Die Lieblingsrapper deiner Lieblingsrapper: An PNL kommt 2017 niemand vorbei!

Deutsche Rapper wagten schon immer gerne einen Blick auf die Musik ihrer Kollegen im Ausland. Nachdem jahrelang die amerikanische Rapszene der deutschen die größten Einflüsse spendete, scheinen sich gegenwärtig immer mehr Artists an französischen Klängen zu orientieren, siehe Palmen aus Plastik, einen Nimo auf seinem Trap-Film, Haftbefehls Russisch Roulette, seine Azzlack-Crew allgemein und viele weitere.

Deshalb sollen ab sofort regelmäßig Beiträge über französische Rapper erscheinen, die besonders einflussreich, besonders erfolgreich, subjektiv besonders gut oder in irgendeiner Art und Weise besonders besonders sind. Vorschläge und Meinungen dazu gerne in die Kommentare!

PNL (Peace and Lovés)

Aus dem Problemviertel Les Tarterêts im südlichen Pariser Einzugsgebiet zu Dreifach-Platin in Eigenregie. Das ist die Erfolgsstory der Brüder Nabil und Tarik Andrieu in einen Satz gepresst.

Auch an deutschen Künstlern ist ihre Mucke nicht spurlos vorbei gegangen. Leute aus den verschiedensten Camps, wie RAF Camora, Xatar und Nimo, pumpen den Sound der Franzosen. Allgemein lässt sich der Einfluss des Duos nicht nur in den Sounds der aktuell viel diskutierten Cloud Rap-Generation um einen Yung Hurn, LGoony oder Crack Ignaz wiedererkennen.

Höchste Zeit also, einen genauen Blick auf die beiden Rapper zu werfen, die deine Lieblingsrapper rauf und runter hören.

Nabil (27) und Tarik (29) erlebten eine Kindheit und Jugend am Block und rutschten, um Geld zu verdienen, in die Drogentickerei. Zumindest verarbeiten sie das in ihren Songs.

Igo on est voué à l'enfer, l'ascenseur est en panne au paradis

C'est bloqué ? Ah bon ? Bah j'vais bicrave dans l'escalier

//Igo, es ist aussichtslos in der Hölle, der Fahrstuhl ins Paradies ist kaputt

Es ist gesperrt? Ach so? Tja, dann ticke ich auf der Treppe

[PNL - Le monde ou rien (aus "Le Monde Chico")]

Abseits der Musik ist nahezu nichts über die beiden bekannt. Sie geben keine Interviews, keine TV-Auftritte und halten sich auch sonst bedeckt. Sie wollen ihre Lieder für sich sprechen lassen. Wo Informationen fehlen, ist das Mysterium – oder die Verschwörungstheorie – nicht weit. Auch das ist wohl ein Geheimnis des Erfolges.

Ihre Mutter stamme laut eigener Aussage in einem der raren Gespräche mit den Medien, hier der Zeitschrift Fader, aus Algerien und soll meistens abwesend gewesen sein. Der Vater sei ein korsischer Pied-noir und wird in Songs meist als Gangster dargestellt.

Élevé par un bandit, plus tard, j'veux faire comme mon papa, maîtresse

//Aufgezogen von einem Ganoven, zu spät, ich möchte es wie mein Papa machen, Meister

[PNL - Je vis, je visser (aus "Que La Famille")]

Nachdem 2014 Tariks Knastaufenthalt endete, abgesessen vermutlich aufgrund eines Drogendeliktes, formte sich PNL. Die beiden machten sich als Ademo (Tarik) und N.O.S. (Nabil) an die Musikproduktion.

Zuvor hatten beide bereits solo erste Erfahrungen gesammelt, aber...

keine nennenswerten Erfolge mit ihrer Musik gefeiert. Dennoch blieben sie immer am Ball.

Mit an der Produktion beteiligt war und ist ihr Toningenieur Nikola Feve, aka Nk.F TrackBastardz. Mit ihm verbrachten die beiden bereits etliche Stunden und Tage im Studio und schraubten an ihrem einzigartigen Soundbild aus wolkigen Synthies, Melodien outta this world und auf die Spitze getriebenen Autotune-Effekten.

Der erste Clip auf dem YouTube-Kanal der Franzosen ist das Musikvideo zu Différents. Der Song ist auf ihrem Debüt Que La Famille (Nur die Familie) zu finden. Im Video sind die Heimatgegend des Duos und einige weitere Bewohner der Siedlung zu sehen. Insgesamt ein klassisches Straßenrap-Video ohne großartige Effekte, in dem Ademo und N.O.S. sehr hungrig auf Rap-Musik wirken.

Bereits in Différents präsentieren uns die Brüder einige jener Themen, die sie auch heute noch in ihren Songs beschäftigen: Geld, Familie und Loyalität.

Peace and lovés kiff

Tout pour la mif', tout pour le bif'

//Frieden und Geld [Anm.: nicht "Liebe"], toll

Alles für die Familie, alles für das Geld

[PNL - Différents (aus "Que La Famille")]

Une balle pour chaque ennemi de mon frère, ça fait click, gala, gala

//Eine Kugel für jeden Feind meines Bruders, das macht Klick, Gala, Gala

[PNL - Différents (aus "Que La Famille")]

Es folgten weitere Videos zum stimmungsvollen Intro Je vis, je visser, dem nach vorne gehenden Gala Gala, dem in sich gekehrten La petite voix und dem melancholischen J'comprends pas (hier anschauen). Am 2. März 2015 veröffentlichte PNL dann Que La Famille als EP. Diese stellte nicht sehr viel mehr als einen von Kritikern gelobten Achtungserfolg dar. Die Verkäufe reichten dennoch zu einem Vertrag beim Label QLF Records, dessen Präsident Nabil mittlerweile ist.

Mit Simba wurde kurz darauf ein weiterer Track des Debüts ausgekoppelt. Motive wie das des verwaisten Löwen aus Disneys Der König der Löwen finden sich auf allen PNL-Alben wieder. Auch als Mowgli (dt. Mogli), dem Jungen aus Das Dschungelbuch, bezeichnen sich die Brüder manchmal in ihrer Musik. Außerdem nennen sie ihre Siedlung häufig einen Dschungel und sehen sich als Tiere darin an.

"Auf, auf der Jagd nach den Batzen", schießt einem da sofort in den Kopf. Und ja, einerseits stammt die Symbolik sicher aus dem rücksichtslosen Streben nach Geld eines Drogendealers. Andererseits wird die Heimat der PNL-Crew Les Tarterêts, aufgrund der vorherrschenden Gewalt, Arbeitslosigkeit und scheinbaren Gesetzlosigkeit, auch "Zoo" genannt. Daher auch das Z, welches AdemoN.O.S. und ihre Leute in Videos oft mit ihren Händen formen.

J'recompte dans ma jungle et j'm'apaise

//Ich zähle in meinem Jungle nach [Anm.: Geld] und ich beruhige mich

[PNL - Simba (aus "Que La Famille")]

Damit das Geld zählen...

...kein Ende mehr nehmen sollte, machten sich die Brüder an die Arbeit für ihr nächstes Album, das auf den Namen Le Monde Chico hört. Bereits beim Albumtitel ist wohl jeder, der schon mal den Mafia-Streifen Scarface gesehen hat, zusammengezuckt. Dieser ist nämlich an eines der bekanntesten Tony Montana-Zitate angelehnt. Der Mafiaboss teilt Nebencharakter Chico folgendermaßen seine Ziele mit:

Le monde, chico, et tout ce qu’il y a dedans.

//Die Welt, Chico, und alles, was drin ist.

[Scarface (1983)]

Neben dem Titel des Albums bezieht sich außerdem ein Track (und viele Lines) der zweiten PNL-Platte auf den berühmten Mafiapaten. Plus Tony que Sosa war die erste Videoauskopplung von LMCAlejandro Sosa wandelt sich in Scarface vom Drogenzulieferer zum erbitterten Gegenspieler von Tony Montana und wird schließlich in der Fortsetzung Scarface: The World Is Yours von Montana getötet.

Das Video zu Le monde ou rien war es jedoch, das PNL zum großen Durchbruch und weitreichender Bekanntheit verhalf. Gedreht wurde es wieder einmal in Les Tarterêts und außerdem im neapolitanischen Stadtteil Scampia, der ebenfalls ein Schauplatz von Drogenhandel und Gewalt ist. Le monde ou rien steht wie kein zweiter Song für den einzigartigen PNL-Sound voller Stimm-Modulation, Melancholie und typischen Messages, die im Rap von Ademo und N.O.S. mitschwingen:

Que la mif, les mêmes armes, les mêmes salaires

//Nur die Familie, die gleichen Waffen, die gleichen Löhne

[PNL - Le monde ou rien (aus "Le Monde Chico")]

On sauvera pas toute la terre

J'prends la couronne, la pose sur la tête du p'tit frère

//Man kann nicht die ganze Welt retten

Ich nehme die Krone und setze sie meinem kleinen Bruder auf

[PNL - Le monde ou rien (aus "Le Monde Chico")]

Wieder und wieder geht es um den Zusammenhalt innerhalb der Familie, wozu natürlich auch die engsten Freunde zählen. Wieder und wieder geht es darum, seinen Nächsten alle Wünsche erfüllen zu wollen und deshalb Drogen zu ticken oder – nach dem Erfolg – alle Zeit in die Musik zu investieren. Wieder und wieder geht es um Entfremdung und Abgrenzung von der Welt da draußen – auch soundtechnisch.

J'suis sur Neptune avec ma plume, et j'fume

//Ich bin auf dem Neptun mit meiner Schreibfeder und ich rauche

[PNL - Humain (aus "Dans La Légende")]

Kein Wunder also, dass Le monde ou rien zu so etwas wie der Hymne der französischen Proteste im April 2016 wurde, bei denen es um ein Gesetz ging, das es Arbeitgebern leichter machen sollte, ihre Angestellten zu entlassen. Das Video hat mittlerweile bald 64 Millionen Klicks auf YouTube zusammengetragen.

Zurück ins Jahr 2015: Am 30. Oktober kam Le Monde Chico auf den Markt, erreichte den zweiten Platz der französischen Charts und ging Gold. Für den Goldstatus bedarf es in Frankreich 50.000 verkaufter Einheiten. Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass Ademo und N.O.S. diese Marke mit einem kleinen Team und mit den Musikvideos als einzigem Inhalt ihrer Promophase erreicht haben.

Dieser Meilenstein wurde am 15. April 2016 im Musikvideo zu DA ausgiebig gefeiert – natürlich wieder am Block und mit einem Schimpansen statt sich selbst auf dem Thron. Zuvor war bereits eins der wohl beeindruckendsten PNL-Videos veröffentlicht worden, jenes zu La vie est belle. Das Video besticht durch atemberaubende Naturaufnahmen von unglaublich gut gewählten Kulissen in der Savanne Namibias.

Produziert und gefilmt wurde das Meisterwerk von Kamerameha und Mess, wobei Letzterer bei allen aktuellen PNL-Videos seine Finger mit im Spiel hat.

La vie est belle ist nicht umsonst einer der Lieblingssongs des letzten Jahres von...

RAF Camora. Zu finden sind La vie est belle und DA auf dem nunmehr dritten Album der Jungs aus dem Pariser Problemviertel, das den Titel Dans La Légende trägt.

J'voyage, j'filme, j'revis

//Ich reise, ich filme, ich lebe wieder auf

[PNL - Dans La Légende (aus "Dans La Légende")]

Nach dem Erfolg von Le Monde Chico konnten sich Ademo und N.O.S. nun endlich ein Leben auf legalem Weg finanzieren. Doch mit dem Geld und der Bekanntheit kommen neue Probleme, ohne dass die alten komplett verschwunden sind. Das Streben nach Glück scheint für die Brüder ein endloser Weg zu sein. Darum geht es auf ihrer dritten Platte.

On voyage, j'm'en bats les couilles j'suis faya
//Wir reisen, es geht mir auf die Nüsse, ich bin müde

[PNL - J'suis QLF (aus "Dans La Légende")]

Die Frau fürs Leben ist scheinbar unauffindbar, alle wollen ein Stück vom Erfolg abhaben und die schlechten Angewohnheiten gehen einfach nicht weg, trotz des Wunsches nach der Religion (dem Islam) zu leben.

J'aimerais un gosse mais à laquelle de ces putains le faire

//Ich hätte gerne ein Kind, aber mit welcher H*re soll ich es machen

[PNL - Onizuka (aus "Dans La Légende")]

Je vois leurs regards me dire à l'aide

Et plus je monte, plus j'ai mal

//Ich sehe ihre Blicke, die mich um Hilfe bitten

Und je höher ich steige, desto schlechter geht es mir

[PNL - Jusq'au dernier gramme (aus "Dans La Légende")]

Mon Dieu faut qu'j'me dirige vers la Mecque

Mais bon j'suis d'la pire espèce

//Mein Gott lenkt mich gen Mekka

Aber ich bin einer von der schlechten Sorte

[PNL - DA (aus "Dans La Légende")]

Insgesamt wirkt Dans La Légende ausproduzierter und runder als die Vorgängeralben. Die Beats wurden wohl wie auf den ersten beiden Platten größtenteils aus dem Internet zusammengesucht (siehe hier), doch wirken sie durchdachter und in sich stimmiger. Es gibt wenige Alben, die man ohne zu skippen so gut durchhören kann. Kein Song ist ein wirklicher Ausreißer, doch jeder für sich ein Unikat.

Der vorläufige Höhepunkt der Karriere von Nabil und Tarik Andrieu war die Dreifach-Platin-Auszeichnung (300.000 verkaufte Einheiten) ihres dritten und bis dato letzten Albums etwa drei Monate nach Release am 16. September 2016. Doch damit wird noch lange nicht das letzte Kapitel ihrer Geschichte geschrieben sein. Auch in Zukunft werden die beiden wohl auf ihre QLF-Crew setzen und Mucke machen, die Menschen bewegt.

QLF ne cherche pas d'alliés

//QLF sucht keine Verbündeten

[PNL - Onizuka (aus "Dans La Légende")]

Und so rückt ihr Ziel, für die Familie ausgesorgt zu haben, in greifbare Nähe – nach Kurzfilm-artigen Musikvideos à la Naha und Onizuka möglicherweise sogar bald im richtigen Film-Business (hier nachlesen).

À 25 balais, j'pensais être millionaire

//Mit 25 Jahren, dachte ich daran, Millionär zu sein

[PNL - Humain (aus "Dans La Légende")]

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Tyler, the Creator: 10 Jahre Rebellion gegen das System

Tyler, the Creator: 10 Jahre Rebellion gegen das System

Von Till Hesterbrink am 17.09.2020 - 16:07

Im März nächsten Jahres wird Tyler, the Creator dreißig Jahre alt. Die Veröffentlichung seines ersten (Solo-)Mixtapes liegt dann bereits ganze elf Jahre zurück. Grund genug, um auf die Karriere des Mannes zurückzublicken, der zeitweise nicht in das Vereinigte Königreich einreisen durfte, da seine Texte dort mit terroristischen Schriften gleichgesetzt wurden.

"F*ck 2DopeBoyz": Immer gegen das Etablissement

"We don't f*cking make Horrorcore, you f*cking idiots. Listen deeper than the music, before you put us in a box." (Sandwitches)

Mit diesen Worten stellte Tyler am Ende seiner ersten kommerziell veröffentlichten Single "Sandwitches" bereits 2011 klar, dass sein Schaffen und das der um ihn geformten Gruppe "Odd Future" keine Genrebezeichnung braucht. Ein Statement, welches neun Jahre später vielleicht mehr denn je zutrifft. Bis heute scheinen die Konventionen der Musikindustrie für den Künstler aus Kalifornien nichts weiter als lästiger Ballast, den es abzulegen gilt.

2007 gründete Tyler Gregory Okonma die Gruppierung "Odd Future", welche im Folgejahr ihr erstes Mixtape veröffentlichte. Die Songs klangen roh und unfertig, doch trotzdem blitzte an einigen Stellen schon das Talent des Creators durch, der zu der Zeit noch als "Ace, the Creator" unterwegs war. Er selbst nahm 2007 ebenfalls ein Mixtape mit dem Namen "At Your Own Risk"auf, welches allerdings nie offiziell veröffentlicht wurde.

Der ganze Name seiner Gruppe war eigentlich "Odd Future Wolf Gang Kill Them All", meist wurden aber bloß die Abkürzungen "OF", "Odd Future" oder "OFWGKTA" verwendet. Aus diesem Namen leiten sich bis heute viele Bezeichnungen ab. So wurden aus Fragmenten dieses Namens häufig Anagramme gebildet, wie "Golf Wang" oder "Flog Gnaw", die immer wieder Verwendung finden.

Bevor seine Musikkarriere wirklich durchstartete, hatte Tyler nach eigenen Angaben zwei "normale" Arbeitsplätze. Seinen Job bei Fed-Ex kündigte er jedoch nach nicht mal zwei Wochen und Starbucks feuerte ihn nach zwei Jahren.

2009 war es dann soweit: Tylers erstes Solorelease stand an und sollte bezeichnend für das sein, was die Fans in den kommenden Jahren erwarten würde. Müsste man den Sound des Tapes visualisieren, reicht es eigentlich, das bereits leicht verstörende Cover für "Bastard" anzuführen. Mit gerade Mal 18 Jahren besaß Okonma schon eine Stilfestigkeit, der andere Künstler ihre ganze Karriere hinterherjagen.


Foto:

Bastard - Albumcover

Das beim ersten hinschauen völlig normal wirkende Bild, entblößt auf den zweiten Blick entstellte und verzerrte Kindergesichter, mit teils dämonischen Zeichen auf der Stirn. Und ungefähr so hörte sich "Bastard" auch an. Nach einer kurzen Hasstirade gegen Musikblogs wie 2DopeBoyz, Hypebeasts und "post-Drake-ass"-Rapper beginnt das Album mit einem Gespräch zwischen Tyler und dessen fiktionalem Therapeuten Dr. TC.

In einem neun-strophigen Hin und Her zwischen ihm und Dr. TC thematisiert Tyler sein Leben, seine Probleme, seine familiäre Situation und seine Unsicherheiten. Alleine aus diesem Song könnte man wahrscheinlich unzählige Zeilen für eine gute Headline ziehen, die wahrscheinlich am häufigsten zitierte, ist mittlerweile jedoch wohl:

"My goal in life is a Grammy, hopefully mom'll attend the ceremony with all my homies" (Bastard)

Elf Jahre später sollte es soweit sein, bis dahin war es allerdings noch ein weiter Weg. Erst mal sollte es auf "Bastard" noch heiß hergehen. Der zwölfte Song des Tapes erhielt den Namen "Sarah", auch wenn bereits im ersten Track deutlich gemacht wurde, dass dies nicht wirklich der Name der berappten Freundin sei. Sarah (oder wer auch immer) brach Tyler wohl das Herz und frei nach Olli Schulz und der Hund Marie revanchierte er sich mit einer mehrminütigen Vergewaltigungsfantasie. Und da Liebe bekanntermaßen durch den Magen geht, verspeist Tyler seine ehemalige Herzdame in der letzten Strophe.

Der darauffolgende Song beginnt dann mit einem Jay-Z-Sample und auch für die nicht vorhandene Hook des Representer-Tracks wurde sich an Hovas "No Hook" bedient. Zwar ist "Jack and the Beanstalk" wohl auch eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten, trotzdem kommen hier auch klassische Rapfans auf ihre Kosten. Diese Vielseitigkeit und das kinderleichte Bespielen von unterschiedlichsten artistischen Zweigen machte Tyler, the Creator für so viele junge Rapfans über Nacht zu einer Ikone. Skater-Punk im Hiphop-Kostüm, natürlich immer mit der nötigen Prise Schockfaktor.

Manch einer zog da bereits Parallelen zu einem gewissen Marshall Mathers. Dieser nahm 2013 "Odd Future" als Vorgruppe für seine Europatour mit, bevor das Verhältnis 2018 ein wenig zerrüttete.

Kurzer Funfact: Seit "Bastard" sorgte Tyler immer dafür, dass der zehnte Song seiner Alben ein Doppel-Track war. Eine subtile Signatur, ganz im Stile von Pharrell Williams.

Knapp ein Jahr nach "Bastard" veröffentlichte Tyler das legendäre Musikvideo zu "Yonkers" und brachte damit die Glut, die sein Mixtape entfacht hatte, endgültig zum Brennen. Das von Wolf Haley, eine von Okonmas vielen Persönlichkeiten, gedrehte Video verhalf ihm zu Anerkennung, weit über die Skaterszene in Kalifornien hinaus. Wieder einmal bewies der noch so junge Künstler nicht nur lyrische und melodische Raffinesse, sondern auch, dass sein visuelles Verständnis dem großen Rest der Szene um Welten voraus war. Ob die paradoxen Zeilen, der abgedrehte Beat oder die Frage "Hat er die Kakerlake wirklich gegessen?" – man kam kaum an diesem Werk vorbei.

Goblin & Wolf: Tyler als die Stimme einer Jugend

"Yonkers" wurde die erste Video-Single zu Tylers 2011 erschienenem Debütalbum "Goblin", über welches sich die Geister bis heute streiten. Für die einen ist es das schlechteste Werk der Diskografie, für andere ist ein gutes Album und wichtiger Wegbereiter für das, was die Fans zwei Jahre später mit "Wolf" erwarten würde.

Wie auch sein Mixtape war "Goblin" vom Sound noch relativ roh. Wer heutzutage an Tyler, the Creator denkt, verbindet ihn wahrscheinlich mit ausgeklügelter Produktion und vermeintlich künstlerisch ansprechenden Kompositionen. Damals klang das Ganze zwar deutlich amateurhafter, trotzdem merkte man bereits, dass alles aus einem Guss erschien. Die noch relativ einfachen Beats klangen bereits beunruhigend und erinnerten teils an einen Drogentrip. Diese sperrigen Instrumentals trafen auf Lyrics, die wieder einmal durch eine Mischung aus Schockfaktor und tiefsinnigen Gedanken bestechen konnten. Zumindest teilweise. Andere Lyrics machten sogar den wieder auftauchenden Dr. TC fassungslos:

"R*pe a pregnant b*tch and tell my friends i had a thr*esome" (Tron Cat)

Für viele war Goblin auch der erste Berührungspunkt mit einem Künstler, der erst drei Monate zuvor angefangen hatte, Musik zu veröffentlichen: Frank Ocean. Das damalige "Odd Future"-Mitgleid stieg in den folgenden Jahren zu einem der größten Contemporary-Artists auf. Sein Feature-Track "She" war ein definitives Highlight des Albums und erhielt ein gebührendes Video.

Trotz der kontroversen Texte und dem düsteren Sound brachte "Goblin" Tyler auch die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien, die er noch ein Werk zuvor mit Hasstiraden überschüttet hatte. Im November desselben Jahres gewann er den MTV Music Award in der Kategorie "Best New Artist". Seine gesteigerte mediale Aufmerksamkeit und eine fast unheimlich treue Fanschaft bescherten ihm und "Odd Future" die Möglichkeit, über den Tellerrand der Musik zu schauen. So produzierte die Gruppe eine "Jackass"-ähnliche Show mit dem Namen "Loiter Squad", in welcher die Mitglieder in kleinen Sketchen auftraten. Die mehrminütigen Szenen zeigten "Odd Future" in absurden Situationen, Pranks oder Comedy-Stücken.

Auch ein eigenes Festival wurde auf die Beine gestellt. Der "Odd Future Carnival" brachte nicht nur Künstler wie Action Bronson oder Lil Wayne auf die Bühne, sondern bot den in Massen anströmenden Fans auch Attraktionen, die eigentlich nur in Vergnügungsparks beheimatet sind. Mittlerweile nennt sich das Festival "Camp Flog Gnaw" und hat sich von einem Ein-Tages-Festival mit vier Acts zu einer großen Institution im Festival-Game etabliert. Im letzten Jahr war Drake der Headliner.

Ein weiterer, bis heute wichtiger Teil von Tylers Karriere ist Mode. Sein Fashion-Geschmack war zu der Zeit relativ weit ab vom Mainstream und orientierte sich größtenteils an der Skateboardingszene. Passen dazu gründete er sein eigenes Modelabel, welches mittlerweile unter dem Namen "Golf le Fleur" weit bis in die höchsten Modekreise bekannt ist. Damals verkaufte die Gruppe ihren Merch in kleinen Pop-Up-Stores, die bei Eröffnung den halben Block auf den Kopf drehten. Der Andrang und die Nachfrage waren so hoch, dass es selbst in Deutschland nicht unüblich war, Personen mit OF-Donut-Shirts zu sehen. Außerdem trug Tyler maßgeblich zur Wiederauferstehung des New Yorker Modelabels "Supreme" bei.

"I know they see me/
Your pants got a flood, a little bit Katrina/
Oh you wearin' Vans and Supreme this season?/
Stop lyin' to yourself, n*gga, me the reason" (Tyler, the Creator - What the f*ck right now)

Mitte 2013 erschien dann "Wolf". Ein Album, das bis heute für viele als das Magnum Opus des Rappers gilt. "Wolf" ist der letzte Auftritt Dr. TCs als Albumguide und bedeutet gleichzeitig den Abschluss von Tylers jugendlichem Soundbild. Ein letztes Mal sollte alles zusammenkommen, was seine Fans in den Jahren zuvor lieben gelernt hatten. Düstere abgef*ckte Texte, die trotzdem tief Blicken ließen, in die Seele eines jungen Mannes, der einerseits wütend auf die Welt war und andererseits bloß seinen Vater vermisste. Nur dieses Mal sollte die Produktion mit der lyrischen Qualität mithalten können. Bis auf einen Track produzierte Tyler das gesamte Album alleine und die musikalische Steigerung der letzten Jahre war nicht zu übersehen. Auch die Featuregäste wurden mit Pharrell Williams und Erykah Badu deutlich hochkarätiger.

Selten gab es ein so stimmiges Album, das gleichzeitig doch so leicht runter ging. Wo manch einer zuvor noch von vermeintlich mittelmäßigen Beats abgeschreckt war, gab es jetzt nahezu perfekt ausproduzierte Tracks, die selbst für die Leute hörbar waren, die nichts mit den Texten anfangen konnten. So wurde "Wolf" auch Tylers bis dahin kommerziell erfolgreichstes Album und stieg auf Platz drei der Billboard Top 100 Charts ein.

Alte und neue Fans waren restlos bedient und so zog sich Tyler eine Weile zurück. Genau genommen knapp zwei Jahre, bis dann 2015 "Cherry Bomb" erschien. Ein katastrophales Album, das Okonma in einem ganz neuen Gewand zeigen sollte, welches viele ehemalige Fans abstoßen würde.

Cherry Bomb und der Wandel von Musik zu Kunst

Zwei Jahre wurden die Fans heißgemacht auf ein neues Tyler, the Creator Album und im April 2015 war es dann soweit. Bloß vier Tage nach der ersten offiziellen Ankündigung erschien "Cherry Bomb" und unterwältigte den Großteil seiner Fans in unglaublichem Maße. Die einst düsteren Beats und obszönen Texte wurden getauscht gegen etwas Wildes und noch schwerer Zugängliches. Jazz und Soul trafen hier auf Experimental-Einflüsse und ergaben ein kaum genießbares Gemisch. Wahrscheinlich spricht hier auch ein wenig die persönliche Enttäuschung, aber für viele Fans bedeutete "Cherry Bomb" ein zu drastischer Stilbruch, der Tyler-untypisch auch noch relativ unsauber ausgeführt wurde.

Für manch einen endete die Karriere des Künstlers aus Kalifornien am 13. April 2015. Denn obwohl "Cherry Bomb" auch bei Musikportalen und Kritikern keinen großen Anklang fand, bedeutete es einen Umbruch. Tyler hatte etwas gewagt. Nicht wie zuvor, als er versuchte, immer noch eine Schock-Schippe draufzulegen, sondern durch das Vorhaben mal wieder Genrekonventionen zu brechen. Dieses Mal brach er jedoch mit eben den Konventionen, die er zuvor etabliert hatte. Zu groß war der Schnitt zwischen den alten Werken und der neuen Richtung. Tyler hatte sich nicht weiterentwickelt, er hatte sich neu erfunden.

Ganz ablegen konnte er die Sünden seiner Vergangenheit jedoch nicht. Der Australien-Teil seiner Welttournee zu "Cherry Bomb" musste abgesagt werden, nachdem die feministische Gruppe "Collective Shout" gegen sein Auftreten protestiert hatte. Zu abstoßend seien seine alten Texte gewesen, misogyn und homophob solle er sein. Bezogen wurde sich auf die bereits zuvor erwähnten Texte von "Bastard" und "Goblin". Schon 2014 verwehrte man "Odd Future" die Einreise nach Neuseeland, da die Gruppe angeblich zu Gewalt aufrufe und so eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen würde.

Und auch nach Großbritannien durfte der Rapper nicht reisen. 2015 wurde ihm die Einreise für drei bis fünf Jahre untersagt. Die Grundlage dafür bildete eine Richtlinie, die eigentlich verhindern sollte, dass Menschen mit terroristischen Absichten in das Vereinigte Königreich einreisen. Als Grund wurden die Texte der Songs "VCR", "Sarah", "French!", "Blow" und "Tron Cat" genannt.

Die als Teenager einst künstlerisch formulierten Gewaltfantasien erfüllten Jahre später ihr Ziel: die Hörer zu schocken.

Im Mai 2015 löste sich "Odd Future" offiziell auf. Trotzdem verblieb Tyler wohl mit den meisten ehemaligen Mitgliedern in einem guten Verhältnis. Allerdings bahnte sich eine neue Freundschaft an, mit einem ebenso modebegeisterten jungen Künstler aus New York. Wie die Freundschaft mit A$AP Rocky begann und eine gemeinsame Tour zustande kam, berichten die beiden wohl am schönsten selbst:

Gegenüber Hypebeast sagte Rocky 2016 über Tyler:

"Er ist so sehr mit mir verbunden wie die meisten des A$AP Mobs. Er ist mein Bruder. Ich wünschte, ich hätte ihn bereits mein ganzes Leben gekannt."

("That n*gga is just as much blood to me as most of my A$AP n*ggas. That's my bro. I wish I knew that n*gga my whole life.")

In den folgenden zwei Jahren veröffentlichte Tyler kein eigenes Album, verschwand jedoch auch nicht komplett von der Bildfläche. 2016 war er auf dem "Cozy Tape Vol. 1" seines neuen besten Homies Rocky, beziehungsweise des A$AP Mobs. Auf "Telephone Calls" ließ er seine Fans kurz wissen, dass er trotz Auszeit das Rappen in keiner Weise verlernt hatte.

Grammy-Time: "Flower Boy" & "Igor"

2017 meldete sich Tyler dann mit der energiegeladenen Single "Who Dat Boy" zurück, welche sowohl auf dem Song als auch im Video natürlich A$AP Rocky featurte. "Who Dat Boy" schien die Vision zu verwirklichen, an der "Cherry Bomb" zuvor gescheitert war. Das lockere Verschmelzen von Genres, ohne in eine Schublade gepackt werden zu können. Auch das Video war verstörend genug, als dass sich alte Fans nicht zurückhalten konnten, auch ein wenig gespannt auf das neue Album zu sein. Kurz darauf erschien "911 / Mr. Lonely" und blies Kritiker vom Hocker. Tylers melodisches Verständnis und die Qualität des Sounds erreichten ein bis dato neues Level für den Künstler. Zwar trauerten immer noch einige wenige dem alten rebellischen Tyler hinterher, scheinbar ohne zu verstehen, dass sein neues Werk in einer vom Trap geprägten Szene ebenso aufmüpfig war wie seine alten Alben.

"Flower Boy" wurde mit positiven Kritiken überschüttet und brachte Tyler seine erste eigene Grammy Nominierung. Zwar verlor er in diesem Jahr noch gegen Kendricks "Damn", den Sprung vom Rapper zum Künstler hatte er mit diesem Album aber für fast alle endgültig geschafft. Textlich hatte "Flower Boy" wenig mit Tylers Ursprüngen zutun. Gewalt und Hass waren Introspektive und Liebe gewichen. Nach einer Auswertung von "Hiphop By The Numbers" sieht die Verteilung der Themen auf den jewiligen Alben so aus:


"Introspection" ist dabei ein schlecht gewählter Begriff, da darunter nur Lines erfasst werden, in welchen Tyler seine Probleme konstruktiv reflektiert. Nicht aber die, in welchen er seine Probleme lediglich nennt. Trotzdem ist ein eindeutiger Trend zur Reife erkennbar, zumindest was seine Gewaltfantasien anging.

Nach "Flower Boy" wurde es musikalisch ruhiger um Tyler. Er schien sein Augenmerk nun verstärkt auf Mode und sein Fashionlabel zu legen. Was als Merch angefangen hatte, war nun zu einer etablierten Modemarke geworden, die eigene Runway-Shows veranstaltete. Um dieser Prätention gerecht zu werden, hieß es nun schließlich auch nicht mehr "Golf Wang" sonder "Golf le Fleur". Der Skaterlook wich schrillen Farben und extravaganten Outfits.

So wunderte es auch kaum jemanden, als Tyler sein 2019 erscheinendes Album "Igor" in einem funkelnden Anzug und mit blonder Bob-Perrücke ankündigte. Es passte zu seiner neuen "artsy"-Art. Knapp zwei Wochen nach der ersten Ankündigun erschien das Album bereits und begeisterte Kritiker auf ein Neues. Igor knüpfte da an, wo "Flower Boy" aufgehört hatte. Melodische Gesänge, softe Produktion, RnB-Stars als Featuregäste und ein sommerlicher Vibe brachten Tyler dahin, wovon er fast genau 10 Jahre zuvor geträumt hatte.

Am 26. Januar 2020 gewann Tyler, the Creator seinen ersten Grammy für das beste Rap Album des Jahres. So wie er es prophezeit hatte, saßen Freunde aus "Odd Future"-Zeiten mit ihm im Publikum. Seine Mom begleitete ihn auf die Bühne und freute sich sichtlich so sehr, wie sich wahrscheinlich bloß eine Mutter freuen kann.

Während alle Anwesenden besonders formal für die Zeremonie angezogen sind, sieht man Tyler bekleidet mit einer Cap und einem rot-weiß gestreiften Polo-Shirt. Auch über eine Dekade nach seinem Debüt gelten für Tyler, the Creator wohl immer noch keine Konventionen.


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