fasst Kianush den Asche-Track zusammen. Was jetzt genau der Wahrheit in dieser Geschichte entspricht, spielt für ihn in seiner Reaction nur eine untergeordnete Rolle. Der musikalische Aspekt steht hier deutlich im Vordergrund.

Rooz hat sich das ganze Spektakel live in einem Stream reingezogen. Als außenstehender Betrachter kommt er zum Schluss, dass der Track "wild" sei und "harte Antworten" enthalte.

Sentino hinterfragt Kollegahs Rolle

Sentino hat von der Mutter-Line auf "HIStory" Notiz genommen und wundert sich via Instagram, was er verpasst habe. Er fragt sich dort ganz konkret: "Warum finde ich in deiner Märchenstunde im Zusammenhang mit dem Sexualleben meiner Mutter statt?" In einem weiteren Video-Statement, das TV Strassensound auf Facebook gestellt hat, legt Sentino nach und kritisiert auch Kollegah. Sentino hatte letztes Jahr noch am Track "Yayo" von Kollegah und Asche mitgearbeitet und wird in den Credits als Songwriter geführt. Nun stellt er die Behauptung auf, dass Asche den Mois-Diss gar nicht selbst geschrieben habe.

"Es muss schon witzig sein, dass man bei einem der größten deutschen Rapper unter Vertrag steht und im Jahr nicht mal auf die Hälfte des Geldes kommt, wie irgend so ein Sentino, den man nebenbei mal erwähnt, während man von der ganzen deutschen Szene Hops genommen wird für seine fehlende Aufrichtigkeit, für seine fehlende Wahrhaftigkeit, für seine Fakeness. Und du bist noch so frech, dass du den Disstrack, den du gegen Mois machst, auch noch von irgendjemand anderen schreiben lässt. Ehrlich gesagt auch Scheiße von Kolle, dass er so eine Scheiße unterstützt. Du hattest so viele gute Künstler bei deinem Label. Was machst du da? Was macht ihr da? Christoph, Konrad, Felix, Antoine – was macht ihr da für 'ne Scheiße? [...] Ihr greift gerade einen Typen an, der wirklich schreiben kann."

Der Alpha Music-Boss höchstpersönlich hat sich bisher noch nicht öffentlich geäußert.

Fatoni kennt Asche und Mois nicht

Eine Reaktion der anderen Sorte findet sich beim Münchner Rapper Fatoni. Es ist für einige vielleicht nicht vorstellbar, aber es gibt auch Menschen, die den bisherigen Beef von Mois und Asche überhaupt nicht zu Kenntnis genommen haben. Fatoni offenbart, dass man schon einigermaßen tief in der Deutschrapbubble stecken muss, um bei allem Trouble Schritt zu halten.


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