Dizaster: "Ich werde auf Arabisch battlen!" (Interview)

Schweiß, Stille, Spannung und ganz viele Worte: Battle-Rap hat dank Formaten wie Rap am Mittwoch in Deutschland und King Of The Dot in den USA eine Reichweite wie wahrscheinlich nie zuvor. Millionen von Menschen schauen sich online die verbalen Kriege an. Mittlerweile hat der Hype sogar Russland erreicht. Einer der polarisierendsten und aggressivsten Battler der Welt hat den ganzen Weg von Los Angeles nach Berlin auf sich genommen, um bei Rap am Mittwoch gegen Tierstar ein einmaliges Ereignis zu liefern. Das Battle wird ab heute, Freitag, 15. Mai bei Rap am Mittwoch zu sehen sein. Dizaster – der momentan aufgrund einer Handgreiflichkeit eine einjährige Sperre in seinem Heimatland absitzt – erzählte uns exklusiv, wie Extrem-Freestyling funktioniert und warum Battles in Russland und im Libanon ganz oben auf seiner Agenda stehen...  

Du bist im Moment in Berlin, das Battle gegen Tierstar ist gerade um. Wir können es erst in einigen Tagen sehen. Also sag mal, auf welcher Sprache war das überhaupt? 

Dizaster: Wir haben hauptsächlich auf Englisch gebattlet. Aber da war auch Deutsch, Russisch, Spanisch, Arabisch und ein bisschen Farsi dabei. Bestimmt habe ich noch was vergessen.

All diese Sprachen in einem Battle?

Ja, alle in einem Battle.

Für dich war das eine absolut neue Erfahrung, oder? Gegen jemanden zu battlen, von dem du nicht einmal wusstest, wie er Englisch spricht.

Ja, das war verrückt. Überhaupt nicht zu wissen, was kommt, war natürlich eine große Herausforderung. Aber im Endeffekt hat es ganz gut funktioniert.

Hast du dich denn in irgendeiner Art und Weise auf ihn vorbereitet? Oder war es dir egal, wer vor dir steht?

Ich hab mir auf jeden Fall nicht die Mühe gemacht, sein Zeug übersetzen zu lassen. Natürlich habe ich mir ein paar Ausschnitte seiner Battles reingezogen. Aber ich habe nicht erwartet, dass er dermaßen gut sein würde. Respekt dafür. Tierstar hat echt abgeliefert, das muss ich zugeben.

Dann hast du wohl vieles spontan aus dem Ärmel geschüttelt. War dieses Battle das, in dem du am stärksten auf deine Freestyle-Fähigkeiten angewiesen warst? Wenn du gar nichts über ihn herausgefunden hast...

Nicht nur, dass ich nicht wirklich etwas über ihn herausfinden konnte. Dazu kam noch, dass ich nicht wirklich antizipieren konnte, wie die Crowd reagiert. Ich wusste überhaupt nicht, ob sie komplexes Englisch verstehen würden. Deswegen wollte ich keine kompletten Runden vorgeschrieben haben und dann mittendrin merken, dass sie niemand feiert. Ich wollte mir gerade dieses Mal die Möglichkeit offen halten, viel zu freestylen und spontan zu reagieren. Und es hat geklappt.

Und, wie war die Crowd? Du hast was in die Richtung getweetet, dass es dir enorm gefallen hat.

Mann, das war die beste Atmosphäre, die ich jemals bei einem Battle hatte. Ungelogen. Es war pickepacke ausverkauft. Hiphop ist am Start in Deutschland.

Kurz darauf hast du gesagt, wir könnten uns auf wilden "split second shit" freuen. Wie funktioniert dieses extrem themenbezogene Freestylen überhaupt bei dir? Das kann man sich als Zuschauer gar nicht so richtig vorstellen. Ist es angeborenes Talent oder trainierst du dafür? 

Es ist das Training. Aber ganz ehrlich... es war einfach so unglaublich schnell dieses Mal. (lacht) Seine Schwester – oder irgendwer aus seiner Entourage – hat plötzlich angefangen, mit ihm scheiß Selfies zu schießen. Einfach so, mitten im Battle. Ich hab das einfach in mein Schema reingepackt, während ich schon am Rappen war. Ich war schon mitten in der Passage mit den Reimketten und hab' das dann irgendwie da reinbekommen. Es war unfassbar. Ich habe wirklich, wirklich nicht darüber nachgedacht. Das geht ja gar nicht so schnell. Es passierte einfach so.  

Bei Alben kann man eigentlich fast immer heraushören, wo die Inspiration herkommt. Als Battle-Rapper ist das etwas schwieriger. Weißt du, woher deine Einflüsse stammen?

Gute Frage. Ich lasse mich eigentlich nicht direkt von Punchline-Rappern oder Battlern inspirieren. Das wäre fatal. Eigentlich benutze ich beim Schreiben auch mehr mein Herz als meinen Verstand. Das kommt alles aus dem Herzen. Ich kann nicht genau beurteilen, warum eine Passage so klingt, wie sie klingt.

Und wie sieht's bei dir mit Material aus dem Studio aus? Reizt dich das überhaupt als Battle-Rapper, ins Studio zu gehen, oder ist das – plakativ gesagt – fast langweilig?

Ich hab einiges an Zeug rumliegen, das ist auch größtenteils echt gut. Ich muss nur mal die Zeit finden, alles vernünftig zu ordnen. Bei der Vorbereitung zum Battle bin ich sehr fokussiert, da nehme ich mir wirklich Zeit. Gewisser Weise muss ich dabei ja nur schreiben. Wenn es um Studioaufnahmen geht, fehlt mir ein bisschen die Konsequenz. Dann muss alles noch gemixt und gemastert werden, es gibt zig Dinge, die man beachten muss. Dafür brauche ich Zeit. Aber du hast natürlich Recht, die Motivation eines Live Battles wird es niemals erreichen.

Bei Battles denke ich auch oft, dass es fast mehr Sport als Musik ist. Das meine ich nicht negativ. Das ganze Adrenalin, der Wettbewerb und die Intensität sind einmalig. Wie siehst du das?

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe Fußball gespielt als ich jünger war. Ich bin auch Rennen gefahren – also ernsthaft, Richtung Formel 1. Ich hatte dieses Wettbewerbsgefühl schon immer in mir. Das ist in meinen Genen verankert. Ich will immer den anderen Teilnehmer schlagen. Deswegen bin ich, denke ich, im Battle-Rap gelandet, und nicht im Studio. Songs aufnehmen über irgendein Thema und sie dann für die Bühne proben... das gibt mir null Befriedigung. Versteh mich nicht falsch, das ist auch cool. Aber da fehlt dieses extreme Adrenalin, weil es keinen Wettbewerb, keinen Gewinner oder Verlierer gibt. 

Eine andere Parallele ist der Handshake nach jedem Battle.

Ja, nach jedem Battle. Außer ein einziges Mal. (lacht) Ich bin prinzipiell mit allen befreundet, gegen die ich gebattlet habe.

Ein emotionaler Job, oder? Wie hält man sich unter Kontrolle?

So ist das Leben. Damit muss man umgehen. Es ist eigentlich mit einem einfachen Büro-Job zu vergleichen. Du kannst den Bullshit von zuhause nicht mit zur Arbeit nehmen, und andersherum auch nicht. Irgendwann muss man den Schalter finden und ihn einfach umlegen. Wir sind ja auch keine rappenden Roboter, wir haben auch private Probleme. Aber für den Moment muss man eben alles abschalten um in den Battle-Modus gelangen zu können. 

Einmal hat das mit der Kontrolle bei dir nicht geklappt. Das "eine Mal ohne Handshake" – gegen Math Hoffa. Wie denkst du nach all den Monaten über den Zwischenfall?

Das ist Geschichte für mich. Ich habe das hinter mir gelassen. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich würde es auch nicht ungeschehen machen wollen. Alles passiert aus einem Grund, das ist meine Philosophie. Damit meine ich nicht, dass ich es geplant hätte. Es ist halt rausgerutscht. Es musste wohl so in der Art passieren. Aber ich habe wirklich nicht vor, so etwas nochmal zu machen. Keine Sorge.

Wegen des Schlages musstest du auch ein Jahr bei King Of The Dot aussetzen. War es ein Jahr? Das ist bald schon rum, oder?

Ja, ja, das war nur ein Jahr. Es endet jetzt in knapp einem Monat, im Juni. Das hat sich wirklich lange angefühlt.

Und, steigst du direkt wieder in den Ring? Gibt es schon konkrete Pläne?

Ja! Ich hab schon einige riesige Gegner für Battles am Start. Ich kann ihre Namen nur noch nicht verraten. Nächstes Jahr werde ich zum Jahrestag des Tierstar-Battle auch wieder nach Deutschland kommen, wenn alles klappt. Dann muss das noch größer und besser werden.

Wie sieht's mit dem Battle gegen Oxxxymiron, den Russen, aus? Die Leute sind sehr heiß drauf.

Das wird passieren. (lacht) Ich bin sehr aufgeregt, was das angeht. Die russische Szene ist wohl riesig, und ich bin echt ein kulturell vielseitiger Typ. Europa hat unfassbares Potenzial, das muss man nutzen. Aber ich denke, dass es schwieriger wird als hier in Deutschland – in allen Aspekten. Ich gehe einfach davon aus, dass Deutsche mehr und besser Englisch können als Russen. Und auch, was Popkultur angeht, einfach mehr am Start sind. Aber je größer die Herausforderung, desto interessanter wird es. Außerdem ist Oxxxymiron ein cooler Typ. Manchmal sagt er englische Wörter, ansonsten verstehe ich natürlich nichts von dem, was er rappt. Aber er ist ein Charakter und er ist super erfolgreich in Russland. Das wird eine schwierige Aufgabe, ihn dort zu schlagen.

Apropos Internationalität. Du bist libanesischer Abstammung?

Ja, genau, ich bin Libanese.

Dann sprichst du auch Arabisch?

Fließend.

Schonmal daran gedacht, auf Arabisch zu battlen? Dafür müsste man natürlich erst einen Gegner finden...

Ich bin auf der Suche. (lacht) Aber darauf habe ich hundertprozentig Bock. Das wird eines Tages stattfinden! Wahrscheinlich im Libanon.

Das wäre krass für die Leute dort.

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich hier in Deutschland gegen Tierstar battle, mich mit Gregpipe unterhalte oder Damion Davis sehe, ist das alles Inspiration für mich, Battle-Rap in neue Sphären zu heben und es auch auf Arabisch zu versuchen. Niederlande, Schweden, Philippinen – die machen das alle auf ihrer Landessprache, und nicht auf Englisch. Für uns Amerikaner ist das faszinierend.

Das glaube ich gerne. Also Battles hast du schon geplant, und Studioaufnahmen hast du auch schon fertig. Wann können wir denn einem Tape rechnen?

Ganz ehrlich, sehr bald. Ich habe sehr viel Zeug am Start, ich muss mich nur um die bürokratischen Sachen kümmern und ein kleines bisschen Zeit finden, um mir das alles nochmal genauer anzusehen.

Und die Sachen live zu performen, würde dir doch bestimmt auch Spaß machen, oder? Das ist doch wie gemalt für dich. Die Bühne ist dein Zuhause.

Da passe ich natürlich direkt rein. Ich habe vorhin zwar etwas anderes gesagt, aber zur Abwechslung wird es auch ziemlich geil sein, mal eigene Songs auf der Stage zu performen. Gerade hier in Europa. In den Staaten wird ständig gehated. 

Oh, das sähen hier viele anders. Interessant, das mal andersherum zu hören. Besten Dank fürs Gespräch und einen angenehmen Rückflug nach Los Angeles!

Danke gleichfalls. Bis zum nächsten Jahr!

Aria Nejati

Autoreninfo

Aria Nejati ist seit 2013 Teil des Hiphop.de-Teams. Neben seinen Artikeln und Reviews interviewte er schon US-Rapstars von 50 Cent über Action Bronson bis hin zu ScHoolboy Q.

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Von Michael Rubach am 13.07.2019 - 19:44

Der Festival-Sommer geht weiter. Auch auf dem Openair Frauenfeld haben wir unseren Tisch aufgebaut und das Experten-Level auf Maximum gedreht. Aria, Jonas, Clark und Toxik (sowie ein paar bekannte Gäste) besprechen die Lage auf dem größten Hiphop-Festival Europas. Welche Künstler in den letzten Jahren live abgeliefert haben, welche persönlichen Festival-Momente nie in Vergessenheit geraten werden und vieles mehr haben die Jungs in bester Stimmung diskutiert. Gib ihm!


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