Der Plot regen zum Nachdenken an: Von Geschlechterrollen und Stereotypen im Rap (Interview)

 

In Zeiten, in denen wöchentlich gering geschätzt mehrere tausend Rapalben erscheinen, ist es für die entsprechenden Künstler um so wichtiger, Konsumenten die Möglichkeit zu geben, die jeweilige Musik in eine Schublade zu stecken und anhand bestimmter Attribute klassifizieren zu können. Geht man im Kopf nahezu alle erfolgreichen Rapper derzeit durch, so lassen sich alle auf einen Comic-Charakter mit bestimmten Eigenschaften herunterbrechen, anhand derer er dann beworben wird. So funktioniert Marketing eben. Um die Einordnung für Konsumenten einfacher zu gestalten, werden hierbei häufig einfache Stereotypen sowie ein recht mittelalterliches Männer- und Frauenbild bedient, das in unserem Genre kaum eine Wandlung durchlebt hat. Der unreflektierte Umgang mit solchen Stereotypen beschäftigt die Jungs von Der Plot derart, dass wir diesem heiklen Thema Großteile des folgenden Interviews gewidmet haben. 

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Euer Pressetext sowie der Elmäx-Part des Intros berichten, dass ihr nach dem letzten Album lange auf der Suche nach euch selbst wart. Befand sich Der Plot in einer Identitätskrise? 

Conny: Bei uns war es bis jetzt so, dass zwischen den Alben nicht so wahnsinnig viel passiert ist. Unsere Fanbase war nicht wirklich groß und wir konnten neue Alben immer relativ frei angehen. Wir mussten nie Angst haben, jemanden zu vergraulen. Dieses Mal war das aber eben anders und wir hatten auch ganz klar den Anspruch an uns selbst, uns weiterzuentwickeln. Es sollte ganz klar vorangehen und wir wollten auf gar keinen Fall stagnieren. Gleichzeitig wollten wir aber natürlich auch die Leute, denen das letzte Album gefallen hat, abholen, ohne eine klassische Fortsetzung zu machen. Daraus resultierte dann die vermeintliche Unsicherheit, die du in deiner Frage ansprichst.

Herausgekommen ist am Ende der Suche dennoch ein musikalisches und insbesondere thematisch recht vielfältiges Album. Auf welche Werte habt ihr euch am Ende des Selbstfindungsprozesses geeinigt?

Conny: Wenn du nach einem konkreten Wert fragen möchtest, dann ist das definitiv die Band und der musikalische Aspekt, den die mit sich bringt. Das war auch der Aspekt, auf den wir uns in stundenlangen Diskussionen mit unseren Promo-Menschen, die uns genau diese Frage gestellt haben, einigen konnten. Wir sind eine Band und wir sind musikalisch! Das ist auch der Grund dafür, dass das Album jetzt so bunt geworden ist.

Lasst uns über das Album sprechen. Hier brecht ihr konsequent mit dem im Hiphop sehr verbreiteten und ein stückweit stereotypischen Männerbild, indem ihr diesem überspitzt ratet, zu seinen Gefühlen zu stehen. Ihr stellt die Kraft der Seele über Muskelkraft und zeigt die Grenzen der Belastbarkeit auf. Was hat euch dazu bewogen und was stört euch am konventionellen Männerbild der Hiphop-Szene? 

Elmäx: Das ist etwas, das gar nicht so bewusst stattgefunden hat. Wir wollten keinesfalls einen Gegenpol zu Kollegah und dem Fitnesswahn bilden. Das hat sich einfach im Zuge der Albumarbeiten so ergeben. Allerdings gab es in dieser Hinsicht auch einfach Bedarf, da man im Augenblick fast nur noch aufgesetzte Images hat und sich niemand eine Schwäche eingestehen will.

Conny: Gerade der Fitnesswahn und dieser Fitness-Rap, der sich aus dem ergeben hat, waren in letzter Zeit sehr präsent. Silla hat zum Beispiel gerade ein ganzes Album gemacht, auf dem Songs sind wie Cardio King und Flex Cover, und sich alles ausschließlich um das Thema Fitness dreht. In unserem Vokabular gibt es dagegen Wörter gar nicht, die so klassischen Rollenbildern vom starken Mann und der schwachen Frau entsprechen. Deshalb ist für uns ganz normal, über solche Dinge zu schreiben und eben nicht das klischeebeladene Männerbild zu portraitieren, wie das eben andere machen. Außerdem macht es uns Spaß, mit so klassischen Bildern zu brechen und beispielsweise auf Tränen schmecken salzig darüber zu schreiben, dass es auch als Mann völlig ok ist, mal zu weinen. Es hat total Spaß gemacht, hier mit Erwartungen zu spielen.

Dieses etwas anders Machen als der Rest zieht sich durch eure ganze Karriere. So findet sich in einer Battlerunde von euch die Zeile: "Was Hiphop eine Liebe? Red nicht so ein Stuss, solang ihr schwul in euren Texten als Beleidigung benutzt."

Conny: Ja, und das ist auch uns total wichtig. Das ist einfach eine total veraltete und mittelalterliche Denkweise. Ich rede in letzter Zeit sehr viel über das Thema und Elias macht sich dann gerne drüber lustig. (lacht) 

Dann rede besser mit mir darüber.

Conny: Ich habe mich einfach persönlich mit dem Thema und generell mit Genderfragen beschäftigt und ich habe angefangen, die klassische Männerrolle und die Frauenrolle einfach zu hinterfragen. Wenn man das tut, merkt man ganz schnell, dass das kein klassisches Hiphop-Problem ist, sondern dass es auch in der Popmusik ganz klare Standards gibt. Beziehungen sind immer heterosexuell, der Mann hat immer so zu sein und die Frau muss sich so verhalten. Ich finde, das muss einfach nicht so sein. Ich kann verstehen, warum das so ist, ich kann verstehen, warum das so gewachsen ist, aber eben weil ich das verstehe, kann ich mich dafür entscheiden, etwas anders zu machen. Deswegen bin ich persönlich total stolz, dass mit Charlie Chaplin und Problem zwei Songs auf dem Album sind, die auf den ersten Blick eine Beziehung zwischen einem Jungen und einem Mädchen beschreiben, aber das Lyrische Ich sagt an keiner Stelle, dass es um einem Jungen und ein Mädchen geht. Das find ich total gut, dass das eben offengelassen wird und es somit Interpretationsspielraum gibt. Ich denke, das heterosexuelle Paradigma ist kein notwendiges. Das hat mir die Songs im Nachhinein sehr ans Herz wachsen lassen, weil ich mich eben persönlich mit dem Thema beschäftigt habe.

Woher kommt das Interesse für diese Thematik?

Conny: Ich habe viel zu diesem Bereich gelesen. Unteranderem gab es einen Artikel, der sich mit Tinder-Usern beschäftigt und schaut, was diese eigentlich wollen und was sie aber oft im Gegensatz hierzu machen. Außerdem bekomme ich viel aus meinem Freundeskreis und dem Bekanntenkreis meiner Freundin mit. Beispielsweise kam ein Kumpel nach einer Trennung zu mir und sagte, er habe sich von seiner Freundin getrennt und wenn er jetzt in den Club geht, wollen alle Frauen nur noch das eine, da die eh alle gleich sind. Mir waren so Stereotypen auf einmal voll präsent und sind mir quasi ins Gesicht gesprungen.

Stört euch, dass diese Stereotypen auch in der Hiphop-Szene so präsent sind?

Conny: Mich persönlich stört das schon. Du darfst das nicht falsch verstehen, ich habe nicht vor, die Johanna von Orleans zu werden und ausschließlich für die Rechte von anderssexuellen Menschen zu kämpfen, wobei mir dieses Thema wirklich wichtig ist. Ich fände aber gut, wenn Leute sich eben bewusst werden, welche Männer- und Frauenbilder in der Musik portraitiert werden und welches Bild von der Beziehung her gezeichnet wird. Mich nervt einfach, dass das alles so unreflektiert passiert und immer alles wiedergekaut wird. Es gibt Leute, die können den schönsten Liebessong schreiben, aber es geht eben immer ausschließlich um Jungs und Mädchen, ohne dass die sich Gedanken darüber machen, dass es auch noch andere sexuelle Ausrichtungen gibt. Dieses Unreflektierte in diesem Bereich nervt mich einfach.

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Auf der nächsten Seite geht es mit unrealistischen Erwartungen der Gesellschaft an den Menschen und Eltern, die die Träume ihrer Kinder nicht verstehen, weiter. 

Auch gesellschaftliche Tendenzen kritisiert ihr zwischen den Zeilen. So brecht ihr auf Colossus überspitzt mit der modernen Leistungsgesellschaft und den mittlerweile völlig überzogenen Erwartungen der Gesellschaft an den Menschen. Welche Tendenzen habt ihr in dieser Hinsicht beobachtet und welche menschlichen Werte bleiben hierbei auf der Strecke?

Elias und Elmäx: Verborgene Talente!

Conny: Ja, es wird einfach alles sehr uniform. Bereiche, in denen man möglicherweise gut wäre, stehen durch dieses Uniforme oft nicht zur Debatte, da das Kind eben lieber Japanisch lernen soll, statt Musik zu machen. 

Auch Eltern, die nicht hinter den Träumen ihrer Kinder stehen und diese damit abtöten, spielen auf dem Album eine Rolle. Habt ihr selbst Erfahrungen damit gemacht? 

Elmäx: Ja, natürlich hatten wir das. Meine Mama hat das immer gefeiert, aber mein Vater hat nie verstanden, was das soll. Ich habe also beide Erfahrungen gemacht. Eltern bekommen natürlich mit, wie viel Zeit ihre Kinder in bestimmte Sachen investieren und sie machen sich dann natürlich Gedanken, ob das Kind das nicht später mal bereuen wird. Eltern sind da auch in einer Zwickmühle, da ihnen das Kind möglicherweise später einmal dafür dankt, dass sie es in eine bestimmte Richtung gedrückt haben. Solche Situationen sind auch für die Eltern nicht einfach.

Elias: ich bin da ein bisschen raus, da meine Eltern selbst Musiker sind. Sie fragen zwar nach, ob ich das wirklich so machen möchte wie sie, aber generell ist immer sehr viel Unterstützung da.

Conny: In Amerika ist da auch eine völlig andere Kultur und da ist der Berufswunsch Popstar völlig akzeptiert und sogar ein Stück weit normal.

Elias: Das Musiker-Dasein wird dort völlig anders behandelt. In den Staaten hast du als Musiker das Ansehen, das hier ein Arzt hat. Wenn man in Deutschland sagt, man sei Musiker sagen die Leute erstmal: "Ach so, dann gebe ich dir die Cola jetzt aus?

Wir haben zu Beginn des Interviews über eure Selbstfindung gesprochen. Ist es möglich, das Ergebnis dieser anhand einer exemplarischen Zeile zusammenzufassen?

Elmäx: "Zwischen den Stühlen, ich kann mich nicht entscheiden. 'So wie Plot mich schuf', verdammt, was soll das denn heißen?"

Conny: Unsere Selbstfindung ist auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen und wir sind noch immer auf der Suche.

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Wenn du dich von den Livequalitäten der Jungs überzeugen möchtest, verpasse auf keinen Fall ihre Hauptsache WLAN Tour!

Marc Schleichert

Autoreninfo

Marc Schleichert ist seit Anfang 2014 ein Teil von Hiphop.de und leitet hier den Textinterview-Bereich. In dieser Funktion spricht er regelmäßig sowohl mit hungrigen Newcomern als auch mit alteingesessenen Künstlern.