Die meistgeklickten Deutschrap-Songs auf YouTube aller Zeiten

Es ist rund anderthalb Jahre her, dass wir das letzte Mal auf die meistgeklickten Songs deutschsprachiger Rapper auf YouTube geblickt haben. Damals stand Sido sowohl auf Platz 1 als auch auf Platz 2. In diesen anderthalb Jahren hat sich wieder einiges getan: Autotune hat uns mehr Melodien gebracht, Melodien mehr Hits und mehr Hits bedeuten Cash und Klicks.

Miami Yacines "Kokaina" ist es nun als erstem Deutschrap-Video überhaupt gelungen, die digitale Schallmauer von 100 Millionen Views auf YouTube zu durchbrechen. Dieser Erfolg ist auch ein Indiz für den Zustand, in dem sich die Szene kommerziell befindet. Bausa und Kay One haben es mit – zugegebenermaßen – sehr poppigen Songs geschafft, innerhalb von jeweils weniger als fünf Monaten auf über 70 Millionen Aufrufe zu kommen. Jüngere Generationen konsumieren Musik fast nur noch im Internet und so ist YouTube neben Spotify der wohl wichtigste Gradmesser für die Popularität von Künstlern, Songs und Musikrichtungen.

Die 100 Millionen sind ein günstiger Anlass, um auf die erfolgreichsten Videos zurückzublicken, die deutschsprachige Rapper ins Netz gepackt haben. Mittlerweile sind 15 Songs jenseits der 50 Millionen unterwegs. Und bevor mir in den Kommis angekreidet wird, dass das alles ja Pop sei (Facebook, I see you!): Klar ist das so. Rap und Pop schließen sich schon lange nicht mehr gegenseitig aus. Drake auf globaler Ebene, Cro schon seit Jahren auf nationaler Ebene und immer mehr kommen dazu.

15. KC Rebell ft. Moé - Bist du real (52 Millionen, 2015)

Und wir starten gleich mit dem kredibilitätstechnisch vielleicht fragwürdigsten Move der Deutschrap-Geschichte. 2015 in der Promophase zu seinem bevorstehenden Album "Fata Morgana" wird der Song "Bist du real" von KC Rebell auf dem Kanal von Dagi Bee hochgeladen. Reichweite ausbauen, neue Fans erschließen – die Sache war Farid Bangs Idee.

Aber Fakten auf den Tisch: Kommerziell war es wohl die richtige Entscheidung, den soften Liebessong auf einem Kanal hochzuladen, auf dem "DAGI BEE GEHT FREMD ! PRANK" und das zielgruppengerechtere "... WACHSMALSTIFTE als Lippenstift ?? - DIY ♡" zu den erfolgreichsten Videos gehören. Bis "Murcielago" kam, war "Bist du real" KCs bestplatzierte Single in den Charts (#15) und beide folgenden Soloalbum "Fata Morgana" und "Abstand" gingen Gold.

14. Cro - Easy (56 Millionen, 2011)

Ende der 00er-Jahre lag Rap made in Germany kommerziell im Koma. Der Aggro-Straßenrap-Hype hatte seine Kraft verloren, nur die Großen wie Sido und Bushido schafften es, über die Jahre erfolgreich zu bleiben. Während Kollegahs und Haftbefehls Siegeszüge gerade Fahrt aufnahmen, sorgten Andere für die ersten Wiederbelebungsmaßnahmen am offenen Herzen des Patienten. Die Seele blieb zwar im Körper, aber ab 2010 schoss ein neuer Motor frisches Blut durch Deutschraps Adern: Rap war (wieder) Pop.

Marteria hatte 2010 den Stein mit "Zum Glück in Zukunft" ins Rollen gebracht, Casper und besonders Cro erweiterten den Kreis der neuen Zielgruppe um ein Vielfaches. Kein Song repräsentiert diese Öffnung für Neues so sehr wie "Easy" – der Song, der Jan Delay im Nachhinein wie Nostradamus wirken lässt.

Nur logisch, dass diese Nummer zu den erfolgreichsten Deutschrap-Videos zählt. 13 der 15 Videos über 50 Millionen Views erschienen nach "Easy", nur eins in dieser Liste ist älter. Das mag auch an der Übernahme von Social Media liegen, aber dieses Fakt ist Ausdruck einer Zeitenwende im deutschsprachigen Rap-Game.

13. Bonez MC & RAF Camora ft. Gzuz - Mörder (56 Millionen, 2016)

Nur das erste von drei Videos aus "Palmen aus Plastik". Das Album von RAF Camora und Bonez MC hatte einen nachhaltigen Einfluss auf das, was danach kommen sollte, wie lange Zeit zuvor keine Platte mehr. Aber dazu gleich mehr ...

12. Marteria - Kids (2 Finger an den Kopf) (58 Millionen, 2013)

Marterias Anti-Spießertum-Hymne vom mit Platin ausgezeichneten Album "Zum Glück in die Zukunft II" trifft 2013 voll den Nerv der Zeit. Spießer können den Song hören, um sich weniger spießig zu fühlen. Alle anderen können sich über die blöden Spießer lustig machen. Eine Hook zum Mitsingen und ein Marten, der mit Wortspielen, Assoziationen und Verweisen quer durch die Pop- und Hiphop-Kultur um sich wirft:

Alle spiel'n jetzt Golf, jeder fährt Passat / Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf'n A*sch / Keiner tanzt mehr Moonwalk seit Michael Jackson starb / Alle auf Salat – keiner mehr verstrahlt

Nachdem die Mainstream-Übernahme schon 2012 mit "Lila Wolken" Marterias erster und bislang einziger Nummer Eins endgültig geklappt hatte, konnte "Kids" noch mehr verschiedene Geschmäcker zufriedenstellen. Sogar die kritische Rap-Welt konnte trotz poppiger Ausrichtung mit der Nummer arbeiten. Interessant, dass der Song trotz mehr als 20 Millionen YouTube-Klicks Vorsprung nur Gold gegangen ist, während "Lila Wolken" (37 Millionen) bei Platin steht.

11. Kay One - Louis Louis (60 Millionen, 2017)

2017 bleibt uns auch als das Jahr in Erinnerung, in dem Kay One irgendwie auferstehen konnte. Seit seinem Weggang von ersguterjunge hatte man das Gefühl, er könne sich nicht recht zwischen Rap-Szene und RTL-Universum entscheiden. In der Szene würde er es nach "Leben und Tod des Kenneth Glöckler" und Promo-Auftritten im ZDF-Fernsehgarten ohnehin immer schwer haben. Dann kann man halt auch Modern Talking-Songs covern.

Sich für diesen Weg zu entscheiden, war aus Kays Sicht offenkundig die richtige Entscheidung. "Louis Louis" legte im vergangenen Jahr enorme Zahlen auf den Tisch, wurde die erste Gold-Single des Rappers und gehört nach weniger als einem Jahr fast zu den Top 10 der meistgeklickten Deutschrap-Videos überhaupt.

10. Sido - Bilder im Kopf (64 Millionen, 2012)

Sein Talent für mainstream-taugliches Songwriting hatte Sido nicht erst 2012 entdeckt, aber "Bilder im Kopf" toppte alles Vorherige und wurde Siggis erste Platin-Single.

Im Zuge der Promo für sein Best-Of "#Beste" spielte der Ex-Maskenmann wieder seine Stärken aus und erzählte mit simpel formulierten und eindringlichen Bildern Geschichten aus seiner Vergangenheit. Das war schon seit dem Debüt "Maske" vielleicht seine größte Stärke, die auch in "Mein Block" eine zentrale Rolle einnimmt. Wenn Sido rappt, hast du das Gefühl, ein Kumpel erzählt dir etwas. Manche kommen über komplexe Lines, Siggi hat die Einfachheit perfektioniert.

64 Millionen Klicks sind in diesem Fall auch Ausdruck der Fähigkeit, bei poppigen Einflüssen immer noch authentisch zu bleiben – vielleicht auch in diesem Kontext klug, sich nach gut einem Jahrzehnt Rap an die Booth im Kleiderschrank zu erinnern. Konserviert und archiviert, er hat's gespeichert. So gehört es sich auch für Sido ausm Block.

9. MoTrip ft. Lary - So wie du bist (65 Millionen, 2015)

In der Szene war längst allen bekannt, was der Junge aus Aachen drauf hat. Und dass die Szene auch nach einem Mainstream-Hit par excellence noch Liebe für Trip hat liegt auch an der klugen Release-Taktik. "So wie du bist" folgte in der "Mama"-Promophase auf "Mathematik" und "Wie ein Dealer" – beides straighte Rap-Nummern, in denen er wieder mit Wortspielen erneut nur so um sich warf.

Mit Lena im Video und einer (großartigen) Lary für die Hook, ist das hier schon ein sehr kalkulierter Hit gewesen, aber einem der talentiertesten und liebsten Rapper der Szene gönnt man es auch, dass er sich sein Hak holt.

8. Alligatoah - Willst du (70 Millionen, 2013)

Nummern wie der "Counterstrikesong", "Mein Gott hat den längsten" oder "Raubkopierah" hatten Alligatoah längst den Ruf als einem der talentiertesten Rapper im Untergrund eingebracht. Nachdem er mit Trailerpark das perfekte Label gefunden und seine Fan-Gemeinde als Teil der Crackstreet Boys erweitert hatte, ließ 2013 auch der große kommerzielle Erfolg nicht mehr auf sich warten.

"Willst du" war die richtige Single zum richtigen Zeitpunkt: Ein (Anti-)Drogen-Song (das kann jeder deuten, wie es ihm am besten passt), gekleidet im Gewand eines Radio-Liebeslieds. Mit der Selbstironie wurde der Zeitgeist einer heranwachsenden Generation getroffen, die sich oft nicht zu ernstnimmt. Dazu das unbestreitbare Talent von Herr Gatoah als Songwriter und Musiker und fertig ist ein Hit.

Hierzu muss man anmerken: Der Upload auf Aggro.tv alleine hat rund 44 Millionen Aufrufe. Das identische Video auf dem Hitbox-Kanal liefert zusätzliche 26 Millionen. Was nicht in die Wertung einfließt, aber dennoch beeindruckend ist: Auch der Elektro-Remix von Robin Schulz ist mit rund 34 Millionen Views ziemlich erfolgreich.

7. Die Atzen - Disco Pogo (70 Millionen, 2009)

Die absolute Ausnahme jenseits der 50 Millionen ist sicherlich "Disco Pogo". 2009 und in den Jahren zuvor schließen Labels und Alben floppen, aber Untergrund-König KKF und seine Atze Manny Marc haben ihren eigenen Weg gefunden. Rap mit Elektro. Stoff für die Clubs und zum Durchdrehen.

Nach der deutschlandweiten Party-Hymne "Das geht ab!" war Nachschub gefragt und die feierwütigen Fans sollten schon bald neues Material für den nächsten Abriss bekommen. Ich erinnere mich noch genau, wie dieser radikale elektronische Sound damals geflasht hat – auf jeder Party musste das Ding einfach laufen.

Was viele nicht wissen: Es gab einen "Disco Pogo" vor den Atzen. Bei einem Internet-Radiosender wurde der Song von Ricky Rich und der Disco Pogo Crew fälschlicherweise als "Das geht ab!"-Nachfolger angekündigt, woraufhin immer neue Anfragen auf das Berliner Duo einprasselten. Die Jungs bauten den bestehenden Song schließlich aus und veröffentlichten ihn zunächst als Freetrack im Netz, bevor er später doch noch als Single vorgeschlagen wurde – und Platin holte.

Die Macher der ursprünglichen Version werden heute ebenfalls als Songwriter genannt und dürften auch ein paar Euros an der Nummer verdient haben, die eine durchaus kuriose Entstehungs- und Erfolgsgeschichte hat. Außerdem ist "Disco Pogo" der erfolgreichste Song eines deutschsprachigen Rappers ohne Musikvideo (58 Millionen) – die 70 Millionen kommen in Kombination mit dem Musikvideo zustande.

6. Bonez MC & RAF Camora ft. Maxwell - Ohne mein Team (72 Millionen, 2016)

Lasst uns das Kind beim Namen nennen: Ein Teil der Melodie geht eindeutig auf die Kappe von "Afro Trap Part.5". Aber dann müssen wir das Kind auch bei seinem ganzen Namen nennen: Was RAF, Bonez und Maxwell – inspiriert vom neuen Subgenre aus Frankreich – geschaffen haben, ist nicht weniger als der einflussreichste Deutschrap-Song der letzten Jahre. Womöglich der einflussreichste Song, seit Cro dem Selbstverständnis der Szene mit "Easy" eine fette Pandapfote gegen den Kopf gedonnert hatte.

RAFs Produktion, die sommerliche Melodie, die Härte und der Hype der 187 Strassebande – das war im Spätsommer 2016 eine hochexplosive Mischung, die auch hier zur ersten Platin-Platte für alle Beteiligten führte, die sich fortan als Team Platin inszenierten und es immer noch tun.

Parallel dazu versuchen etliche Newcomer, dem Sound, der Attitude und dem Erfolg nachzueifern. Dass das nur in Ausnahmefällen gelingt, ist eine andere Geschichte.

5. Kay One ft. Pietro Lombardi - Senorita (74 Millionen, 2017)

RTL-Kay Part 2. Nicht nur Dieter Bohlen, sondern auch DSDS-Teilnehmer Pietro Lombardi (der Vater vom berüchtigten Alessio) fand 2017 seinen Platz in der Diskografie des ehemaligen Bushido-Signings. So "tot" wie er nach dem Diss seines Ex-Mentors galt, so lebendig stieg er 2017 mit zig Millionen Klicks aus der Asche. "Senorita" konnte sogar "Louis Louis" toppen und wurde mal eben Kays erste Platin- und Nummer-1-Single.

Ja, Pop und leichte Lyrics triefen "Senorita" aus jeder Pore, aber Kay ist und bleibt ein Rapper, der auch hier rappt. Und vielen gefällt, wie er das tut. Ein Video klickt sich nicht von alleine mehr als 70 Millionen Male innerhalb weniger Monate.

4. Bausa - Was du Liebe nennst (76 Millionen, 2017)

Wir hatten Baui zwar schon im Januar den Durchbruch für 2017 prognostiziert, aber mit diesen Dimensionen hatte niemand gerechnet. Dreifach Gold (600.000 Einheiten inklusive Streaming), acht Wochen auf Platz 1 der Charts (Deutschrap-Rekord) und innerhalb von drei Monaten die zweitmeisten Klicks innerhalb der Szene 2017.

Gemeinsam mit den Jugglerz und The Cratez hat Bausa eine lockere Melodie gebaut, auf der er mehr oder weniger durch die Blume sein Faible für Drogen und physische Lust verpackt. Zumindest so sehr durch die Blume, dass offenbar diverse Altersgruppen und Bevölkerungsschichten das Ganze feiern können. Dazu wirft er wie schon auf seinem Album "Dreifarbenhaus" diverse Genres in den Topf, wobei man Rap inhaltlich und musikalisch noch immer am deutlichsten heraus schmeckt.

"Was du Liebe nennst" ist bei seinem aktuellen Wachstum auch der Kandidat, der "Kokaina" am ehesten überholen wird – vermutlich noch im ersten Halbjahr 2018.

3. Bonez MC & RAF Camora - Palmen aus Plastik (76 Millionen, 2016)

Der Startschuss. Der Anfang von etwas Großem.

"Geschichte" vom RAF-Album hatte schon angedeutet, was passieren könnte, wenn einer der besten Produzenten der Szene und der größte Hype seit Jahren fusionieren. Bonez hatte schon oft seine Vorliebe für Reggae und vielmehr noch für Dancehall durchscheinen lassen – RAF sowieso.

Hier war der Sound dann noch ausgereifter als bei "Geschichte": Ohrwurm-Hook, schöne Melodien, drückende Bässe, RAFs Trademark-Elemente, Video von Shaho Casado, Bonez' Humor und Stimme, die gemeinsame Dynamik – das alles passte einfach zu gut zusammen und katapultierte alle Beteiligten in neue Sphären. Ja, das ganz Projekt hätte auch mit einer anderen Lead-Single funktioniert, aber der Titelsong war die perfekte Vorbereitung auf das, was folgen sollte.

Countdown zur Zukunft, Camora ist endlich lebendig

Der Sound, zu dem Leute in wenigen Jahren nostalgisch auf ihre Jugend zurückblicken werden. 

2. Sido ft. Andreas Bourani - Astronaut (82 Millionen, 2015)

Nach seinem Erscheinen lange das meistgeklickte Deutschrap-Video, bis "Kokaina" vorbeizog. Andreas Bourani hatte den Hype des WM-Hits im Rücken, mit dem er uns gefühlt alleine zum Titel gesungen hatte, und Sido präsentierte mal wieder das, was seine Hits so oft ausmacht. Dieses Mal ging es aber nicht um sein eigenes Leben, sondern um das große Ganze, das mit einfachen Worten verpackt wurde.

Der Lohn: Die erfolgreichste Single des Berliner Rappers überhaupt mit Platz Eins in drei Ländern und über 800.000 verkauften Einheiten in Deutschland (Doppel-Platin).

Fast acht Milliarden Menschen, doch das Menschliche fehlt

Mit Bildern von menschlichen Katastrophen und Tragödien untermalt, bietet "Astronaut" jedem Hörer die Möglichkeit, sich durch das Mitleid und seine Zustimmung zu Sidos Lyrics etwas wohltätiger zu fühlen. Und auch wenn das irgendwie kalkuliert wirken kann, leistet Siggi mit den teils expliziten und heftigen Bildern zumindest einen kleinen Dienst an den Leidenden, indem er auf das Leid aufmerksam macht. Wenn auch nur ein paar der 82 Millionen Views (auch hier durch zwei Uploads) die Zuschauer zum Handeln motiviert haben sollten, hat sich "Astronaut" nicht nur für Siggis und Andis Geldbeutel gelohnt.

1. Miami Yacine - Kokaina (100 Millionen, 2016)

Der Spätsommer 2016 hielt nicht nur die Bombe namens "Palmen aus Plastik" parat für Rap-Fans. "Kokaina" kam aus dem Nichts und rasierte alles. Obwohl kaum jemand Miami Yacine vorher kannte, legte er eine in der Szene nie dagewesene Erfolgsgeschichte hin und schoss von Null auf inzwischen 100 Millionen! Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hat er damit sicher.

Herausragend auch weil Yacine für diesen Hit kaum Kompromisse in Sachen Mainstream-Tauglichkeit eingehen musste. Mit Ausnahme der RAF-Bonez-Songs und "Disco Pogo" ist "Kokaina" damit in der Liste der erfolgreichsten YouTube-Clips echt eine Ausnahme. Keine Sängerin und kein Sänger für die Hook, kein leicht verdauliches Thema wie Liebe, sondern straighte Straßenlyrics. Fler erklärte Rooz mal, dass es hier um Kontraste gehen würde: Schöne Melodie, harte Texte.

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Von Sektenmuzik zu "Berlin Lebt 2": Greckoes außergewöhnlicher Karriereweg

Von Sektenmuzik zu "Berlin Lebt 2": Greckoes außergewöhnlicher Karriereweg

Von Robin Schmidt am 21.09.2019 - 12:18

Im Rampenlicht zu stehen, war nie das ganz große Ding von Konstantinos Tzikas. Auch wenn er seine Zeit an der Seite von Sido, B-Tight oder Alpa Gun genoss, zählte für ihn immer nur eins: die Liebe zur Musik. Und die zieht sich durch seine Karriere. Egal ob in den 2000er-Jahren als Rapper auf dem Label Sektenmuzik oder heute als Producer und Songwriter in einem Team mit Samra und Lukas Piano: Konstantinos Tzikas sieht sich nicht an der Speerspitze einer Bewegung, er sieht die Bewegung als Ganzes. Wir trafen den Mann mit der außergewöhnlichen Karriere in Berlin zum Gespräch über die gute alte und die gute neue Zeit sowie den Hustle, der sich dazwischen abspielte.

Er sei ein „relativ introvertierter Typ“ und habe schon damals gemerkt, dass er von seinem Naturell her „nicht ganz so der Durchdreher wie die anderen Jungs“ sei. Wenn Tzikas von damals spricht, meint er die Blütezeit von Aggro Berlin.

Das Label mit dem Sägeblatt, das von 2001-2009 aktiv war, drehte deutschen Hiphop ab spätestens 2004 komplett auf links und machte Straßenrap hierzulande mainstreamtauglich. Gute zwei Jahre nach seinem Durchbruch mit „Maske“ gründete Sido mit seinem Kumpel B-Tight parallel das eigene Label Sektenmuzik. Einer der ersten Künstler, die dort unter Vertrag genommen wurden, war Konstantinos Tzikas, besser bekannt als: Greckoe.

Aggro Berlin & Sektenmuzik: Erfolge für die Labels, aber nicht für Greckoe

Greckoe gibt in der Folge bei Auftritten den Back-up für Alpa Gun, übt sich nebenbei am Produzieren und schreibt fleißig Texte. Auf dem ersten Sektenmuzik-Sampler stellt er sich 2007 erstmals einer breiteren Masse vor.

GRECKOE, SIDO, ALPA GUN "SO MACHEN WIR DAS" HQ

http://www.sektenmuzik.net http://www.sektenmuzik-shop.de AUS DEM ALBUM "SEKTENMUZIK - DER SAMPLER NR II" REGIE: sido KAMERA: WANJA WOTSCHACK PRODUKTION: CHEBACKA

Nach seinem ersten Mixtape „Ein Level weiter“ im selben Jahr folgt im Oktober 2008 das Debütalbum „Typisch Griechisch“. Darauf lernt man nicht nur den lebensfrohen Griechen in ihm kennen – auch seine nachdenkliche, reflektierte Seite kommt zum Vorschein. Er spricht Themen wie seine Schlaflosigkeit, Vorurteile und Probleme mit Frauen ehrlich an, wie beispielweise in dem Song „Kein Wort“:

 „Jetzt ist sie weg und ich bin wieder allein, allein / Ich sag dir, es gibt keine miesere Schweinerei / Ich hab‘ es rausgekriegt und bin dann ausgetickt / Denn sie hat damit nicht nur ihn, sondern mich auch gef*ckt“

Greckoe - Kein Wort

geil

 Ehrlichkeit währt ja bekanntlich am längsten, allerdings nicht am erfolgreichsten. Das Album steigt nicht in die Charts ein und so zieht Greckoe heute dementsprechend ein nüchternes Fazit:

 „Ich hatte immer den Eindruck, dass es gut ankommt, was ich mache. Erfolg ist ja in der Regel immer eine Sache von Quantität. Klar, ich wurde gefeiert und das Feedback war positiv. Aber es hat von der Masse her nicht gereicht.“

Zur selben Zeit bröckelt das Mutterlabel Aggro Berlin langsam auseinander. Auch wenn die Auflösung erst ein halbes Jahr später erfolgt, ist die Zusammenarbeit während der Aufnahmen zur „Ansage 8“ „nicht mehr so stimmig“, wie uns B-Tight im Hiphop.de-Interview erzählt. Die Labelschließung wirkt sich auch auf die Zukunft von Sektenmuzik aus. Greckoe releast mit „Mein Hiphop, das Business & Ich“ noch eine kostenlose EP. Dann ist Schluss. 2011 verlässt er das Label gemeinsam mit Alpa Gun, Grüne Medizin und Fuhrmann & Bendt. 

Veränderter Musikmarkt zwingt Greckoe zum Umdenken

Doch der Junge, der einfach nur Musik machen will, gibt nicht auf. Kurz darauf erscheint Greckoes zweites Soloalbum „Scheinwelt“ aus der Not heraus über ein Berliner Untergrund-Label. Darauf präsentiert er sich thematisch noch vielseitiger. Mal rechnet er mit oberflächlichen Freunden ab, mal versetzt er sich in die Lage eines Berufssoldaten, mal reißt er die Entstehungsgeschichte eines Amoklaufs an. Doch die Platte erweist sich als Schnellschuss. Nicht nur, dass er in seinem Umfeld den falschen Leuten vertraut, verarscht wird und somit praktisch nichts an der LP verdient: auch der Wandel des Musikmarkts begleitet Greckoe weiterhin. Erfolgstechnisch bleibt „Scheinwelt“ deutlich unter seinen Möglichkeiten. Ein herber Schlag für den Berliner:

„Wir waren bei Sektenmuzik alle in dieser Umbruchzeit damals. MTV ging tot, YouTube kam gerade erst so langsam ins Rollen. Man checkt erst heute, wie sich der Musikmarkt verändert hat. Für uns alle war das voll schwierig, damit umzugehen. Man wusste nicht mehr wohin. Ich hatte in dieser Zeit fast schon keinen Bock mehr auf Musik und habe erstmal deutlich weniger gemacht.“

Greckoe versucht, Abstand zur Szene zu gewinnen und beginnt zunächst eine Ausbildung. Doch das Leben ohne Musik stimmt ihn auf Dauer auch nicht glücklich. Greckoe startet einen weiteren Versuch. Langsam fängt er wieder an, Beats zu produzieren. Gleichzeitig findet auch ein musikalisches Umdenken bei ihm statt:

„Irgendwann habe ich angefangen, mal komplett losgelöst von allem, darüber nachzudenken, was jetzt Hiphop sein muss oder wie ich als Rapper von außen wahrgenommen werde. Ich wollte dann einfach die Musik machen, die ich fühle.“

Mit „Kiss“ kommt nach vier Jahren Pause ein poplastiges Album heraus, auf dem Greckoe sich monothematisch den Damen der Schöpfung widmet. Aber auch dieses Werk erzielt nicht den gewünschten Erfolg. Der Entschluss, der daraus 2015 folgt, fällt schonungslos, aber ehrlich aus:

„Für mich hat sich da gezeigt, dass ich das nicht mehr so machen will, sondern dass mein Weg einfach ein anderer ist. Irgendwann musst du halt auch gucken, wo du bleibst.“

Greckoe fokussiert sich aufs Songwriting & Producing

Fortan ist Greckoe als Songwriter und Producer aktiv. Betrachtet man seine Karriere, ist das eine logische Konsequenz. Auch wenn er in der ersten Reihe vielleicht nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er sich gewünscht hätte, kann er im Hintergrund an Musik basteln und seiner Kreativität trotzdem Ausdruck verleihen. Sich diesen vermeintlichen Schritt zurück einzugestehen, fiel Greckoe dennoch nicht leicht:

„Ich habe das schon relativ früh bei mir erkannt. Aber trotzdem hat man ja selbst noch Ambitionen. Gerade als Rapper ist es vielleicht auch mit einem längeren Prozess verbunden, zu erkennen, dass du dafür vielleicht nicht so gemacht bist.“

Samra, Lukas Piano & Greckoe sind die neue Gang

Die neu gewonnene Energie steckt Greckoe mittlerweile in ein neues Kollektiv – bestehend aus Samra, Lukas Piano und ihm:

„Wenn wir drei in einem Raum sind, entsteht eine ganz besondere Energie. Jeder ist sehr talentiert und absoluter Profi, das Niveau und unser Anspruch an Musik sind enorm hoch. Wir haben keine geheimen Rezepte, bis auf unser brüderliches Verhältnis vielleicht. In erster Linie sind wir richtig gute Freunde, die gemeinsam Musik machen und dabei große Visionen teilen.“

Greckoe kennt Samra, seit der junge Berliner 2016 an Alpa Guns Seite erstmals auf sich aufmerksam macht. Durch die Arbeit mit Samra hat er 2018 zunächst in einer wilden Zeit Bushido begleitet. Greckoe war in Japan dabei, als Bushidos sein Album „Mythos“ aufnahm.



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#eleftheriaithanatos

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Eine durchaus kuriose Konstellation: Zu Zeiten Aggro Berlins wäre eine Zusammenarbeit kaum denkbar gewesen, da Bushido kein gutes Verhältnis zu seiner ehemaligen Labelheimat pflegte.

Nach Samras Trennung von Ersguterjunge gehört aber auch Greckoes Zusammenarbeit mit Bushido der Vergangenheit an. Die volle Konzentration liegt nun auf den musikalischen Projekten von Samra. Ihm blüht eine große Zukunft, wenn es nach Greckoe geht:

„Seine Stimme, die Präsenz, seine Aura sind nicht von dieser Welt.“

"Auf einmal wieder mitten im Game"

Im gemeinsamen Team fühlt Greckoe sich zu Hause: „Die Jungs sprudeln alle vor Ideen und sind ein bisschen wie ein Jungbrunnen für mich. Klar bringe ich auch eine gewisse Erfahrung mit ein, aber ich lerne jeden Tag von denen. Das ergänzt sich einfach sehr gut.“

Verpassten musikalischen Gelegenheiten nachzutrauern, ist nicht das Ding von Konstantinos Tzikas. Für Greckoe zählt weiterhin nur eins: die Liebe zur Musik. Aktuell kann er diese Liebe in einem größeren Rahmen teilen: Am Kollaboprojekt „Berlin Lebt 2“ arbeiten neben Capital Bra und Samra ebenso Lukas Piano wie auch Beatzarre und Djorkaeff mit. Greckoe scheint angekommen zu sein – in der Musik und im Leben.

„Ich bin jetzt auf einmal wieder mitten im Game, wenn auch in einem ganz anderen Segment. So wie es gerade ist, macht es mir sehr viel Spaß. Es ist gerade nicht meine erste Intention, selbst im Rampenlicht zu stehen.“



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Tokyo in trouble #hades

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