Nicht mehr lange und Halloween steht an – passend dazu haben wir uns mit DLG über sein neues Projekt unterhalten. Der junge Rapper aus Dortmund bringt am 28. November seine Platte Geist heraus. Wer sich jetzt schon auf gruselige Texte und erschreckende Beats einstellt, liegt aber leider falsch. Deepe Texte, eine geballte Ladung Emotion, Authentizität und Rap-Skills stehen bei DLG immer hoch im Programm.

Alle Infos zum Release findest du auf Amazon und in unserer Release Section:

Viele bringen dich mit dem VBT in Verbindung, dabei fing deine Rap-Karriere schon viel früher an. Wie würdest du deine Entwicklung vor und nach dem VBT für dich persönlich bewerten?

DLG: Eigentlich habe ich ja nur ein paar Runden im VBT gemacht und eigentlich wollte ich das auch gar nicht machen. Da kam ich nur durch einen Kollegen dazu. Ich war mir gar nicht sicher, weil das so gar nicht mein Gebiet ist. Die Musik, die ich jetzt mache, habe ich auch schon vor dem VBT gemacht. Headphones beispielsweise war ziemlich erfolgreich und lief damals auf Yavido und einem österreichischen Sender. Ich habe ja auch die Mosaik-EP mit Separate 2012 gemacht. Also, wenn du von Entwicklung sprichst, hab' ich eigentlich da angeknüpft, wo ich vor dem VBT aufgehört habe. Mich wundert es, dass ich überhaupt noch damit in Verbindung gebracht werde.

Gehen wir mal weg von Internetbattles: Dein letztes Release Cloud Noire klang düster und melancholisch, jedoch gab es am Ende eine Wendung. Geht es mit deiner neuen Platte Geist gewohnt melancholisch weiter?

DLG: Geist fängt so an, wie Cloud Noire aufgehört hat. Der letzte Song ist recht deep, würde ich sagen, und beschreibt alles, was das Album aussagen soll. Es ist so viel passiert, familiär und privat, in meinem Leben. Das habe ich auf diesem Song halt niedergeschrieben. Seit ich Musik mache, fühle ich mich wie unsichtbar, wie ein Geist, der weiter umherzieht und halt sein Ding macht, hier und da Anerkennung bekommt dafür, er bleibt aber wie ein Geist. Zum Beispiel, erzähle ich in dem Song, wie mein Vater vor anderthalb Jahren alles verloren hat. Unser Haus musste zwangsversteigert werden, es war wie ein Geisterhaus. Die Platte fängt also mit einem positiven Gedanken an und hört sehr deep auf.

"Sie glauben mir nicht, als wär' ich ein Geist. Sie trauen mir nicht, als wär' ich ein Geist", rappst du. In welcher bestimmten Situation, die du in den letzten Jahren erlebt hast, hattest du das Gefühl, so wahrgenommen worden zu sein?

DLG: Wenn ich was raushaue, heißt es: "Ja, es ist gut, er hat Talent." Irgendwie hab ich immer trotzdem das Gefühl, das etwas fehlt, dass sich jemand interessiert, sprich ein Label und so weiter. Das ist der Grundgedanke, der herumschwirrte mit dem Geist-Aufhänger. Der Track Forrest Gump beschreibt meine jetzige Situation: "Ich hol' meine Sneaker aus dem Schrank und laufe durch das Land wie Forrest Gump. Meine große Liebe will nichts von mir wissen, ich zieh' in den Krieg und fang' mir Kugeln ein, für Freunde, die wie Familie und wie mein Baba sind." Es beschreibt die Stimmung der Platte – einfach die Schuhe nehmen und weglaufen, aber ich muss das für meine Familie, für mich machen. Es ist meine Bestimmung. Und ja, "meine große Liebe will nichts von mir wissen" ist halt true story. Es ist wie in diesem Film, ich finde mich da irgendwie wieder. Es kommt immer wieder Hoffnung auf und dann haut es doch nicht hin. Mit dem Track würde ich auch die Stimmung auf dem gesamten Album beschreiben.

Und was ist ein Geist für dich? Glaubst du sogar an Geister?

DLG: Also, eigentlich glaube ich nicht an Geister. Naja manchmal schon. (lacht) Ich hatte schon das ein oder andere Mal das Gefühl: "Oh, was ist hier gerade los?" Gerade, als ich mit meinem Bruder in eine neue Wohnung gezogen bin. Nachbarn über uns, unter uns, neben uns. Und weil wir vorher in einem Haus gewohnt haben, war ich das nicht so gewohnt. Bei jedem Klopfen machte man sich schon Gedanken. Aber ich denke, ein Geist ist eher etwas Kognitives, worüber man sich Gedanken macht, also was der eigene Geist erzählen will, in der Musik halt zum Beispiel.

Mit wem hast du dein Album produziert? Wird es Gastbeiträge geben und falls ja, von wem?

DLG: Das Album habe ich zusammen mit *** aus Mainz, mit meinem "Quasi-Hausproduzenten" und guten Kollegen Exzact und meinem Bruder Kenika produziert. Aufgenommen habe ich das Ganze bei Amadeus Sektas, der für die letzten Produktionen von KaynBock und Montez verantwortlich war. Um die Videos hat sich Leon Jakobsmeyer gekümmert. Insgesamt haben alle viel Arbeit hineingesteckt. Vor allem aber waren Gespräche mit Separate und KaynBock sehr wichtig für mich und dieses Projekt. Den beiden habe ich eine Menge zu verdanken, aber das wissen sie auch. Bei den Gastbeiträgen habe ich nur eine Gesangshook vom langjährigen Kollegen Grebush drauf. Ich finde meine Alben immer recht persönlich und weiß nie, wo ich andere Künstler am besten bei einem Song unterbringen soll. Ich hatte einige Ideen und auch voll Bock auf Features, aber ich bin auch jemand, der gerne viel alleine macht.

In Weiter Umher ist ein Florence-And-The-Machine-Sample zu hören. Beeinflusst dich diese Art von Musik vielleicht sogar mehr als Rap?

DLG: Ja, im Moment höre ich kaum Deutschrap. Wenn, dann nur Ami-Rap, Drake oder Kendrick Lamar. Außerdem viel Alternatives und Indie, also ruhigere Sachen. Auch, wenn ich auf Sample-Suche bin, kommt es ja nicht von irgendwoher. Es ist schon alles sehr gezielt gesucht. Es beeinflusst mich auch in dem, was ich schreibe. Ich hab' Dinge erlebt, seitdem bin ich einfach mega abge****t auf Deutschrap. Es wird so viel geredet, was nicht so ist. Wenn mir jemand etwas über Ehre und Respekt erzählt, aber dann nicht der Mensch ist, wie er sich in seinen Songs darstellt, das ****t mich halt einfach ab.

Hast du noch letzte Worte?

DLG: Wer sich mein Album anhören will, nimmt sich am besten ein bisschen Zeit und lässt sich drauf ein. Ich hoffe einfach, es wird dem ein oder anderen gefallen, der bis dato noch nicht von meiner Musik überzeugt war.

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Interview: Nava Zarabian

Mehr von und mit DLG gibt es hier. Schau dir unbedingt auch das Video zu Weiter Umher an, seine erste Videoauskopplung aus dem kommenden Album Geist:

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OG Keemo landet nach 9 Monaten mit "216" in Modus Mio

OG Keemo landet nach 9 Monaten mit "216" in Modus Mio

Von Clark Senger am 02.06.2020 - 15:57

Am heutigen Dienstag setzen viele Menschen infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd durch einen Polizisten ein Zeichen gegen Rassismus. Manche tun es mit schwarzen Profilbildern und einem Social-Media-Blackout, andere wollen die volle Kraft des Movements gerade jetzt auch im Internet weiter nutzen. Die Menschen, denen etwas an Gerechtigkeit in unserer Welt liegt, finden viele Wege, um sich mit Floyd oder rassistisch diskriminierten Menschen ganz generell zu solidarisieren.

OG Keemo landet in Modus Mio

Deutschraps größte Playlist rückt Polizeigewalt und Rassismus heute mit dem Hashtag #BlackLivesMatters, einem schwarzen Cover und auch musikalisch in den Fokus. Selbst wenn der Rest der Playlist die übliche Kost von Mero, Bonez MC, Apache 207, Capital Bra und Co serviert, finden wir nämlich auf Platz 1 einen Künstler, der bislang alles andere als "Modus Mio"-Resident war: OG Keemo.

Dieser veröffentlichte vor knapp neun Monaten als erste Single aus seinem Debütalbum "Geist" den Song "216", in dem es um Angst vor den Cops, strukturellen Rassismus, Racial Profiling und die Form des schwarzen Widerstands geht. Für das untermalende Musikvideo von Breitband und Keemos Skills als Lyricist gab es bei den Hiphop.de Awards 2019 jeweils einen Preis. Auf Spotify ist die Nummer mit aktuell knapp 1,25 Millionen Aufrufen einer der erfolgreichsten Keemo-Tracks – seine Message sollten jedoch viel mehr Leute hören und verinnerlichen.

Dass die Kuratoren bei Spotify den Song heute an die Spitze packen, ist ein gutes Zeichen. Die aufgebaute Reichweite kann für mehr als den Soundtrack des Sommers genutzt werden. Es lohnt sich vor dem aktuellen Hintergrund, noch einmal einen genaueren Blick auf "216" zu werfen.

"216" Lyrics unter der Lupe

Viele Zeilen passen nahezu perfekt auf die aktuelle Situation in den USA und verdeutlichen, dass etwa Racial Profiling auch in Deutschland ein massives Problem ist.

Ich bin gepolt, um bei Sirenenlicht zu bangen /

also red' nicht, wenn du nicht verstehst, weswegen ich so handel', N**ga /

deshalb schrei' ich auch weiterhin: F*ck die Hundertzehn! – Ich /

bin ein junger König /

was weißt du von Polizeikontrollen, wenn ein junger N**ga spät im Dunkeln unterwegs ist /

und allein dein Hautton ist Grund genug, nicht lang rumzureden

Es ist beängstigend, traurig und leider nicht überraschend, dass diese Zeilen nur wenige Monate nach ihrer Veröffentlichung wieder aktuell sind und auch in kommenden Jahren noch aktuell sein werden. Der ohnehin dramatische Track spitzt sich in Bild und Sound zum Ende hin noch weiter zu. Keemo beschreibt eine Situation, in der ein junger Schwarzer von der Polizei kontrolliert wird und ein Gramm in der Tasche dabei hat. Die zwei Optionen, die er in diesem Moment sieht, zeigen deutlich, wie sehr er eine unverhältnismäßige Behandlung aufgrund seiner Hautfarbe zu befürchten hat:

Entweder küsst du die Motorhaube vom Streifenwagen /

oder guckst, wie weit dich deine Beine tragen /

(lauf!)

Diese Zeilen rappt er mit schweren Ketten und Strick um den Hals frontal in die Kamera. Millisekunden danach tritt ein weiß uniformierter und mit diversen Orden behangener Mann (ebenfalls gespielt von ihm selbst) die Kiste unter den Füßen weg und Keemo zappelt am Galgen. Der Mann in Weiß entfernt sich unbeeindruckt einige Meter vom Todeskampf und salutiert danach brav. Im Hintergrund sieht man noch seine Handlanger, die teilnahmslos neben dem Mann stehen, der gerade erstickt.

Die Parallelen zwischen "216" & George Floyds Tod

Die exakte Symbolik der einzelnen Menschen und Gegenstände in Keemos Video kann man sicher diskutieren. Vieles lässt sich aber im Nachhinein auf George Floyds Fall anwenden. Als sein endgültiges Todesurteil, den Tritt gegen die Kiste unter seinen Füßen, kann man das Knie des Polizisten Derek Chauvin in seinem Nacken sehen sowie dessen Ignoranz gegenüber dem Flehen des am Boden liegenden Mannes.

Der symbolische Strick, den die perlweiß gekleideten Helfer Keemo im Video umlegen, war für George Floyd wahrscheinlich schon das Aufeinandertreffen mit der Polizei. Eine falsche Bewegung, ein Satz, ein Blick – es kann dein Todesurteil bedeuten. Das ist die Realität, in der wir leben und die grade weltweit für wütende Proteste sorgt.

Am leichtesten fällt die Parallele zwischen den Helfer im Video von Breitband und den Cops, die Derek Chauvin 8:46 Minuten nicht daran hinderten, George Floyd zu töten. Die Botschaft hier lautet auch: Wer zusieht, macht sich mitschuldig.

Anders als Keemo im Song hatten George Floyd, Rodney King, Terence Crutcher, Trayvon Martin, Eric Garner und Co nicht die Option, einen Fluchtversuch zu starten. In diesem Fall hätten sie wohl auch ihr Leben riskiert. Man muss sich dieses Dilemma vor Augen halten, in dem du Todesangst hast, weil du von einem Polizisten kontrolliert wirst.

Eskalation & Gewalt in den USA: Nicht die andere Wange hinhalten

Bei der jahrhundertelangen Historie der Sklaverei, dem steinigen Weg in die normale amerikanische Gesellschaft und bis in die Gegenwart wurden unzählige friedliche Versuche unternommen, um für wirkliche Gleichberechtigung zu sorgen. Man will es besser machen als diejenigen, die einen unterdrücken.

Jesus' Ansatz mit der anderen Wange mag in Alltagssituationen bei manchen Menschen zur Vernunft führen. Als Schwarzer in Amerika die andere Wange hinzuhalten, wird dir im Zweifel sogar noch als Angriff ausgelegt, wenn grade nicht glücklicherweise eine Kamera mitgefilmt hat. Keemo rappt in "216":

Mein Vater sagte: "Halt ihn'n nie die andre Wange hin /

Martin Luther tat es, und guck, wie sie ihn behandelten, N**ga!"

Und:

Mein Vater sagte: "Ganz egal, wie sanft sie schlagen, geb ihn'n nie die andre Wange /

Mandela tat's und war fast drei Jahrzehnte lang gefangen"

Deshalb ist die gewaltsame Eskalation der Lage in den USA nicht gutzuheißen oder zu feiern. Unschuldige verlieren durch Plünderungen vielleicht ihre Existenz, was die Spirale von Hass und Verzweiflung nur noch weiter antreibt. Man kann aber nachvollziehen, woher diese physischen Reaktionen kommen.

Echte Veränderungen sind längst überfällig

Sich mit extremen Mitteln das Gehör zu verschaffen, das einem offenkundig nicht geschenkt wird, zählt seit mehreren Dekaden zum festen Repertoire der Rapwelt. "F*ck Tha Police" war der berüchtigte Slogan, als die Mitglieder von N.W.A sich nicht anders zu helfen wussten. Kendrick fügte 2015 (über ein Vierteljahrhundert später!) in seinem Song "Alright" bekanntermaßen hinzu: "Wanna kill us dead in the street fo sho'" – das sind nur zwei der prominentesten Beispiele.

Auch in Deutschland engagieren sich neben Keemo etliche MCs. Ganz aktuell wurden Racial Profiling und anderer Rassismus auch beim Hamburger Ansu ins Spotlight gerückt. In seinem Song "Bomberjacken" rappt er:

Schon wieder Kontrolle durch die Polizei /

Na klar hab' ich nichts dabei /

Verhalte mich nicht mal ein bisschen verdächtig, egal, die Hautfarbe reicht

Wer also einen Blick auf die Rapwelt der Gegenwart oder Vergangenheit wirft, bekommt einen intensiven Einblick in die Probleme und die Gefühle, die mit der aktuellen Situation verknüpft sind. In keiner anderen Musik oder Kultur werden diese Themen derart tiefgehend und vielfältig fokussiert.

Keemo hat mit "216" einen der besten deutschsprachigen Beiträge – vielleicht sogar den besten – zu diesem Thema abgeliefert. Die Positionierung an der Spitze von Deutschraps größter Playlist ist sicher eine schöne Geste, wie es auch solidarische, schwarze Profilbilder sind. Dieses kraftvolle Movement darf aber nicht zu temporärer Instagram-Kosmetik verkommen, die als 'chic' gilt. Es braucht echte Veränderungen in der Welt und Cole-Fans wissen: The only real change come from inside ...


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