Einige Zeit ist nun ins Land gegangen, seit Chakuza das blühende Leben Berlins gegen die ländliche Idylle eines geräumigen Hauses in den Niederlanden tauschte. Verpflichtungen, Konventionen und weltliche Verlockungen blieben in der deutschen Landeshauptstadt zurück und ermöglichten so, dass Chakuza auf dieser Flucht völlig befreit den Nachfolger seines FOUR Music-Debüts Magnolia aufnehmen konnte, der passend dazu den Namen EXIT trägt. Über das Ergebnis dieses Ausbruchs haben wir uns im Interview unterhalten.

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Dein Album EXIT hast du in einem Haus in Holland fernab von hochtechnisierten Studios und weltlichen Verlockungen aufgenommen. Weshalb hast du dich, passend zum Albumtitel, für diese Art des Arbeitens entschieden?

Ich brauchte einfach eine Auszeit vom ganzen Trubel in Berlin. Und vor allem brauchte ich einen Ort, an dem ich mich voll und ganz auf das Album konzentrieren kann. Zu Hause ist man immer von irgendwas abgelenkt, Mails, Social-Media oder Fernsehen. Der Albumtitel kam erst mit der Zeit, nachdem wir schon zwei Sessions hinter uns gebracht hatten. 

War der Arbeitsprozess in diesem Haus vielleicht sogar eine Flucht vor der Musikindustrie?

Vielleicht nicht direkt eine Flucht vor der Musikindustrie. Eher vor dem, was mit der Verpflichtung als Musiker noch einher geht. Die Leute denken ja immer, dass man ein Album aufnimmt, den "Rock n' Roll-Lifestyle" lebt und es damit getan ist. Aber da steckt ja noch viel mehr dahinter. Wenn man heutzutage als Künstler dauerhaft erfolgreich sein möchte, muss man sich um tausend Dinge kümmern, die nichts mit Musik zu tun haben. Das wollte ich einfach im Aufnahmeprozess ausblenden, um mich nur auf die Musik konzentrieren zu können. 

Was genau bringt dich dazu, mit dieser Industrie nichts mehr zu tun haben zu wollen? Gibt es eine konkrete Situation, an der du diese ablehnende Haltung verdeutlichen kannst?

Keine konkrete Situation, aber es geht für mich auch häufig von den Medien aus. Die wollen eine Show, Entertainment und das artet teilweise aus. Das hat für mich einfach null mit Musik zu tun. Ich habe keinen Bock, den Clown zu machen. Entweder mag man meine Musik oder halt nicht. Alles drum herum interessiert mich nicht.  

In Interviews sprichst du häufig davon, dass du dich zu ersguterjunge-Zeiten deinem Umfeld unbewusst angepasst hast. Kannst du denn heute hinter deinen Alben aus dieser Zeit stehen oder gibt es ein Album, das du heute nicht mehr hören kannst beziehungsweise möchtest?

Klar, insbesondere wenn man noch jung und unerfahren ist, passt man sich irgendwie unbewusst an. Ich will die Zeit gar nicht verteufeln, damals habe ich das gefeiert. Ich stehe gerne zu dem, was ich gemacht habe. Alles, was ich gemacht habe, habe ich gebraucht, um heute da zu sein, wo ich bin. Und damit bin ich mehr als zufrieden. Klar gibt es Songs, die mir mittlerweile etwas unangenehm sind, aber es waren auch sehr viele gute Sachen dabei. Darauf bin ich auch stolz. 

EXIT hingegen sei das in der Entstehungsphase unkomplizierteste Album deiner Diskographie. Was hat dafür gesorgt, dass die Arbeit an EXIT leichter von der Hand ging? 

Es war ja nicht direkt eine Band, es waren zwei Leute aus dem In Vallis-Kollektiv. Für die ist die hardwarebasierte Arbeit ja normal. Denen musste ich erst mal erklären, wie man einen Song mit 808ern auffüllt. Dafür hatten wir dann ja auch noch RAF Camora mit dabei, der uns die Songs hier und da noch "eingehoppt" hat. Aber was die ganze Produktion so leicht gemacht hat, war einfach das Umfeld. Die Ruhe und dieses Ferienlager-Gefühl. Das war einfach wie früher, als ich noch völlig "unverbraucht" war.

Video: Chakuza - Drehscheibe

Auf deinem Album sehnst du dich nach einem Menschen, den du liebhaben kannst. Außerdem erzählst von zerbrochenen Freundschaften und verflossenen Lieben. Ist Chakuza 2014 ein einsamer Mensch?

Überhaupt nicht! Ich habe eine tolle Freundin und tolle Freunde. Das Schreiben ist bei mir vergleichbar mit Method-Acting bei einem Schauspieler. Ich arbeite mit vielen kleinen Erinnerungen und versuche, daraus eine Emotion zu erzeugen, auf der ich schreiben kann. Ich komprimiere einfach kleine Anekdoten zu einer großen Geschichte. 

Und trotz dieses Umfelds diese hohe Affinität für Alkohol?

Ich habe Phasen, in denen trinke ich zu viel, insbesondere dann, wenn ich kreativ sein möchte. Auf der anderen Seite kann ich aber auch sehr diszipliniert sein und komplett verzichten. Aber ich leugne nicht, dass ich ein Mensch bin, der leicht suchtgefährdet ist. Das bezieht sich aber auf alles in meinem Leben. Zum Beispiel auch auf Dokus, Serien und vor allem Die Kochprofis. Ich denke, dass dieses Problem aber sehr viele Leute in unserem Business kennen. 

Als der Chef von Four Music den ersten Entwurf deines Albums hörte, sei er ganz bleich geworden. Wie hast du ihn dennoch überzeigt, dass das der richtige Weg ist und wie zufrieden ist er nun mit dem Endprodukt?

Es gibt einfach eine krasse Vertrauensbasis. Bis jetzt konnte ich mich noch jedes mal beweisen. Und im Endeffekt sind auch alle sehr glücklich mit EXIT. Was will man mehr? 

Du sprichst häufig davon, dass die Anforderungen an Künstler immer mehr gewachsen sind, ohne dass sich der Verdienst in gleichem Maße gesteigert hätte. Wenn man sich nun die Arbeiten an und um EXIT anschaut; was wurde hier von dir erwartet, das über das Musikmachen hinausgeht?

Bei EXIT habe ich mich ja auch erst mal total rein gehängt, auch in den gesamten Vermarktungskram. Da habe ich erst gemerkt, wie viel Arbeit eigentlich hinter dem Release von so einer Platte steckt. Und wie wenig es dann im Gegenzug von vielen Menschen gewürdigt wird. Und klar wird mittlerweile mehr erwartet. Früher hattest du eine Webseite und hast Interviews gemacht, das war's. Heute hast du Twitter, Facebook, Instagram, Tumblr, Pinterest und so weiter. Ich kann mich aber auch nicht freisprechen davon. Ich nutze ja auch das meiste. Man wächst eben mit seinen Aufgaben.

Außerdem nervt dich, dass Menschen deine Musik kritisieren, die sich nicht kritisieren dürften. Was sind das für Menschen und warum sollten sie sich nicht öffentlich mit deiner Musik beschäftigen?

Es geht nicht darum, dass ich nicht kritisiert werden möchte. Es gibt nur einen großen Unterschied in der Art und Weise, in der man kritisiert. Ich finde, das ist ein bisschen wie bei einem Schiedsrichter. Der darf auch nur pfeifen, wenn er die Regeln kennt. Nur leider ist es oft so, dass Kritiker ohne jegliche Rücksicht auf die Arbeit eines Künstler ein Produkt niedermachen und dem Künstler jegliche Arbeitsmoral absprechen. Das finde ich nicht ok. Kritik ja, aber dann nur vernünftig begründet und argumentiert. 

Wenn du nun am Ende des Interviews den Inhalt des Albums mit einer Zeile aus Exit zusammenfassen müsstest, welche Zeile wäre das?

(überlegt lange) Sorry, aber ich weiß leider nicht, was ich darauf antworten soll (lacht).

Interview: Marc Schleichert
Foto: Youtube

Video: Chakuza - Charlie Brown

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Kommentare

Will sich nicht zum Clown machen, aber kündigt Beef an.. ach Chak.

Yo Marc Schleichert,
bitte die fragen oder antworten mal in kursivschrift oder sonst was machen. leider sehr unuebersichtich ;)

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Bushido, Casper, Apache 207: Stickles beispiellose Producer-Karriere

Bushido, Casper, Apache 207: Stickles beispiellose Producer-Karriere

Von Michael Rubach am 05.05.2021 - 11:43

Vor mehr als 15 Jahren wird Bushido bei einem Gig in Linz ein Demotape in die Hand gedrückt. Die kurze Aufforderung: "Hier, hör dir das mal an!" Diese Ansage kommt von Stickle. Heute produziert der Österreicher unter anderem für Yung Hurn, Apache 207, Bausa und Pashanim. Mit dem neu gegründeten Label November Eleven hält er inzwischen selbst nach Talenten Ausschau. Zeit für einen Blick auf einen der vielseitigsten Producer in der deutschen Raplandschaft, der trotz aller Gold- und Platinplatten wohl weiterhin ohne übermäßig viele Selfie-Anfragen zum Einkaufen spazieren kann.

Beatlefield: Stickle landet in Berlin & bei Bushido

Bei ersguterjunge starten und bei den angesagtesten Acts der Gegenwart rauskommen: Das ist nicht jedem vergönnt. Stickle hat diesen wilden Ritt durch die Szene erfolgreich hinter sich gebracht. Gemeinsam mit Chakuza verschlägt es ihn 2005 zu Bushidos Label ersguterjunge. Der EGJ-Chef stellt das österreicherische Gespann auf dem Song 2006 "Nemesis" noch so vor:

"D-Bo ist mein bester Freund / Saad ist wie mein Bruder / Seit heute in Berlin: Stickle und Chakuza"

Beide Berliner Neuankömmlinge bilden das Produzententeam Beatlefield. Alben wie "Staatsfeind Nr.1", "Das Leben ist Saad" oder diverse ersguterjunge-Sampler entstehen in jener Zeit. Die Juice schreibt damals, dass "Beatlefield fast allen EGJ-Releases ihren charakteristischen Soundstempel aufgedrückt" hätten. Auch Chakuzas Rapsolokarriere ist eng mit Stickle verwoben. Sein bis heute erfolgreichster Track "Eure Kinder" aus dem Album "City Cobra" geht beispielsweise auf die Arbeit mit Stickle zurück.

Dennoch werden die Verträge nicht verlängert. Stickles und Chakuzas EGJ-Engagement endet 2010. Auch von Künstlerseite gibt es offenbar keine Bestrebungen die Zusammenarbeit fortzusetzen. Es sei "irgendwo eine logische Konsequenz" gewesen, dass man getrennte Wege geht, erklärt Chakuza bei uns zu jener Zeit in einem Kurz-Interview. Zwischenzeitlich ist übrigens ebenso ein gewisser RAF Camora Teil der Beatlefield-Crew, zu deren festem Kern darüber hinaus PR-Berater Hamadi gehört.

Übermäßige Nebengeräusche, wie sie in der jüngeren Vergangenheit zum Standard wurden, sind beim damaligen Abschied aus dem EGJ-Lager nicht zu vernehmen. Das wirkt geradezu stellvertretend für Stickles Karriere im Allgemeinen. Er scheint immer dort zu sein, wo etwas Großes entsteht, aber macht sich nicht viel aus dem einsetzenden Rampenlicht. Gelegenheiten zum Abheben liefert sein Werdegang im Überfluss.

Prägender Sound: Stickles Arbeit mit Casper & Yung Hurn

Nach der EGJ-Phase ist Stickle an einer Platte beteiligt, die im Nachhinein als Game-Changer für Deutschrap eingeordnet werden kann. Caspers "XOXO" vereint Indie-Gitarren und große Gesten, ohne an die Holzhammer-Crossover-Welle um die 2000er zu erinnern. Stickle ist Teil des Producer-Teams des Albums, welches Rapfans und das Feuilleton gleichermaßen für sich vereinnahmt. Die Magie entsteht im Beatlefield Studio in Kreuzberg, das als die Krabbe in Erinnerung bleiben sollte. Stickle und Casper finden zusammen, da sich Letzterer nach seinem Berlin-Umzug neu ausrichtet. Bei einem Studioreport sagt Casper:

"Und dann hab ich halt Stickle kennengelernt, weil ich 'nen DJ gesucht hab für meine Live-Show, als wir auf Band umgestellt haben."

Auch Chakuzas Soloalbum "Magnolia", das musikalisch einen ähnlichen Spagat versucht, ist mit Stickles Sound-Vision verknüpft. Bei der Auftaktsingle "Ascheregen" zum folgenden Casper-Album "Hinterland" hat Stickle neben Konstantin Gropper und Markus Ganter ebenfalls seine Finger im Spiel. Doch dieser Übergang von allerlei ersguterjunge-Produktionen zu Caspers Indie-Boombast ist für den Linzer nicht das Ende einer musikalischen Reise. Er scheint sich einfach treiben zu lassen. Dabei landet er auch mal mit Schauspielstar Matthias Schweighöfer im Tonstudio. Das Resultat ist der Popsong "Fliegen", der im Zusammenhang mit dem Kinofilm "Der Nanny" veröffentlicht wird.

In den folgenden Jahren taucht Stickle permanent an der Seite von Yung Hurn (diesen Artist auf Apple Music streamen) auf. Das komplette Album "1220" des Wiener Süßgotts ist von Stickle produziert. Wie er am Rande eines Konzerts die Fertigstellung der Platte beschreibt, stellt man sich die Arbeit mit Yung Hurn ungefähr auch vor:

"Es hat tatsächlich eine gewisse Zeit gedauert, bis wir in Fahrt gekommen sind. Am Anfang war es ein wenig undefiniert und wir wussten nicht, ob wir schon am richtigen Weg zum Album sind und ob es was wird. Dann ging es aber auf einmal ziemlich schnell und das Ding war fertig."

Sogar House im Retro-Stil zählt zu Stickles Repertoire. Den Track "Popo" produziert er zusammen mit Yung Hurn. Die Vibes mit dem Landsmann stimmen augenscheinlich. Auch dessen Alter Ego K. Ronaldo wird für Rave-Ausflüge von Stickle versorgt. Es erklärt sich fast von selbst, dass Stickle zu den Mitbegründern der Love Hotel Band gehört.

Dass der Linzer gewissermaßen als Verbindungsglied zwischen Bushido und Yung Hurn funktioniert, wirkt im Nachhinein regelrecht absurd. Sein Faible für experimentelle Sounds und Elektro lässt sich jedoch schon früh erahnen. In einem alten Interview auf Rap-As.com auf seine musikalischen Vorlieben angesprochen, sagt er: "Durch die Bank. Ich höre sehr viele Elektro-Sachen in letzter Zeit. Sachen, wo Rapmucke kombiniert ist, mit Elektrosachen."

Apache 207, Pashanim & Co: Stickle macht die Hits

Auf der Erfolgsleiter geht es in der jüngsten Vergangenheit weiter steil bergauf. Mindestens mit "200 km/h" – kannste Apache 207 fragen. Mit dem Überflieger der letzten Jahre connectet Stickle gleich mehrfach für gemeinsame Tracks. Auf "Boot" oder "Nicht wie du" bedient er dabei ganz unterschiedliche künstlerische Facetten des Hitgiganten. Hier gilt erneut: Der so vielseitige Producer ist bereits vor dem großen Hype am Start.

Der Song des Jahres 2020 bei den Hiphop.de Awards geht ebenfalls mit einem Stickle-Beat einher. "Airwaves" sowie der kaum weniger populäre Pashanim-Track "Hauseingang" gehen aufs Konto des österreichischen Producers. Er scheint immer dort aktiv zu sein, wo sich gerade etwas zusammenbraut. Nebenher schüttelt er stilsicheren Rap-Pop aus Ärmel. "2012" von Bausa und Juju: ein Stickle-Beat. Der Werdegang des Musikers ist von jeder Menge richtigen Entscheidungen und einem ausgeprägten Gespür für das nächste große Ding gepflastert.

Es wirkt folgerichtig, dass Stickle nun von sich aus aufstrebenden Künstler*innen die Möglichkeit eröffnet, mit ihm am Sound der Zukunft zu arbeiten. Zur Gründung des Label Joint Ventures November Eleven mit Four Music erklärt er:

"Ich freue mich sehr darauf, zusätzlich zu meiner bisherigen Rolle als Produzent spannende Newcomer ab sofort auch als Creative Director gemeinsam mit dem Team von Four Music beim Aufbau ihrer Karriere unterstützen und fördern zu können."

Mit Nikan hat Stickle bereits den ersten Artist unter seine Fittiche genommen. Ob dieser Stickle eigenhändig ein Demotape übergeben hat oder einen ganz anderen Weg wählte, ist nicht überliefert.

nikan - Northface [Video]

Der Düsseldorfer Newcomer nikan ahnt "Northface". Dazu droppt er locker Ansagen: "Ich will Schmuck auf meinem Zahn und ne Baddie nachts im Arm". Der hypnotische Beat wurde von Stickle und Andrewextendo produziert. nikans ""All In / Plan A""-EP soll im Frühjahr erscheinen.


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