Ismail Boloughmal über die erste Million, Karriere mit Hiphop & erfolgreiches Streetwear-Marketing (Interview) #macher

In unserer Serie "Macher" sprechen wir mit den wichtigsten Akteuren der Hiphop-Welt über ihr Leben und ihre Karriere. Wie weit können einen Hiphop-Tugenden bringen? Ismail "Isy B" Boulaghmal machten sie zu einem der erfolgreichsten Player im Streetwear-Marketing. Und sollte dir sein Name spontan nichts sagen: Seine Beats kennst du bestimmt.

Bevor wir zu deinem Werdegang kommen, sollten wir klären, was du zurzeit machst. Du warst 10 Jahre Marketingchef bei SNIPES und bist jetzt als Marketingberater für viele Firmen unterwegs. Was bedeutet das?

Isy: Das bedeutet, dass ich mich mit den Geschäftsführern und Management regelmäßig hinsetze und wir Ideen bezüglich der Strategie des Unternehmens austauschen. Je nach Situation der Firma, kann das von elementaren Dingen, wie Struktur, Prozesse und Ausrichtung bis zu einer Erneuerung oder Entwicklung einer Marke gehen. Im Fokus ist immer das Gefühl, das die Marke transportieren will.

Du bist nicht ausschließlich Marketingberater. Was tust du noch?

Ich mache seit fast 25 Jahren Musik. Ich hab ein Tonstudio in Köln, recorde und produziere immer noch. In meinem Studio werden zum Beispiel Luciano, Aldan und Yonii von Deemah produziert oder einige Tracks der letzten drei Alben von Eko Fresh. Mal alleine und mal im Team. Außerdem caste ich Talente und habe eine Verlagsedition. Vor allem sehe ich mich aber mittlerweile als Unternehmer. Ich führe mehrere GmbHs – unter anderem eine Werbeagentur und ein Musiklabel. Es macht mir Spaß, selbständig zu sein und mir mein eigenes Gehalt zu zahlen.

Was ist deine erste Hiphop-Erinnerung?

Es fing alles mit dem Breakdance-Film "Breakin'" an. Damals lebte ich noch in Casablanca. Rapmusik ging Ende der Achtziger mit LL Cool J, Kool Moe Dee und Run DMC los. Anfang der Neunziger kam Public Enemy dazu und hat alles auf den Kopf gestellt. Bis dahin war Rapmusik irgendwie cool und lustig. Aber mit Public Enemy kam der Ernst. Man hat sich als Minderheit in Deutschland sofort mit der Musik identifizieren können. Ich hab die Texte nachts im Viertel auf der Straße laut gerappt und wusste eigentlich nicht so genau, worum es ging. Aber die Botschaft und das Gefühl waren klar. Die Stimme und der Flow von Chuck D hat einen mitgerissen. Man hat sich dann so angezogen wie Public Enemy. Man hat sich so bewegt wie sie. Man hat mit anderen Fans direkt eine Gang gegründet und zusammen die Platten gehört. Alles crazy.


Foto:

Altes Home-Studio

Hat Public Enemy auch eine politische Bedeutung für dich gehabt?

Absolut. Ich habe damals schon verstanden was "Fight The Power" heißt. Das Schöne am Hiphop ist, dass er für die Außenseiter der Gesellschaft einsteht. Ich bin gebürtiger Marokkaner und meine Familie ist in den Siebzigern nach Deutschland gekommen. Als hier lebende Minderheit fühlst du Songs über Minderheiten mehr. Das hilft, das Bewusstsein über die eigene Identität zu schärfen.

Damals liefen die Glatzen im Alltag ganz normal rum und man musste echt aufpassen. Man hatte keinen richtigen Platz in der Gesellschaft. Dagegen musste man irgendwie rebellieren – aber ohne Gewalt, sondern durch Kreativität. Wenn ich mit 15 auf der Bühne bei einem Stadtfest gerappt habe und Applaus bekam, dann war das ein Moment der Zugehörigkeit. Ein Moment der Wertschätzung und des Respekts. Damals brannten die Flüchtlingsheime in Rostock. Darüber hatte ich einen Rapsong geschrieben. Diese Art von Rebellion ist bis heute ein wichtiger Teil von Hiphop. Der Alltag sah natürlich anders aus. In der Schule haben mich immer alle gefragt, warum meine Schnürsenkel offen sind. Von Run DMC hatte man in der siebten Klasse noch nichts gehört.

Im Marketing geht es darum, Produkte zu verkaufen und Geld zu machen. Steht das nicht im Widerspruch zur Rebellion gegen das Establishment?

Eine Eigenschaft von Mode war schon immer, den Menschen zu ermöglichen, ihre Geschichte über ihre Kleidung zu erzählen. Sioux haben Federn getragen, Inka-Stämme die Köpfe ihrer Feinde. Ich trage heute immer noch Public-Enemy-Merch, weil es aktueller denn je ist. Silvesternacht in Köln, der Nafri-Stempel, AfD, Chemnitz – da wurden viele Menschen über einen Kamm geschert. Mit dem Eintritt der AfD in die Politik hat man nochmal das Gefühl bekommen, dass man als Ausländer in Deutschland nicht mehr erwünscht ist. Erinnerungen kommen hoch. Ich kann mich an so manche Situationen erinnern, die echt crazy waren. Eine Bank wollte mir nicht mal ein Geschäftskonto und eine andere keine EC-Karte geben, weil "einige Mitbürger damit ihr Unwesen treiben". Mit ausländischen Nachnamen sind Behördengänge ein Problem – ist sogar bis heute so. Da sieht man, dass Schulbildung kein Mittel gegen Rassismus ist.

Wo das Schulsystem versagt, kann Hiphop aber einen Beitrag zur Integration leisten. Siehe "Aber" von Eko. Und hier kann auch Mode ins Spiel kommen. Wer zum Beispiel Karl Kani mit Jordans trägt, kann doch kein bekennender Rassist sein. Es sei denn, er hat Hiphop nicht verstanden. Die Geschichte von Mode hat immer wieder bewiesen, dass man mit seinem Outfit ein Statement setzen kann. Man denke hier an die Hippies oder an Punks. Und es funktioniert leider auch umgekehrt: Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln waren ein klarer Look der Nazis in den Achtzigern und Neunzigern.

Du trägst auch zu geschäftlichen Meetings Public-Enemy-Jacke statt Sakko. Was sagst du damit aus?

Wer das Public-Enemy-Logo an mir erkennt, weiß direkt, wo mein Mindset liegt. Man muss auch mal in Erinnerung rufen, dass Hiphop, Rap und RnB in den Anfängen der 2000er nur eine Nische besetzt haben. Unter anderem aufgrund der Hautfarbe der Künstler wurde dieser Teil der Kultur von der Medienlandschaft ausgegrenzt. Ich hatte zum Beispiel die RnB-Gruppe Sat-R-Day unter Vertrag. Radiosender haben gesagt, dass sie das nicht spielen würden, weil die Jungs schwarz sind. Ich weiß noch, dass Dunkelhäutige nicht auf Cover von Magazinen abgebildet wurden. Das Argument lautete, dass dann die Verkaufszahlen sinken würden. Jetzt sind die vormals Unterdrückten überall. Und heute komme ich mit meinem Hiphop-Outfit in die höchsten Etagen. Hiphop ist jetzt anerkannt und es ist ein Vorteil, sich damit auszukennen. Um meine Kompetenz zu vermitteln, muss ich mich nicht anpassen – ganz im Gegenteil.

Wie bist du zum erfolgreichen Unternehmer geworden?

In erster Linie hat das bestimmt damit zu tun, dass es für mich keine Alternative gab. Jeder sollte seine Energie und Kreativität selber einteilen können, um sich zu entwickeln. Man steht ja nicht morgens auf und hat von 09:00 Uhr bis 17:30 Uhr die geilen Ideen oder den nötigen Output parat. Das hinterfragt den Sinn so mancher Kreativabteilungen in Konzernen. Dazu kommt, dass ich eine Eule bin. Soll heißen, dass ich immer die ganze Nacht wach bin und bis Mittags schlafe. Aber dafür bin ich 100% am Start, bis 05:00 Uhr morgens. Eulen sind im normalen Arbeitsleben oft Außenseiter und gelten als undiszipliniert. Das stimmt nicht. Eulen sind sehr kreativ und produktiv. Aber das muss man zuerst mal raffen, dass man nicht schlechter dasteht als die frühen Vögel. Auch die Schule stand mir eher im Weg, wenn ich die Schulzeit im Nachhinein betrachte.

Mit vierzehn hab ich Beats gemacht und Geld dafür bekommen. Dann hatte ich eine Band (ZU3ST). Da konnte ich auch schon einiges mit Gigs verdienen. Nach dem Abi kam direkt der Gewerbeschein und ich hab mir ein besseres Studio mit meinem ersten Verlagsgeld gebaut – damals zusammen mit DJ Krazee G und DJ Lil Tommy (KIT Records). Dann habe ich mit DJ Lil Tommy das erste RnB-Label 2JIGGY Records in Deutschland ins Leben gerufen. Ich hab am Wochenende in Black-Music-Clubs bearbeitet und Tagsüber mein Label geführt. Das heißt, dass ich Vinyls am Telefon an kleine Plattenläden verkauft habe, um mir den Gitarren- und Klavierunterricht leisten zu können. Bis ich irgendwann auf Pro7 Popstars produziert habe und Acts wie Lumidee. Ich glaube ich hatte Ende 2005 sogar gleichzeitig acht Titel in den Top 100 auf Europa verteilt. Ohne es zu merken, habe ich mir ständig Gedanken über Marketing gemacht und mir solche Fragen gestellt: Wie kann ich die CD promoten? Wie muss das Foto-Shooting sein oder wie verbreite ich das Video? In der Retrospektive war das meine Musik-Marketing-Schule, von der ich heute noch profitiere.

Logo K.I.T Records
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von ismail Boulaghmal
Logo K.I.T Records

Und dann kam mir Bodo Schäfers Buch "In 7 Jahren Millionär" (heute: "Der Weg zur finanziellen Freiheit") in die Hände. Das hat alles, was ich gemacht habe, strukturiert und mir viel Selbstvertrauen gegeben. Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich hatte weniger Angst vor der Zukunft und hab weniger Umwege gemacht. Aber der Stress bleibt nicht aus. Jeden Tag. Und davor fürchten sich die meisten Menschen und unterdrücken ihren natürlichen Drang nach Selbstverwirklichung. Aber ich fürchte mich mehr vor dem Verlust meiner beruflichen Freiheit, als vor dem Stress der Selbstständigkeit.

Und wann hast du gemerkt, dass du von Musik leben könntest?

Am Anfang war das Kriterium weniger Leben sondern Überleben. Geld hat nicht gejuckt. Der Spaß, den Musik mir gegeben hat, kompensierte alles. Aber natürlich hatte man auch das ganz Große vor Augen – den dicken Vorschuss oder den großen Hit. Als die MP3 kam, waren alle diese Träume zuerst mal im Eimer. Die Industrie war tot. Ich hab nur noch 300 Euro pro Beat bekommen, wenn überhaupt.

Ich hab dann zuerst mal viel komisches Zeug produziert, wie zum Beispiel Studenten-Lieder, Hörspiele oder Didgeridoo-CDs. Einfach um zu überleben. Um die Musik und mich nicht aufzugeben. Das wollte ich auf keinen Fall. Aber das alles hat mir gezeigt, dass wenn man ein guter Musiker ist und viel vom Musik-Biz versteht, eigentlich
immer gut davon leben kann. Heute sind die Verdienstmöglichkeiten viel besser als früher. Und die Leute wollen immer Musik hören. Jeder Künstler oder Producer hat Gefühle, die irgendjemand auf dieser Welt mit ihm teilen will. Also geht immer was mit Musik. Aber man muss seine Erwartungen sauber im Auge behalten. Dann ist alles cool. Wer aber nur Fame und Cash will, wird meistens nicht weit kommen und aufhören oder trotz des Erfolgs in der Insolvenz landen. Ganz oben ist wenig Platz.

Woher kam dann der Wunsch nach einer Million Umsatz, wenn dir Geld eigentlich nicht wichtig war?

Wenn ich ganz ehrlich bin, kam die Anstrengung nach mehr Geld auch aus der Verantwortung meiner Familie gegenüber. Als Ersteinwanderer, zu denen meine Eltern gehörten, hatte man wenig Aussicht auf Eigentum, Erbe oder große Ersparnisse. Man hatte hier eine Familie zu ernähren und in der Heimat eine weitere. Eine nette Rente war das höchste der Gefühle. Wenn die Eltern aber alles im Heimatland aufgegeben haben, damit die Kinder ein besseres Leben haben können, dann müssen die Kinder diese Chance auch nutzen, um wiederum ihren Kindern die Integration und Chancengleichheit zu ermöglichen. Man will der Familie etwas zurückgeben und Dankbarkeit zeigen. Natürlich hat man auch die Klassiker wie das House On The Hill oder den Porsche im Visier. Aber wenn man das alles hat, dann ist es wieder egal. Irgendwann, wenn man selber Kinder hat, dann liegt der Fokus auf ihnen. Man handelt dann nachhaltiger. Ein anderer Trieb war es, die Geldsorgen loszuwerden. Eigentlich wird man die nie richtig los. Aber man sollte danach streben, Geldprobleme aus dem Alltag verschwinden zu lassen. Geld ist nur ein Problem, wenn man es nicht hat. Ansonsten kann Geld einem viele Freiheiten bieten. Diese Freiheiten waren für mich erstrebenswert. Zu tun was man will, mit wem man will, wann man will und wo man will.

Wie hast du die Million Umsatz erreicht?

Da ich meine Musik nicht kompromittieren wollte, brauchte ich eine andere Geldquelle. Rap und RnB hatten eine schlechte Phase. Also habe ich nebenbei als DJ gearbeitet und angefangen, für Plattenfirmen CDs im Club zu promoten. Hauptsache ich blieb in meinem Ökosystem Hiphop. Bis dahin habe ich nur auf kleinem Niveau Geld gedreht. Nach dem Prinzip "Liquidität vor Rentabilität". Vor allem im Club hab ich meinen Markt entdeckt. Deshalb heißt meine Agentur Clubkind. Ich habe unter anderem coole Missy-Elliott-Partys zum Release ihres neuen Albums veranstaltet und Geld von den Clubs bekommen. Das führte zu meinem ersten Auftrag aus der Modeindustrie für SNIPES, die diese Partys gesponsert haben. SNIPES war damals seiner Zeit weit voraus und eigentlich ein Fremdkörper in der Innenstadt. Ich meine, so neben Karstadt und Kaufhof. SNIPES war als Sponsor für mich interessant und ich anscheinend auch als kreativer Macher für SNIPES. Ich war zu allem bereit bei SNIPES. Ein großer Vorteil war, dass ich als Musikproduzent schon verstanden hatte, wie Gefühle kreiert und transportiert werden. Ich hab meine damaligen Kunden wie Mars, Langnese und Co langsam auslaufen lassen und mich auf SNIPES konzentriert.

Das war mein Einstieg in die Fashion-Marketing-Branche. Ich habe kleine Aufträge angenommen und Einnahmequellen entwickelt, die mir Geld bringen, den Kunden aber nicht belasten. Klingt widersprüchlich, aber ist möglich. Ich habe jedes Jahr meine Umsätze verdoppelt und angefangen Leute einzustellen, die ähnliche Vorlieben und Einstellungen hatten, wie ich – also Leute von der Street. Bis heute schaue ich nicht auf Zeugnisse. Die sind leider kaum was Wert. Mein Grafiker zum Beispiel war ein HipHop-DJ, der andere Grafiker war Sprayer, mein Marketing-Mann war Baller. Das war eine super Zeit. Ich muss auch sagen, dass ich das richtige Umfeld hatte. Meine damalige Freundin, heute meine Frau und Mutter meiner Kinder, hat mich und meine Visionen unterstützt und mir die notwendige Rückendeckung gegeben. Das ist wichtig für Unternehmer, weil ein marodes Beziehungsleben schon so manchen Unternehmer in den Ruin getrieben hat. Aber zurück zum Umsatz. Umsatz ist nicht Gewinn! Auch wenn man hohe Umsätze hat, muss man den Ball flach halten und lieber weiter in sein Vorhaben investieren. Wenn man (nach Steuern) gute Gewinne macht und sich abgesichert hat, dann kann man sich auch mal den einen oder anderen Traum erfüllen. Vorher nicht. Man kommt aber an einem Punkt an, an dem man sich als Spezialist positionieren muss. Gutes Handwerk können viele durch einfachen Fleiß bieten. Aber als Spezialist musst du etwas erlernen, was nicht jeder kann. Ob durch Wissen oder durch Kreativität. Dann steht einem die Welt offen.

Was hieß das konkret?

Ich habe mich auf eine bestimmte Art von Marketing spezialisiert beziehungsweise habe es einfach ausgeübt. Das war keine so bewusste Entscheidung. Ich kam einfach so langsam dahin, weil es Spaß gemacht hat. Ich habe mir eine Marke als Artist vorgestellt, zum Beispiel einen Rap-Artist. Rapper haben ein Cover. Rapper machen Videos. Rapper promoten ihre Alben und gehen auf Tour. Sie haben ein Image und die Fans lieben sie dafür, was sie sagen und dafür, was sie tun. Eine Marke, die beliebt sein will, wird es allein über ihre Produkte nicht schaffen. Ein gutes Beispiel wäre Klopapier.

Die Marke muss sich also über ihre "Persönlichkeit" beliebt machen. Das ist meiner Meinung nach kaum zu umgehen, weil der Mensch keine Gefühle gegenüber einem Gegenstand empfinden kann. Nur Gefühle gegenüber einem Menschen. Eine Marke wird nie wie ein Mensch sein. Aber eine Marke kann ein Wertemuster transportieren. Wir als Menschen mögen keine Leute, denen man nicht Vertrauen kann oder die jeden Tag ein anderes Gesicht zeigen. Wir wollen uns auf einen Menschen verlassen können und uns inspirieren lassen. Wir schätzen Menschen, die kompetent sind und sich konstant verhalten. Das ist die Basis für Vertrauen. Und da fängt alles an: Vertrauen. Vertrauen ist die Basis für eine Beziehung. Eine Marke, die eine Beziehung zu Menschen aufbauen kann, gewinnt das Marken-Game.

Du meintest, dass es außerdem dein Ansatz war, Hiphop als Kultur voranzubringen. Wie äußerte sich das in der Praxis?

Ich bin davon überzeugt, dass eine Marke keine Zielgruppe, sondern eine Community braucht und dass eine Marke sich die Anerkennung in dieser Community erarbeiten muss. Durch Taten. Nicht durch Postings oder konstruierte Storys. Eine Marke braucht eine solide Foundation und muss durch die kritischen Köpfe an der Basis ihrer Community gehen. Ein langwieriger Prozess, auf den 99% der Marken schlichtweg keinen Bock haben, weil sie zuerst mal keinen Umsatz damit generieren können. Wenn sich die Marke also bewiesen hat, dann wird es die Community ab einem gewissen Punkt auch danken, weil sie ihre Bedenken gegenüber der Marke langsam abbaut. Am Ende hat man als Marke eine echte und authentische Community hinter sich.

Aber das ist nicht alles. Eine Community hat eine Kultur. Und diese Kultur sollte die Marke fördern und im eigenen Interesse ausbauen. Bei SNIPES zum Beispiel hat man viele dafür getan, dass alle möglichen Hiphop-Communitys supportet werden. Tanz-Events wie EBS Krump oder Funkin' Stylez konnten durch den kontinuierlichen Support aufblühen und ihre volle Wirkung entfalten. Die Jungs, die diese Events machen (Takao Baba für Funkin' Stylez; Kid Tight Eyes für EBS Krump; Anm. d. Red.) sind Helden. Sie investieren ihre ganze Kraft in die Dance-Kultur. Sie geben etablierten Idolen eine Plattform und inspirieren die Idole von morgen. Sie glauben fest an das, was sie tun und verändern auf positive Weise unsere Gesellschaft. Leider versagt der Staat oftmals auf diesem Gebiet. Hier können Marken Verantwortung übernehmen und einen Teil ihres Geldes in die Community investieren, die ihre Produkte konsumiert. Ein Give-Back an die Community.


Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von ismail Boulaghmal

Dazu gehört für dich auch Gaming? Ist das nicht zu nerdy, um zu Fashion zu passen?

Wiz Khalifa und Drake sind die härtesten Zocker. Lupe Fiasco ist offizieller Street-Fighter-Weltmeister. Ich kann mich an keine Phase in den Neunzigern erinnern, wo ich nicht auch Sega Mega Drives in Rapvideos gesehen habe. Ich zitiere auch gerne Biggie: "Super Nintendo, Sega Genesis. When I was that broke man, I couldn´t picture this!" ("Juicy"). GTA hat Hiphop-Radio-Playlisten. Kollegah und Farid Bang haben ein Gaming-Team gegründet. Da gibt es also keine Kluft zwischen beiden Welten. Der Punkt ist nur, man darf hier Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen.

Gaming macht man einfach. Es macht Spass. Wenn ich zocke, dann höre ich aber bestimmt kein Techno dabei, sondern Rap. Dass oftmals der Link zwischen Hiphop und Gaming nicht offensichtlich ist, liegt also an der Betrachtungsweise. Ich sehe auf jeden Fall, dass Gaming zu unserer Jugendkultur gehört und seinen festen Platz in der Gesellschaft verdient. Das hat nichts mit Nerds zu tun. Alle zocken. Der eine mehr, der andere weniger. Gaming kann auch Mode in ihrer Aussage ergänzen. Ich trage gerne mein Street Fighter II T-Shirt zu Jordan 5 Supreme. Macht was her. Das beste Beispiel ist immer der Fußball: Was hat Fußball mit HipHop zu tun? Nichts! Trotzdem trägt MHD oft Fußball-Jerseys. Es ist ein Look, eine Attitüde. Gaming und Hiphop-Musik ist eine geile Kombination. Schon jetzt tragen bekannte Rapper in den USA Oberteile aus dem 100 Thieves-Merch – eine Pro-Gaming-Crew, in die Drake investiert hat. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Wo siehst du Rap momentan aus der Business-Perspektive?

Hiphop im Allgemeinen gewinnt an Substanz hierzulande. Die Hemmschwellen sind in der Geschäftswelt weitestgehend weg. Also alles gut. Aber da geht noch einiges. Bis jetzt sind nur Mode und einige anderen Branchen aktiv. In Zukunft werden wir hoffentlich mehr aus dem Bereich Lebensmittel, Automobil und Telekommunikation sehen. Ich glaube fest daran, dass die Leute die Rapmusik machen, auch am besten wissen, was Rapfans wollen. Musik sorgt seit Jahren auch ganz direkt für Umsätze. Streaming-Rekorde, riesen Vorschüsse – siehst du den nächsten Crash kommen? Und schadet ein Crash in der
Musikindustrie auch den Branchen in ihrem Umfeld?

Da lässt sich Amerika heranziehen, wo Hiphop nicht mehr wegzudenken ist. Wenn ich von "Hiphop" spreche, meine ich das Gefühl. Das passt zur weltweiten Metropolisierung und zum Phänomen der Land-Stadt-Flucht. Ein allerdings trauriger Aspekt ist der Kapitalismus, der um sich greift und immer mehr Armut verursacht. Niemand braucht HipHop mehr als Menschen, die in einem Ghetto leben müssen und kaum Perspektiven haben. Dafür liebe ich Hiphop, weil er zu diesen Leuten spricht und ihnen einen Ausweg aus dieser Situation aufzeigt. Deswegen ist Hiphop der authentische Lifestyle der Großstadt.

Außerdem ist Hiphop nachhaltig, weil er sich allem anpassen kann. Der Klang und das Aussehen werden sich immer ändern und ist auch gut so. Aber die Genetik des Ganzen bleibt gleich. Der Tod von Klassik-Musik lag nicht daran, dass sie Schrott ist. Sie ist nur kein Massenphänomen. Zu Klassik gibt es keinen intuitiven Zugang. Rap ist da eher wie Fußball: Jeder kann Fußball spielen, wenn er etwas Talent hat. Die leichten Einstiegsmöglichkeiten einer Kultur sorgen für ihr Überleben. Die Ups und Downs im Umsatz von Rapmusik stehen nur mit dem Medium in Verbindung. Musik wird immer konsumiert, sonst drehen wir alle durch.

Crashs bieten immer auch Chancen. Diese Chancen muss man ergreifen, dann kommt man auf die Umsätze. Ob Rap irgendwann tot ist? Vorerst nicht. Irgendwie wird Rap seine Spur in der musikalischen Entwicklung hinterlassen. Ich mache mir aber in Sachen Plattenfirmen beziehungsweise Musikkonzerne eher Sorgen. Seit langem wird zu wenig in die Entwicklung und Förderung der Künstler investiert. Oft dienen die Konzerne nur als Geldgeber oder Vertriebe oder beides. Dabei hätte eine andere Handhabe auch Vorteile. Die Musik käme ohne große Manipulationen direkt von der Straße und wäre nicht nur Profit getrieben. Wenn ein Crash kommt, dann aus dieser Richtung. Die großen Konzerne könnten von Streaming-Diensten umgangen werden und ihre Umsätze verlieren. Dann hätten kleine Hiphop-Labels keine Geldgeber mehr, um ihre neuen Talente zu finanzieren. Das wäre tatsächlich eine Bremse im Rapgame. Aber auch das wird sich legen und es geht dann anders weiter. Ich denke, dass ein Musikgeschäft ohne Vorschüsse allgemein weniger spekulativ wäre und dann nur die guten Acts marktfähig blieben – eine schöne Welt!

Isy B. mit Joey Bada$
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von ismail Boulaghmal
Isy B. mit Joey Bada$$

Du hast erst mit Musikproduktionen Geld verdient und deine Hiphop-Erfahrungen anschließend auf einen ganz anderen Bereich angewendet. Welchen Rat würdest du jungen Menschen geben, die mit Hiphop Geld verdienen wollen? Sei es direkt oder auch indirekt, indem man Hiphop-Prinzipien auf andere Tätigkeitsfelder überträgt?

Man muss sich zuerst selbst kennen und man muss an sein Talent glauben. Um herauszufinden, für was man brennt, muss man sich von allen Konventionen lösen. Die Stimmen der Eltern, Lehrer, Freunde, Schule und Gesellschaft möglichst komplett ausblenden und schauen, wie sich die eigene Persönlichkeit im Handeln verwirklichen lässt. Was kann ich den ganzen Tag machen, ohne es als Zwang zu empfinden? Wenn man das weiß, sollte man nicht auf ein Gehalt fixiert sein, sondern von Anfang an Unternehmer sein. Das heißt: Einen Gewerbeschein besorgen und seiner Leidenschaft nachgehen. Im Optimalfall nichts kopieren, sondern neue Wege suchen und Experte werden. Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen.Wer ist echter Experte und wer tut nur so? Man sollte auf jeden Fall die gesamte Hiphop-Kultur und Geschichte verstanden und möglichst viele eigene Erfahrungen gemacht haben. Man sollte ein eigenes Unternehmen gründen, das die Bedürfnisse der Hiphop-affinen Community bedient. Oder anderen Unternehmen dabei helfen, zur Hiphop-Community zu sprechen. Mal ein Beispiel: Ich würde lieber Teller mit den besten 2Pac-Sprüchen kaufen als für den gleichen Preis einen Teller, der nur weiß ist. Das passiert doch heute schon mit T-Shirts oder?! Ein anderes Beispiel: sollte mal das ZDF auf die Idee kommen, eine HipHop-Sendung zu produzieren, dann würde nur ein echter Experte das Ding wuppen. Sonst landen wieder nur fake Acts in der Show und die Community schaut nicht hin. Einfacher ausgedrückt: Die Werte der Hiphop-Community auf das Wertemuster einer Marke übertragen und rigoros durchziehen – darum geht es.

Worauf legst du in Zukunft den Schwerpunkt für deine Karriere?

In den kommenden Jahren würde ich gerne noch beratend tätig sein. Aktuell darf ich an der einen oder anderen Uni Vorträge halten und kann auf Kongressen sprechen. Das macht Spaß. Ich möchte gerne Bücher über Hiphop-Ökonomie und Marketing schreiben, um die nächste Generation von Marketeers neue Denkanstöße zu geben. Denn wenn ich zurückblicke, haben einige Platten gereicht, um mein Leben nachhaltig zu beeinflussen und mir langfristig eine Karriere zu ermöglichen. Auf jeden Fall will ich noch herausfinden, wie weit mich mein Hiphop-Game bringen kann.

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Wir waren mal (Battlerap)-Stars: Wenn die Bubble platzt

Wir waren mal (Battlerap)-Stars: Wenn die Bubble platzt

Von Michael Rubach am 28.01.2020 - 16:36

Statt Punches prasselt der Regen: Am Kieler Bahnhof trifft Manou mit ein bisschen Verspätung ein. Er war als Mio Mao mittendrin, als deutscher Battlerap eine fast schon legendäre Hochphase erlebte – eine Zeit, in der auf Schulhöfen nicht über Mero oder Apache 207, sondern über den Ausgang von Videobattlerunden diskutiert wurde. Viele der damals geradezu omnipräsenten Vertreter sind inzwischen in der Versenkung verschwunden oder haben sich vollkommen aus dem Rapkosmos verabschiedet.

So ein kurzzeitiger Ruhm hinterlässt Spuren. Facebook-Seiten mit einer erheblichen Followerschaft gleichen mumifizierten Überbleibseln einer unwirklich erscheinenden Ereigniskette. Der Social-Media-Wandel wird viele Helden der lyrischen Schlachten wahrscheinlich nach und nach verschlucken – ganz so als wäre nie etwas passiert. Heute touren noch einige von ihnen durchs Land. Rapper wie Mio Mao oder Splifftastic haben eine andere Ausfahrt gewählt.

Mio Mao nahm mehrfach ziemlich erfolgreich am VBT teil und stand im Fokus des Interesses, als fristgerechte Battles im Videoformat gerade im Trend lagen. Manou selbst verfolgt einige Jahre später den gesamten Rapzirkus nur äußerst beiläufig. "Old Town Road" sagt ihm herzlich wenig und er nippt irritiert an seinem Bier, als er sich weitere Beispiele von prägenden Künstlern des Jahres 2019 anhören muss. In seiner Stammbar wählt er vorzugsweise ein lokales Pils. Hin und wieder springt er auf und verfängt sich in kurzen Gesprächen mit dem Personal.

Mio Mao in seiner Stammbar
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Mio Mao
Mio Mao in seiner Stammbar

Was bedeuten 15 Minuten Ruhm?

Ganz anders präsentierte er sich vor circa acht Jahren als Battle-MC. Einen Auftritt vor mehr als 600 Leuten bezeichnet er im Nachhinein lachend als "Hardcore-Klatsche". Die Augenblicke im Spotlight dürften ihm so vorkommen, wie die 15 Minuten Ruhm, die laut einem berühmten Ausspruch von Andy Warhol wohl jedem einmal zustehen. Als Battlerap heraus aus den Internetforen auf ein visuelles Level gebracht wurde, befand sich Mio Mao in einem der schillerndsten Schaufenster. Sich in der hiesigen Raplandschaft festgesetzt hat er nicht.

Er galt 2011 als Geheimfavorit des damals größten Wettbewerbs und scheiterte 2012 erst in einem durchaus umstrittenen Halbfinale an dem später von Baba Saad gesignten EstA. Es war spürbar, dass sich abseits der Industrie-Strukturen ein Haufen von Talenten tummelte. Eine Gruppe, die zu mehr im Stande war, als bloßen Gegnerbezug herzustellen. Weekend hat den Sog des VBTs in mehrere Top-10-Alben umgewandelt. Lance Butters werden nur noch die Wenigsten überhaupt mit dem Turnier assoziieren. Mauli (vormals DirtyMaulwurf) ist regelmäßig im Podcast "Die wundersame Rapwoche" zu hören, tourt mit Fatoni durch die Bundesrepublik und veröffentlicht Musik, die schon lange nicht mehr reines Frechdachs-Gehabe ist.

Manche Protagonisten sind an kuriosen Orten der Unterhaltungsindustrie gestrandet. Besagter EstA etwa rappt schmissige Werbetexte für eine der größten Krankenkassen. Die größte Aufmerksamkeit seit langer Zeit erhielt er wohl letztes Jahr durch seinen Auftritt im Neo Magazin Royale. Dort machte er sich für einen eher unangenehmen Rapsong über die Wirkung von Globuli gerade. Battleboi Basti hat sich 2015 als MetalBoi ausprobiert und mimt bei Alligatoah-Shows den Pagen.



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Der LiftBoi zeigt sein Arschloch

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Mio Maos musikalischer Output ist hingegen seit der VBT-Zeit in jeglicher Hinsicht rar gesät. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe er "eigentlich Vollzeit" gearbeitet. Wenn er von Arbeit spricht, dann meint er nichts, was mit seiner Kunst zu tun hätte. Sein letzter Solosong "Die Klippe danach" erschien Anfang 2014. Bei Streaming-Anbietern findet man ihn nicht. Er hat seit der Turnierzeit einen Uni-Abschluss eingefahren und sich gedanklich von Bewertungssystemen entkoppelt. Dass ihn Fans erkennen und nach Fotos fragen, kommt nur noch in Ausnahmefällen vor. Das habe Stück für Stück nachgelassen. Er denkt über seine Vergangenheit nach und puzzelt mit einem verschmitzten Lächeln beiläufig aus Serviettenresten ein WiFi-Zeichen auf den Tisch. Es läuft Musik deutscher Post-Punk-Bands. Manou wippt mit.

Ein kurzer Flash, der sich so nicht wiederholen lässt

In Düsseldorf ist die Lage ähnlich. Splifftastic kann ebenfalls eine beachtliche VBT-Vita vorweisen. Er hat das inzwischen eingestellte Turnier sogar zweimal für sich entscheiden können. Auch er vereint Millionen von Klicks auf Battlerunden. Das Gesicht von Jonas flimmerte auf unzähligen Handydisplays und Bildschirmen auf. Dieses Sprungbrett, das er sich einst zimmerte, bot jedoch nicht die nötige Stabilität für eine musikalische Laufbahn. Stattdessen entschied er sich für einen weitaus planbareren Weg. Jonas spricht heutzutage mal die Rolle eines verrückten Professors für eine Kinder-App oder bearbeitet Tonspuren von Interviews. Viele Kunden aus dem Ausland greifen auf Dienste des studierten Audio-Engineers zurück.

Die Klingel am Hauseingang sendet das Signal in die falsche Wohnung. Statt Splifftastic wartet zunächst ein irritierter Nachbar im Treppenhaus. Trotz fehlgeleiteter Klingelanlage scheint der ehemalige VBT-Champ ein durchweg ordnungsliebender Mensch zu sein. Alles hat seinen Platz. In einer Mischung aus Schlafzimmer, Studio und Arbeitsraum werkelt er an unterschiedlichsten Projekten. An den urplötzlich steigenden Bekanntheitsgrad, der noch zum Teil auf Postings auf der toten Plattform MySpace zurückzuführen war, erinnert sich Jonas genau:

"Es war der übelste Flash. Wenn du das nicht kennst, ist das natürlich eine surreale Situation."

Splifftastic mit einem Fan
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Splifftastic
Splifftastic mit einem Fan

Äußerst real ist die Art und Weise, wie er heute seine Brötchen verdient. In Echtzeit verändert sich seine Auftragslage. Es ist zwar kaum auf die Musik zurückzuführen, aber Menschen wollen weiterhin seine Stimme hören. Über die Plattform Fiverr bietet er seine Dienste für Synchronisations- oder Sprecherjobs an. Zwischen dem Besprechen von Anrufbeantwortern für Firmen bis zum Aufsagen von ganzen Wörterbüchern ist alles dabei. Mit Worten weiß er umzugehen. Neben seinem fein säuberlich gehaltenen Arbeitsbereich steht eine selbst errichtete Booth. An den Wänden hängen Schalldämpfer. Alles akkurat. Alles an seinem Platz.

Nach dem ersten Kick beim VBT-Finale 2008 habe er nie wieder ein ähnliches Gefühl verspürt – obwohl seine Runden immer mehr Leute sahen und das Turnier nach und nach ein neues und größeres Publikum erschloss. Die Teilnahme sei mit seinem Alltag verflossen und er selbst zwischen den Abgabefristen abgestumpft. Die erhöhte Präsenz im Internet sei zur Selbstverständlichkeit geworden. Erst der Abstand verdeutlicht ihm, dass er über einen Zeitraum das genossen hat, worauf angehende Influencer spekulieren – konzentrierte Aufmerksamkeit.

Jonas aka Splifftastic bei der Arbeit
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Splifftastic
Jonas aka Splifftastic bei der Arbeit

Wenn das Feuer erlischt

Einen Flash hat damals auch Manou verspürt. Doch das Gefühl verblasste. Wenn man ihm so zuhört, dann sind die Gründe für das Erliegen seiner Rap-Ambitionen relativ banal. Er sei wegen des Studiums umgezogen und habe sich in ein neues Umfeld einfügen müssen. Irgendwie habe ihn einfach das, was man Leben nennt, total in Beschlag genommen.

"Da war das Feuer kurz aus und ist danach nicht wieder richtig angegangen. Von daher ist es eher im Sande verlaufen."

Manou ist dem Kreativsektor treu geblieben. Er ist bei einem gemeinwohl orientierten Unternehmen beschäftigt und dort im weitesten Sinne Social-Media-Redakteur. Kurz gesagt: Aus Rap Business wurde Social Business. Zusätzlich arbeitet er in einer Kieler Marketing-Agentur. Seine eigene Marke als Artist hat er hingegen kaum weiter aus- oder aufgebaut. In seinem VBT-Fan-Wiki steht noch, dass er sich durch sein Lippenpiercing auszeichne. Dieses Merkmals hat er sich schon lange entledigt. Es macht den Anschein, als sei er dieser Lebensphase entwachsen. Mit der Abkehr von einer Künstlerkarriere hat er gewissermaßen seine eigene Prophezeiung erfüllt. Er ist keiner dieser Rapper geworden, über dessen neuen Output man heute höhnisch herfallen würde.

"Will  keiner von denen werden, über die man sagt, dass sie früher mal fett war'n, doch jetzt nur noch Scheiße machen / Zweifelhafte Metamorphose statt den Shit gleich zu lassen" – Mio Mao auf dem Track "Curare" (2012)

Kurzzeitig schien es so, als könnte sich alles in eine ganz andere Richtung entwickeln. Der Kontakt zu einem Label bestand. Es war der Szene nicht verborgen geblieben, dass Mio Mao mehr mitbrachte als ein 08/15-Skillset. Was er rappte, war oftmals kreativer als die generisch wirkenden Bars seiner Kontrahenten. Auch die rohe Art und Weise des Vortrags mit Hang zur Golden Era sorgte dafür, dass Mio Mao das Format überstrahlte, in dessen Korsett er sich bewegte.

Zusammen mit einem guten Freund war Manou eine Weile als Plusdick und Reisser aktiv. Der Namenswechsel kam, weil er sich danach fühlte. Doch auch in diesem Tag Team entstand nicht die Überzeugung, aus diesem Hobby, mit dem er sich bereits hunderttausenden Menschen vorgestellt hatte, mehr zu machen. Draußen unter einer schmalen Überdachung dreht er sich geübt eine Zigarette und wird von anderen Gästen der Bar freundschaftlich begrüßt. Man kennt sich.

Zwischen Studium, privaten Verpflichtungen und dem simplen Hustle für die Miete sei er nicht dazu in der Lage gewesen, kontinuierlich Zeit und Energie in die Musik zu stecken. Andere Künstler wie Dexter hätten ihm zwar vorgelebt, dass Kunst und Alltag durchaus zusammen funktionieren können – doch verstanden habe er das nie.

"Das Paradebeispiel war früher immer Dexter. Über den hat man gesagt: Der ist Papa, macht seinen Arzt und macht parallel drei Alben im Jahr. Irgendwie scheint es zu gehen. Wie weiß ich nicht."

Als es irgendwann darum ging, weiter mit Output zu überzeugen, habe er schlichtweg "nicht geliefert". Mit der Musik ist Manou dennoch weiterhin verbunden. Er baut Beats, hält stetig nach Equipment Ausschau und kann sich durchaus vorstellen, wieder öffentlichkeitswirksamer zu rappen. Momentan beschleiche ihn dahingehend sogar ein "besonders intensives Gefühl". Gelegentlich cyphert er zum Spaß mit ein paar Freunden. Dann geht es nur darum, ungewöhnliche Wörter in einem Part unterzubringen. Keine Competition – alles entspannt. Nähert sich Manou der Kunst, die er auch selbst als solche bezeichnen würde, wird es sehr viel komplizierter. Hier bleiben Songskizzen mal gerne so lange liegen, bis sie sich überholen und schließlich nie das Licht der Welt erblicken. "Vielleicht bin ich zu langsam, um mir selber nachzukommen", sagt er und lacht herzlich.

Mio Mao auf einem Gig
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Christian Wasenmüller - instagram.com/christianwasenmueller
Mio Mao auf einem Gig

Battlerap für ein Millionenpublikum

Auf der Überholspur befand sich Splifftastic vor allem 2008 und 2013. In diesen Jahren ging er als Gewinner aus dem lyrischen Kräftemessen hervor. Die größte Aufmerksamkeit bekam er wohl für sein Battle gegen Weekend im Jahr 2012. Diese Runde steht bei über einer Million Aufrufen. Jeder, der sich einmal für mehr als einen flüchtigen Moment in diese Battleecke verirrt, wird irgendwann unweigerlich auf Splifftastic treffen. Er ist ebenfalls der Musik treu geblieben. 2019 droppte er mit Falk den Track "Ja sorry". Darum einen Gegner wortgewaltig zu demütigen, geht es hier nicht. Probleme, die sich im Alltäglichen abspielen, bilden die Basis. Grundlagen für angehende Rapper präsentiert Splifftastic auf seiner Instagram-Seite. Dort stellt er regelmäßig Beats vor.

Eine vertane Chance erkennt Jonas auf seinem Lebensweg nicht. In Hinblick auf eine musikalische Karriere wirkt er regelrecht erleichtert, mit manchen Textentwürfen nicht an die Öffentlichkeit gegangen zu sein.

"Wenn ich mir meine Texte angucke, die ich damals geschrieben habe, bin ich ganz froh, dass ich mich nicht für die Musik entschieden habe."

Die Zeit im Battlerap habe ihm Türen geöffnet. Als erneut Auftragsangebote auf seinem Smartphone aufleuchten, grinst er zufrieden. Zusätzlich zu dieser freiberuflichen Arbeit ist er als Assistent der Geschäftsführung bei Hiphop.de tätig. Auch die Auswahl für diese Position führt er zum Teil auf seinen Background aus dem VBT zurück.

Der Kontakt zur Battle-Szene ist nie ganz abgerissen. So war Splifftastic schon als Judge bei einem Event der bekannten Battle-Plattform DLTLLY im Einsatz. Mit anderen Teilnehmern von damals ist er freundschaftlich verbunden. Zusammen schwelgt man hin und wieder in Erinnerungen an die vielen Momente, die eine einzigartige Episode im Deutschrap markieren. Eine Episode, die Autogrammwünsche im Bus und eher aufgedrängte Gespräche im Fitnessstudio heraufbeschwor. Trotz seiner Turnier-Erfolge hat sich nie ein Label an Splifftastic gewandt. Auch Businessanfragen blieben aus. Der Kelch sei stets an ihm vorbeigegangen. Die Gründe liegen wohl irgendwo zwischen schlechtem Timing und seiner Musik, die er als zu "experimentell und weirdohaft" beschreibt.

Gewinnen war nie wichtig

Auf die gemeinsamen Augenblicke schaut auch Manou nach seinem dritten Bier zurück. Er betont vermehrt das Gruppenerlebnis, das ihn damals in seinen Bann zog. Er und viele andere Teilnehmer des Turniers hatten sich regelmäßig in der Hamburger Kneipe Seilerhütte verabredet. Hier verengte sich das weite Feld der VBT-Teilnehmer und Mitwirkenden zu einem verschworenen Haufen.

Mio Mao im Alter von 18 (r.) | heutige Seilerhütte (l.)
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Mit freundlicher Genehmigung von Mio Mao | Eigenes Material
Mio Mao im Alter von 18 (r.) | heutige Seilerhütte (l.)

Er hebt "sau viele lustige Abende" hervor. Unzählige Stunden, in denen es nicht um die entscheidenden Konter, sondern um den Austausch inmitten eines kollektiven Erlebnisses ging, das immer weitreichendere Formen annahm. Vom Schaukampf im Internet waren alle weit entfernt. Die Dinge, die er als negativ wahrgenommen hat, kommen ihm im Nachhinein allzu gewöhnlich vor. Vieles in dieser Zeit sei eine "interessante zwischenmenschliche Erfahrung" gewesen, die er vorher "so noch nie hatte und die so auch nie wiedergekommen ist." Damit bezieht sich Mio Mao vor allem auf die Augenblicke vor Gigs, die ihn in einen Tunnel geschickt hätten. Hier wisse er nicht mehr ganz genau, ob er sich korrekt verhalten oder eingebildet gewirkt habe.

Kurz kehrte Mio Mao 2015 in die Arena zurück und ließ sich auf ein Written-Battle mit Buddy bei DLTLLY ein. Seitdem versuche man ihn davon zu überzeugen, dort noch einmal anzutreten. Bisher ohne Erfolg. Eine generelle Bereitschaft wäre jedoch vorhanden. Auch hier scheint sich der Rapper in Manou auf keine konkreten Deals festlegen lassen zu wollen. Wenn er sich heute in Kiel mit dem Sieger der 2013er Splash-VBT-Edition Steasy trifft, dann nicht um an kreativen Punches zu feilen und Gegnerbezüge herzustellen, sondern um eine Partie Sackloch zu zocken. Das Ziel des Spiels ist so schnell erklärt wie einleuchtend: Mit einem Sack ein Loch treffen. Ob ihn damals wirklich etwas davon getroffen hat, was gegen ihn ausgepackt wurde, lässt er im Unklaren. Dafür zählt er unzählige Namen von Teilnehmern und Wegbegleitern auf, die positive Erinnerungen in ihm wecken.

Jonas wird da schon deutlicher. Als seine Freundin von einem übereifrigen Kontrahenten in das Turnier hineingezogen wurde, war dies eine Grenzverletzung, die er so nicht stehen lassen konnte. Es ist klar, dass eine Übereinkunft bei so einem Format darin besteht, sich und sein Leben als Angriffsfläche herzuschenken. Wenn Battlerap zu negativen Konsequenzen im Privaten führt, die weit über die Kunstfigur hinausgehen, dann ist die kreativste Punchline jedoch wenig amüsant. Von möglichen Anfeindungen, sobald man im Chartuniversum stattfindet, ist das sicherlich noch ein Stück weg. Dennoch wird hier deutlich, was Öffentlichkeit auch mit sich bringen kann. Mit Nachdruck weist Jonas darauf hin, welche Belastung seine Teilnahme zwischenzeitlich auch gewesen sei. Seine Stirn liegt in Falten.

Videobattles sind tot!

Schon mal was von Herr Kuchen oder Timatic gehört? Nein? Die beiden waren die Finalisten des größten Videobattle-Formats im deutschsprachigen Raum. Wo Battlerap als Live-Event einen fortwährenden Zuspruch erfährt, entwickelt sich die Online-Variante gegenläufig. Der Clash von zwei Rappern, die mit Punchlines und Bewegtbild in die Schlacht ziehen, scheint kaum noch zeitgemäß.

Gibt es einen Weg zurück?

Was sowohl Jonas als auch Manou permanent unterstreichen, sind die positiven zwischenmenschlichen Erfahrungen. Gedanken an eine vertane Chance auf dem Weg zu einer möglichen Rapkarriere hegen sie nicht. Vielmehr würden sie noch heute von der Zeit profitieren. "Stolz und eine gewisse Nostalgie" schwingen für Jonas bei der Rückschau auf seinen Status vor nunmehr acht Jahren mit. Manou findet es "brachial", dass sein "18-jähriges Ich" diese Phase durchlebt hat und er kurz nach dem Abitur vor mehreren hundert Menschen performen durfte. Newcomer schießen heutzutage mehr denn je aus dem Boden. Die Reichweite, die das VBT Jonas und Manou in einem schmalen Korridor ihres Lebens bescherte, wird dennoch nur einem Bruchstück der Neulinge zu Teil – trotz Instagram, TikTok und allen anderen Möglichkeiten der Selbstvermarktung.

Nun stehen beide Stellvertreter dieser Zeit mit den Beinen im Berufsleben. Battlerap-Turniere dieser Form sind parallel dazu weitestgehend ausgestorben. Ihr Brot verdienen die Jungs mitunter weiterhin mit dem Kreativsein. Der Battlerap-Bubble von damals sind sie entstiegen. Dieses kurze Gefühl aus der Masse herausgeragt zu haben, verdichtet sich zu einer prägenden Erinnerung, die jedoch heute kaum noch eine Rolle spielt.

Vielleicht sieht man beide auch nochmal battlen. Vielleicht kommen sie mit neuer Musik aus der Deckung. Einen nachhaltigen Karriere-Neustart peilen jedoch nicht an. Alles auf die Karte Rückkehr setzt hier niemand. Zu unsicher und brüchig wäre so ein Versuch – wobei Trettmanns goldene Jahre wohl nur die Wenigsten so vorausgesehen hätten.

Kurz bevor Manou zurück in seine Wohnung aufbricht, hört er sich noch Flers Bushido-Disstrack "NONAME" an. Ein schmales Lächeln nötigen ihm einige Zeilen ab. Er hat Schwierigkeiten einzuordnen, warum der Track als derart bösartig gilt. In diesem Moment wirkt es so, als hätte er sich vollkommen von allem abgekapselt, was ihn auch nur kurz in die Welt der möglichst pointierten Beleidigungen zurückreißen könnte.


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