Ali As über "Amnesia", Deluxe Records & Ghostwriting (Interview)

 

Lange, bevor Kollegah mit King so viel Edelmetal abräumte, dass es mittlerweile über dem heimischen Kaminsims eng werden dürfte, und bevor Shindy den Geschlechtsakt so ästhetisch in Reime verpackte, dass wohl selbst überzeugte Feministinnen ein leichtes Kribbeln im Bauch verspüren könnten, rappte sich Ali As, technisch wohl auf einem Level mit diesen beiden Herren, mit komplexesten Wie-Vergleichen in die Herzen einer überschaubaren Fan-Gemeinde. Betrachtet man die Fertigkeiten der hier genannten Interpreten verwundert es, dass zwischen deren Verkaufszahlen eine solch auffällige Diskrepanz herrscht – man höre sich nur mal seinen aktuellen Track auf der Juice-CD an, der die Technik des Spittens auf die nächste Ebene hievt.

Über seine Anerkennung in der Rap-Szene, seine Wurzeln und seinen lukrativen Nebenverdienst haben wir uns mit Ali As unterhalten, der am 9. Januar 2014 sein neues Album Amnesia veröffentlicht.

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Dein ehemaliger Label-Chef Samy Deluxe veröffentlichte vor kurzem sein viel diskutiertes Werk Gute Alte Zeit. Hast du dieses wahrgenommen und wie beurteilst du dessen künstlerische Entwicklung?

Ganz angehört habe ich mir das Tape nicht. Ich habe allerdings, wie auch sonst immer, die knapp einminütigen Previews auf iTunes ausgecheckt und auch in die Single reingehört. So mache ich das auch sonst immer, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Hätte ich es zu einer Aufnahme-Session im Sommer geschafft, wäre ich wohl selbst auch drauf gewesen. Das hat sich leider zeitlich nicht ergeben. Der Song Hard Times hat mir persönlich gut gefallen. Von der Diskussion habe ich nicht wirklich was mitbekommen.

Wo wir gerade über gute alte Zeiten sprechen, verfolgst du die Entwicklung deiner ehemaligen Label-Kollegen Snaga und Tua und wie ordnest du diese ein?

Du sprichst lustigerweise genau die beiden Rapper an, bei denen mich interessiert, was da musikalisch passiert. Mit Tua telefoniere ich ab und zu und ich bin natürlich immer wahnsinnig gespannt darauf, was da in Zukunft musikalisch passiert. Bei Snaga habe ich letztens lediglich gelesen, dass er Snaga fickt Deutschland 2 bringen wird. Zu dem Thema hatten wir auch vor zwei Jahren mal eine Twitter-Petition gestartet, um Snaga zum Comeback zu zwingen.

Dann bist du wohl der heimliche Initiator des Snaga-Comebacks!

(Lacht) Ich könnte mich jetzt ganz ekelhaft so darstellen, aber ich denke nicht, dass Snaga da von mir beeinflusst wurde. Ich glaube, da haben viele drauf gewartet und jetzt war einfach die richtige Zeit. Snaga fickt Deutschland 2 werde ich mir aber auf jeden Fall mal reingönnen und bei einer schönen Rhabarberschorle genießen.

Manuellsen kritisierte jüngst, dass ihm von Deluxe Records-Seite Vorschriften bezüglich seiner Featurepartner und seiner musikalischen Ausrichtung gemacht wurden. Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht und wie beurteilst du diesen Umstand?

Manuels Situation habe ich nicht mitbekommen, da wir ja räumlich alle voneinander getrennt waren und man dann doch nicht in alles involviert war. Grundsätzlich ist es aber wichtig für jeden Künstler, dass er sich musikalisch ausleben kann und das machen darf, worauf er letztlich Bock hat. Es kann natürlich sein, dass man wahnsinnig überzeugt von einem Konzept und einem Song ist und dann das Label in der Absicht zu helfen sagt, dass der Song nicht das ist, was Fans vom entsprechenden Künstler erwarten. So kommen solche Situationen natürlich schnell zustande. Ich persönlich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt und mache mir dementsprechend keinerlei Gedanken zu meiner damaligen Situation. An sich war es für mich damals ein cooles Sprungbrett und eine Chance, Abläufe kennenzulernen. Mein Fokus liegt aber nicht in der Vergangenheit.

Dann lass doch gemeinsam auf deine jetzige Situation schauen. Du bist nun bei Embassy of Music gesignt, wo auch Kay One und Rockstah unter Vertrag stehen. Du warst ja eigentlich bereits auf dem Sprung in ein anderes Vertragsverhältnis. Was hat letztlich den Ausschlag für Embassy of Music gegeben?

Das war eigentlich für mich in meiner Situation das Schlauste. Ich hatte einige Möglichkeiten und habe dann überlegt, was für mich das Coolste wäre. Für mich war das Wichtigste, dass ich machen kann, was ich will und ich die Musik machen kann, die ich möchte. Ich möchte nicht, dass mir reingeredet wird und ich mit den Leuten arbeiten kann, mit denen ich möchte. Ich habe Visionen und möchte die ausleben. Egal, wie behindert die dann für manche sind. Diese Sicherheit habe ich nun. Ich hab' ein cooles Team sowohl beim Label als auch im direkten Umfeld mit den Produzenten ELI, David Ruoff, Max Gain, den 100BlackDolphins, die Artwork und Videos machen, und somit jetzt die nötige Infrastruktur und die Möglichkeit, fette Videos zu drehen und ein geiles Artwork zu bekommen. Bei Embassy habe ich alle Freiheiten.

Wäre das bei Warner nicht der Fall gewesen?

Ehrlich gesagt nicht. Die waren nicht wirklich begeistert von dem, was ich vorhatte. Ich stand dort damals mit meiner Band Kellerkommando unter Vertrag, die für mich eher eine Art Experiment war, das eben letztlich nicht funktioniert hat. Ich habe denen gesagt: "Sorry, so läuft das nicht und unter den Umständen bin ich raus." Im Zuge dessen war es dann irgendwie klar, dass mein nächstes Album auch nicht über Warner erscheinen wird. Wobei das nicht ganz richtig ist, da mein Album ja im Vertrieb bei Warner ist.

Das irritiert etwas, da du in vergangenen Interviews noch recht euphorisch über deine Kellerkommando-Zeit und ein mögliches Signing bei Warner gesprochen hast.

Das war auch damals auf jeden Fall so aber du weißt ja, wie sich Dinge entwickeln können. Musik ist ein wahnsinnig schnelllebiges Ding und Leute, die heute noch wahnsinnig interessiert sind, sind am nächsten Tag eben nicht mehr so begeistert. Du kannst nicht viel auf Versprechungen geben. Ich passe mich immer den Umständen an und deshalb sind solche Sachen dann ganz schnell wieder gedanklich vom Tisch. Bei den letzten Gesprächen wurden mir dann auch Dinge gesagt wie: "Joa, wir finden das ja eigentlich schon cool, aber wir wissen jetzt auch nicht genau, was wir damit machen sollen."

Sind diese Unstimmigkeiten auch der Grund dafür, dass dein Album nun mit knapp anderthalbjähriger Verspätung erscheint?

Nee, lustigerweise habe ich in meinen früheren Interviews immer von einem völlig anderen Album gesprochen, das mittlerweile auch quasi fertig ist. Ich habe nun also fast zwei fertige Alben, habe das aber gedanklich erstmal zurückgestellt. Es war für mich einfach im Augenblick logischer, zunächst ein anderes Album rauszubringen, das eben nahtlos an meine EP anknüpft. Rapper sind häufig anfällig dafür, Dinge viel zu schnell anzukündigen. Ganz nach dem Motto: "Ich habe heute einen Song gemacht, morgen kann ich das Video drehen, also kommt mein Album dann übermorgen." Häufig ist dann aber wieder Detox-Stille.

Worin liegt der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Alben, die du im Augenblick fertig hast?

Das chronologisch erste Album ist eher ein bisschen unter dem Radar. Das sind einfach richtige Songs, die nicht wirklich auf spitten und so weiter ausgelegt sind. Das hat aber auf der EP noch stattgefunden und wird auch auf dem nun erscheinenden Album eine Rolle spielen. Ich wollte meine Fans hier nicht direkt ins kalte Wasser werfen. Auf dem Album sind Songs, die komplett losgelöst von irgendwelchen Trends auch noch in zwei Jahren funktionieren werden. Der Titel meines kommenden Albums wird Amnesia lauten. Das zuvor angekündigte Rebellen auf Standby liegt unter Verschluss im Studio und erscheint danach.

Amnesia ist trotz deiner langen Karriere dein erst zweites Soloalbum und obwohl du immer einer der wohl technisch stärksten Rapper der Republik warst, blieb der ganz große Durchbruch noch aus.

Ach, die ganz großen Erfolge hole ich für die Leute, für die ich die Texte schreibe.

Du schreibst Texte für andere? Konnten Künstler mit deinen Texten bereits Edelmetall abräumen?

Durchaus, durchaus, aber das war sicherlich nicht die Frage, auf die du abgezielt hast. Amnesia ist erst mein zweites Soloalbum. Andere Künstler haben einfach über die Jahre deutlich mehr rausgebracht als ich. Ich hab' dann eben mal 1000 Bars for free rausgehauen. Das sind alles Dinge, die man hätte besser machen können, um permanent im Gespräch zu bleiben. Hätte ich kontinuierlicher releast, wäre auch mehr gegangen. Letztlich bin ich da Schuld dran. Ich hab auch einfach viel für andere geschrieben und Zeit investiert. Mit dieser Arbeit habe ich mir dann den Luxus geschaffen, ganz entspannt Mucke machen zu können und dennoch abgesichert zu sein.

Insbesondere unter Rappern ist ja Ghostwriting nach wie vor ein eher heikles Thema.

Ja, da Rapper natürlich immer gerne von sich sagen, dass sie ihre Texte selbst bei Kerzenschein verfasst haben. Das ist aber eher ein deutsches Ding. In den Staaten interessiert es die Leute nicht groß, ob Puffy seine Lyrics selbst geschrieben hat. Der bringt es einfach cool rüber und hat den Kontostand, der seine Inhalte rechtfertigt. Für die Fans hier in Deutschland ist immer die Illusion wichtig, dass jeder Rapper alles, was er aufschreibt, wirklich selbst erlebt hat. Ich würde das auch selbst nicht in Anspruch nehmen wollen. Megaloh hat ja auch mal gesagt, dass Hiphop die einzige Mucke sei, in der man das, was man sage, auch verkörpern müsse. Für mich selbst schreibe ich auch als wäre ich mein eigener Ghostwriter, indem ich mir vorher aus der Beobachterperspektive überlege, was genau ich den Leuten mitteilen möchte und was ich den Leuten mitgeben sollte. Das hilft auf jeden Fall dabei, die Sachen auf den Punkt zu bringen.

Und was sollte Ali As den Leuten mitgeben?

Du, das habe ich mittlerweile auf drei Schlagworte runtergebrochen: Prolet, Poet und Prophet. Meine Texte lassen sich immer zwischen diesen Punkten einordnen. Manchmal passen auch alle drei in einen Song. Beispielsweise wenn ein poetischer Prolet Prophetenkundgebungen abhält. Was genau der Prophet Ali As verkündet, kannst du dann letztlich auf Amnesia hören. Auch visuell versuche ich das umzusetzen, um letztlich ein komplett rundes Bild zu bekommen.

Welche Ziele hast du dir mit Amnesia gesetzt?

Ich möchte in erster Linie, dass es weitergeht und größer wird. Das ist für mich das Wichtigste. Diese Garantie kommt natürlich auch über Verkaufszahlen. Mir wird auch nicht mehr passieren, dass man länger nichts von mir hören wird. Und keine spontanen Ankündigungen mehr!

Es hat also eine Entwicklung stattgefunden!

(Lacht) Ja, das wird mir nicht mehr passieren! Ich kann dir auch genau sagen, was am jetzigen Album so lange gedauert hat. Es bringt dir nämlich nichts, wenn du das geilste Album der Welt gemacht hast und dann ein schlechtes Video dazu drehst und ein hässliches Artwork verwendest. Da brauchst du einfach auch die richtigen Leute für. Die müssen deine Vision verstehen.  Im besten Fall kann man die Vision auf einen Comic Character runterbrechen. Als Comicfigur wäre ich wohl der broke Bruce Wayne. Ein Mensch ohne Superkräfte, der dennoch das Beste aus seiner Situation macht und am Ballen ist. 

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Interview: Marc Schleichert
Foto: Ali As