MoTrips neues Signing: Lenny Morris will nach 15 Jahren Rap den Durchbruch schaffen

Am 28. September veröfffentlichte Lenny Morris seine „Chedda“-EP. Wenig später wurde sein Signing bei Universal bekannt gegeben. Kurz bevor er gestern eine weitere Single als Videopremiere bei uns droppte, lernen wir den Mann kennen, den MoTrip bei Universal unterbrachte und der schon seit guten 15 Jahren rappt. Ein Porträt.

Es ist herbstlich windig und kühl, als wir Lenny Morris in einem Ehrenfelder Park treffen. Wir entscheiden uns trotzdem, an der frischen Luft zu bleiben. Mit Getränken vom Kiosk ausgestattet, lassen wir uns auf zwei Bänken nieder. Wir setzen uns gegenüber – die Flaschen stehen zwischen uns auf einem dieser Betontische, wie sie in fast allen Parks zu finden sind. Lenny hat zwei Homies dabei, die sich etwas Abseits auf einer Bank niederlassen. Wir quatschen über Lenny Morris‘ erste Kontakte mit Rap, seinen Onkel aus dem Musikbusiness und über abgebrochene Ausbildungen.


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Fabio Rizzetto - Instagram: @chico_worldwide

"Rückwärtspromo" für die "Chedda"-EP

Der Bremer ist viel unterwegs in diesen Tagen. Er spricht auch mit einigen anderen Magazinen und Formaten. Von Köln aus geht es nach Berlin zu Visa Vie und „Irgendwas mit Rap“. Lenny erzählt, dass er und sein Team „Promo rückwärts“ machten. Eine Interviewtour vor dem Release klappe eben nur, wenn einen die Leute bereits kennen würden. „Auf mein Release hat keiner gewartet“, sagt er lachend. Trotzdem ging es immerhin mit einem Track los, auf dem JokA und MoTrip gefeaturet waren. Es gibt unspektakulärere erste Singleauskopplungen für jemanden, auf dessen Release nach eigener Aussage niemand gewartet hat. 

Vom Bremer Schulhof zum Universal-Signing

Dass MoTrip allerdings für einen Universal-Deal sorgte, kam nicht von heute auf morgen. Lennys bisherige Karriere ist keine von null auf 100-Story, wie wir sie immer wieder von 18 Jahre alten Newcomern zu hören bekommen. Es ist eine Geschichte, die über diverse Umwege zu Universal führte. Lenny Morris hat viele Ausbildungen geschmissen. Im Nachhinein, so erzählt er lächelnd, hätte es sich gelohnt, manchmal ein paar Monate mehr durchzuhalten. Aber es war auch eine abgebrochene Ausbildung, die ihm über Umwege den Kontakt zu MoTrip brachte. Doch dazu später mehr.

Lennart Morris Liebig – so heißt er im Leben außerhalb der Musik – ist vor dreißig Jahren in Bremen geboren, hat seine Kindheit im niedersächsischen Papenburg verbracht und ist mit elf Jahren zurück nach Bremen Nord gekommen, wo er seine Jugend erlebte. Seine prägendste Zeit habe er in dem Stadtteil erlebt, über den „Jan Böhmermann immer so ein bisschen übertrieben erzählt“. Lenny lacht, als er darüber redet, dass der ZDF-Moderator immer ein bisschen damit spiele, es aus dem Bremer Norden heraus geschafft zu haben, ohne abgestochen zu werden. Das sei zwar aufgebauscht, ganz einfach sei die Gegend aber nicht. Aus der niedersächsischen Kleinstadtidylle heraus, so mutmaßt er, wäre er eher nicht zum Rap gekommen. 

„Kitschig und Klischeemäßig“ nennt er seine ersten Berührungspunkte mit Rap. „Will Smith oder sowas“ sei in Filmen präsent gewesen. Der Sound habe ihn gefesselt, so richtig eingetaucht sei er dann durch die ersten deutschsprachigen Sachen, die sein älterer Bruder ihm zeigte. Dynamite Deluxe sei das in erster Linie gewesen. Nun verstand der junge Lennart erstmals, was über den für ihn spannend klingenden Sound gerappt wurde. Die ersten Beatbox-Erfahrungen auf dem Schulhof folgten. Doch darin sei er miserabel gewesen, erzählt er lachend. Also fing er an, mit Freunden Texte zu schreiben. Sie trieben einen Kassettenrekorder mit zwei Decks auf. Realer Rap damals Anfang der 2000er. Erste Schritte, die viele Artists bereits beschrieben. Aber die Klischees hatte er angekündigt.

Lenny Morris‘ Onkel produzierte Mr. President

Dass er recht früh die Möglichkeit bekam, Musik in einem professionellen Rahmen aufzunehmen, verdankte Lenny seinem Onkel. Robert Meister ist Inhaber des Bremer Tonstudios Tonart. In den 90ern nahmen dort unter anderem Mr. President ihre Eurodance-Hits auf. Mitte der 2000er durfte sein Neffe Lenny hier erste Tracks einrappen. Rückblickend lacht er über die damalige Musik. „Voll der Bullsh*t. Was willst du mit 14 auch rappen?“ Über Jahre schrieb er immer regelmäßig Texte, rappte sie ein. Es war die einzige Sache, so berichtet er, die er stets durchzog. Ausbildungen und Praktika schmiss er immer wieder.


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„Ich wollte nicht hinter der Kamera stehen“

Er startete mit einer Gymnasialempfehlung auf die weiterführende Schule. Am Ende stand der Hauptschulabschluss. Dann Handelsschule. Nach drei Wochen „wurde mir ans Herz gelegt, es macht keinen Sinn“, erzählt er. Eine Ausbildung in der Lagerlogistik hielt er seiner Mutter zu Liebe acht Monate durch, bevor er das Handtuch schmiss. 

Deutlich besser lief es danach, als aus einem Praktikum bei einem lokalen TV-Sender ein Ausbildungsplatz als Mediengestalter Bild und Ton wurde. „Das war schon eher das, was ich machen wollte“ erzählt der Bremer im Rückblick. Doch die anfängliche Begeisterung hielt nicht lange genug. Vier Monate vor Ende der Ausbildung entschied er sich erneut, alles zu schmeißen. „Irgendwie hatte ich gemerkt, dass ich keinen Bock habe, mein ganzes Leben hinter der Kamera zu stehen“. Er trennte sich von seiner damaligen Freundin und machte wieder einen Cut. Alles auf null. Schon wieder.

Mit etwas Abstand, so denkt er heute, hätte er diese vier Monate noch durchziehen sollen, um die abgeschlossene Ausbildung in der Hand zu haben. Doch er habe das Gefühl gehabt, keine Zeit mehr für die Sache zu haben, die ihn wirklich interessierte: Rap. Mit Anfang 20 entschied er sich schließlich, nebenher ein wenig Geld zu verdienen, um die Miete zu zahlen. Ansonsten wollte er sich voll auf die Musik fokussieren.

"THC", "Bronze" & "Chedda": Mit drei Releases zum Universal-Deal

Seitdem hat sich einiges getan. Sein erstes Release „Tattoos, Haze & Cash“ – das online nicht mehr zu finden ist – war genau das, was der Releasetitel versprach. Diesen rauen Sound wollte Lenny 2016 nicht mehr machen. In der Zwischenzeit hatte er sich neu verliebt und war Vater geworden. „Plötzlich hatte ich den Anspruch, andere Musik zu machen wegen meiner Tochter“. Aus heutiger Sicht sei er da etwas zu sehr „Moralprediger“ geworden. Er vertrete zwar alle Dinge auch so, im Rap „finde ich das aber selbst eigentlich nicht cool“. Rap sei einfach keine Musik für kleine Kinder. „Meiner Tochter würde ich das nicht unbedingt zeigen“, erzählt er lachend. 

Ein Splash-Auftritt 2016 sei es gewesen, der ihn neu inspiriert habe. „Dieser lockere Sound und der Mindset, den A$AP Ferg da geliefert hat, der hat mich begeistert!“ Tatsächlich ist seine neue Musik und lockerer. Bisher sei in seiner Karriere nichts so richtig durch die Decke gegangen. „Das kreide ich mir aber selbst an. Mal war der Sound wack, mal haben Videos nicht gestimmt“. Trotzdem sei es für neue Acts nicht immer leicht, sich durchzusetzen gegen die große Aufmerksamkeit, die etablierte Namen in immer kürzeren Abständen auf sich ziehen. Das mediale Feedback auf seine Single mit MoTrip und JokA sei größer gewesen, als bei Singleauskopplungen ohne große Namen. So läuft das Geschäft eben.


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Immerhin hat er die Kontakte. MoTrip supportet den Bremer. Vor anderthalb Jahren erwähnte der Aachener einmal, dass er helfen wolle, ihm professionellere Strukturen aufzubauen. Vor wenigen Wochen signte MotTrip den Bremer dann bei seiner eigenen Universal-Edition Ghost. Doch wie kommt der Kontakt nach Aachen zustande? „Da kann ich den Bogen zur Ausbildung wieder spannen“ entgegnet Lenny lachend. Dort lernte er den damaligen Mitbewohner JokAs kennen und die Dinge nahmen ihren Lauf. Und so macht auch die abgebrochene Ausbildung am Ende irgendwie Sinn. Und wenn sie Lenny Morris nur den Weg zum späten Durchbruch als Rapper geebnet hat, dann hätte er im wahrsten Sinne des Wortes etwas fürs Leben gelernt. 

Hier kannst du dir die gesamte EP anhören:

Chedda

Chedda, an album by Lenny Morris on Spotify

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Tierstar im Interview über Ssynic vs. Meidi, Kollegah, Alpha Royale & den Shitstorm

Tierstar im Interview über Ssynic vs. Meidi, Kollegah, Alpha Royale & den Shitstorm

Von Clark Senger am 24.04.2019 - 16:10

Durch das Finale des "Alpha Royale" Finals zwischen Meidi und Ssynic ist Battlerap grade in aller Munde. Der beiden Reaction Videos des Verlierers Ssynic zum Judging haben jeweils mehr als 400.000 Aufrufe auf YouTube, das Battle selbst geht kurz- bis mittelfristig auf den siebenstelligen Bereich zu. Jede Menge Aufmerksamkeit für eine Subszene, die mit einer eigenen Dynamik und eigenen Fans komplett unabhängig vom großen Rap Game funktioniert.

Beim "Alpha Royale", dem gemeinsamen Turnier von Kollegahs Label Alpha Music Empire und Toptier Takeover, sind diese beiden Welt spürbar aufeinandergeprallt. Statt der bekannten Gesichter aus der Battle-Welt war die Jury des Finals zu vier Fünfteln mit bekannten Gesichtern aus den Charts besetzt – immerhin ging es um einen Deal bei Alpha.

Ssynic vs. Meidi: "Alpha Royale" von Kollegah & Toptier Takeover in der Kritik

MoTrip, Kool Savas und vielmehr noch Kollegah und Ali As bekommen im Netz jede Menge Häme aus der Community ab. Auch die Veranstaltung selbst steht in der Kritik. Neben Ssynic haben auch der Turniersieger Meidi und Kollegah ihre Meinung in langen Videos detailliert erklärt. Tierstar, seines Zeichens Gründer von Toptier Takeover sowie Battlerapper durch und durch, hat noch kein derartiges Video veröffentlicht. Das muss er auch gar nicht, denn wir haben ihn zu seiner Perspektive auf die Vorwürfe, dem Ablauf des Turniers, der Zusammenarbeit mit Kolle, dem Judging und Battleraps Entwicklung interviewt.

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Wie lautet dein Fazit zum "Alpha Royale" und der Zusammenarbeit mit Kollegah?

Bei der Umsetzung haben sich die unterschiedlichsten Dinge ergeben. Das Preisgeld und der Turniermodus sollten im Gegensatz zu den unjudged Battles, die es oft bei uns gibt, etwas mehr Druck und Spannung reinbringen. Die grundsätzliche Intention war es, Battlerap aufs nächste Level zu bringen und interessanter für neue Zuschauer zu machen. Das birgt natürlich auch Gefahren und da sehe ich Parallelen zu Rap generell. Was war Rap in den 70ern und was ist dann passiert, als die Industrie dazukam? Battlerap ist wie Rap damals eine Subkultur. Wenn diese mehr Richtung Mainstream rutscht, können Aspekte wie die Realness verloren gehen. Es hat aber auch seine Vorteile und ich will auch noch weiter versuchen, das Ganze noch größer zu machen. Aus Präzedenzfällen wie dem "Alpha Royale" kann man seine Lehren ziehen und weiter daran arbeiten.

Es war auf jeden Fall für Deutschland ein neuer Schritt, dass ein erfolgreicher Rapper wie Kollegah in einem solchen Rahmen mit einer Battlerap-Plattform zusammenarbeitet. Wird das negative Feedback andere Rapper abschrecken?

Es ist auf jeden Fall eine Diskrepanz zwischen Rap und Battlerap deutlich geworden, als würde es sich um komplett unterschiedliche Sportarten drehen. Wenn ich sonst bei einem Battle als einziger Judge für den einen Rapper stimme, dann frage ich mich, ob mir irgendwas entgangen ist, was die anderen krass gefeiert haben. In dem Fall stehe ich aber auch hinter der Entscheidung, nachdem ich mir das Battle noch weitere Male angesehen habe. Hier war es interessant, dass alle vier Musiker – ich selbst bin in meinen Augen eher Battlerapper als Musiker – nach anderen Kriterien entschieden oder die Kriterien anders gewichtet haben als ich. Für mich ist es meistens 50 % Battle und 50 % Rap. Ich glaube, die anderen Judges haben mehr nach Rap-Gesichtspunkten entschieden. Meidi hat besser gerappt, aber Ssynic hat besser gebattlet.

Mit dem Judging sprichst du einen der Kernpunkte der Kritik an. MoTrip, Kollegah, Savas oder Ali As und in vorigen Runden auch Jigzaw werden als Musiker gesehen und nicht als Battle-Experten. Wie hätte eine andere Besetzung den Verlauf und das Nachspiel des Turnier beeinflusst?

Ich glaube, ein paar Leute wären nicht durchgekommen, wenn überwiegend Battlerapper gejudget hätten. Aus meiner Perspektive gab es zwei bis drei Fehlentscheidungen im Turnierverlauf. Dadurch dass es auch um eine Albumproduktion ging, war es aber auch notwendig, Leute judgen zu lassen, die Alben veröffentlichen und erfolgreich damit sind. Das ist dieses Mal mit eingeflossen. Bei unserem "Battle of Honor"-Turnier geht es nicht um den Absprung ins Rap Game und dementsprechend wird dort anders gejudget.

War die Produktion eines Studioalbums dann vielleicht der falsche Preis für ein Battle-Turnier?

Ich würde nicht "der falsche Preis" sagen. Der Rahmen stand ja von Anfang an fest: Es ging um einen Deal bei Alpha Music. Bei einem anderen Preis wären vielleicht andere Rapper am Start gewesen und alles wäre anders gelaufen. Stell dir mal vor, es wäre um eine Rolle in einer Netflix-Serie gegangen. Dann hätten nochmal ganz andere Kriterien eine Rolle gespielt und wir hätten vielleicht das Schauspieltalent mitbewertet ...

... und Damion Davis hätte das Ding gewonnen.

(lacht) Genau! Das Acting und die Delivery wären viel wichtiger gewesen, so wie jetzt der Rap wichtiger war als die Battle-Aspekte. Das hast du auch bei der Begründung gemerkt. Savas meinte, er konnte Meidi mehr fühlen. Das ist wie in der Musik: Du fühlst einen Song oder du fühlst ihn eben nicht. Durch die persönliche Thematik und das Vatersein konnte Savas zum Beispiel Lines fühlen, die an mir vorbeigegangen sind.

Glaubst du denn, eine gemischte Zusammenstellung der Judges hätte dem ganzen Ding gutgetan?

Ja, das schon. Aber viele Zuschauer vergessen, dass wir die Jury mit den Rappern absprechen. Jeder weiß, von wem er gejudget wird. Rapper haben Vetorechte und diese schon oft genug auch eingesetzt. Alle waren zufrieden mit der Zusammenstellung und haben sich drauf gefreut. Wenn man Judges akzeptiert, dann sollte man im Nachhinein auch die Entscheidung respektieren, auch wenn man sie nicht teilt. Ich kann nicht zu "DSDS" gehen und sagen, ich will Dieter Bohlens Meinung nicht hören.

Besonders Ali As bekommt einigen Hate aus der Community ab. Unter anderem, weil er als Judge während Ssynics erster Runde verschwindet und erst neun Minuten später zurückkommt, als der größte Teil von Meidis Runde vorbei ist. Wie hast du das aus der ersten Reihe wahrgenommen?

Auf der Bühne ist mir das gar nicht aufgefallen, das wurde mir erst im Nachhinein gezeigt. Das macht definitiv einen schlechten Eindruck auf den Zuschauer. Ich weiß aber auch nicht, warum er gegangen ist. Es gibt ja durchaus Momente, in denen anderes Vorrang hat. Wenn er einfach nur eine rauchen war, dann ist das natürlich wack. Wenn du sonst auf die Bühne pinkelst, dann ist es die bessere Wahl gewesen, kurz zu gehen. Generell ist es nicht cool, wenn ein Judge verschwindet und er hätte das am Ende auch einfach kurz erwähnen können. Aber warum er gegangen ist, muss man halt ihn fragen.

Anstatt nur über Ali zu schreiben, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, haben wir ihn nach einer kurzen Stellungnahme gefragt. Was er zum Finale, seiner Entscheidung und seiner zwischenzeitigen Abwesenheit sagt, könnt ihr hier lesen:

Exklusiv: Ali As bezieht Stellung zu Meidi vs. Ssynic & der Kritik

Das Finale beim Alpha Royale zwischen Ssynic und Meidi bietet weiterhin mächtig Diskussionsbedarf.

Mit der Unterscheidung zwischen Battle- und Rap-Gesichtspunkten hast du eben schon eine Diskrepanz angerissen, die man auch schon außerhalb des "Alpha Royale" zu spüren bekommen hat. Am einen Ende des Kontinuums gibt es die Rap-Rapper, die auf Technik, Flow und Reime setzen, und auf der anderen die Punchline-Rapper, bei denen die Battles oft Richtung Comedy oder Poetry Slam abdriften. 

Dazu hat beigetragen, dass der Beat verschwunden ist. Mit Cassidy, Freeway und Co fing es ungefähr um die Jahrtausendwende an, dass written A Cappellas mehr an Bedeutung gewonnen haben. In Deutschland kam das erstmals durch "Feuer über Deutschland" in eine größere Öffentlichkeit. Da meinten ja viele, dass das fake wäre, auswendig gelernte Texte ohne Beat zu rappen. In Polen sehen die Leute das immer noch so und Freestyle Battles sind da A und O. In Russland ist es genau umgekehrt. Wir haben bei Rap Am Mittwoch und jetzt bei Toptier Takeover immer versucht, den kompletten MC zu fördern. Wir wollen nicht, dass die Freestyler aussterben, auch wenn der Unterhaltungswert oft höher ist, wenn die Rapper sich vorbereiten und eine echte Show abliefern können. Wenn wir im Seniorenheim battlen und du kommst mit den übelsten Reimketten, Flows und Patterns um die Ecke, ich habe dafür geile Schlagervergleiche – mit billiger Technik, aber ich bringe die Crowd zu Beben – dann gehe ich als verdienter Sieger nach Hause. Aber wenn da der Hiphop-Aspekt verloren geht, dann ist es nur noch Show gegen Show.

Demnach dürften die puren Rap-Skills bei dieser Entwicklung immer weiter in den Hintergrund rücken, oder?

Freestyle ist für mich noch immer die realste Form des Battles. Hier kannst du nicht faken. Ghostwriting ist auch in der Battle-Szene ein Thema und daher kann man nicht nur anhand von Writtens beurteilen, wer der Bessere ist.

Das Problem, auf das ich eigentlich zu sprechen kommen wollte, ist, dass es auch in Zukunft bei einem Clash of Styles oft zu kontroversen Entscheidungen kommen wird, wenn beide Strömungen weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Kunst bleiben.

Komplett richtig. Dann geht es quasi nur noch darum, wer in der Jury ist. Ein bisschen so wie bei den Amis, wenn die Anwälte darum battlen, wer in der Jury sitzt. Wenn wir von kontroversen Entscheidungen oder Fehlentscheidungen sprechen, dann müssen wir auch über das Judging-System reden. Ist es überhaupt nötig, Judges live vor Ort zu haben, die nach ihrem ersten Eindruck die MCs beurteilen müssen? Grade bei Writtens gibt es viele verschachtelte Dinger, die man nicht direkt checkt. Sollte die Crowd nicht irgendwie mit einfließen? Es kommt immer zu problematischen Entscheidungen. Die Rapper sind auch dagegen, wenn wir ein Online-Judging machen wollen – da gewinnt dann meistens der mit mehr Hype. Wir hatten auch Crowd-Entscheidungen: Bei Finch vs. Gier ist die Online Community aber Sturm gelaufen.

Zurück zum "Alpha Royale" Finale. Dass Ssynic in seiner letzten Runde von Kolle unterbrochen wurde, sorgt für jede Menge Gesprächsstoff. Wie hast du die Szene wahrgenommen?

Das macht natürlich einen schlechten Eindruck, wenn du als Veranstalter reinredest, aber ich fand's nicht sooo dramatisch. Meidi hatte auch mit Unterbrechungen zu kämpfen. Generell müssten Battlerapper auch in der Lage sein, sich dadurch nicht rausbringen zu lassen.

Kollegah droppt in seinem Video zum Thema folgende Sätze: "Wenn du dir mal überlegst, wer hat gewonnen bei diesem Event? Dann sind das einfach nur die Battlerap-Szene und die Rapper, die dran teilgenommen haben. Es gibt keine Verlierer außer mich." Würdest du das unterschreiben?

Ich erinnere mich ans erste Treffen mit ihm, da ging es gar nicht um Zahlen oder Business. Er wollte das Ding supporten und meinte, wir können damit Geschichte schreiben und etwas Positives machen. Wir wollten beide die Kunst des Battlerap aufwerten, weil die Akteure einfach immer noch zu wenig für das bekommen, was sie leisten. Kein Battlerapper kann davon leben. Die schreiben quasi eine ganze EP für ein Battle und können das nur ein Mal verwenden. Wenn er jetzt als Buhmann hingestellt wird von der Szene, obwohl seine Intention nur positiver Natur war, dann ist das ziemlich schade und das tut mir voll Leid für ihn, dass er sich jetzt als Verlierer sieht.

Auch die anderen Judges haben Kritik abbekommen. Im Halbfinale war zum Beispiel Jigzaw am Start, der sich mit seiner Begründung pro Meidi nicht grade mit Ruhm bekleckert hat.

Eigentlich sollte da auch schon MoTrip judgen, aber er musste leider absagen. Dass Jigzaw einspringt, haben wir spontan entschieden. Natürlich wäre es uns lieber, wenn ein Battlerapper gejudget hätte, aber wie gesagt: Es wurde um eine Albumproduktion gebattlet und deshalb wurde gewünscht, dass gesignte Rapper ein Urteil fällen.

Der Wunsch kam dann vermutlich von Kolle?

Kolle oder Akay, aber das war eine schnelle und unkomplizierte Geschichte. Judgen ist aber auch oft ein sehr undankbarer Job. Du willst vielleicht nur den Abend genießen und dann musst du ganz genau aufpassen, wann wer einen Treffer landet oder ein geiles Scheme auspackt. Wenn man dann am Ende nicht nur inhaltlich, sondern persönlich angegriffen wird, dann geht das zu weit. Man muss ja eine Meinung nicht teilen, aber wenn jemand sie ordentlich begründet, dann muss man damit leben können.

Das wird bei Jigzaw das Problem gewesen sein – er hatte keine ordentliche Begründung.

Man hat ja gemerkt, dass er das zum ersten Mal gemacht hat. Es ist auch nicht leicht, dann direkt die richtigen Worte zu finden, die der Vorredner noch nicht verwendet hat. Ich würde ihm da jetzt keinen Vorwurf machen.

Das Video war knapp zwei Monate nur als PPV-Video verfügbar, bevor es öffentlich auf YouTube erschienen ist. Habt ihr vielleicht schon damit gerechnet, dass es solche Wellen schlagen wird?

Wir haben auf jeden Fall mit einem Shitstorm gerechnet. Ich kannte auch keinen im Raum nach dem Battle, der die Entscheidung nachvollziehen konnte – außer vielleicht Meidis Homies. Alle, mit denen ich sonst gesprochen habe, haben Ssynic vorne gesehen. So ähnlich wie die Stimmung auch online ist. Es ist nur ein bisschen nervig, dass die Leute nicht differenzieren können. Die sagen: 'IHR habt euch verkauft! IHR habt das sabotiert!' Diese Verschwörungstheorien sind Schwachsinn. Als ob Kolle einen Savas dazu überreden kann, seine Kredibilität aufs Spiel zu setzen, um in seinem Sinne zu entscheiden.

Unabhängig von Kollegahs Beteiligung: Wollt ihr trotz der Kritik in Zukunft nochmal eine Art Contest starten mit einem zusätzlichen Anreiz wie einem Preisgeld?

Ich denke nicht, dass das Preisgeld der Fehler war, aber an der Umsetzung kann man definitiv noch nachjustieren. Das Ziel ist es nach wie vor, dass die besten Battlerapper davon ihren Lebensunterhalt verdienen können. Dafür muss es aber nicht unbedingt ein Turnier im Knockout-Modus sein. Es wäre auch eine Option, dem Sieger des Titelmatches ein höheres Preisgeld zu geben. Wenn das nicht im Zusammehang steht mit einer Albumproduktion, dann bleibt es vielleicht auch mehr bei den Battle-Kriterien als bei den musikalischen.

Aktuell ist also noch keine weitere Zusammenarbeit mit Kolle oder Alpha geplant?

Erstmal nicht. Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn er mal ein Battle macht. Er hatte mal erkennen lassen, dass er nicht komplett abgeneigt war, aber man müsste natürlich einen Gegner auf Augenhöhe finden mit einer ähnlichen Fallhöhe.

Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören dir.

Ich würde mich freuen, wenn wir es schaffen, mehr Leute für Battlerap zu begeistern. Wie gesagt, die Gefahr ist, dass ein paar Battlerap-Aspekte auf der Strecke bleiben könnten. Man sollte da als Community an einem Strang ziehen, um den Spagat hinzubekommen.

Wer Battlerap in all seiner Breite verfolgen möchte, folgt am besten Toptier Takeover, DLTLLY, der Battlerap-Bundesliga sowie der Newcomer-Liga Du & Deine Lines auf YouTube. 


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