Whole World Watchin': Kendrick Lamar setzt einmal mehr neue Maßstäbe

Einige warme Tage sind ins Land gezogen und der Frühlingsanfang liegt in greifbarer Nähe. Aber momentan fühlt sich jeder aktive Rapper mit einer relevanten Karriere wie im tiefsten Winter – ein bisschen wie nach Control, mal 100. King Kendrick Lamar katapultiert Rap-Verständnis in neue Sphären. Sophomore-Fluch? Release-Panne? Shake it off. K-Dot hat es wieder geschafft: Social Media, Rapexperten und -Fans sind sich einig. To Pimp A Butterfly ist gut, verdammt gut. Irgendwo zwischen "seiner Zeit voraus" und "Klassiker" wird es sich in einigen Jahren wiederfinden. Musikalisch genießt es die detaillierte Verrücktheit von My Beautiful Dark Twisted Fantasy und Aquemini mit einer Prise Mothership Connection und Electric Ladyland. Lyrisch findet es in Illmatic und Me Against The World seine Gegner. Versteht sich von selbst, welch Komplexität hier aufeinander stößt.

Es lässt das Herz ein bisschen hüpfen, wenn man morgens mit einem frischen Kendrick Lamar-Album aufsteht. Das am heißesten erwartete Album des Jahres"genreübergreifend" ist hier keine hiphop’sche Arroganz, der Mann ist nicht umsonst auf dem Cover des Rolling Stones – feierte ganz still und leise sein Release auf iTunes. Eine Woche früher als geplant. Hätte Labelchef Top Dawg sich mit dem Ärgernis unter Kontrolle gehalten, würde man denken, es sei die nächste Stufe des Beyoncé-Drake-Moves. Wichtiger ist aber, dass es völlig schnuppe ist. Ausnahmsweise ist die Musik Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Wie gut, dass es vor der Veröffentlichung des Albums lediglich i, King Kunta und The Blacker The Berry als Vorgeschmack auf den Teller gab. Alle anderen Tracks hätten in etwa so gewirkt, wie mit einem 400g-Steak das 7-Gänge-Menü zu beginnen. Zu versuchen, das Klangbild von To Pimp A Butterfly in ein paar niedergeschriebenen Zeilen auseinanderzunehmen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Daran werden Musikwissenschaftler in den nächsten Jahren sicher viel Recherche und Mühe aufbringen. To Pimp A Butterfly ist eine Herausforderung für seinen aufmerksamen Hörer. Wer es schafft, durch Samples von James Brown, Ahmad Lewis und Sufjan Stevens ans Ziel zu navigieren, hat noch einiges an Textverständnisarbeit zu verrichten. Bitte mitbringen: Gute Laune, Konzentration und am besten Hintergrundwissen über afroamerikanische Identität und dessen geschichtlichen Verlauf im Land der unbegrenzten Möglich- und Ungerechtigkeiten. Was Kendricks Herangehensweise an das Thema einzigartig macht, ist das Selbstverständnis, auch über innerkulturelle Probleme der afroamerikanischen Gemeinschaft zu sprechen und nicht über Albumlänge den schwarzen Peter den "straight white men" zuzuschieben. Statt der Welt wie Kanye West über eine einzige Bassline und distorted Synthies den Mittelfinger zu zeigen, bewahrt Kendrick kühlen Kopf beim Betrachten von tiefsitzenden sozio-kulturellen Verabscheulichkeiten, die in Zeiten von Eric Garner nicht weniger relevant sind als im 18. Jahrhundert

Dass K-Dot sich nicht darauf einlässt, in die Rolle vom unkontrollierbar wütenden Schwarzen gesteckt zu werden, öffnet Pforten, die jeden Unschlüssigen aufhorchen lassen sollten: Die Credits von To Pimp A Butterfly strotzen nur vor Legenden wie Ronald Isley, Funk-Revolutionär George Clinton oder Snoop Dogg. Das etwas unheimliche Tupac-Interview zum Abschluss ist noch das letzte i-Tüpfelchen, das dieses Album braucht, um alle Komponenten mitzubringen, eines Tages als Klassiker zu gelten. Noch ist es zu früh. To Pimp A Butterfly muss die Zeiten überdauern. Momentan kratzt es bei Metacritic aber schon an der 100-Punkte-Bewertung und das soll was heißen. Album des Jahres? Darum geht es hier schon lange nicht mehr. Kendrick misst sich nicht an den Big Seans und J. Coles, sondern zielt auf die Schublade mit What’s Going On? ab.

Wenn good kid, m.A.A.d city ein selbsternannter Shortfilm war, dann ist sein Nachfolger ein faszinierendes Spike Lee-Drama mit Überlänge. Inklusive Pac-prophezeitem Blutbad, Diskussionen und Rechtfertigungen. Selten hat ein Projekt mit solch breiter Erwartung aus dem Mainstream jene mit Leichtigkeit übertroffen und die wohl unkommerziellste Richtung gewählt. Kendrick Lamar gibt ihnen, was sie brauchen. Nicht, was sie wollen. Danke.

Aria Nejati

Autoreninfo

Aria Nejati ist seit 2013 Teil des Hiphop.de-Teams. Als Chef des US-Ressorts interviewte er schon Größen wie 50 Cent und Ice Cube. Montags erscheint seine eigene Show On Point. Außerdem schreibt er für die deutsche GQ.

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Kommentare

Wenn in den credits für einen Song mehrere angegeben sind als nur Kendrick heißt das, dass er den Song nicht selbst geschrieben hat?

Hervorragend auf den Punkt gebracht Aria! Sogar Freudentränen gab's als man zum Schluss feststellen musste, dass auf dem Album nicht ein einziges Trap-Element existiert.

Vielen Dank!

Wie ignorant oder wie schlecht informiert muss man sein, wenn man auf dem Album das "Trap-Element" #1 - den 808 Beat - nicht wahrnimmt? Junge, komm Du mir mal nach Hause!

Endlich hat jemand meine Gedanke zu diesem Album in Worte gefasst...Danke!!!

Peace

Sehr guter Artikel Aria, Respekt!

Ich finde es völlig irrsinnig, wenn Leute darüber diskutieren, ob ein anderer oder Kendrick der beste seiner Generation ist. Denn das ist eine maßlose Untertreibung. Kendrick konkurriert nicht mit J. Cole, Big Sean, Logic oder sonst wem, er konkurriert mit Jay-Z, Tupac, Nas, Biggie, Eminem und Ice Cube. Wenn es um die besten aller Zeiten geht, sollte er mit diesen Legenden in einem Atemzug genannt werden! ❤

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Rap & Kampfsport: Die Lieblingsfighter*innen von Eminem, Drake & Co.
UFC

Rap & Kampfsport: Die Lieblingsfighter*innen von Eminem, Drake & Co.

Von Michael Rubach am 10.02.2021 - 16:41

Wer an die Spitze will, muss sich durchschlagen. In dieser Hinsicht haben Kampfsport und Hiphop viel gemeinsam. Doch welche Athlet*innen stehen bei den Rapstars dieser Welt eigentlich hoch im Kurs? Zwischen UFC-Fighter*innen und Box-Legenden: Eminem, Drake, 50 Cent und Co. haben sich in der Vergangenheit immer wieder als Fans der gepflegten Prügelei geoutet.

Drake vergleicht sich mit Nate Diaz

Drakes öffentlicher Support für Conor McGregor lenkt ein bisschen von seinem eigentlichen Favoriten im Oktagon ab. Drizzy hat nämlich viel Liebe für Nate Diaz, wie er Ende 2019 im Rap Radar Interview offenbarte. Der amerikanische Fighter hat nicht die ganz so glanzvollen Statistiken vorzuweisen, aber verkörpert für den "Certified Lover Boy" das Wesen von Kampfsport. Drizzy hat im Beef mit Pusha-T ebenfalls mal kräftig kassiert und sich dennoch nicht aus der Bahn werfen lassen – der Kanadier kann hier eine gewisse Parallele feststellen.

Dr. Dre mit Message an Anthony Joshua

Hiphop-Mogul Dr. Dre ist Fan eines Mannes, der den Boxring bevorzugt. Der Engländer Anthony Joshua ist amtierender Vierfach-Weltmeister im Schwergewicht. Er hält die Gürtel der Verbände WBO, IBF, WBA und IBO. 2012 konnt er sich zum Olympiasieg boxen. Bei einem Video-Call im Vorfeld eines Kampfes gegen Wladimir Klitschko (Sieg Joshua durch technischen K.O.) erklärt Dre den Briten zu seinem Liebling. Die Bewunderung beruht auf Gegenseitigkeit.

Danny Brown ist UFC-Insider

Danny Brown hat eine Vielzahl von UFC-Athlet*innen auf dem Schirm. Den ehemaligen Kickboxer Stephen Thompson feiert der US-Rapper genauso wie Federgewichtler Yair Rodríguez und die Schottin Joanne Calderwood.

Die 34-Jährige ist nicht die einzige Frau, die der Rapper aus Detroit auf dem Schirm hat. Ganz im Gegenteil: Was weibliche UFC-Kämpferinnen angeht, ist Danny Brown total fit. Ob Holly Holm, die sich sowohl beim Boxen als auch beim MMA zur Weltmeisterin krönen konnte, oder Joanna Jędrzejczyk, die früher als Muay-Thai-Kickboxerin aktiv war – Danny Brown ist leidenschaftlicher Beobachter von Kampfsport. Spätestens nach seinem Gespräch bei "Hot Ones" ist das klar (Minute 06:26).

50 Cent trollt & ist doch auch Fan

Dass der Profiboxer und aktueller Weltmeister im Superfedergewicht Gervonta Davis wegen angeblichen Scheckbetrugs in den Schlagzeilen auftauchte, veranlasste 50 Cent Anfang 2020 zu folgender Aussage: "Tank fängt an, mein Lieblingsfighter zu sein." "Tank" ist dabei ein Spitzname von Davis. Diese Einschätzung ist kaum von Fiddys Dauerbeef mit Floyd Mayweather Jr. zu trennen. Gervonta Davis steht zum einen bei Mayweather Promotions unter Vertrag. Zum anderen kann Fifty es auf Instagram bequem so darstellen, als ob der 26-Jährige dem wesentlichen älteren Floyd Mayweather die Frau ausgespannt hätte. Dinge, die ein Supertroll wie 50 Cent zu schätzen weiß. Einem Fight im Ring weicht er hingegen aus – auch wenn Floyd Mayweather prinzipiell bereit wäre.

Um einiges seriöser wirkt die Antwort von 50 Cent in einem Interview bei BoxingInsider:

"Einer meiner Lieblingskämpfer, als ich aufwuchs, war Michael Nunn. Ich mag ebenfalls Pernell Whittaker, Meldrick Taylor und Michael Moorer."

Anfang der Achtziger begann die New Yorker Raplegende sich offenbar intensiver mit dem Boxsport auseinanderzusetzen. Michael Nunns Profilaufbahn startete 1984 – er gewann direkt seine ersten 30 Kämpfe. Er boxte 1998 in Berlin gegen den inzwischen verstorbenen Graciano Rocchigiani. Einer von Fiftys früheren Helden weilt ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden. Pernell Whittaker kam 2019 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Linksausleger Meldrick Taylor holte bei den Olympischen Spielen 1984 die Goldmedaille im Federgewicht. Nicht zuletzt: Michael Moorer. Er könnte für einige auch hierzulande noch ein Begriff sein. 1996 trat er in Dortmund gegen Axel Schulz an und erboxte sich den Weltmeistertitel.

R.A. The Rugged Man interviewt seine Idole

R.A. The Rugged Man hakt gleich persönlich bei seinen Sportidolen nach. Der 1990 in die Box Hall of Fame aufgenommene Bob Forster stand dem US-Rapper bei The Ring Rede und Antwort – und Rugged Man bohrte dabei tief. Ist es wahr, dass Foster in der zehnten Klasse einen Mitschüler ausgeknockt hat? Ja, bei Comic-Heften hörte der Spaß auf. Am 21. November 2015 ist der ehemalige Weltmeister im Halbschwergewicht, der 46 seiner Kämpfe vorzeitig beenden konnte, verstorben. Rugged Man nahm auf Twitter von "einem der Größten" Abschied.

Snoop Dogg hat eine Reihe von Favs

Snoop Dogg ist bei sämtlichen Sportarten ein gern gesehener Gast. Kürzlich bei einem viel beachteten Showkampf von Mike Tyson tat sich die Westcoast-Ikone mit unterhaltsamen Sprüchen hervor. Doch nicht nur Mike Tyson steht bei Snoop hoch im Kurs. Er hat eine ganze Reihe von aktiven Lieblingsfightern. Der in Los Angeles lebende Kasache Gennadi Golowkin hat es ihm beispielsweise angetan.

Darüber hinaus schätzt der Doggfather den ukrainischen Profiboxer Wassyl Lomatschenko, den US-Boy Deontay Wilder und den von Dr. Dre ebenfalls angepriesenen Anthony Joshua. Auch der letzte Boxer, der für die USA bei Olympia Gold erkämpfte, ist bei Snoop auf dem Radar. Andre Ward beendete 2017 mit gerade einmal 33 Jahren seine Karriere. Er blieb über 32 Profikämpfe hinweg ungeschlagen. Snoop eröffnete seine Box-Expertise sichtlich entspannt bei Fighthype.com.

Eminem ist Tyson-Ultra

Eminem ist Kampfsportfan. So feierte sein aktuelles Video zu "Higher" im Rahmen des Fights zwischen Conor McGregor und Dustin Poirier Premiere. Zu Mike Tyson hat der Rap God jedoch eine besondere Verbindung. Nach einem Interview von Slim Shady mit dem 54-jährigen Ex-Schwergewichts-Champion bestand daran kein Zweifel. Eminem brachte im Podcast "Hotboxin'" seine schier grenzenlose Bewunderung für sein Gegenüber zum Ausdruck:

"Du bist wie ein Gott für mich ... Du hast so viel in deinem Leben getan. Es muss so verrückt sein, mit 20 Jahren der Schwergewichts-Champion zu sein."

Auch Iron Mike zollte Eminem tiefsten Respekt und schoss dabei ein bisschen übers Ziel hinaus. So behauptete er, dass Eminem der einzige Weiße sei, der wisse, wie es sich anfühlt, ein N***a zu sein. Dem Video zu "Godzilla" kommt die tiefergehende Connection zwischen den beiden Legenden zugute. Mike Tyson hat dort einen kurzen Auftritt und knockt Slim Shady versehentlich aus.

LL Cool J hat einige "großartige Fighter" auf dem Schirm

Wenn LL Cool J sich die aktuelle Box-Szene anschaut, begeistern ihn gleich mehrere Protagonisten. Diese Ansichten gibt er im Podcast des mexikanischen Box-Champions Abner Mares zum Besten. Devin Haney und Shakur Stevenson zum Beispiel zählen zu seinen Favoriten. Ersterer ist nach 25 Fights noch unbesiegt und hält den Titel im Leichtgewicht (Verband WBC). Shakur Stevenson ist im Federgewicht angesiedelt und ist mit 23 Jahren bereits ein Champion. Ja, er hat den Vornamen tatsächlich wegen 2Pac erhalten. Seine Mutter habe den 1996 ermordeten Künstler geliebt.

LL Cool J achtet nicht nur auf den Punch, sondern auch auf die Arbeit am Boden. Teófimo Andrés López Rivera attestiert er "großartige Beine". Der Boxer aus Brooklyn ist bei gleich drei Verbänden als Weltmeister im Leichtgewicht geführt (IBF, WBA, WBO).

DMX kommt nicht auf alle seine Lieblinge

Dark Man X benennt in einem über zehn Jahre alten Interview genau zwei Boxer, die er besonders fühlt. Zum einen handelt es sich dabei um Zab Judah. Dessen lange Karriere fand ein unvorhergesehenes Ende, nachdem er bei einem Kampf 2019 eine Hirnblutung davontrug. Auch Floyd Maywaether Jr. genießt den Respekt von DMX. Diese beiden Namedrops stehen neben einem dritten Athleten, an den sich der US-Rapper im Moment der Fragestellung nicht erinnern kann.

Beinahe wäre DMX selbst in der Boxhistorie aufgetaucht: Am 12. Dezember 2009 war ein Kampf von ihm gegen einen ehemaligen Manager vorgesehen. Dazu kam es nicht. Auch ein paar Jahre später war DMX in ein abgesagtes Box-Event verstrickt. Gorge Zimmermann, der durch die Ermordung des afroamerikanischen Jugendlichen Trayvon Martin zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt ist, sollte der Gegner des Rap-Urgesteins sein. Das Event wurde schließlich in Anbetracht zunehmender Kritik abgeblasen.


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