Single-Flut am Freitag: Deutschrap im Streaming-Zeitalter

Wer heute noch CDs kauft, wirkt bereits ein bisschen aus der Zeit gefallen. Die traditionellen Tonträger wurden von Streaming-Portalen mehr oder minder abgelöst. Was wir aktuell erleben, wird wohl rückwirkend als Streaming-Zeitalter in die Geschichte eingehen – Deutschrap mischt hier kräftig mit.

Der Fokus liegt auf dem Freitag

Dabei richtet sich der Markt mehr denn je auf den Freitag aus. Ab 0 Uhr beginnt wöchentlich die Schlacht um den nächsten Hit. Eine Chartwoche gilt schließlich von Freitag bis Freitag.
Jeder Act, der also auf einen Einstieg spekuliert, releast zum Wochenende. Die Freiheit, die einem der Streaming-Markt bietet, nutzen die Wenigsten. Deutschrap konzentriert sich auf einen Stichtag. Das ist nicht nur ein Gefühl. Maik Pallasch ist Head of Music Spotify Germany und bestätigt diesen generellen Eindruck:

"Mehr als 95 Prozent der Releases erscheinen am Freitag bei Spotify."

Das hat nicht ausschließlich mit Spotify und der Hoffnung auf Chartwertungen zu tun. 2015 wurden die Veröffentlichungszeiträume weitestgehend vereinheitlicht. Der Weltverband der Phonindustrie entschied sich für einen quasi globalen Release-Tag. Zu all den deutschen Rap-Acts addieren sich demnach noch die Künstler aus Übersee. Das Ergebnis: Musik im schieren Überfluss.

Was ebenso ergänzend hinzukommt, ist das Visuelle. Um die aktuelle Single zu pushen, eignen sich weiterhin Videos. Damit ergibt sich oft eine Art Verdopplung für den Hörer. In der Nacht sind die neuesten Tracks bereits bei den Streamingdiensten abrufbar. Über den Freitag verteilt erstrecken sich zusätzlich reihenweise Videos, die den bekannten Song bebildern.

Das bietet neue künstlerische Möglichkeiten. Der Song wird dem Video mehr und mehr zugeordnet. Er ist wie eine Art Soundtrack zu einem Film. Childish Gambino, Travis Scott oder Drake haben beispielsweise dieses Prinzip verinnerlicht und liefern eher begleitende Kurzfilme als bloße Performances zum jeweiligen Track.

Travis Scott - YOSEMITE

ASTROWORLD OUT NOW http://travisscott.com Directed by Nabil Produced by Ivan Herrera and Kathleen Heffernan for Operator Media Travis Scott online: https://twitter.com/trvisXX https://www.instagram.com/travisscott/ https://soundcloud.com/travisscott-2 https://www.facebook.com/travisscottlaflame https://travisscott.com/ Epic / Cactus Jack (c) 2018 Epic Records, a division of Sony Music Entertainment. With Cactus Jack and Grand Hustle.

Deutschrap mit Wachstum und Marktverständnis

Fans, Musikhörer und Branchenkenner haben immer größere Probleme, den Überblick zu bewahren. Der Freitag entfacht eine unheimliche, musikalische Wucht. Dazu hat Streaming sicher insofern beigetragen, als dass es dafür sorgt, dass zu einem festgelegten Zeitpunkt die Schleusen geöffnet werden. Die CD kaufen gehen, die MP3 suchen, auf die Post warten – kann man weiterhin tun, aber es geht deutlich schneller und bequemer.

Warum sollte ein Künstler auch mit Absicht aus einer schlechteren Position heraus an den Start gehen wollen? Der Veröffentlichungstag hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Die Verhaltensweisen der Artists und der Konsumenten scheinen sich gemeinsam modifiziert zu haben. Spotify unterstützt diese Ausrichtung. Wie Maik Pallasch angibt, sind Tools und Playlists auf den Freitag zugeschnitten:

"Wir sehen diesbezüglich auch wenig Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren. Es ist aus unserer Sicht sehr gut, dass sich die Musikindustrie auf einen einheitlichen VÖ Tag fokussiert, so können wir unsere Spotify Promotion-Tools und Playlists auf den Freitag (Beispiel: Modus Mio oder New Music Friday) optimieren. Das wiederum bringt viele Vorteile für den Künstler und das Label."

Nur dadurch, dass Spotify einen Nährboden für Freitags-Releases schafft, lässt sich die derzeitige Singleflut jedoch nicht erklären. Wesentlich an dem Boom zum Wochenende beteiligt, ist Deutschrap selbst. Die Einstellung der aktuellen Rapgeneration läuft entgegen vieler alter Muster. Über mehrere Jahre arbeitet kaum noch jemand an einem Album. Eine neue Single muss genauso wenig mit einem größeren Release verknüpft sein. Immer öfter hauen die Künstler einfach raus, wenn sie mit ihrem Produkt zufrieden sind.

Capital Bra macht nun mal "5 Songs in einer Nacht" – das ist keine Pose, das ist Realtalk. Trotzdem chartet fast jeder Track - der auf den Streamingportalen landet - an der Spitze. Es braucht keinen jahrelangen Künstleraufbau mehr, um sich erfolgreich im Markt platzieren zu können. Durch das Streaming zertrümmern Bonez MC und RAF Camora alte Chartregeln und die Plattenindustrie muss sogar die Zählweise von Streams neu anpassen, um nicht zu viele Goldene Schallplatten an Rapper zu verteilen.

Die oftmals als Deutschrapblase verschriene Entwicklung ist inzwischen riesig und robust. Neben den neuen Vertriebsmöglichkeiten für Independent-Künstler existiert ein größeres Spektrum an Artists. Deutschrap wirkt bei genauem Hinschauen vielfältig wie nie. Dem allgegenwärtigen Erfolg in der Branche eifern viele nach. Nahezu jeder ist auf der Jagd nach dem nächsten Hit und nahezu jeder kann heute rappen. Beste Beispiele für den spontanen Szenezuwachs: Mero taucht aus dem vermeintlichen Nichts auf und rasiert. Loredana entsteigt der Instagram-Welt und macht einfach Hits. Der Weg zum Durchbruch schien selten so kurz. Daneben ist der Untergrund aktiv. Auch abseits von eindeutig kommerziellen Absichten pumpt so ein weiterer Künstlerkreis seine Musik auf den bereits gut gefüllten Markt.

Loredana MILLIONDOLLAR$MILE prod. by Miksu & Macloud

JETZT streamen: https://loredana.lnk.to/MILLIONDOLLARSMILE LOREDANA MANAGEMENT: moral@mgmt-loredana.com LOREDANA auf Instagram: https://www.instagram.com/loredana MILLIONDOLLAR$MILE wurde produziert von MIKSU MACLOUD Miksu auf Facebook: http://www.facebook.com/joshimixu45 Miksu auf Instagram: http://instagram.com/joshimixu Macloud auf Facebook: https://www.facebook.com/MacloudOffiziell Macloud auf Instagram: http://instagram.com/macloud_lauthentikk Das Video wurde produziert von Orkan Çe Orkan Çe auf Instagram: https://www.instagram.com/orkan.ce #loredana #milliondollarsmile

Wo könnte diese Entwicklung hinführen?

Es ist zu beobachten, dass mehr und mehr Künstler einfach lose Singles droppen. Das Format Album rückt stärker in den Hintergrund. Viele Alben bestehen letztendlich auch nur noch aus Songs, die offensichtlich als Singlehits geplant waren. Der oft zitierte rote Faden verschwindet häufig hinter einer Ansammlung von Tracks. Jeder kann sich sein Hak mit nur einem einzigen Song holen.

Spotify und Deutschrap agieren hier Seite an Seite. Sie bedingen sich quasi gegenseitig. Die Rapper liefern die Hits und der Streaming-Anbieter sorgt für die massenhafte Verbreitung. Durch die Konzentration auf den Freitag besteht letztendlich die Gefahr der Verwässerung.

In dem Dschungel an Output die Übersicht zu behalten, ist eine Herausforderung. Dies könnte dazu führen, dass Expertenmeinungen und Kurationen bald wieder vermehrt gefragt sind. Schließlich hat jeder nur ein begrenztes Kontingent an Zeit. Wozu dieser Trend auf Künstlerebene beitragen kann, sehen wir bereits vereinzelt. Es ergeben sich zwei Extreme. Alben haben zum Teil nur noch sieben Tracks (Pusha T - "Daytona", Kanye West - "Ye" oder sind in ihrer Spieldauer auffällig kurz (Earl Sweatshirt - "Some Rap Songs"). Das Gegenstück zu dieser bewussten Verknappung bilden überdimensionale Doppelalben (Drake - "Scorpion") oder gigantische Singlesammlungen (Migos - "Culture II").

Letztendlich buhlen alle Artists um die Aufmerksamkeit eines Rappublikums. Der Freitag gerät hier zum wöchentlichen Kampf um die Wahrnehmung. Sich allen Veröffentlichungen mit der gleichen Wertschätzung zu widmen, ist zu einer tagesfüllenden Aufgabe angewachsen. Der permanente Zugang zu der Musik ist dafür verantwortlich. Das Gefühl etwas "verpassen" zu können, schwingt ständig mit. Wahrscheinlich war Rap noch nie so vielfältig, aber auch nie derart schwer zu überblicken wie in der heutigen Zeit.

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Von HHRedaktion am 16.06.2019 - 14:39

Summer Cem meldet sich knapp ein Jahr nach "Endstufe" zurück, Apache 207 bleibt einer der spannendsten Newcomer, PTK sorgt für ein Gegengewicht zu Deutschraps Mainstream und Juju hat ihr Solodebüt gedroppt. Zu den zwölf Tracks darauf zählt auch "Ich müsste lügen" – offenkundig ein Song über eine schmerzhafte Trennung. Jonas und Clark haben über einige der neuen Songs der Woche gesprochen und fragen sich unter anderem, ob Jujus Song womöglich Nura adressiert ist, ob Summer mit dem nächsten Album noch einen obendrauf setzen kann und ob "Olabilir" Meros bester Song bislang ist.


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