"Sound für Leute aus der Platte": Trettmann über Erfolg, Geld und Freiheit

Ein wenig müde - dafür umso ausgeglichener und humble - wirkt Trettmann, als wir uns im Backstage des Kölner Gloria Theaters treffen. Kurz vor seinem Gig in Köln, dem er im April drei weitere Zusatzshows folgen lässt, erzählt Tretti, was er als Wendekind vom Kapitalismus gelernt hat, wieso Nazis nicht nur in Ostdeutschland eine Gefahr sind und warum es keinen "echten" Rap gibt. Keine zwei Stunden später brachte Trettmann gemeinsam mit dem Support-Act Joey Bargeld, Felix Brummer aka Carsten Chemnitz, LGoony, Juicy Gay und dem KitschKrieg-Squad samt Josi Miller an den Turntables das Gloria zum Kochen. Viel Spaß beim Lesen!

Kannst du über Ossi-Witze lachen?

Klar! Ich lache auch über Ostfriesenwitze. Wenn man nicht über sich selbst lachen kann, ist das komisch.

Jan Böhmermann macht die gerne, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. In seiner Show hast du die Single „Grauer Beton“ gespielt, die eine Hymne an deine Heimat ist und eine ostdeutsche Perspektive musikalisch verpackt. Dass diese Perspektive häufig fehlt, ist ein aktuelles Thema. Viele sehen darin den Grund für den Erfolg der AfD in Ostdeutschland. War es beim Schreiben beabsichtigt, der Debatte einen Track zu widmen?

Also grundsätzlich ist das Sound für alle Leute, die aus der Platte kommen. Egal ob aus Ost oder West. Es ist letztendlich keine Hommage, sondern es spielen auch viele beschreibende Lines eine Rolle, die zeigen, was damals passiert ist. Das ist einfach meine Story und ich hatte das Gefühl, dass diese Story niemand anders zuvor erzählt hat.

Also doch eine bewusst gewählte Perspektive? 

Schon. Aber es geht nicht darum, das zu glorifizieren, sondern es einfach abzubilden. Es heißt immer: „Der Sieger schreibt die Geschichte.“ Ich betrachte mich zwar nicht als Besiegten, bei all den Reportagen fühle ich bestimmte Dinge dennoch unterrepräsentiert und wollte das Gefühl vermitteln, das die Zeit damals ausgemacht hat. Die Idee habe ich immer mit mir rumgeschleppt. Noch bevor ich selbst Musik gemacht habe, war es mein Wunsch, dass das mal jemand macht.

Was hat die Zeit damals denn ausgemacht?

Der Wechsel zwischen zwei Systemen. Ich war 16 Jahre alt, als die Mauer fiel. Ich war geeicht auf das System des Sozialismus und dachte, das sei die bessere Gesellschaftsordnung. Unabhängig davon, dass ich Mangel und Missstände wahrgenommen habe. Mein Bruder hatte beispielsweise einen Ausreiseantrag laufen, nachdem er sich geweigert hatte, zur NVA (Nationale Volksarmee; Anm. d. Red.) zu gehen. Das war alles nicht so easy, weil meine Mutter alleinstehend mit uns Kindern war. Die Repressionen, die das System der DDR mit sich brachte, habe ich mitbekommen. Trotzdem bin ich so erzogen worden, dass es besser ist, wenn Geld nicht über allem und der Mensch im Mittelpunkt steht. Daran habe ich geglaubt.

Klingt nicht unbedingt falsch.

Aber dann kam die Wende und ich habe Jahre gebraucht, zu begreifen, dass es in der neuen Gesellschaft anders ist. Du kannst dich dem verweigern, wirst jedoch ewig suffern und irgendwann zugrunde gehen. Die Zeit war geprägt von Armut. Doch es gab plötzlich unendlich viele Möglichkeiten. Du konntest reisen. Oder du konntest dir aussuchen, was du willst. Vorher war der Weg vorgegeben: Schule, Abitur, Armee, Studium. Bei mir kam noch hinzu, dass ich aus einem Neubaugebiet war. Zu DDR-Zeiten war das total begehrt, dort zu wohnen. Nicht mehr in dem zerfallenen Altbau, sondern im schönen Neubau mit Fernheizung, warmem Wasser und einer Toilette in der Wohnung. Nach der Wende wollten alle weg, weil das Siedlungen waren für Arbeiter, die in Firmen beschäftigt waren, die jetzt verschwanden. Auf einmal waren alle arm in den Vierteln. Die, die konnten, sind abgehauen. Der Rest blieb übrig. Dieses Klientel war nicht einfach. Davon handelt der Song.

Trettmann feat. RTOEhrenfeld - "Grauer Beton" | NEO MAGAZIN ROYALE in Concert - ZDFneo

Trettmann feat. Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld live im Studio König mit "Grauer Beton". Die ganze Folge #Spahn2021 mit noch mehr Songs von Trettmann feat. Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld findet ihr auf www.neomagazinroyale.de. Das Neo Magazin Royale - jeden Donnerstag ab 20:15 auf http://neomagazinroyale.de, um 22:15 Uhr in ZDFneo und freitags sehr spät im ZDF.

Du beschreibst also auch den Übergang in die freie Gesellschaft?

Das ist eben das, was der Sieger schreibt. Unsere Leute haben auch gesagt, dass unsere Gesellschaft frei ist. Der freie Mensch eben. Aber das ist schwierig. Wer ist wirklich frei?

Da sind wir wieder bei der Perspektive. Wer frei ist oder was Freiheit überhaupt bedeutet, dazu hat vielleicht jeder Mensch seine eigene Meinung.

Total! Meist wird Freiheit aus einer westdeutschen Perspektive beschrieben. Die Geschichte des Siegers eben. 

Vielleicht liegt es auch daran, dass - wenn aktuell über Ostdeutschland gesprochen wird - es meist um Probleme mit Nazis geht. Hat das Problem aus deiner Sicht zugenommen?

Ich kann sagen, dass mich das Problem seit der Wende verfolgt. Es war nie weg. Wobei zwischendurch gab es eine Phase, in der ich es nicht so wahrgenommen habe. Das mag auch an meinem Fokus liegen. Die Leute waren immer da und ich wusste, dass es sie gibt. Eine Zeit lang war es ruhiger und man dachte, dass diese Generation ausstirbt. Jetzt haben diese Menschen durch Parteien wie die AfD oder Bewegungen, die der Partei nahestehen, wieder ein Sprachrohr gefunden. Der Frust dieser Menschen ist gewachsen, weil sie sich nicht verstanden fühlen oder weil sie mittellos sind. Und da kommt vermeintlich eben „der Flüchtling“ und kriegt es angeblich vorne und hinten reingestopft. Wir kennen das alle. Wie nennt man das?

Hetze?

Auf der einen Seite ist es Hetze, auf der anderen Seite sind es die Leute selbst, die so verbittert sind, dass man denen kaum mehr vernünftig begegnen kann. (Trettmann überlegt lange) Was willst du da machen?

Dir fällt die Diskussion mit diesen Leuten schwer?

Ja, so ist es leider! Eine Sache möchte ich dazu noch sagen …

Lass dich nicht aufhalten!

Es ist nicht nur in Ostdeutschland so. Diese Leute gibt es überall – auch im Westen. Natürlich liegt der Fokus auf Ostdeutschland und Dresden, weil bestimmte Bewegungen daherkommen. Aber in ganz Europa oder drüben in Amerika ist so eine konfuse Endzeitstimmung. 

Das, was du sagst: Der Fokus liegt in der Diskussion vielleicht zu häufig auf Ostdeutschland, obwohl die Probleme überall sind. 

Und sie sind überall gleich beängstigend.

Mal wieder zu guten Dingen: Du hast „Grauer Beton“ erstmals auf dem Openair Frauenfeld 2017 gespielt.

(lacht) Krass, stimmt! Da habe ich es das erste Mal gespielt. 

Damals hast du wahrscheinlich noch nicht geahnt, wie positiv die Resonanz auf "#DIY" sein wird. In irgendeinem Interview hast du mal erzählt, dass du an einem Punkt der Arbeit am Album dachtest, dass ihr es nicht so ganz getroffen hättet, bevor zwei oder drei Songs dazu kamen …

… die das Konzept abgerundet haben!

Genau! Welche Songs sind das denn und wieso sind die so wichtig?

Das ist der letzte Song „Geh ran“. Außerdem kam „Billie Holiday“ dazu und der Song mit Marten (Marteria; Anm. d. Red.) und noch einer, der mir jetzt nicht einfällt (lacht). Die haben das Album facettenreicher gemacht.

Wie kam das Marteria-Feature eigentlich zustande?

Das war auch auf dem Openair Frauenfeld. Wir waren immer schon gelinkt, haben uns in der Schweiz das erste Mal gesehen. Er kam an, hat mich umarmt und gesagt, wie schön meine Musik ist und wir haben uns gegenseitig Props gegeben. Ich habe gesagt: „Ey, wir sind in der Schlussphase des Albums. Wenn du Bock hat, lass noch schnell was zusammen machen.“ Er war anschließend erstmal auf Reisen mit seinem Sohn in Großbritannien. Irgendwann hat er mich einfach angerufen und gesagt: „Los, lass heute machen!“ Wir haben uns sofort getroffen, das Ding geschrieben und aufgenommen.

TRETTMANN feat. MARTERIA - Fast Forward (prod. KITSCHKRIEG)

Trettmanns Album "#DIY", produziert von KitschKrieg, ist jetzt überall erhältlich. Shop & FanBOX: https://www.kitschkrieg.de/shop/ Spotify: http://spoti.fi/2fDP78Z AppleMusic: http://geni.us/TrettmannDIYAM iTunes: http://geni.us/TrettmannDIY Deezer: http://geni.us/DIYDeezer CD: http://amzn.to/2x1pbs0 Vinyl: http://bit.ly/2xfjHMj Info: http://phonofile.link/diy #DIY TOUR 2018. Support JOEY BARGELD Tickets : http://bit.ly/2ENn8L5 13.03. Hamburg, Übel & Gefährlich (ausverkauft) 14.03. Bremen, Pier 2 (hochverlegt) 15.03.

Highspeed-Projekt also. Nice! Was länger gedauert hat, war der Weg zu deinem musikalischen „Durchbruch“. Andere Acts haben mit 18, 19 oder 20 Jahren schon krasse Hypes. Glaubst du, dass du dementsprechend auch anders mit dem Erfolg umgehst?

Auf jeden Fall. Hätte mich das alles mit 20 erwartet, wäre es anders gewesen. Das ist so eine Sturm und Drang-Zeit. Ich habe mir meine Hörner abgestoßen und bin heute relaxt. Das ist alles sehr natürlich gewachsen. Es gab nie ein Konzept oder ein Ziel, sondern es kam das Eine zum Anderen. Angefangen bei der Liebe zur Musik, die ich entdeckt habe, bis hin zu dem Breakdance-Ding, dem Auflegen oder Reisen nach Jamaika, von denen ich mit Platten zurückkam, mit denen ich gedealt habe. Irgendwann kam Soundsystem und das Trettmann-Ding. Das ist alles ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Und auch ein Prozess, bei dem alles von uns selbst kam – deshalb auch der Titel „#DIY“. Die Mixtapes haben wir damals selbst gemacht und die von Kassetten-Deck zu Kassetten-Deck kopiert und auf der Straße verkauft. Das macht es aus. Da kommen KitschKrieg und ich her!

Statt – wie andere es vielleicht machen - über Luxusmarken zu rappen, feierst du auf deinem Sound die Liebe, die Gemeinschaft und auch das Reisen. Jamaika ist dein Reiseziel der Wahl. Gibt es weitere Traumziele, die du auf der Liste hast?

Reisen ist einfach geil. Ich habe nach den letzten zweieinhalb oder drei Jahren mit KitschKrieg im Dezember endlich mal Zeit gefunden, nach Thailand zu düsen oder nach Griechenland im September. Und jetzt war ich schon wieder in Jay (Jamaika; Anm. d. Red.). Konkrete Pläne habe ich nicht. Generell sind Reisen für mich der beste Input. Manchmal einfach alleine unterwegs sein in der Fremde unter Fremden. Das ist eine Erfahrung, die ich jedem Menschen wünsche. Das sind eben Dinge, die manche nie erlebt haben. In einer anderen Kultur ankommen und mit Gastfreundschaft behandelt zu werden, ist eine Erfahrung, die wichtig ist. Ohne sie fehlt was. 

Begegnung mit anderen Kulturen schafft Toleranz. Stimmt!

Genau das ist es. Im Endeffekt ist es immer die Angst vor dem Fremden, die Menschen gegeneinander aufbringt. Da ist eben ein kleines Dorf, in dem sieben schwarzhaarige Syrer einfach aufgrund ihres Teints auffallen. Dazu kommen diese ganzen Storys von irgendwelchen unseriösen Quellen im Internet. Das alles spielt zusammen mit einem gewissen Neid und dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. An deinem Unglück haben die anderen Schuld.

Wenn Menschen wirklich in Kontakt kommen, sieht das häufig anders aus. Am Ende sind alle Menschen und manche Menschen sind Idioten. Das hat nichts mit der Nationalität zu tun.

Idioten gibt es überall. Das müssen Menschen verstehen. Armut müssen Menschen ebenso verstehen. Wenn ich nach Jamaika schaue, ist das nochmal krasser: Da liegen Menschen auf der Straße. Doch auch unabhängig davon gibt es wenig. Kaum Jobs sind zu kriegen, die Tourismus-Industrie ist rückgängig und Firmen sind in den Händen großer Investoren aus dem Ausland. Was machst du da? Die Leute müssen halt essen und schauen, wo sie bleiben. Deutschland ist erste Welt, Komfort-Zone.

Da sind wir bei einer Konkurrenz und an dem Punkt, über den du eben schon gesprochen hattest: Du hast gedacht, Geld sei nicht das Wichtigste.

Aber die Gesellschaft erzieht uns dahin, das Geld eben doch das Wichtigste ist und über Freundschaft oder Nächstenliebe steht.

Freundschaft ist ein guter Übergang: Du warst auf der großen „Palmen aus Plastik“-Tour am Start, auf der RAF Camora und Bonez MC vier Mal das E-Werk ausverkauft haben. Kurz vorher hast du auf dem Track „Alles echt“ gerappt: „Fizzle sagt, wenn ich so weiter mach', dann füllen wir im Winter Hallen!“

(Tretti lacht zufrieden) Stimmt! 

TRETTMANN - ALLES ECHT (prod. KITSCHKRIEG)

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Anderthalb Jahre später spielst du selbst vier Mal in Köln. Dein Album hat durch die Bank positive Kritiken bekommen. Allerdings ist das nicht immer ein Garant dafür, Massen zu begeistern.

Du musst einen Nerv treffen!

Genau! Und du schaffst es, Menschen unterschiedlicher Musikgeschmäcker für deinen Sound zu begeistern. „#DIY“ feiern Leute, die sonst keinen Rap hören. War dieses genreverbindende Element immer dein Traum?

Das ist durch meine Herkunft bedingt. Angefangen habe ich mit der Plattensammlung meiner Mutter zwischen Stevie Wonder und Aretha Franklin. Nach Funk und Soul kam die Hiphop-Kultur. Das, was viele Leute in Deutschland darunter fassen, ist nur eine Facette. Es gab die Native Tongues, De La Soul oder A Tribe Called Quest. Es gibt Conscious-Rap. Es gibt spaßigen Rap á la Biz Markie. Es gibt Gangsta-Rap, es gibt Hardcore-Rap, was weiß ich (lacht). Es gibt so viele Facetten, aber die Leute versuchen immer, alles über einen Kamm zu scheren. Wenn es so wäre, würde ich keinen Rap hören. Ich brauche neben dem „Aggro, Gun-Shot und ich bin krasser als du-Rap“ auch Sound, der mich aufbaut. Ich kann morgens nicht aufstehen und mir Gun-Lyrics reinziehen. Da brauche ich was Schönes. Die Vielfalt macht es aus. Kids oder Jugendliche müssen ihren Weg finden und gehen unvoreingenommener mit Sprache um. Die wollen kämpfen und suchen die Auseinandersetzung. Ich bin da durch und habe keine Scheu, Lovesongs oder einen Track über meinen Großvater zu machen. Mittlerweile bin ich da freier. Das war früher anders (lacht).

Mit dem Alter kommt also die Open-Mindedness?

Vielleicht. Es gibt da keine Regel. Es gibt auch die, die mit 16 schon voll open-minded sind. Das ist eine Frage der Erziehung - allgemeine Regeln sind da schwierig. Ich finde, dass alle Einflüsse wichtig sind. Das Schöne an Hiphop ist, dass jede und jeder die Chance hat, was auszudrücken. Es ist eben die Kunstform der Underdogs. Durch das Internet sind die Chancen viel größer. Dort, wo früher ein A&R mit dem Kopf geschüttelt hat, kannst du dir jetzt Gehör verschaffen.

Eine Chance, die du genutzt hast.

Bei mir war es auch so, dass die Leute vor drei Jahren gesagt haben: Vergiss es! Du willst zwischen Drake und TY Dolla Sign bestehen? Never! Du bist zu alt. Es gab da viele Gründe. Sie lagen falsch, sie lagen falsch! (lacht)

Ich habe gelesen, dass du irgendwann an einem Punkt warst, an dem du aufgeben wolltest …

… ich weiß nicht, ob ich es genau so meinte. Es gab einen Punkt, an dem ich die Sinnhaftigkeit in Frage gestellt habe. Und dann überlegst du, welche Alternativen es gibt.

Du hast über die Vielfalt des Raps gesprochen. Wie siehst du die Szene aktuell?

Wir fangen mal mit Deutschland an. Ich lese vieles nicht mehr, weil da unter Videos Kommentare von Hatern kommen, die irgendwann angefangen haben, Rap zu hören und behaupten, dass das oder das eben kein Rap sei. Diese Hater sind unentspannt und das gebe ich mir nicht. Es gab immer Fans, die gesagt haben: "Das ist sch*iße!" Die gab es auch damals, als es losging mit New Jack Swing oder mit New School wie Das EFX – was damals noch New School war – oder eben mit Craig Mack. Rest in Peace, Craig Mack! Selbst bei P. Diddy gab es die Kritiker, die gesagt haben: „Das ist kein Hiphop“. Das ist so, weil Leute zu einer bestimmten Zeit mit Musik in Berührung kommen und diese Zeitspanne zur Besten erheben. Wenn du es reflektierst, war die Musik aber immer in Bewegung. Genau das hat mich fasziniert. Ich will nicht, dass es so bleibt. Ich will nicht ewig dieselben Raps hören. Wie langweilig ist das denn?

Es sind also die immer neuen Einflüsse, die Rap am Leben halten?

Klar! Es gab die EDM-Zeit, in der du irgendwie 20 Typen mit nacktem Oberkörper auf hoher BPM-Zahl vor der Bühne hast durchdrehen sehen. Irgendwann wurde das wieder schön entschleunigt und die Leute mussten wieder lernen zu tanzen. Du weißt, was ich meine?

Absolut. Fans verbinden eben bestimmte Phasen ihres Lebens mit bestimmten Sounds oder Alben. Und dann machen die Acts neuen Sound und viele wollen erstmal nur den alten Sound zurück und sind enttäuscht.

Macht der Künstler denn Musik für die Fans? Ist das eine Dienstleistung? Gibt es sicher auch. Ich finde jedoch nicht, dass ich als Künstler eine Jukebox bin. Ich will happy sein. Das steht im Vordergrund. Ich mache, was ich fühle. Wenn die Leute das nicht mehr mögen, ist das okay. Ich habe nie mit der Intention Musik gemacht, dass mich alle lieben. Das schaffst du sowieso nicht. Falls du weißt, was ich meine.

Was möchtest du denn schaffen?

Einfach die Musik machen, die ich fühle! Im Idealfall gefällt das der Crowd. Ich kenne soviele Acts, die das machen. Und deshalb auch Shoutout an Autotune oder Fruity Loops (Audioeditor-Software, Anm. d. Red.) und alle Underground-Künstler, die das nutzen und sich mit wenig verwirklichen können. Die zeigen mir ihre Tracks, haben kein Management, Vertriebsdeals oder so und machen trotzdem geile Mucke. Ich fühle das voll. Erst letzte Woche war ich hier in Köln und da hat Lativ, der auch irgendwie mit Bausa gesungen hat, mir Zeug vorgespielt, das total geil war. 

Rap ist natürlich nicht nur gut, wenn er viele Menschen erreicht. Auch im Untergrund passieren gute Dinge.

Die beste Musik bleibt ungehört. Die größten Talente sind irgendwo und kommen nie groß raus.

Vielleicht.

Ne, definitiv. Ich sag’s dir! (lacht) Jamaika ist ein Beispiel dafür. Da können so viele Leute krass singen, sind aber keine Artists. Die lernen das irgendwo in der Kirche und haben einfach Liebe zur Musik. Musik ist überall!

Was hast du denn in den vergangenen zwölf Monaten – unabhängig von den Artists mit denen zu gearbeitet hast – so richtig gefeiert?

Das SZA-Album aus dem letzten Jahr fand ich richtig geil. Ich habe die bei Jimmy Fallon gesehen und den Track „Love Galore“ mit Travis Scott und war voll angetan. Ich höre da neue Melodien und neue Einflüsse und mag es textlich. Sie ist eine progressive Frau. Auch auf dem Dancehall-Film bin ich wieder. Es gab eine Zeit, da hatte ich da keine Connection mehr, weil mir die Themen zu ausgelutscht waren. Jetzt habe ich mir nochmal Sachen gegeben und es hat mich voll weggeschluckt (lacht). Auch, weil ich wieder in Jamaika war. Da ist der Ursprung unserer Musik. Das wusste ich auch immer, war allerdings elf Jahre nicht da und die Ami-Sache war größer. Jetzt habe ich da neue Tänze und Moves studiert und war wieder voll eingetaucht. Auch in Deutschland gibt es so viele gute Künstler mittlerweile. Es ist nicht mehr so, dass ich von der Tanzfläche gehe, wenn deutschsprachiger Rap läuft, sondern man kann da durchfeiern. Es gibt da so viel, mit dem ich mich aktuell wohlfühle.

Tanzbarer Clubsound ist im Rap sowieso angekommen. Das ist sicher auch ein Grund dafür, dass Rap aktuell immer größer wird und Rekorde bricht. Wie lange – glaubst du – geht das so weiter?

Weiß ich nicht. Wie soll es weitergehen? Es wird natürlich immer noch mehr Wachstum kommen. Das ist auch ein Aspekt unserer Gesellschaftsordnung. Da muss immer noch mehr kommen. Auf der anderen Seite merkt man auch, dass Leute minimalistischer in ihrer Musik werden. Trap ist dafür ein gutes Beispiel. Auch mein Album kommt ohne Adlibs aus und ist ganz einfach und klar definiert. Es wird nie aufhören und irgendwelche Rekorde werden fallen. Ist auch klar, weil alles voranschreitet. Durch technischen Fortschritt kann Musik heute viel besser gespreadet werden.

Rap ist seit diesem Jahr in den USA tatsächlich die nach Verkaufszahlen erfolgreichste Musikrichtung.

Ist es das nicht schon ewig?

Zumindest offiziell erst seit vergangenem Jahr. Da haben Hiphop & RnB Rock abgelöst.

Achso. Aber was ist alles Rock? Ich finde, dass sich das alles nicht so in Schubladen stecken lässt. Auf Arte habe ich neulich eine spannende Doku gesehen. Da ist Warner irgendwie so in den 1930ern – als die Musik der ganzen Weißen sich nicht mehr verkaufen ließ – rumgefahren und hat mit Aufnahmegeräten Leute gesucht, die original Blues oder Country gemacht haben. Das ist die Basis dessen, was wir heute als Popmusik kennen. Hiphop ist doch auch Pop. Dancehall, Sean Paul ist auch Pop. 

Was ist denn für dich Pop?

Erstmal nicht mehr als populäre Musik. Das sind Begrifflichkeiten und Schubladen, die Leute brauchen. Im Endeffekt sch*iße ich da drauf (lacht).

Wenn du von Möglichkeiten Musik zu spreaden sprichst, meinst du wahrscheinlich vor allem Streaming-Dienste. Inwiefern haben die Rap beeinflusst?

Massiv! Cloud gäbe es ohne Soundcloud nicht. Oder die Existenz bestimmter Blogs. Artists, die heute mit Blogs zusammenarbeiten, kommen viel weiter als mit Standard-Promo, weil die Blogs näher an die Zielgruppen kommen. Die Verteiler sind einfach besser heute.

Früher musste man sich eben genau überlegen, wofür gebe ich Geld aus…

… heute ist es keine Arbeit und du musst nichts vorgesetzt bekommen, sondern kannst selbst diggen.

Sorgen Algorithmen der Streaming-Dienste nicht auch dafür, dass du sowieso nur das vorgeschlagen bekommst, was der Richtung entspricht, die du schon gehört hast?

Ich finde es trotzdem eine Errungenschaft, weil du ein Künstler-Radio durchlaufen lässt. So bin ich schon auf viele Artists aufmerksam geworden. Trotzdem kommt es natürlich schon auf deine Initiative an, auch mal selbst in andere Playlists zu schauen. 

Die Initiative braucht es noch immer.

Ich finde das auch cool, weil da wo ich herkomme, war das genauso. Du brauchtest Links, um an Musik zu kommen. Es gab in Ostdeutschland keine Ami-Pressungen. Das musstest du überspielen. Da war es so, dass eine Platte eben in Rostock überspielt wurde und du eine andere Aufnahme in Dresden gehört hast, die den selben Kratzer hatte (lacht). Die wurde eben hunderte Male kopiert. Ob das S.O.S. Band, Midnight Star oder irgendeine Funk-Platte war.

Du hast kürzlich dein Video zu „Billie Holiday“ rausgehauen. Am Ende gab es einen Ausblick auf deinen neuen Sound. Klang sehr nach UK Rave-Sound. Geht dein neuer Sound in die Richtung?

Ich kann nicht sagen, dass alles was jetzt kommt, so klingen wird. Das hatte so einen UK,- Two Step-, Housy-Flavor. Ich kann noch nicht sagen, in welche Richtung ich allgemein gehen werde. Ein Dancehall-Album wird es nicht werden. Ich arbeite an neuen Songs und lasse alles offen (lacht). Mal schauen, wohin die Reise geht.

TRETTMANN - BILLIE HOLIDAY (prod. KITSCHKRIEG) - (OFFICIAL VIDEO)

Viel Spass mit dem 2ten Video zu meinem Album #DIY, ich hoffe es gefällt euch so gut wie mir. Liebe, Tretti. Merch: https://www.kitschkrieg.de/shop/ Spotify: http://spoti.fi/2fDP78Z AppleMusic: http://geni.us/TrettmannDIYAM iTunes: http://geni.us/TrettmannDIY Deezer: http://geni.us/DIYDeezer Amazon: http://amzn.to/2v49mmW Google Play: https://goo.gl/sLkAFr CD: http://amzn.to/2x1pbs0 Vinyl: http://bit.ly/2xfjHMj Regie & Produktion: KitschKrieg Compositing / CC : Andreas Melcher / moja visions Mastered by SoulForce Mastering: mastering@soul-force.com Thanks to: BASS ODYSSEY MUSIC MACHINE https://www.facebook.com/BASSODYSSEY/ TARYL, best driver in Jamaica.

Geht die Reise denn mit KitschKrieg genau so weiter oder habt ihr Bestrebungen, vielleicht doch ein paar Dinge aus der Hand zu geben anstatt alles DIY weiterzumachen?

Ich werde weiter mit KitschKrieg zusammenarbeiten. Das steht nicht zur Debatte, weil ich den Sound feiere und wir ein harmonisches Team sind. Wir arbeiten an neuen Tunes. Ich habe einen Haufen Features gemacht, arbeite an neuem Kram, spiele die Tour und dann geht es wieder straight ins Studio.

Also keine Pause nach der Tour?

Nicht so richtig! Es gibt aber auf keinen Fall Druck, schnell irgendwas Neues rauszubringen. Viele Leute haben gesagt, dass "#DIY" sehr zeitlos ist und wieso sollte ich da jetzt auf Krampf nachlegen? Jeder im Team weiß, was zu tun ist und wir machen weiter wie bisher.

Cool, danke! Die letzten Worte gehören dir.

Danke Hiphop.de. Pusht das Ding und pusht Hiphop. Liebe!

#DIY

DIY, an album by Trettmann on Spotify

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Mädness ft. Marteria – Kein Ort [Video]

Mädness ft. Marteria – Kein Ort [Video]

Von Michael Rubach am 23.08.2019 - 14:07

Die hessische Rapinstanz Mädness feiert das Release seines neuen Albums "OG" mit einem Video zum Track "Kein Ort". Marteria ist ebenfalls am Start, wenn die Verbundenheit zur Heimat aufgearbeitet wird. Enaka hat den Beat gebaut.


Mädness feat. Marteria - Kein Ort (prod. von Enaka)

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