Rassismus & Sexismus im Rap: Prinz Pi reagiert auf Kritik & erntet noch mehr Gegenwind

Prinz Pi steht aktuell in der Kritik. Mit seinen Aussagen über Rassismus und Sexismus im Rap im Rahmen der Diskussion beim New Fall Forum macht er sich wenig Freunde. Stattdessen wird er von vielen Seiten aufs Schärfste kritisiert. Da hilft auch seine ausführliche Reaktion nichts – im Gegenteil. Danach hagelt es eigentlich nur noch mehr Kritik. Hier findest du eine Zusammenfassung der Ereignisse und einen Überblick über die Diskussion.

Prinz Pi kann keinen Sexismus & Rassismus erkennen

Darum geht's: Auslöser der erneuten Debatte sind Aussagen, die Prinz Pi im Rahmen einer Panel-Diskussion beim New Fall-Forum getätigt hat. Eigentlich sollte es darum gehen, welche Hiphop-Werte es gibt. Im Zuge dessen hat Prinz Pi erklärt, er habe in seinen über 20 Jahren in der deutschsprachigen Hiphop-Szene keine Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder ähnlichem erlebt.

Das wirkt angesichts der vielen Gegenbeispiele ziemlich unglaublich und weltfremd, mindestens aber betriebsblind oder naiv. Selbst die von Prinz Pi als Positiv-Beispiel angeführte Shirin David hat vor Kurzem noch über Sexismus und Diskriminierung von Frauen im deutschsprachigen Rap und der dazugehörigen Szene geklagt. Sie ist nicht die Einzige. Mit Manuellsen sitzt ein Rapper in der Runde, der immer wieder Rassismus und Diskriminierung anprangert. Manuellsen ist damit ebenfalls nicht allein.

Die Kritik an Prinz Pi: Mangelnde Sensibilität & Ignoranz

Seine Worte sorgen dafür, dass Prinz Pi von sehr vielen Menschen kritisiert wird, die das ganz anders sehen. Sie werfen Prinz Pi unter anderem vor, sich nicht seiner Privilegien bewusst zu sein und den Betroffenen ihre Erfahrungen abzusprechen. Nach dem Motto: Nur weil Prinz Pi das angeblich nicht erlebt hat, heißt es nicht, dass es das nicht gibt.

"Falls ihr euch fragt, was check your privilege ist, das ist es nicht"

Jan Kawelke on Twitter

„Ich hab das nie erlebt, dass in dieser HipHop-Szene jemand diskriminiert wurde, wegen seinem Geschlecht oder wegen seiner Herkunft oder sowas." kann mich nur wiederholen: Falls ihr euch fragt, was check your privilege ist, das ist es nicht https://t.co/7E4ITfzcsF

Mine findet einen viele Aussagen Prinz Pis schlichtweg absurd. Die Rapperin hat ihre Kritik zunächst in einer Insta Story veröffentlicht, die Videos mittlerweile aber nochmal veröffentlicht. Unter anderem wirft sie Prinz Pi vor, dass er es eigentlich besser wissen müsste. Sie erklärt ihm auch, dass "das ist einfach so" kein gutes Argument ist. Abschließend gibt sie noch zu bedenken, dass das Aussehen bei Frauen im Rap immer (noch) eine größere Rolle spielt als bei Männern.

"Und von Homophobie und Transphobie im Deutschrap will ich erst gar nicht anfangen. [...] Das gehört nämlich auch zur Diskriminierung. Aber da kann wirklich keiner leugnen, dass es das gibt. Hoffe ich zumindest."

Mine on Twitter

(2/2) meiner Aussage https://t.co/khs0C9CZGr

Johann Voigt wirft Prinz Pi mangelnde Sensibilität und Ignoranz vor. Rapper droppen immer wieder das N-Wort und es gibt sowohl Antisemitismus als auch Antiziganismus, nicht nur in Raptexten. Prinz Pi hätte laut Johann Voigt einfach nur mit Frauen aus der Szene sprechen müssen, um genug über Sexismus zu hören. Auch mit der "romantisierten HipHop-Unity-Erzählung" müsse Schluss sein.

"Ich bin der Meinung, dass es nicht möglich ist, in 20 Jahren in der HipHop-Szene weder Rassismus noch Sexismus zu beobachten, außer man will es nicht sehen."

Johann Voigt on Twitter

Die Aussage von Prinz Pi zeugt von mangelnder Sensibilität gegenüber diesen Themen. Ich bin der Meinung, dass es nicht möglich ist, in 20 Jahren in der HipHop-Szene weder Rassismus noch Sexismus zu beobachten, außer man will es nicht sehen.

Johann Voigt on Twitter

@ToxikKargoll @arianejati @MalcolmOhanwe Letzter Gedanke: Manuellsen singt, macht Schnarchgeräusche, ist ignorant, während eine Frau aus dem Publikum spricht. Beim Typen danach nicht. Prinz Pi hätte, wäre er nicht schon gegangen, live Zeuge von "Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in der HipHop-Szene" werden können

Prinz Pi hat offenbar gar nicht so viel Ahnung von Klassik, wie es scheint. Jedenfalls stimmen seine Aussagen über Bach, Mozart und Verdi wohl nicht mit der Realität überein, auch wenn er sie sehr überzeugend vorgetragen hat.

Giselle Ucar on Twitter

@JanKawelke Auch kompletter Schwachsinn: Pi's Klassik-Rant! Denn: -Bach hat keine Symphonien komponiert -Mozart hat den Adel in seinen Opern wie kein anderer auf die Schippe genommen -Verdi's "Liebesschnulzen" sind voll von Sozial- u. Gesellschaftskritik Ich höre weiter Klassik UND Rap!

Prinz Pi reagiert auf seine Kritiker mit einem Gast-Kommentar

Auch auf rap.de und bei Noizz wurden Prinz Pis Aussagen kritisiert. Einmal heißt es da, dass Prinz Pis Aussagen zur angeblich klassenlosen Hiphop-Gesellschaft ziemlich großer Quatsch sind. Auf der anderen Seite werden jede Menge Beispiele geliefert, die das Sexismus-Problem im deutschsprachigen Rap verdeutlichen.

Prinz Pi entschuldigt sich aber nicht, sondern verfällt in eine Art Selbstverteidigungsmodus. Dabei geht er zum Angriff über, indem er Mine Rassismus vorwirft und inszeniert sich gleichzeitig als Opfer. Von Einsicht oder dem Willen, die Kritik anzunehmen, fehlt jede Spur. Hier könnt ihr euch seinen Kommentar in voller Länge durchlesen.

Prinz Pi antwortet auf die Kritik an seinen Aussagen (Gastkommentar) - rap.de

In einem Artikel unter der Überschrift „Prinz Pi ruft die klassenlose Gesellschaft aus? Einspruch!" kritisierte unser Autor Jonas Heuten kürzlich einige Aussagen, die Pi in einer Diskussionsrunde machte. In einem ausführlichen Gastbeitrag antwortet ihm dieser nun - und bezieht sich dabei auch auf die Kritik von Till Boettcher, die dieser in einem Artikel auf noizz.de geübt hatte sowie auf die Instagram-Stories von Mine (inzwischen leider gelöscht).

Noch mehr Gegenwind: Es hagelt erneut Kritik nach Prinz Pis Antwort

Weil Prinz Pis Reaktion hinter den Erwartungen vieler Kritiker zurück bleibt, gibt es erneut entsprechende Reaktionen. Da wären zum Beispiel diverse Tweets von Künstlern und Künstlerinnen wie 3Plusss, Lady Bitch Ray, Amewu oder Mine. Sie begegnen Prinz Pi in erster Linie mit Argumenten und Gegenbeispielen, aber auch Unverständnis.

"1. Gibt es Rassismus trotz nachweislicher Erfolge von Rapper*innen of Color & Schwarzen Rapper*innen in Deutschland
2. Ist Sexismus im Rap trotz der Erfolge von (wenigen) weiblichen Rapperinnen strukturell"

Lady Bitch Ray on Twitter

Die Behandlung von SEXISMUS in @prinzpi23 s Artikel greift für mich etwas zu kurz: Der Erfolg von Rapperinnen wie Juju, Loredana & S. David ist zwar eine schöne Entwicklung, aber es kann nicht den jahrzehntelang vorherrschenden, strukturellen Sexismus im Deutschrap auslöschen

Lady Bitch Ray on Twitter

amp; zur Kritik von „Mine" in deinem Artikel, lieber @prinzpi23 : Ich denke nicht, dass sie dir deine Meinung absprechen will, sondern Kritik üben an deiner Perspektive als weißer cis hetero-Mann, der Rassismus relativiert (so kommt es in dem 1. Videoausschnitt rüber)

Amewu on Twitter

@mzeeRalle weiß gar nicht warum da so intellektuell diskutiert wird. Sein Abschlusssatz war einfach traurig. Wer in 20 Jahren HipHop-Szene keine Diskriminierung von Frauen mitbekommen hat, den scheint das Thema einfach nicht groß zu interessieren.

Mine on Twitter

(2/4)

Mine on Twitter

(4/4)

Journalist*innen und Autor*innen melden sich ebenfalls erneut mit harscher Kritik zu Wort. Der Grundtenor lautet: Prinz Pi hat offensichtlich keine Ahnung von diesem Thema und anscheinend leider auch kein Interesse, etwas daran zu ändern. Die Erzählung vom angeblichen Rassismus gegen Weiße wird am heftigten zurückgewiesen.

"Könnten wir uns ein für alle mal darauf einigen, dass es keinen umgekehrten Rassismus gibt? Da im Artikel auch gerne mit Buchbeispielen gearbeitet wird, gerne auch hierzu eines: Alice Hasters – Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten"

Miriam Davoudvandi on Twitter

könnten wir uns ein für alle mal darauf einigen, dass es keinen umgekehrten rassismus gibt? da im artikel auch gerne mit buchbeispielen gearbeitet wird, gerne auch hierzu eines: alice hasters - was weiße menschen nicht über rassismus hören wollen, aber wissen sollten https://t.co/wLmvSk35LU

Juri Sternburg on Twitter

Das schlimmste an diesem Text ist nicht der Inhalt. Es ist die gefühlte Überlegenheit des Autors aufgrund des angeeigneten Inhalts einiger der grundlegendsten Bücher der Welt. Für wie unglaublich dumm muss man seine Kritiker und Fans halten, wenn man denkt diese Antwort wäre gut?

Johann Voigt on Twitter

Es geht bei der Kritik an diversen Rappern nicht darum, auf Rap rumzuhacken, sich wichtig zu machen oder "die nächste Sau durchs Dorf zu jagen", sondern darum, gefährlichen und diskriminierenden Aussagen von Rappern zu widersprechen, die sie auf ein riesiges Publikum loslassen.

In einem ausführlichen Artikel fasst Vice die Aussagen Prinz Pis sowie die Kritik daran nochmal zusammen und bescheinigt dem Rapper, total daneben zu liegen. Prinz Pi scheine nicht zu verstehen, dass "die Rapszene kein hermetisch abgeriegelter Raum ist, sondern ein Teil der Gesellschaft, in dem Rassismus präsent ist".

"Dass es keinen sogenannten umgekehrten Rassismus gibt, ist wissenschaftlicher Konsens. Gruppenbezogene Feindlichkeit gegen Weiße, wohlsituierte Friedrichs existiert nicht. Sie sind nicht strukturell benachteiligt, haben aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe nichts zu befürchten, werden nicht unterdrückt, nicht systematisch ausgegrenzt."

"Dass Prinz Pi sich überhaupt geäußert hat, ist gut. Wie er sich geäußert hat, spricht gegen ihn. Wahrscheinlich sollte er andere Bücher lesen. Bücher, die ihm Rassismus erklären. Dann würde er verstehen, dass er ganz sicher nicht das Opfer ist, sondern Teil des Problems."

Wie siehst du die ganze Angelegenheit?

Welche Werte hat Hiphop? Manuellsen, Prinz Pi, Aria & mehr diskutieren (New Fall Forum)

Zurück zum Grundsätzlichen: Was zählt eigentlich zu den Werten der Hiphop-Kultur? Das New Fall Forum beim diesjährigen New Fall Festival gab die Möglichkeit, genau diese Frage zu diskutieren.

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Nimo – Ein Gespräch über Empathie (Interview)

Nimo – Ein Gespräch über Empathie (Interview)

Von Robin Schmidt am 10.04.2021 - 14:57

Nimos Schlussworte im großen Hiphop.de-Interview mit Aria Ende 2019 lauteten unter anderem: "Ich will Spuren hinterlassen". Für Nimo markierte dieser Zeitpunkt den Beginn einer persönlichen Weiterentwicklung, nachdem sein Lebenswandel in den Jahren zuvor nicht nur von guten Momenten geprägt war. Eine dieser Spuren, die Nimo im Leben hinterlassen will, ist es, Menschen mit seiner Musik zu verbinden und für mehr Miteinander zu kämpfen.

In seinem neuen Song "Zart" greift Nimo dieses Vorhaben auf und rappt darüber, dass es wichtig ist, Gefühle zu zeigen und für andere da zu sein. Um dem Empathie-Gedanken einen größeren Ausdruck zu verleihen, hat sich Nimo mit dem Schokoladenhersteller Milka zusammengetan, der Titel ist in Kooperation entstanden. Anlässlich des neuen Songs haben wir uns mit Nimo im digitalen Raum zum Interview getroffen und mit ihm über Empathie, Emotionen und Entwicklung sowohl in seiner Persönlichkeit als auch im Rap-Business gesprochen.

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Über welche gesellschaftlichen Themen hast du dir in der letzten Zeit Gedanken gemacht?

Im letzten Jahr habe ich mich oft mit Corona und allem, was damit kam, sich geändert hat und noch ändern wird, befasst. Davon losgelöst sind es die Themen Gerechtigkeit, Rassismus und Mobbing, mit denen ich mich schon immer stark beschäftigt habe. In letzter Zeit ist das nochmal extremer in meinen Gedanken gewesen. Wir kennen alle die Fälle, die in den Medien tagtäglich präsent sind. Es gibt aber genauso viele Fälle, über die man nicht Bescheid weiß. Es ist schade, dass diese Themen nur durch extreme Vorfälle in aller Munde sind.

Wie ordnest du aktuell die Empathie-Fähigkeit der Menschen in Deutschland ein?

Ich sehe da zwei Seiten. Einmal gibt es die Seite der Menschen, denen das egal ist. Denen geht es nur um ihren eigenen Arsch. Wie kann ich am besten für mich sorgen? Alles andere ist egal. Und dann gibt es eine Gruppe, die das sehr beschäftigt. Besonders in der jetzigen Zeit, in der wir alle viel zu Hause sitzen und oft mit unseren Gedanken allein sind und Dinge nur über Social Media mitbekommen. Diese Gruppe will, dass es Veränderungen in der Gesellschaft gibt. Das klappt aber nur, wenn alle mitmachen. Empathie ist eine normale menschliche Sache. Man muss kein Talent haben, um empathisch zu sein. Man muss nur ein Herz haben. Das haben wir alle. Jeder Mensch möchte verstanden werden, egal ob er glücklich ist oder traurig. Wir müssen mehr hinterfragen und nicht immer gleich verurteilen. Sehr oft habe ich gemerkt, dass wir Sachen in den Medien gezeigt bekommen und direkt urteilen. Ich erwische mich auch ab und zu selbst dabei. Wir urteilen direkt, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was vielleicht der Hintergrund der Geschichte ist und wie sich diese Personen gefühlt haben. Ich merke, dass es eine große Gruppe von jüngeren Menschen gibt, die an all dem etwas ändern will. 

Empathie ist ein großer Begriff heutzutage. Was verstehst du persönlich darunter? 

Für mich zählen dazu Werte, die normalerweise in jedem Menschen vorhanden sein sollten: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, liebevoll sein, respektvoll sein, verständnisvoll sein, zart sein. 

Woran hast du in deinem Leben gemerkt, dass du empathisch bist?

Ich habe das schon sehr früh gemerkt. Bevor ich es selbst gemerkt habe, hat mein Vater bemerkt, dass ich eine gerechte Ader in mir habe und ein sehr großes Herz. Mir ist es mit all den Rückschlägen, Dramen und dem Leid, das wir in unserer Familie hatten, aufgefallen. Ich weiß, wie es ist, als Kind allein zu sein. Ich weiß auch wie es ist, wenn man friert oder Hunger hat, weil ich diese Situationen schon durchgemacht habe. Ich kann Menschen, die so etwas durchmachen, sehr gut nachempfinden. Dieser Sinn ist dadurch bei mir sehr ausgeprägt. 

Wie viel Empathie braucht man im Musik-Business?

In der Musikwelt ist Empathie schwierig. Künstler sind sehr eigene Charaktere. Sie sind nicht aus Spaß in der Musikwelt, sondern wollen etwas erreichen. Auf diesem Weg sieht jeder Künstler sich selbst als die Nummer 1. Da musst du dich auch eigentlich sehen, denn dieses Selbstbewusstsein brauchst du. Jeder Künstler hat eine eigene Wahrnehmung. Oftmals treffen viele Egos aufeinander. Mit vielen Künstlern funktioniert es reibungslos, mit anderen dagegen weniger. Dieses Business ist ein Rennen. Der Neid ist sehr groß. Wo Neid ist, kann wenig Empathie sein. 

Zu mehr Empathie aufrufen möchtest du mit deinem neuen Song „Zart“. Welche genaue Idee steckt dahinter?

Mit diesem Song geht’s mir darum, Menschen zu verbinden. Jemand soll einfach diesen Song hören und für einen kurzen Moment ein Lachen ins Gesicht gezaubert bekommen und eine Message daraus mitnehmen. Im Song gibt es auch eine Ebene, wo man sicher kurz schmunzeln muss. Am Ende gibt es aber auch den lauten Nimo, der dir die Botschaft mitgibt: Sei zart. Mir gefällt, dass du zart bist, keinen Neid in dir hast. Sei ein Mensch, sei du selbst, sei alles, was du sein willst, aber sei bitte zart. Ich möchte erreichen, dass die Leute das Bild wegbekommen, dass Rap immer hart sein muss, ekelhaft oder sexistisch. Das allein ist es nicht. Gefühle zeigen macht dich stark. 

Hattest du Bedenken, dich mit dieser Message so zu öffnen? 

Ich mache mir keine Gedanken darüber, was die Leute am Ende des Tages sagen. Der Song ist in Kooperation mit Milka entstanden und war eine Challenge. Mir ging es darum, einen nicen Song zu machen, der diese Message enthält. Mir war nur wichtig, dass es ein typischer Nimo-Song ist, der meinen Sprachstil, Humor und meine Adlibs rüberbringt. Ich möchte mit diesem Lied auch erreichen, dass sich andere Künstler keine Gedanken mehr darüber machen, ob etwas zu weich sein könnte.

Du hast in der Vergangenheit oft für Songs mit einer härteren Message gestanden. Welche Werte willst du mit deiner Musik vermitteln?

An allererster Stelle will ich mit meiner Musik Freude bereiten. Jemand, der meine Songs hört, soll Spaß haben, er soll tanzen. Wenn er oder sie gerade Liebeskummer hat, dann soll mein Song aber auch wie ein bester Freund für ihn oder sie da sein. Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Empathie wirst du immer in meinen Songs finden. Ich werde in Zukunft auch weiter harte Songs machen. Emotionen sind manchmal laut, manchmal sind sie aggressiv. Manchmal sind sie zart, manchmal sind sie müde, fühlen sich schwach an. Das alles ist in einem Menschen drin. Auch wenn ich weiter harte Songs machen werde, heißt das nicht, dass es meine Message verändert. 

Viele Rapper setzen Zeichen gegen Rassismus, Armut, Krankheiten oder andere Dinge. Welchen Einfluss können Rapper auf die junge Generation nehmen? 

Wir haben die Verpflichtung, unseren Teil dazu beizutragen, ein Zeichen zu setzen. Jeder von uns hat eine enorme Reichweite. Wenn dich etwas berührt, etwas verändert, wenn dir etwas von einer Sache im Kopf geblieben ist, dann sagst du es Minimum drei Leuten weiter. Wenn diese drei Leute davon überzeugt sind, sagen sie es wiederum anderen Leuten weiter. Das ist die wahre Reichweite. Nicht die Zahlen im Internet. Durch diese wahre Reichweite können wir viel erreichen, indem wir nicht einfach nur zuschauen, sondern uns für unsere Mitmenschen und unsere Kinder einsetzen.

Die junge Generation ist vor allem auf Social Media zu finden. Können soziale Medien und Empathie überhaupt zusammenpassen, wenn jeder in seiner eigenen Blase lebt? 

Das ist das Schwierige. Der Mensch im privaten Leben ist in den meisten Fällen nicht derselbe Mensch wie im Internet. Ich bin seit sechs Jahren im Musikbusiness. Seit sechs Jahren hat mich auf der Straße weder jemand beleidigt noch angegriffen. Aber wenn du ab und zu durch meine Kommentare oder Nachrichten gehst, findet sich die ein oder andere Beleidigung oder Drohung. Es ist sehr gefährlich im Internet, die verbale Gewalt nimmt dort extreme Ausmaße an. Viele haben sich wegen Mobbing das Leben genommen, weil sie mit diesem Druck nicht klargekommen sind. Diejenigen, die wir berühren und erreichen wollen, sind die wahren Menschen im Leben. Im Internet wird es immer die Radikalen und Extremen geben. Man muss aber auch die Radikalsten erreichen und mit ihnen reden. Man darf nicht radikal auf radikal antworten. Jeder hat ein Herz und etwas Positives in sich. Man muss es mit Geduld und Liebe versuchen. Wenn du dich änderst und ein guter Mensch sein willst, erwarte nicht, dass es von heute auf Morgen gehen wird. Mach es in erster Linie für dich und habe Geduld.

Wie gehst du mit wenig empathischen Menschen um?

Wenn ich das im echten Leben mitbekomme, versuche ich, je nachdem wie die Situation ist, etwas zu sagen. Wenn ich merke, dass eine Konversation nichts bringt, mache ich einen Bogen drumherum. Auf manche Nachrichten im Internet antworte ich, um derjenigen Person einen Denkanstoß zu geben.

Wie kann man lernen, empathischer zu werden? 

In jedem Menschen steckt Empathie. Das meiste passiert in der Erziehung. Ein Kind wird ohne böse Gedanken, Worte oder Taten in diese Welt geboren. Es liegt immer daran, wie das Kind groß wird. Was lernt das Kind von den Eltern, im Fernsehen oder bei seinen ersten sozialen Kontakten draußen? Ich bin davon überzeugt, dass man jemanden, der sehr rassistisch ist und ein ganzes Volk oder eine Religion hasst, von diesem Hass befreien kann, wenn man mit ihm redet. Viele bekommen gewisse Werte von zu Hause mit. Aber viele brauchen in dieser Zeit auch jemanden da draußen, der sie von gewissen Dingen abbringt.

Du setzt dich für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft ein, hast deiner Mutter ein Haus im Iran gekauft, weil es ihr Traum war und gibst mit "Zart" nun einen Denkanstoß zu mehr Miteinander. Du scheinst deine Empathie mittlerweile in viele Lebensbereiche zu spreaden. 

Ich habe mir Empathie zur Lebensaufgabe gemacht. In den letzten zwei bis drei Jahren habe ich einen sehr großen Wandel durchgemacht. Mir ist einiges klargeworden. Zum Beispiel, dass ich diese Reichweite und die guten Fähigkeiten in mir vollkommen ausschöpfen muss. Das gute Herz, das ich habe, hat mich immer wieder schwach gemacht, weil ich Leuten vertraut habe und zu gut zu Leuten war. Mir ist aber bewusst geworden, dass mein Verhalten nicht falsch war. Dass du Menschen helfen willst, ist nicht falsch. Du musst es nur bei den richtigen Menschen anwenden. Du kannst da helfen, wo Menschen ein offenes Ohr brauchen. Du kannst dort die Stimme der Stummen sein, wenn sie deine Stimme brauchen. Ich finde mich selbst immer mehr und lerne mich besser kennen. Trotzdem habe ich noch tausend Fehler in mir und Dinge, die ich ändern möchte.

Lass uns zum Schluss nochmal auf deine persönliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren kommen, insbesondere seit dem Interview mit Aria Ende 2019, in dem du dich sehr reflektiert und selbstkritisch gezeigt hast. Wo steht Nimo 2021 künstlerisch sowie persönlich?

Es hat sich privat wie auch künstlerisch sehr vieles geändert. Ich bin in einer dauerhaften Entwicklungsphase. Manchmal ist es so, dass man nicht nur Fortschritte macht. Manchmal denkst du dir, ich mache doch alles richtig, aber trotzdem machst du Rückschritte. Manchmal lässt der Moment es nicht zu, dass du klar über eine Sache nachdenkst. Ich will immer wachsen, ich will immer größer werden. Aber das ist nicht Sinn der Sache. Ich arbeite gerade intensiv an meiner Geduld. Wir machen ein neues Album, mein ganzes Business ist hier, gleichzeitig leben meine Mutter und meine Frau im Ausland. Es gibt viele Sachen, wo ich selbst nicht immer weiß, wo ich bin und was ich mache. Die einzige Zeit, in der ich komplett meinen Frieden finde, ist, wenn ich zwei Stunden für mich allein laufen gehe. 

Die Zeit rast. Auf einmal bist du kein Kind mehr und wartest auf dein eigenes Kind. Du bist kein Zuhörer mehr, sondern du bist derjenige, der die Musik macht. Es kommt die Zeit, in der du merkst: Du bist jetzt ein Mann. Seit dem Interview mit Aria habe ich nochmal gemerkt, dass ich kein Teenager mehr bin. Ich bin jetzt ein Mann, der Sachen sagt, die ein Mann sagt und Werte vermittelt, für die ein Mann im Leben stehen sollte.


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