Haken dran!: Nik Dean [Interview]
Ein Foto von Nik Dean

 

Für die erste Auflage unserer Reihe "Haken dran!" hat sich unsere Redakteurin Alina mit dem Platin-Produzenten Nik Dean über Zoom zusammengesetzt und mit ihm über seine Karriere, das Produzentenleben und den Unterschied zwischen der deutschen und der Ami-Szene gesprochen.

Manch einer würde behaupten, "Blaue Haken" sind in der Rap-Szene die wichtigste Währung. Die gibt es aber natürlich nicht einfach so: Um an einen ranzukommen, muss man erst mal mediale Berichterstattung vorweisen – sprich, Interviews und Artikel, die über den Künstler geschrieben wurden. Wir wollen Artists dabei helfen, endlich einen "Haken dran!" zu machen und setzen uns deshalb ab sofort mit Menschen aus der Szene für ein Interview zusammen, bei denen das blaue Logo hinter dem Instagram-Handle längst überfällig ist.

Alina: Hi Nik, ich freue mich, dass wir miteinander sprechen können! DS4EVER von Gunna (jetzt auf Apple Music streamen) hat eine Goldauszeichnung erhalten. Da ist ja auch ein Song von dir drauf. Wie fühlt sich das an?

Nik: Es ist krass! Es ist eine Bestätigung für die harte Arbeit und fühlt sich gut an. Ich hatte bereits 2018 meine erste Goldene mit Kodak, mittlerweile auch Platin, trotzdem machen mich solche "Trophys" immer wieder glücklich.

Alina: Wie läuft denn so ein Arbeitstag bei dir ab?

Nik: Ich starte meinen Tag mit Kaffee, fange an meine Musik zu machen und lasse mich treiben. Ich habe keinen richtigen Start und fange einfach irgendwann an. Was passiert, passiert so. Ich habe mit 13 hobbymäßig angefangen und bin inzwischen 32. Über die Zeit habe ich viel gemacht. Mittlerweile gehe ich das Ganze etwas entspannter an.

Alina: Du sagst, du gehst die Dinge entspannter an. Gab es dafür einen Turning Point? Inwiefern hat sich deine Arbeit verändert?

Nik: Ich nehme mir lieber die Zeit, etwas Hochwertiges zu machen – nach der Devise "work smart not hard". Ich habe letztes Jahr viel Stress gehabt, kaum Urlaub gemacht und stand kurz vor dem Burn-out. Ich habe dann gemerkt, dass ich das Ganze entspannter sehen muss.

Alina: Kann ich gut verstehen, als Freelancer kommt man schnell in einen Rhythmus, in dem man nur noch arbeitet.

Nik: Total, und es ist nicht gut für die Mental Health.

Alina: Erzähl uns mal ein paar Fakten über dich, ein kurzer Steckbrief, mit allem, was man über dich wissen sollte.

Nik: Was mich ausmacht, ist meine Heimat. Ich bin aus Wien und kenne kaum Producer von hier, die Industry sind. Ich denke, das unterscheidet mich auch von den anderen, die aus dem deutschen Raum sind.

Viele Leute denken außerdem, ich sei ein Samplemaker. Das stimmt aber nicht, ich bin ein voller Producer.

Anmerkung der Redaktion: Als "Sample-Maker" oder "Loop-Maker" werden Producer bezeichnet, die hauptsächlich für den melodischen Part einer Produktion zuständig sind.

Die dritte Sache wäre: Mich interessiert Clout nicht. Ich mag es, im Hintergrund zu arbeiten. Für diese Arbeit muss ich jetzt aus meiner Komfortzone raus und beispielsweise Interviews geben, aber ich feier es, der Typ im Hintergrund zu sein.

Alina: Du hast schon für Künstler wie Tory Lanez, Lil Baby und G-Eazy gearbeitet. Man hört ja immer wieder, dass Produzenten nicht vor Ort sein müssen mit den Artists und auf Instagram sieht man dich in einem Wiener Studio. Wie sieht deine "aus dem Kinderzimmer in die Charts"-Story aus?

Nik: Alles fängt bei mir über Social Media an. Es gab mal einen Contest von dem Grammy-nominierten Artist Foreign Teck. Dort habe ich 2017 mit 27 random mitgemacht, beim zweiten Mal hab ich das Ding gewonnen. Ich habe ihn danach immer vollgespamt mit Beats und irgendwann hat er mich gesignt. Über Social Media habe ich mich immer wieder mit Leuten connecten können. Ich war auch schon 2 Mal in den Staaten, in Miami und LA, um paar Leute kennenzulernen. Man tauscht dann Nummern aus und Mail-Adressen.

Am Ende des Tages ist es eher Korrespondenz über Internet und mal trifft man sich dann in den Staaten, um zu networken.

Alina: Du sprachst gerade davon, 27 gewesen zu sein. Viele aufstrebende Produzenten haben den Druck, besonders jung viel zu erreichen, am besten schon in den frühen 20ern. Man sieht bei dir, dass man nicht 12 sein muss, um Erfolg zu haben.

Nik: Ja total. Viele Producer, die ich kenne, die in meinem Alter sind, sind demotiviert. Aber mit Social Media gibt es kein Alter. Niemand weiß, wie alt ich bin, ich könnte auch 11 sein. Es spielt keine Rolle mehr.

Alina: Du wurdest von der Revels Group gesignt. Was verändert das an deiner Arbeit?

Nik: Ne Menge. Sie sind meine Manager, der Chef von Revels ist der Tourmanager von Drake und mein direkter Manager Matt Geffen kümmert sich um alles an Presse, neue Deals, Placements und connectet mich mit größeren Produzenten. Die haben mir auch meinen Publishing Deal mit Ultra Music reingeholt. Sie sind eine krasse Hilfestellung für mich.

Alina: Du sprachst gerade über Drake, hast aber schon krasse Projekte hinter dir. Mit welchen Künstlern und Produzenten würdest du gerne noch zusammenarbeiten?

Nik: Im Bereich Produzenten wären für mich Traum-Collabs Leute wie ein Pharrell oder ein Dr. Dre. Die ganzen Legends. Mit denen würde ich unglaublich gerne zusammenarbeiten. Von den neueren wären es Leute wie Metro Boomin, wobei ich mit vielen der neuen Produzenten schon zusammengearbeitet habe.

Rap-Artists natürlich die üblichen Verdächtigen: Drake, Travis und Kanye West.

Alina: Inwiefern hat dein Standort Wien deine Arbeit beeinflusst? Macht es die ganze Sache schwieriger – oder siehst du sogar einen Vorteil darin, nicht in den Ami-Studios rumzuhängen?

Nik: Ich persönlich sehe es eher als einen Vorteil. Wenn man das Ganze psychologisch sieht, ist es so, dass Dinge interessanter sind, wenn sie nicht direkt vor einem sind. Wenn ich in die Staaten reise für ein Projekt, cancelt mir keiner ne Session, weil Leute wissen, ich bin direkt weg nach meinem Aufenthalt.

Ich würd auch auf keinen Fall etwas verändern, ich bin total Deutsch. Ich mag diese Pünktlichkeit, den Frieden. Für meinen Kaffee und Kebab fahr ich gerne 5 min und nicht 45.

Alina: Planst du auch, mit lokalen Künstlern zu arbeiten?

Nik: Ich möchte mich hauptsächlich auf die USA konzentrieren. Mit der Musik hier kann ich mich nur schwer identifizieren. Wobei ich mit einigen Künstlern aus dem deutschen Raum zusammengearbeitet habe: Nazar und Remoe.

Wen ich unbedingt treffen möchte, ist RAF Camora. Er hat als Österreicher ganz Deutschland eingenommen. Er ist ein Hero. Ich feier echt noch ein paar Artists aus Deutschland aber im Endeffekt hängt der Sound hier mehrere Jahre hinter dem aus den USA zurück.

Alina: Was meinst du, woran liegt das?

Nik: Das ist kulturell bedingt. Hiphop ist Amerika, die haben das erfunden. Du kannst den Hiphop nicht neu erfinden, egal wo. Die Inspiration kommt immer aus den USA. Türkische Musik oder Musik aus dem Balkan könnten die Amis auch nicht besser machen als die OGs. Der Ursprung wird immer am besten sein. Aber deutsche Künstler mischen neue Dinge wie den französischen Sound oder UK Sound. Das ist natürlich auch spannend. Aber ich möchte die Quelle sein, das Neue.

Die Unterschiede zwischen USA und deutscher Musik liegen aber auch an der Kohle. Es liegen Welten zwischen dem, was Künstler hier und dort mit ihrer Musik verdienen. Das liegt vor allem auch daran, wie viel mehr Geld dort in der Industrie steckt. All das erlaubt es den Künstlern hier nicht wirklich, was Neues auszuprobieren. 

Alina: Wenn du wieder 13 wärst: Was würdest du anders machen?

Nik: Nichts. Jede Sekunde hat mich hierhin geführt. Ich liebe es da, wo ich bin. Würde ich was verändern, wär ich nicht ich. Natürlich habe ich auch Fehler gemacht, aber diese haben mich dahin geführt, wo ich hin wollte. Das Einzige, worüber ich mich beschweren könnte, wäre das es so lange gedauert hat, aber das wäre ein Luxusproblem.

Alina: Und zu guter Letzt: Was kannst du anderen Produzenten aus dem DACH Raum mitgeben?

Nik: Das Social Media Profil so professionell wie möglich halten. Die Bilder müssen passen, die Qualität muss passen. Profil auf Privat stellen ist ein No-Go. An Qualität arbeiten und sich erst dann an Leute zu wenden, die größer sind. Timing ist das A und O. Immer abwarten, bis sich die Möglichkeit ergibt. Wie ich mit meinem Contest.

Ins kalte Wasser springen funktioniert nicht. DMs verschicken funktioniert einfach nicht. Jeder Producer kriegt solche DMs täglich – mindestens 50. Deshalb sollte man lieber warten, bis man die Möglichkeit bekommt, etwas einzusenden. Viele große Producer schicken Aufrufe raus und man kann sich mit Qualität beweisen. Und: Es ist nicht nervig.

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