Aufwachsen im Kinderheim, Anonymität & Deutschrap-Features – 1986zig im Interview
1986zig im weißen Hemd und mit schwarzer Maske

 

Vor anderthalb Jahren startete 1986zig mit Covers auf TikTok. In dieser kurzen Zeit schaffte es der Sänger mit der Maske viral zu gehen und sich mittlerweile immer wieder Chartplatzierungen zu sichern. Trotz Anonymität singt 1986zig in Songs wie "Junge" und "Alleine" über Themen wie das Aufwachsen in einem Kinderheim, der Aufenthalt im Gefängnis, seine frühere Drogensucht und das Gefühl von Einsamkeit. Mit der Kombination aus rauen Gefühlen und sanfter Stimme trifft er einen Nerv. Wenig verwunderlich, dass er bereits für sein Debütalbum "Zweite Chance" Feature-Gäste wie Kontra K, Bozza und NGEE sichern konnte. Unsere Redakteurin Christin traf sich mit 1986zig und sprach mit ihm über die Bedeutung seiner Maske, sein neues Album und die Geschichten, die sich dahinter verbergen.

1986zig über seine Anfänge & Deutschrap-Features

Christin: Du hast mit Covers auf TikTok angefangen. Mittlerweile konntest du dir einen Namen machen und hast es in die Charts geschafft. Hast du dir das auch so vorgestellt oder vielleicht sogar gewünscht, dass es nicht so schnell gegangen wäre?

1986zig: Ich glaube, jedes Kind, das gerne gesungen und die Mini Playback-Show geguckt hat (lacht) wünschte sich über Nacht berühmt zu werden. Es ist das Altern, das einem dann langsam die Illusion nimmt. Aber ich habe immer weitergemacht, weil ich daran glaubte. Dennoch habe ich mich auf einen Marathon und keinen Sprint eingestellt. Darauf, dass ich die Treppe und nicht den Aufzug nehmen muss - so kenne ich das auch vom Leben. Von daher war ich dann sehr überrascht, als es für ein paar Stockwerke in den Fahrstuhl ging.

Christin: In der kurzen Zeit hast du auch Props aus der Deutschrap-Welt bekommen. Prinz Pi bezeichnete dich als "einer der krassesten Talente, Sänger und Künstler allgemein". Wie ist das für dich und wie gehst du damit um?

1986zig: Er ist ein Ehrenmann! (Lacht) Ich bin jedes Mal erstaunt, wenn ich so etwas mitbekomme und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Gerade wenn mir Leute schreiben, die 15 bis 20 Jahre Musik machen, dass sie fühlen können, was ich aussagen will. Das berührt mein Herz und lässt mich jedes Mal aufs Neue mit einem Lächeln durch den Tag gehen. 

Christin: Auf deinem Debütalbum "Zweite Chance" sind Feature-Gäste wie Kontra K, Bozza und NGEE vertreten. Wie war die Zusammenarbeit für dich?

1986zig: Ich habe mich auf jeden Fall geehrt gefühlt. Allerdings muss ich auch ganz ehrlich sagen, dass ich absolut unbewandert in dem ganzen Musikbusiness war und ihre Musik vorher nicht wirklich kannte. Bozza war das erste Feature, das ich angefragt habe. Ich arbeite nie aus Marketing-Gründen zusammen, sondern mir ist immer wichtig, dass ich ihre und sie meine Musik fühlen können. Auch bei NGEE konnte ich mich mit den Themen wie Loyalität identifizieren. Und als mir dann die Idee zum Song "Alaska" kam, war mir direkt klar, dass ich den mit NGEE machen will. Keine zwei Stunden später sagte er mir, dass es ihm eine Freude sei, draufzukommen. Ich fühlte mich bei ihren Zusagen sehr geschmeichelt, denn eigentlich hätten sie es aufgrund ihres musikalischen Erfolges gar nicht nötig, mit mir zu arbeiten.

1986zig über sein Debütalbum "Zweite Chance"

Christin: In "Alleine" sagst du: "So viele Menschen und ich stehe mittendrin und alle wollen wissen, wer ich bin/Ich ziehe die Maske tief in mein Gesicht und ich bin ganz alleine". Zudem erklärst du in "Zweite Chance", dass sie dich an deine Zeit allein erinnert. Bist du dadurch zur Maske gekommen?

1986zig: Ich fühle mich schon mein ganzes Leben lang alleine. Und ich glaube, wenn man so aufgewachsen ist wie ich - ohne beide Elternteile - ist das auch normal. Die Idee zur Maske kam durch ein Telefonat mit einem Kumpel, als ich nach einer Möglichkeit suchte, bei meinem ersten Song "Einer von Euch" den Fokus nur auf die Musik zu legen. Ich wollte den Leuten meine Geschichte vor Augen führen, ohne Beleidigungen, anzügliche Texte oder der Erklärung, dass ich fünf Jahre im Gefängnis war. Ich wollte jemand sein, der eine Maske trägt, aus dieser Welt kommt, aber versucht das Gegenteil in seiner Musik zu vermitteln.

Christin: Dir ist Anonymität sehr wichtig. Gleichzeitig sprichst du in dem Titelsong "Zweite Chance" über deinen Aufenthalt im Kinderheim und im Gefängnis, deine Drogensucht und deine Tochter. Wie lassen sich diese persönlichen Infos mit der Anonymität vereinbaren?

1986zig: Mir war es wichtig, den Menschen zu erklären, wer ich bin und wo ich herkomme. Ich sage nicht nur, dass ich einer von ihnen bin, sondern es ist auch so. Ich bin groß geworden wie der Großteil der Bevölkerung, nicht wie die 10 Prozent, denen es besonders gut geht – auch wenn es ihnen gegönnt sei. Es gab viele Kommentare darüber, dass ich bestimmt irgendein Songwriter sei, der sich jetzt eine Maske aufsetzt und einen auf gefährlich macht. Aber ich bin das nicht und möchte das auch nicht vermitteln. Ich will den Menschen zeigen, dass eine zweite Chance immer möglich ist. Diese Informationen enthüllen auch nicht meine Anonymität.

Christin: Die Einsamkeit ist ein präsentes Thema auf dem Album. In "Einer von euch" sagst du dazu: "Und ich bin am liebsten da, wo niemand wohnt/ich wollt’ schon immer jemand anders sein/vielleicht jemand, bei dem andere bleiben". Ein Gefühl, das sehr viele prägt: Die Ambivalenz zwischen allein sein wollen und darunter leiden. Was hat dich zu dem Track inspiriert?

1986zig: Ich war schon immer von vielen Menschen umgeben und hatte das Gefühl, das auch zu müssen. Wenn man in Heimen und Pflegegroßstellen aber nicht bei der leiblichen Familie aufwächst, wird man sich immer ein wenig alleine fühlen. Freunde sind da kein Familienersatz, weil sie einem nicht dasselbe Gefühl von Liebe vermitteln können. Auch der größte Erfolg hilft einem dabei nicht weiter. Ich glaube, dass Social Media heute die Leute vereinsamen lässt, weil sie glauben, dass dadurch viele Menschen um sie herum sind. Aber legt man das Handy weg, ist man mit seinen Gedanken alleine in der Wohnung. Da ist niemand, der dir ein Like gibt. Eine Nachricht wie "Kopf hoch, das stehen wir zusammen durch" lässt sich leichter schreiben als in der Realität zeigen.

Christin: Fast jeder hat eine Vorstellung von Kinderheimen und wie es ist, darin aufzuwachsen, gleichzeitig hat man dann doch überhaupt keine. Wie würdest du diese Erfahrung in deinem Leben beschreiben und inwiefern hat sie vielleicht zu der heutigen Persönlichkeit von 1986zig beigetragen?

1986zig: In Einrichtungen groß zu werden, in denen sich Menschen befinden, die abgegeben worden sind, weil man sie nicht wollte, macht etwas mit einem – vor allem im heranwachsenden Alter. Die Vorstellung, dass man dadurch härter wird, stimmt klar, weil man dadurch abstumpft. Dennoch glaube ich, dass es nie für einen Menschen gesund sein kann, nicht bei seinen richtigen Eltern aufzuwachsen und dadurch nicht das natürlichste der Welt zu bekommen: Liebe. Es ist ein zweischneidiges Schwert, weil es auch Einrichtungen gibt, die sich gut um die Kinder sorgen und ihnen zu einer besseren Zukunft verhelfen. Auch in meinem Fall war das so. Der Aufenthalt dort hat mich geprägt und zu dem werden lassen, der ich heute bin. Ohne diese Erfahrung würde ich wahrscheinlich heute nicht hier sitzen, über diesen Schmerz singen und damit anderen Menschen bisschen helfen können. Aber generell mit dem Gefühl aufzuwachsen, abgeschoben worden zu sein, ist nichts Gesundes für die Seele eines Menschen. Und das wünsche ich niemandem. 

Christin: Du sprichst auf deinem Album über deine Vergangenheit und Gegenwart. Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

1986zig: Ich sehe meine Tochter gesund, glücklich und zufrieden. Sie soll ein unbeschwertes Leben führen, so eines wie ihr Papa nie hatte. Absolut befreit von jeglichen Sorgen und Nöten, die zum Teil natürlich auch dazugehören. Aber alles Vermeidbare möchte ich für sie schultern und ihr abnehmen. Dafür arbeite ich so lange, wie ich früher in der Zelle saß: 23 Stunden am Tag.

Hier könnt ihr in 1986zigs neues Album "Zweite Chance" reinhören:

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