11 Fragen an die Gründerinnen von Deutschrapmetoo

 

Triggerwarnung: Im Folgenden wird sexualisierte Gewalt thematisiert.

Die gesellschaftliche Debatte um sexualisierte Gewalt ist im Deutschrap angekommen. Songs werden zurückgezogen, Texte offenbar abgeändert und um die Deutungshoheit gerungen. Inmitten dieses Aufschreis hat sich mit #deutschrapmetoo ein Hashtag etabliert. Ebenfalls ist ein namensgleicher Instagram-Account an den Start gegangen, der rasanten Zulauf erfährt. Das Bedürfnis nach Veränderung und Aufklärung scheint stärker denn je.

Der aktuelle Fall rund um alte Videoaufnahmen mit Bushido macht einmal mehr deutlich, dass es sich hier um ein strukturelles Problem handelt. Deutschrapmetoo bündelt Berichte von Betroffenen und legt dabei offen, was sonst im Verborgenen bleibt. Die Gründerinnen der Plattform haben uns zu ihrer Rolle in der aktuellen Debatte ein paar Fragen beantwortet.

1. Euer ins Leben gerufene Instagram-Account zur aktuellen Deutschrapmetoo-Debatte hat binnen einer Woche über 20.000 Follower*innen gewonnen. Wer steckt hinter Account deutschrapmetoo bzw. dem Rantallmoos-Kollektiv?

DRMT: Wir sind eine kleine Gruppe betroffener Frauen. Die Initiative soll langfristig bestehen, zu unserer eigenen Sicherheit bleiben wir anonym.

2. Wie würdet ihr euch selbst definieren?

Als eine Initiative, die versucht, Veränderungen voranzutreiben und aktiv Verantwortung übernimmt und andere zur Nutzung der bestehenden Verantwortung bringen möchte. Wir wollen Betroffene dabei unterstützen, ihre Erlebnisse öffentlich machen zu können, ohne sich dabei selbst zu gefährden. Außerdem wollen wir Betroffene vernetzen, damit sie gegebenenfalls gemeinsam weitere (rechtliche) Schritte gehen können, bei welchen wir sie unterstützen.

3. Wie ist euer persönliches Verhältnis zu Deutschrap?

Wir hören Deutschrap.

4. Schon vor #deutschrapmetoo wart ihr auf Twitter zu dem Thema aktiv. Was hat sich durch die aktuelle Debatte für euch alles verändert?

Wir haben uns eine öffentliche Debatte zu der Thematik schon länger gewünscht. Der öffentliche Diskurs MUSS strukturelle Macht- und Differenzverhältnisse beleuchten. Wir sind froh, einen Teil dazu beitragen zu können. Dies ist jedoch erst der Anfang und es darf auf keinen Fall bei einem kurzen Aufschrei bleiben. Es fängt jetzt bei Deutschrap an, ähnliche Initiativen wie unsere existieren aber kaum. Der Diskurs muss ausgeweitet werden und auch auf andere Bereiche eingehen.

5. Woran glaubt ihr, liegt es, dass es jetzt zu einem solchen Aufschrei kommt? Vergleichbare Vorwürfe existieren ja schon länger.

Die Vorwürfe gegen Samra sind präsent und werden medial viel diskutiert. Diesen kurzen Moment der Empörung haben wir für das genutzt, was wir sowieso gemacht haben, im kleineren Rahmen. Das mediale Interesse nutzen wir nun weiterhin, um deutlich zu machen, dass langfristige Veränderungen unabdingbar sind.


6. Was macht es mit euch mit all diesen persönlichen Geschichten konfrontiert zu werden? Wie verarbeitet ihr diese Nachrichten, die an euch herangetragen werden?

Sich mit Thematiken wie sexualisierter Gewalt zu befassen ist immer schmerzhaft und macht uns auch oft sehr wütend. Viele Betroffene spielen ihre Erlebnisse runter, weil sie wissen, wie verbreitet es ist, Erfahrungen dieser Art zu machen.

Wir stehen in Kontakt mit Psycholog*innen, die nicht nur anbieten, mit den Betroffenen, die sich bei uns melden zu sprechen, sondern auch uns Supervisionen anbieten. Letztendlich steht für uns die Verantwortung und das dringende Bedürfnis, bestehende patriarchale Strukturen umzuwerfen im Vordergrund.

7. Erfahrt ihr auch Gegenwind seit ihr den Insta-Account gestartet habt?

Wir erfahren vor allem Dankbarkeit und Erleichterung, merken immer wieder, wie sehr Initiativen wie unsere gebraucht werden. Natürlich stellen wir für viele Menschen gerade eine Gefahr dar und erleben auch Bedrohungen. Wir wollen die Namen der Täter veröffentlichen, weshalb wir gerade als Angstinstrument fungieren. Das wird eine Liste, auf der niemand stehen möchte.

8. Wie nehmt ihr die mediale Berichterstattung rund um das Thema wahr?

Uns ist bewusst, dass sich die Presse gerade um das Thema reißt und wir kriegen extrem viele Anfragen. Die Berichterstattung dreht sich viel um einzelne Fälle, wichtig sind aber auch die Strukturen dahinter und die Quantität von sexuellen Übergriffen. Dies muss weiter in den Fokus gerückt werden.

9. Für wie sexistisch haltet ihr Deutschrap?

Wir halten die gesamte Gesellschaft für extrem sexistisch und gefährlich für weiblich gelesene Personen. Deutschrap ist natürlich ein Teil davon und ein Bereich von vielen, in welchem Frauen, Inter, trans und nicht-binäre Personen unterrepräsentiert sind. Frauenfeindlichkeit darf kein Stilmittel sein und gehört auch nicht zur Kunstfreiheit.

10. Wie sieht eure Arbeit bei Deutschrapmetoo in der nächsten Zeit aus?

Im Vordergrund stehen die Erlebnisse der betroffenen Personen, die sich bei uns melden. Wir haben den Anspruch, ihnen gerecht zu werden und so sensibel wie möglich zu agieren. Uns ist es wichtig, ihre Erlebnisse nach und nach zu veröffentlichen und Vernetzungen möglich zu machen. Unser Ziel ist es, dass alle Taten Konsequenzen für die Verantwortlichen mit sich ziehen. Wir wollen Namen veröffentlichen und erreichen, dass Debatten um sexualisierte Gewalt langfristig und angemessen geführt werden. Wir wollen dazu beitragen, dass betroffene Personen nicht länger diffamiert werden, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen.

Außerdem bauen wir Konzepte auf, um Sensibilisierung- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Es muss ein Kollektivbewusstsein für sexistische Strukturen gebildet werden.

Wir arbeiten an Plänen für die langfristige Etablierung von Konzepten zur Prävention von sexualisierter Gewalt, vor allem in der Veranstaltungsbranche.

11. Was muss sich in der Deutschrap-Szene ändern, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen?

Vieles wäre nicht passiert, wenn Personen(gruppen) nicht weggeguckt hätten. Alle Menschen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Wir können und dürfen die bestehenden Verhältnisse nicht länger tolerieren.

Achtet aufeinander, akzeptiert keine sexistischen Kommentare oder Handlungen von Freunden oder Bekannten, positioniert euch. Glaubt Betroffenen, seid sensibel und hört ihnen zu. Gebt Leuten Raum, die unterrepräsentiert sind. Nehmt euch ein bisschen zurück und hinterfragt eure Privilegien. Überdenkt eure internalisierte Misogynie (frauenfeindliche Ansichten und Verhaltensweisen, die sich meist unterbewusst im Laufe des Lebens angeeignet werden ; Anm. d. Red.). Benutzt keine frauenverachtenden Texte und schreibt keine neuen. Fasst niemanden ungefragt an und seid keine sexistischen A****löcher!

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