Sukini, Deine Freunde & Giraffenaffen: Rap, den du mit deinen Kindern hören kannst

Das sechste Album von Sookee sollte das erste Album von Sukini sein. Denn seit dem 27. September dürfen vor allem junge Hörer*innen zwölf Tracks auf dem Album "Schmetterlingskacke" um die Themen Herzensmenschen, Phantasie, Kindheit und viele mehr hören. Die Rapperin Sookee nennt sich dafür Sukini und betrachtet so einige kindliche Gedanken unter einem weltoffenen und feministischen Blickwinkel.

Prinzessin Peach, Glitzer, Phantasie & mehr: Darum geht’s bei Sukinis "Schmetterlingskacke"

In dem Track "Im Herzchen" macht Sukini ihren Herzensmenschen eine Liebeserklärung. Schon dieser erste Track macht klar, dass das Album nicht nur für die ganz junge Zuhörerschaft gedacht ist. Wenn so unglaublich liebevoll von Kindheitserinnerungen wie Schneeengel, Kissenschlachten und die Lieblingssüßigkeiten erzählt wird, kann auch das erwachsene Herzchen ein bisschen schneller schlagen.

Prinzessin Peach ist der zweite Track auf dem Album und gleichzeitig die erste Singleauskopplung.

Sukini - Prinzessin Peach

Dass Prinzessin Peach selbst voller Abenteuerlust ist und nicht darauf wartet von Mario gerettet zu werden, verrät uns Sukini auf ihrer ersten Single „Prinzessin Peach" aus dem Debüt-Album „Schmetterlingskacke".

Hier wird der feministische Anspruch des Albums deutlich. Denn warum geht es den Mario-Spielen eigentlich nie um die Prinzessin? Sukini schreibt die Geschichte von Peach weiter und gibt ihr den Lebenslauf, den eine Prinzessin verdient hat. Sie darf Hockey und Fußball spielen, trainiert Marios Gegner, programmiert Computerspiele und backt Einhornkekse.

"In echt hat sie es faustdick hinter den Ohren / Um gerettet zu werden, ist eine Prinzessin nicht geboren"

Auf "Meine Mamas" geht es um eine Familienform, die in der Öffentlichkeit bisher leider nur wenig Beachtung findet. Es ist zu hoffen, dass die Rapperin mit ihrem Song das Leben mit zwei Mamas oder auch Papas mehr in den öffentlichen Fokus rücken kann und dadurch Akzeptanz schafft. Die im Rap sonst vorherrschende patriarchalische Weltanschauung wird hier außer Kraft gesetzt. Das geht ohne Aggression, Wut und Hass. Sukini erzählt uns einfach voller Liebe von einem glücklichen Kind mit zwei Mamas.

"Phantasie" gehört zu den Lieblingssongs von Sookee auf dem Album. Phantasie wird als kindliches Phänomen dargestellt, von dem sich Erwachsene aber eine Scheibe abschneiden sollten.

"Wir gehen nicht zum Bus. Wir tanzen zum Bus / Wir schreiben der Geschichte einen spannenderen Schluss"

Für "Glitzer" hat Sukini sich von der Antilopen Gang inspirieren lassen. Mit der offiziellen Erlaubnis der Jungs wurde hier aus der Pizza, die die Welt retten kann, einfach "Glitzer" gemacht. Dabei stand sie nicht alleine im Studio, sondern bekam Unterstützung von Saskia Lavaux, die sonst mit ihrer Band Schrottgrenze unterwegs ist.

Sukini, Saskia Lavaux - Glitzer [Music Video]

Sukini und Saskia Lavaux glauben fest daran, dass uns Glitzer retten kann - in Sukinis zweiter Single ausdem Debut-Album "Schmetterlingskacke". Mehr dazu: http://umgt.de/sukini Text & Vocals: Sookee/Sukini Additional Vocals: Saskia Lavaux Drums by: Shaban Guitar by: Mathias Jechlitschka Bass by: Boris Niels Produced by: Shaban Mixed by: Shaban & Jens Gütters Master: Zino Mikorey Video: Arvid Wünsch Original Track: "Pizza" by Antilopen Gang.

Die beiden sprechen das Klischee rund um Farben an. Die Welt zufalle in zwei Farben: Blau für Jungs und rosa für Mädchen.

"Grün, Blau, Rot, Gelb, Schwarz, Lila, Türkis / Warum tragen nicht alle Kinder alle Farben, die es gibt?"

Die beiden sind sich sicher: Dieses Problem der Eintönigkeit kann nur durch Glitzer gelöst werden. Dabei gehen sie sogar darauf ein, dass es neben Mädchen und Jungen auch noch eine "dritte Option" gibt und verbannen ein zweigeschlechtliches Weltbild kurzerhand aus den Kinderzimmern.

"Hier bin ich" handelt von (Selbst)liebe und Akzeptanz. Kinder heitern gemeinsam einen kleinen Mann auf, der sonst ständig geärgert wird.

"Die müssen doch wissen, dass das doof ist. Wenn die einem ständig sagen, dass man doof ist."

Die Problematik in "Fragen fragen" kennt wohl wahrscheinlich jedes Kind. Die Neugier von Kindern als Geschenk zu begreifen, ist nicht immer einfach. Oft reagieren Erwachsene genervt und überfordert auf die vielen Fragen ihrer Kinder. Sukini macht hier einige Vorschläge, der Neugier zu begegnen.

Auf dem Song "Popel" reiht Sukini einige kindgerechte Schimpfwörter aneinander. Es geht um Konfliktlösungen und Momente, in denen Kinder einfach mal richtig wütend sind. Wahrscheinlich ist das nicht unbedingt der Lieblingstrack von Erwachsenen. Bei Kindern wird er vermutlich umso besser ankommen.

Daran schließt der Song "Quatsch" an. Ähnlich wie bei "Prinzessin Peach" denkt Sukini eine bestehende Geschichte ein bisschen weiter und macht aus Annika von Pippi Langstrumpf einen lauten, lustigen und freien Quatschkopf. Pippi fragt ihre Freundin daraufhin, warum sie nicht immer so sei:

"Warum hast du dich all' diese Dinge bisher nicht getraut? / Astrid hat uns so geschrieben. Ich war leise. Du warst laut"

In "Alle Menschen" spricht Sukini auch Rassismus an und hat ein naives, kindliches Unverständnis für dieses Phänomen.

"Scheint die Sonne denn nicht für alle? / Bäume spenden Schatten in jedem Falle / Spüren wir doch in jeder Brust ein weiches Herz / Alle Menschen haben den gleichen Wert"

Dazu passt auch der Song "Miteinander". Endlich wird in einem deutschen Lied für Kinder nicht nur von Weihnachten gesprochen. Nein, manche Menschen feiern auch das Zuckerfest. Sukini mag es auch politisch, spricht sich gegen ein zu starkes Konkurrenzdenken und für ein liebevolles Miteinander aus.

"Wer hat den höchsten Zaun, wer hat die dickste Mauer? / Grenzen zwischen Ländern machen uns kein bisschen schlauer"

Das Album wird abschlossen mit "Gute Nacht mein Kind". Eine aufgeregte Verabschiedung von dem Tag schließt dieses bewegende und wichtige Album.

Giraffenaffen & Deine Freunde: Rap für Kinder

Rap für Kinder ist natürlich erstmal nichts Neues. Viele Künstler*innen haben sich bereits daran versucht und das Angebot füllt ganze Playlisten auf Spotify. Dabei gibt es beispielsweise von "Deine Freunde" auch qualitativ hochwertigen Rap, der die Ohren der Erwachsenen nicht zwangsläufig strapazieren muss.

Für "Deine Freunde" haben sich Florian Sump, der ehemalige Schlagzeuger der Popband Echt, Markus Pauli, der Musikproduzent und Live-DJ von Fettes Brot, sowie Lukas Nimscheck, der einmal Moderator des Tigerentenclubs war, zusammengefunden. Die Band hat seit 2012 bereits vier Alben veröffentlicht.

Die Reihe "Giraffenaffen", die Kinderlieder mit deutschsprachigen Sänger*innen neu interpretieren, hat ebenfalls einen raplastigen Ableger mit dem Namen "Giraffenaffen Gang“ herausgebracht. Hier rappen MC Mike, Karo Klaro und Boris Beat. Von den fünf veröffentlichten Alben der Giraffenaffen erschien 2016 das Album "Nö mit Ö!", das ausschließlich aus Songs dieses fiktiven Rap-Trios besteht. Anders als es das Konzept im Normalfall vorsieht, waren hier keine anderen Stars aus der Musikszene beteiligt.

Giraffenaffen Gang - Nö mit Ö (offizielles Video)

Hallo da draußen, wir sind MC Mike, Karo Klaro und Boris Beat. Zusammen sind wir die Giraffenaffen Gang! Amazon: http://amzn.to/29567eY iTunes: http://apple.co/29zrRDV Eine Insel in der Süßsee - Januar 2016. Der Süßsee-Kurier meldet sensationelle Nachrichten: Nach den riesigen Erfolgen mit den Giraffenaffen-Alben Vol.

Auf den anderen Alben der Giraffenaffen waren allerdings auch immer wieder Gäste aus der Rapwelt zu hören. So standen beispielsweise bereits Flo Mega, Thomas D, Dendemann und auch Blumentopf mit den Giraffenaffen im Studio.

"Kinder sollen frei sein in ihren Köpfen": Was "Schmetterlingskacke" so besonders macht

Wenn nun aber qualitativ hochwertiger Rap für Kinder auch nichts Neues ist, was macht dann Sukini so besonders? Die Idee der Rapperin lässt sich wohl am ehesten mit diesem Satz zusammenfassen:

"Ich mag Kinder. Ich mag die Idee, dass Kinder frei sind in ihren Köpfen."

Hier wird der gesellschaftlichen Vorstellung einer Kindheit nicht nach dem Mund gerappt. Es geht nicht nur um Themen wie Schokolade, Tanzen oder Tiere, mit denen man erstmal in keinem Kinderzimmer etwas falsch machen kann.

Sukini rappt entgegen der Klischees und spricht Themen an, an die sich vor allem in der Rapszene noch nicht herangetraut wurde. Durch dieses natürliche Ansprechen von gleichgeschlechtlichen Eltern, einem dritten Geschlecht und dem Fakt, dass Farben kein Geschlecht kennen, können diese Themen ganz natürlich in die Kinderzimmer transportiert werden. Dabei können auch Erwachsene noch viel lernen, denn gerade durch sie werden diese Themen tabuisiert und es wird spektakulär gemacht, was eigentlich ganz normal ist.

Kinder, Erwachsene, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen, Rapper*innen: Einfach mal Sukini hören. Es gibt noch viel zu lernen, erleben und zu verbessern.

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Endgame: Wie Rapperinnen Deutschraps Sexismus therapieren

Endgame: Wie Rapperinnen Deutschraps Sexismus therapieren

Von Anna Siegmund am 13.06.2019 - 15:26

Captain Marvel, Black Widow, Nebula, Scarlet Witch und Gamora. Man könnte meinen, im Marvel-Universum werden Filme aktuell frei nach dem Motto „The future is female“ produziert. Dieser Eindruck entsteht beim Betrachten des aktuellen Deutschrapgeschehens leider nicht.

Sexismus ist ein Problem

Nein, dieser Artikel ist keine Sammlung gewaltverherrlichender Lines von Rappern, um die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen weiter zu reproduzieren.

Nein, dieser Artikel soll auch nicht als erhobener Zeigefinger verstanden werden.

Aber Deutschrap hat ein Problem. Und das zeigt sich nicht nur in den Texten einiger Rapper. Sexismus wird toleriert, reproduziert und akzeptiert. Von Rappern, ja. Aber auch von Rapmedien, von Rapfans und von Konzert- beziehungsweise Festivalveranstalter*innen.

#raptoo reicht nicht aus

Die Debatte um sexistische Raptexte gibt es schon seit Jahren. Ach was, seit Jahrzehnten! Aktuell wird sie aufgrund möglicher Straftaten von Rappern und der Reaktionen auf diese wieder lauter geführt. Es wird eine #raptoo-Debatte gefordert. Die Weiterentwicklung der Bewegung #metoo, die auf Social-Media-Kanälen auf Sexismus aufmerksam machte, soll nun spezifisch auf den Rapkosmos bezogen werden.

Aber war #metoo überhaupt jemals eine Debatte?

Die Bewegung hat Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft gelenkt. Frauen, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, fanden eine Öffentlichkeit für ihre Probleme.

Es waren also die Opfer, die einen mutigen Schritt wagten. Ihr Lohn waren oft Spott und Häme. Darunter mischte sich auch gern eine Portion Whataboutism. Sexismus schön und gut, aber was ist eigentlich mit … ?

Eine Einordnung der eindrucksvollen und beängstigenden Menge der Erfahrungen von Frauen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen fehlte. Es entstand kaum eine Debatte. Wenn diskutiert wurde, dann meistens lieber mit Gleichdenkenden. Mich lässt der Eindruck nicht los, dass vor allem Menschen sensibilisiert wurden, die auch schon zuvor ein Bewusstsein für die Thematik hatten.

Eine bloße Übertragung von #metoo auf den Rapkosmus kann also nicht ausreichen.

Die Rapperin Sookee antwortet auf die Forderung nach einem #raptoo folgendermaßen:

"Es braucht kein #raptoo. Es braucht nicht wieder die Betroffenen, die den Mut und die Kraft aufbringen ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, die die Strapazen der öffentlichen Anfeindungen, die Schuldumkehr und die Lächerlichmachung ertragen und gegebenenfalls juristische Prozesse im Shitstorm durchlaufen müssen."

(null)

(null)

Sie fügt ihrer Argumentation auch hinzu, dass natürlich kein Opfer von sexueller Gewalt schweigen muss. Aber Handeln müssen wir nun einmal gemeinsam.

Sookee kommt die Debatte zudem scheinheilig vor. Fordern da gerade die Männer eine #raptoo-Debatte, die sich sonst in der Deutschrap-Industrie „eine lustige Nase an der gut geflowten vergewaltigungsphantasie [sic] verdienen?"

Du kannst die Texte nicht ironisch hören

"Aber ich höre seit Jahren diese Texte und war noch nicht gewalttätig."

"Aber ich bin selbst eine Frau und finde es nicht schlimm, wenn Rapper so etwas in ihren Texten sagen."

"Ich bin kein Sexist, aber…"

Diese Argumentation ist häufig zu lesen, geht es um Sexismus und gewaltverherrlichende Texte im Deutschrap.

Du kannst von dir und anderen Einzelpersonen nicht auf die Gesellschaft schließen.

Du kannst den Bachelor nicht ironisch gucken. Du unterstützt damit ein rückständiges Frauenbild.

Du kannst Heidi Klum nicht ironisch bei ihrer Modelsuche mitverfolgen. Du unterstützt damit ein ungesundes Frauenbild.

Du kannst den frauenverachtenden Texten deutscher Rapper nicht ironisch zuhören. Du unterstützt damit ein sexualisiertes Frauenbild.

Deine Ticketkäufe, deine Streamingaufrufe, dein Musikwunsch auf der nächsten Party, dein CD-Kauf, dein Klick auf das neue Video, ja selbst dein Gespräch über diesen einen Rapper unter Freunden beeinflusst die Raplandschaft und damit das Frauenbild der Zukunft.

Oder wie es auf YouTube so schön heißt: Du entscheidest, was in die Trends kommt.

Das heißt nicht, dass du diese Fernsehsendungen und Musik nicht mehr konsumieren darfst. Aber du solltest dir darüber bewusst sein, was dein Verhalten bedeutet und was es für Folgen hat.

Frauenrap ist tot

Männer spielen Fußball. Frauen spielen Frauenfußball (Props an den Spiegel, der sich bezüglich seiner Sportberichterstattung derzeit hinterfragt). Männer haben Power. Frauen haben Frauenpower. Männer machen Rap. Frauen machen Frauenrap?

Warum werden Frauen immer über ihr Geschlecht definiert? Es gibt schon lange keinen Frauenrap mehr. Künstlerinnen, wie Cardi B, Nicki Minaj, Nura, Juju, Shirin David, Sookee und viele weitere Rapperinnen stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Warum also sollten sie "Frauenrap" machen?

Juju – Feministin wider Willen

Nura und Juju kannten das Schicksal, auf ihre Funktion im Rap als Frau angesprochen zu werden, schon zu SXTN-Zeiten.

Ihr Auftreten, ihre Sprache und ihre Texten bergen feministisches Potential. In Tracks wie "Hass Frau", "Er will S*x" und "Von Party zu Party" setzen sie sich offensiv gegen Rassismus und für Frauenrechte ein.

"K*naken und Schwarze haben Hiphop erfunden - doch der Türsteher lässt sie nicht rein"

"Du willst mich f*cken / Aber du darfst es nicht, weil ich’s verbiete"

Juju hat sich dennoch schon zu ihrer Zeit bei SXTN gegen die Bezeichnung "Feministin" gewehrt. Sie erklärte 2017 in einem Interview mit Rooz:

"Wir sind jetzt nicht da, um Feminismus irgendwie groß hochzuhalten oder irgend so einen Scheiß. Sondern wir machen’s einfach, weil wir das für selbstverständlich halten."

Auf ihrem aktuellen Album bleibt sie bei dieser Meinung und rappt auf dem Intro von "Bling Bling":

 "Ihr nennt es Feminismus / Ich nenn‘ es einfach Menschlichkeit"

Auch hier schwingt wieder die Selbstverständlichkeit mit, mit der Juju ihre Rechte als Frau im Rapgeschäft wahrnimmt. Auf dem Remix von Capos "Lambo Diablo GT" rappt sie allerdings auch von anderen Erfahrungen, die nicht für eine selbstverständliche Akzeptanz von Frauen im Rap sprechen:

"Und sie haben sich am Anfang so krass gewundert / Eine Frau, die ihr Maul aufmacht, oh Wunder"

Ihre ehemalige Bandkollegin Nura teilt die Ablehnung des feministischen Aspekts ihrer Kunst heute vermutlich nicht mehr. In einer Instagramstory erzählt sie, wie unwohl sie sich teilweise backstage auf Festivals fühlt, die durch ein männliches Line-Up auffallen.

Festivals sind zu männlich

Nura empfindet die Situation backstage als unangenehm. Und sie ist nicht die einzige Künstlerin, der die männlichen Line-Ups von Festivals auffällt. Betrachten wir die drei größten deutschen Festivals, die für Rapmusik in ihrem Line-Up stehen, ist es tatsächlich auffällig, wie wenig Beachtung Frauen bei den Planungen der Festivals finden.

Zunächst soll das Line-Up des Wireless Festivals Anfang Juni in Frankfurt betrachtet werden. Für den ersten Festivaltag wird auf dem Plakat als Frau ausschließlich Shirin David angekündigt. Ihr gegenüber stehen 13 männliche Rapper, mit denen für diesen Tag geworben wird. Für den zweiten Festivaltag ergibt sich ein ähnliches Bild. Cardi B ragt als Headlinerin groß über neun männlichen Acts. Weibliche Unterstützung erhält sie nur von Rita Ora und Grace Carter.

Auch auf dem Splash muss man dieses Jahr nach Frauen im Line-Up suchen. Von den 79 Auftritten auf dem Festival werden lediglich zwölf von Frauen oder mit weiblicher Beteiligung sein. Auf dem Deichbrand-Festival kommen 16 dieser Auftritte auf 103 männliche Acts.

Nura & Schwesta Ewa: Aneignung von Männlichkeit

Auf den ersten Blick mag es vielleicht eine gewagte These sein. Aber auch Schwesta Ewa kämpft auf ihre Art für Frauenrechte. Sie eignet sich die Verhaltensweisen an, die sonst nur männlichen Künstlern vorbehalten sind. Schwesta Ewa ist eine verurteilte Kriminelle. Sie spielt in ihren Texten mit dem Image, ihr Geld mit der männlich konnotierten Beschäftigung der Zuhälterin zu verdienen. Das kommt vor allem bei den männlichen Zuhörern und Kollegen nicht immer gut an.

Juju kommentiert die Scheinheiligkeit im Rapbusiness in dem Track "Tabledance" mit Nura und Schwesta Ewa so:

"Ihr wollt alle Gangsta-Rap, doch keine realen Rapper / Wäre sie ein Mann, dann wärt ihr leise, Free Ewa"

Ähnlich funktioniert auch Nura. Schon zu SXTN-Zeiten spielt die Rapperin mit ironischer Übertreibung und einem Wortschatz, der sonst eher Männern zugesprochen wird. In dem Video zu "Was ich meine" tanzen halbnackte Männer für sie. Ein Job, der in Musikvideos gewöhnlich eher an normschöne Frauen vergeben wird.

Nura - Was ich meine (prod. by SAM SALAM X YUNG MOJI)

Limited Deluxe-Box vorbestellen: http://nura.fty.li/NuraDeluxeBox Single: "Was ich meine": http://nura.fty.li/WasIchMeine Tickets für die "Allo Leute"-Tour: http://fty.li/NuraTour2019 ALLO LEUTE TOUR: 17.09.19 Leipzig − Felsenkeller 18.09.19 München − Milla 19.09.19 AT-Wien − Grelle Forelle 21.09.19 CH-Zürich − Exil 22.09.19 Stuttgart − Wizemann Club 23.09.19 Frankfurt a.M.

Antifuchs: Kapitulation statt Antihaltung

Wiederum eine andere Strategie verfolgt Antifuchs. Auf den ersten Blick erscheint die Künstlerin, die ihr 2017 noch auf den dritten Platz eurer Lieblingsrapperinnen gewählt habt, vorlaut und feministisch. Auf "Wie ein Mann" gibt sie sich stark und erklärt, nicht nur emanzipiert zu sein, sondern auch mehr zu verdienen als ein Mann. Sie stellt fest:

"Rap ist kaputt und hat einen Vaterkomplex"

Weiter zeigt Antifuchs, dass sie negative Begriffe für sich zu nutzen weiß. Sie schafft es, diese positiv für sich umzudeuten.

"Ich definiere das Mannsweib neu und mach, dass es mir steht"

Antifuchs - Wie ein Mann [RMX x RMX] prod. by Joshimixu & The Stereoids [Official Video]

Antifuchs abonnieren ►► http://ytb.li/Antifuchs „Leisefuchs" kaufen ►► http://antifuchs.fty.li/Leisefuchs +++++++++++SocialMedia++++++++++++ Facebook http://www.Facebook.com/AntifuchsOfficial Twitter http://www.Twitter.com/xAntifuchsX Instagram http://www.Instagram.com/AntifuchsOfficial ++++++++++++CREDITS++++++++++++++ Video von Michal Strychowski https://www.instagram.com/MichaStry http://www.MichaStry.de Mix von O.M. Original Mixing https://www.facebook.com/originalmixing/?fref=ts Mastering von Lex Barkey https://www.facebook.com/LexBarkey/?fref=ts Beat von Joshimixu & The Stereoids https://www.facebook.com/Joshimixu45/?fref=ts https://www.facebook.com/StereoidsOfficial/

Mit dem Vorwurf ein "Mannsweib" zu sein, sehen sich erfolgreiche Rapperinnen schnell konfrontiert. Auch Juju rappt auf "Die Ftzn sind wieder da":

"Realtalk von nem Mannsweib / das ja doch ein bisschen rappen kann anscheinend"

Es ist nur eine Umdeutung, wenn Frauen selbst die Begriffe benutzen. Nein, du darfst Nura nicht "B*tch" nennen, nur weil sie sich selbst "B*tch" nennt.

Antifuchs möchte sogar selbst als "Rapper" bezeichnet werden, nicht als Rapperin. Bei "Germania" erklärt sie:

"Ich finde zu wirklicher Gleichberechtigung gehört auch die gleiche Bezeichnung."

Antifuchs über ihre Maske, Frauen im Rap und Klischeebruch

Ein ANTIFUCHS pfeift auf die Norm und lässt sich nicht zähmen. Emilia Reichert aka ANTIFUCHS ist „Rapper" und Ex-Cheerleader. In Kasachstan geboren, in Flensburg aufgewachsen, ist das Spiel mit Klischees zu ihrem Markenzeichen geworden, der ANTIFUCHS zum Alter Ego.

Für mich ist diese Ansicht ein Problem. Es ist wichtig, dass Frauen auch in der Sprache sichtbar werden. Antifuchs trägt ihre Maske, um weniger weiblich zu wirken. Das ist weniger eine Revolution als eine Kapitulation.

Eine Künstlerin setzt sich auch 2019 noch eine Maske auf, um für ihre Leistung und nicht ihr Aussehen und ihr Make-up bewertet zu werden. Hiphop braucht eine Veränderung.

Das müssen wir ändern

Es wurde so viel gesagt, so viel geschrieben. Es wurde so viel wieder vergessen und auf die anderen geschoben. Aber es wurde so wenig verändert.

Also, was machen wir jetzt dagegen? Es reicht nicht, jedes Jahr einen Artikel darüber zu schreiben, wie furchtbar sexistisch die Texte deutscher Rapper doch sind. Die Veränderung kann von keiner Einzelperson ausgehen. Wir müssen als Rapcommunity gemeinsam Regeln finden, für die wir eintreten möchten.

Künstler und Künstlerinnen müssen sich der Macht von Sprache bewusst werden. Hiphop ist die größte Jugendkultur, die wir haben. Mehr Potential, bei jungen Menschen Gehör zu finden, ist kaum irgendwo anders zu sehen.

Medien sollten aufhören, die gewaltverherrlichenden Texte ständig zu zitieren. In den meisten Artikeln zu diesem Thema waren die Zeilen immer wieder zu lesen. Auch wichtig ist das Empowerment von Künstlerinnen. Es gibt weibliche Rapperinnen. Aber sie müssen gehört werden. Nura sagte in dem Interview mit Rooz:

"Es gibt ja nicht so viele Vorbilder für junge Mädels, die dann auch gerne laut sein wollen und so."

Vorbilder sind also das Zauberwort. Rapperinnen, die in den Medien präsent sind, ihre Musik vorstellen dürfen, auf Festivals auftreten, Follower generieren und einen weiblichen Input für die Szene bereithalten.

Und wichtig ist auch die Rapcommunity – die Fans. Achtet aufeinander und tretet auch online für die Rechte ein, dir ihr in der realen Welt verfolgt.

Am wichtigsten ist, dass wir uns alle immer wieder reflektieren. Welche Musik möchten wir hören? Welche Künstler*innen sollten unterstützt werden? Welche Messages gehören in die Welt getragen? Ich bin mir sicher, dass wir uns alle über unser Konsumverhalten oft unsicher sind. Manchmal meldet sich das schlechte Gewissen zu spät. Fehlerlos ist in dieser Hinsicht sicher niemand.

Fingerschnipsen gegen Sexismus

Anders als bei den Avengers kann die Sexismus-Debatte im Deutschrap sicher nicht durch ein einfaches Fingerschnipsen beendet werden. Das Marvel-Universum kann uns aber dennoch lehren, dass der erfolgreiche Kampf nur gemeinsam möglich ist.


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