Ein massiver Abbau des Sozialstaats, unbezahlbarer Wohnraum, eine stetig ansteigende Abgabenlast: Die Liste an Problemen in Deutschland scheint tagtäglich zu wachsen und mit ihr der Unmut in der Bevölkerung. Mitunter deshalb dürfte Besliks Auftritt bei "Take Me Späti" einen Nerv getroffen haben. Der Düsseldorfer Rapper spricht dort offen über die Notwendigkeit eines Klassenkampfs; diverse Clips aus dem Talk machen auch in politischen Kreisen die Runde.
Wir haben den Anlass genutzt, um den Rapper in einem exklusiven Interview ausführlich zum Thema "Klassenkampf" zu befragen. Im Folgenden könnt ihr euch das Interview mit unserer Redakteurin Alina durchlesen.
Beslik kritisiert die deutsche Gemütlichkeit, das aktuelle System & fordert mehr Klassenbewusstsein
Alina: Wir haben deinen Talk mit Sara gesehen und finden, das Thema Klassenkampf sollte noch weiter beleuchtet werden. Zu Beginn würde ich gerne von dir wissen, wie du das Klassenbewusstsein in Deutschland wahrnimmst.
Beslik: Ich befürchte, es gibt keins. Natürlich in gewissen Blasen, aber das gesellschaftliche Gesamtbild sieht anders aus. Im linken Spektrum verfangen wir uns halt ein bisschen in Identitätspolitik und in für die Gesellschaft leider irrelevanten Themen. Und es ist ja klar: Wir driften halt einfach nach rechts ab.
Es gibt eine große Menge an Menschen, die sich auf der linken Seite verorten würde, ohne dass da ein Klassenbewusstsein herrscht.
Was wäre denn in deinen Augen ein Aspekt, über den Leute eigentlich viel öfter nachdenken müssten in ihrem Alltag, um ein stärkeres Klassenbewusstsein zu entwickeln?
Die Frage nach einer besseren Perspektive stellen: Wie können wir den Leuten irgendwie die Möglichkeit geben, Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft zu haben?
Ich meine jetzt gerade: Was ist so die allgemeine Stimmung? Dass Friedrich Merz ein Arschloch ist, das ist, glaube ich, allen bewusst. Das ist natürlich aber auch eine demokratische Entscheidung gewesen.
Keine Ahnung, wieso Deutschland sich gedacht hat, dass jetzt alles nach 16 Jahren Stillstand besser werden würde, wenn man nach vier Jahren wieder die CDU wählt. Aber ja, man sollte halt irgendwie soziale Themen aufgreifen. Und es ist ja auch nicht so, als würde die Linke - von der ich jetzt natürlich auch nicht der Riesenfan bin - nicht gute Ansätze liefern, wie man halt wirtschaftlich Sachen angehen könnte, aber irgendwie wird es halt nicht gehört. Populismus ist halt leider einfach das, was im Trend ist.
Bei "Take Me Späti" hast du gesagt, Demonstrieren bringt nichts, weil es ein von der Obrigkeit vorgegebenes System ist. Kannst du vielleicht beschreiben, was du damit genau meinst?
Wir haben die Demonstrationsfreiheit bis zu einem gewissen Grad, und die da oben können halt sagen: "Okay, ihr dürft eure Meinung sagen, ihr könnt demonstrieren gehen, wie ihr wollt", aber das zwingt niemanden dazu, irgendwas auch wirklich zu ändern.
Und wir haben dann das Gefühl, dass wir unsere Freiheit ausleben, indem wir unsere Meinung sagen, uns mit Gleichgesinnten zusammentun und uns laut machen. Aber wir vergessen halt, dass am Ende des Tages trotzdem alles in die falsche Richtung abdriftet. So werden wir halt nichts wirklich ändern, wenn wir Dinge nicht ein bisschen extremer in die Hand nehmen, blöd gesagt.
Was heißt "extremer"?
Was ist verboten? Ein Generalstreik ist verboten.
Was passiert, wenn die Lokführer wirklich anfangen zu streiken und das Land lahmlegen? Dann wird extreme Stimmung gegen diese Leute gemacht. Dann wird gesagt: "Ihr Arschlöcher, wir kommen nicht zur Arbeit, weil ihr einfach eure Arbeit niederlegt, ihr seid Wichser." Obwohl die Leute ja eigentlich nur für eine faire Tarifbezahlung demonstrieren.
Was passiert, wenn Klimakleber sich auf die Straße kleben und den Verkehr lahmlegen? Dann werden die halt natürlich sofort zum Hassobjekt der ganzen Gesellschaft, weil wir uns einfach extrem leicht instrumentalisieren lassen und diese Leute als das Feindbild sehen – anstatt der Menschen, die diese Situation erst kreiert haben.
Es gibt ganz einfache Wege, die auch nicht gewalttätig sein müssen: Wenn wir einfach alle die Arbeit niederlegen und das Land lahmlegen würden, dann würde die Sache vielleicht schon anders aussehen.
Beslik: "Deutschland ist schon immer ein sehr obrigkeitshöriges Land gewesen"
Was glaubst du, müsste passieren, damit sich die Situation in Deutschland verbessert?
Ich bin da eigentlich sehr hoffnungslos, was Deutschland angeht. Deutschland ist schon immer ein sehr obrigkeitshöriges Land gewesen. Das kann man auch historisch nachvollziehen. Deutschland war ja auch protestantisch geprägt; Deutschland war vom Pietismus geprägt. (Anm.d.Red. Pietismus war eine evangelische Reformbewegung, die auf eine Bibel-orientierete innere Einstellung plädiert)
Der Pietismus ist sehr auf Hörigkeit, Folgeleisten und so einen Scheiß bedacht. In Deutschland war es im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern auch schon immer eher unschicklich für den Adel und die gebildete Klasse, sich an politischen Diskussionen zu beteiligen. Irgendwas haben wir nicht, was die Franzosen zum Beispiel haben, die einfach mal wirklich die ganze Scheiße anzünden und auf alles einen F*ck geben.
Du redest über Frankreich. Die französische Revolution ist ja gescheitert und das Volk ist zurück zur Monarchie. Wieso glaubst du, dass das heute anders wäre?
Ich meine, die Deutschen haben sich ja auch immer schon irgendwie nach Führung gesehnt, oder nicht? Nachdem der Kaiser weg war, gab es Hitler.
Wenn es jemanden geben würde, der tatsächlich einen politischen Plan für das Land hat, die Sache voranbringt und wirklich auch merklich für bessere Verhältnisse sorgt, vielleicht würden wir es dann annehmen und sagen: "Ja, es ist in Ordnung."
Aber wir haben halt auch eine solche politische Klasse. Welcher Politiker, der jetzt gerade aktiv ist, hat denn eine politische Vision für dieses Land? Wer hat noch eine Überzeugung von irgendwas? Das sind doch alles einfach nur Leute, die einen Beruf haben, die versuchen, sich an der Macht festzuklammern, die versuchen, in der nächsten Legislaturperiode auch noch in den Bundestag gewählt zu werden, um ihre Diäten zu kassieren.
Du hast bei "Take Me Späti" gefordert, dass man die Guillotine zurückbringen soll. Wer ist die Marie-Antoinette von Heute?
Das ist natürlich symbolisch gemeint, weil wir einfach vergessen haben, Menschen die Konsequenzen für ihre Taten tragen zu lassen – vor allem Politiker. Wir als Volk sind wirklich täglich realer Gewalt ausgesetzt: Wir werden in unseren Rechten beschnitten, wir kriegen den Weg zu einer sicheren Zukunft verbaut und wir haben unter den direkten Folgen politischen Handelns zu leiden. Aber wir sind nicht bereit, die Leute, die dafür verantwortlich sind, Konsequenzen spüren zu lassen.
Ich erinnere mich daran, das war vielleicht vor drei oder vier Jahren. Das war ein Zeitungsbericht, da war Robert Habeck irgendwie im Urlaub im Norden und hat Freunde besucht. Da waren gerade die Bauernproteste und die Bauern haben ihm den Weg abgeschnitten, als er wieder auf seine Fähre wollte, und es gab einen riesigen Aufschrei.
Und ich weiß auch, die eine Schlagzeile war: "Rote Linie in Biberach überschritten". Und ich denke mir: Digga, ihr seid so hängengeblieben. Weil Robert jetzt nicht auf seine verf*ckte Fähre kann und wir in sein Privatleben eingegriffen haben, ist jetzt eine rote Linie für euch überschritten? Aber wenn diese Leute täglich mit ihren Entscheidungen in unser Privatleben eingreifen und unser Leben f*cken, dann haltet ihr alle eure Fresse. Wie lächerlich kann man sein?
Worüber Beslik konkret spricht.
Und wer ist jetzt die Marie-Antoinette von Heute?
Ich finde, man kann das nicht vergleichen, weil wir in einem ganz anderen System sind. Stellvertretend für den Herrscher – ja, Friedrich Merz. Aber das wäre der einzige, der mir jetzt einfällt.
Zum Abschluss des Gesprächs haben wir noch mit Beslik und seinem Art Director Lukas über Bücher gesprochen, die es sich lohnt zu lesen. Letzterer empfiehlt "Postdemokratie revisited" von Colin Crouch. Beslik hat uns dabei noch "The Remains of the Day" von Kazuo Ishiguro nahegelegt und dabei besonders auf Kapitel Drei verwiesen.
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