Ist Drake ein schlechter Label-Boss?

 

Drake ist vielleicht der größte Popstar des Planeten. Ein Mann der Superlative. Gold-, Platin-, Diamantplatten, Rekorde noch und nöcher – es gibt scheinbar nichts, was Drake misslingt. Oder etwa doch? Man könnte meinen, wer beim globalen Powerseller unter Vertrag steht, der muss automatisch selbst am Pop-Olymp anklopfen. Schauen wir einmal auf all die Artists bei OVO Sound – also dem Label, das von Drake, Noah 40 Shebib und Oliver El-Khatib 2012 gegründet wurde. Wie läuft es für Acts wie Majid Jordan, PARTYNEXTDOOR oder Popcaan bei October's Very Own?

Hinter Drake verblasst fast alles

Zunächst ein bisschen Zahlenspielerei: Wo steht Drake und wo stehen seine Signings? Drakes Karriere wirkt wie ein einziger Homerun. Seine Erfolge haben eine eigene Wikipedia-Seite. Bei all den Auszeichnungen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Demnach sind Releases von oder mit Drake allein in den Staaten über 300-mal Platin gegangen. Dazu kommen noch Gold- und Diamantplatten. Allein die Alben "Take Care" und "Nothing Was The Same" haben jeweils über 400 Wochen in den Billboard Charts auf dem Buckel. Drake verkauft in einer anderen Liga. Ausschließlich Eminem hat in seiner (auch längeren) Karriere laut RIAA mehr Singles abgesetzt. Die Lücke von 2,5 Millionen Einheiten dürfte Drake in absehbarer Zeit schließen.

Abseits dieser Sphären tummeln sich vornehmlich Acts, die ebenfalls einen kanadischen Background besitzen. PARTYNEXTDOOR und Majid Jordan sind bereits seit 2013 bei OVO Sound am Start. In nahezu zehn Jahren Zugehörigkeit kommt einiges an Releases zusammen. PARTYNEXTDOOR ist dabei nach Drake der kommerziell erfolgreichste OVO-Künstler. Der RnB-Artist ist mit seinen ersten beiden Alben über das Label Gold gegangen. Das 2020 veröffentlichte "Partymobile" erreichte die Top 10. Auch diverse Singles - mal mit, mal ohne Drake - haben Platinstatus inne.

Das RnB-Duo Majid Jordan bringt es auf drei Alben. Das im Herbst 2021 releaste Projekt "Wildest Dreams" schaffte es jedoch nicht in die Billboard Charts. Die beiden vorigen Longplayer kamen im hinteren Bereich der Top 100 an. Bisher herausragend ist die Multiplatin-Drake-Kollabo "Hold On We're Going Home" (jetzt auf Apple Music streamen).

Ebenso auf OVO Sound ist Roy Woods unterwegs. Der kanadische Künstler ist seit 2014 dabei. 2017 erschien sein Debütalbum "Say Less". Als seine bisherige Hochphase kann 2015 angesehen werden. Damals lieferte er die EP "Exis" inklusive der Platin-Single "Drama" (feat. Drake).

Drake hat eine Schwäche für RnB-Signings. Zu dieser Kategorie gehören ebenso dvsn. Seit 2015 sind Daniel Daley und Produzent Nineteen85 an Bord. Letztes Jahr haben sie ein Kollaboalbum mit Ty Dolla $ign rausgebracht. Nur hat das kaum wer mitbekommen. Selbst in den Staaten ging das Projekt mit dem Titel "Cheers to the Best Memories" weitestgehend unter.

Und OVO ain't over: Baka Not Nice war mal Teil von Drakes Security Team. 2017 erfolgte das Signing. In fünf Jahren Zugehörigkeit hat besagter Baka ein paar Singles und Projekte gedroppt, die ihm bisher nicht zum Durchbruch verholfen haben. Auch der etablierte jamaikanische Dancehall-Künstler Popcaan gehört seit 2018 zum OVO-Camp. Kurz nach dem Signing ließ er mit "Vanquish" ein Mixtape folgen. Das "Fixtape" ging 2020 gerade so in die Top 100 der US-Charts – Drake tritt darauf gleich zweimal als Feature-Gast in Erscheinung.

Der neueste OVO-Schützling hört auf den Namen Smiley. Zum Start des neuen Karriereabschnitts droppte eine Kollabo mit Drake. Platz #57 in den Billboard Charts war für "Over The Top" drin.

Ein professionell geführtes Label bietet die Rahmenbedingungen für den Aufbau und die Entwicklung eines Artist. Klassischerweise hat ein Label Interesse daran, den Marktwert seiner Signings zu steigern. Es gilt, eine Karriere zu begleiten und zu unterstützen. Wer es schafft, seine Künstler*innen erfolgreich an den Start zu bringen, dem würde man gemeinhin eine gute Labelarbeit bescheinigen.

Was OVO-Signings von Drake bekommen

Natürlich lässt sich nicht jeder einzelne Step von Drake als Label-Boss durchdringen. Man kann allerdings nachverfolgen, wie er seine Künstler (es sind ausschließlich Männer) und sich selbst der Öffentlichkeit präsentiert.

Drake gönnt sich riesige Werbetafeln in den Heimatstädten seiner Feature-Gäste, um über ihr Auftauchen auf seinem Album "Certified Lover Boy" zu informieren, holt sich einen Platz in einer der größten Sportnachrichten-Sendungen Amerikas und arbeitet mit Star-Künstler Damien Hirst für sein Album-Cover zusammen. Das sind die Drizzy-Levels, insofern es um sein eigenes Produkt geht.

Was die Künstler vom Label-Chef bekommen, sind scheinbar grundlegend drei Dinge: Instagram-Werbung, Kollabo-Songs und die Möglichkeit, auf Tour ein neues Publikum zu erschließen. Posts zum Geburtstag, Posts zum gemeinsamen Single-Release, Posts zum Albumdrop. Drakes Instagram-Feed ist voller Hinweise auf seine OVO-Signings. Über 100 Millionen Menschen (plus minus die üblichen Bots) folgen dem Kanadier auf dem sozialen Netzwerk. Es gibt mit Sicherheit schlechtere Promoplattformen.

Auch in Sachen Kollabos zeigt sich Drake einsatzfreudig. So ist er auf den letzten Alben von Majid Jordan, Popcaan und PARTYNEXTDOOR vertreten. Er verhilft Smiley zu seinem ersten Chart-Erfolg. Roy Woods ist wie bereits erwähnt 2015 mit einem Drake-Feature Platin gegangen. Vormalige Signings wie ILoveMakonnen konnten ebenso auf einen motivierten Drake bauen. Kurz vor dem Signing bei OVO bringt der zukünftige Chef einen Remix des Songs "Tuesday" in Umlauf – ein Hit!

Doch dort, wo die maximale Aufmerksamkeit liegt, setzt Drake seit einiger Zeit nicht mehr auf das OVO Roster. Die erste Reihe auf seinen eigenen Projekten ist für die üblichen Verdächtigen reserviert: Young Thug, Future, Travis Scott, 21 Savage, Rick Ross und ähnliche Kaliber arbeiten ständig mit Drake zusammen. Sein aktuelles Album "Certified Lover Boy" hält keinen Feature-Platz für eines seiner Signings bereit. Erst wer sich durch die Credits gräbt, landet beispielsweise bei Produzent Nineteen95 ("Get Along Better") oder PARTYNEXTDOOR ("F*cking Fans"). Bei vorigen Releases wie "Dark Lane Demo Tapes" und "Scorpion" ist die Lage vergleichbar. Drizzy repräsentiert hier auf den ersten Blick allein OVO.

Bei früheren Projekten war die Situation noch eine andere. Auf "Views" begegnet die Hörerschaft Majid Jordan, dvsn und PARTYNEXTDOOR direkt auf der Tracklist. Ebenso hat das 2017 releaste Tape "More Life" ein PARTYNEXTDOOR-Feature zu bieten ("Since Way Back"). Auf "If You're Reading This It's Too Late" bekommen Drake-Fans den RnB-Künstler gleich mehrfach präsentiert. Majid Jordan sind für "Hold On We're Going Home" mitverantwortlich und landen einen Welthit.

Seit einigen Jahren scheint Drake jedoch von diesem Vorgehen abgerückt zu sein. Einen Push für seine Artists? Ja. Auf seinen eigenen Projekten? Nein. Was sich musikalisch als Tendenz abzeichnet, ist auf einer anderen Ebene schon längst real. Das Business läuft seit jeher getrennt. Drakes Musik kommt über Universal. Die OVO-Künstler werden über Warner vertrieben.

Wer bei Drake unter Vertrag steht, kann damit rechnen, die Welt zu bereisen. Okay, in den letzten Jahren war das Tourleben erheblich eingeschränkt. Doch wenn Drake auf Tour geht, dann ist meist der eine oder andere Platz für Künstler aus dem eigenen Camp reserviert. Bei Drakes "The Assassination Vacation"-Tour macht Baka Not Nice den Voract. Roy Woods ist beispielsweise am Start, als Drake 2016 zusammen mit Future ("Summer Sixteen Tour") und 2018 mit den Migos ("Aubrey & the Three Migos Tour") die Staaten durchquert.

Zur "Boy Meets World"-Tour geben sich Popcaan oder dvsn die Ehre. Wo Drake auftritt, sind auch OVO-Signings nicht weit. Mit Drizzy auf dem Tourposter könnte allerdings kaum klarer sein, wen die Leute für ihr Ticketgeld erwarten. Dennoch bietet die nächste Stadion-Tour eine Gelegenheit, seine Musik einem Publikum vorzustellen, das vielleicht wenig über den Tellerrand hinausschaut. Drake hat den Namen, Drake bewegt die Massen, Drake kann in der Theorie der große Türöffner sein.

Hat The Weeknd alles richtig gemacht?

The Weeknd ist heute ähnlich wie Drake eine Weltmarke und ein Megastar. Es gab eine Zeit, da wollte Drizzy den kanadischen Kollegen signen. The Weeknds erste Radio-Single "Wicked Games" landete auf dem OVO-Blog. Drake zitierte Lyrics des Tracks auf Twitter. Mit "The Zone" und "Crew Love" entstanden zwei Kollabotracks. Ein Deal für The Weeknd lag wohl auf dem Tisch. Doch der RnB-Sänger entschied sich dafür, sein eigenes Ding zu machen. Wie er 2015 in einem Interview mit dem Rolling Stone erklärte, hat er in dieser Phase fast die Hälfte seines Tapes "House of Ballons" an Drake weitergegeben.

Drake spricht hingegen davon, dass The Weeknd als Co-Writer für "Take Care" aktiv war. Das Verhältnis leidet unter diesen unterschiedlichen Ansichten. Lange herrscht Funkstille. "Am meisten bedauere ich, dass wir wahrscheinlich sieben Jahre verschwendet haben, in denen wir nicht miteinander sprachen", sagte Drake Ende 2019 im Rap Radar Podcast, als er nach der Beziehung zu seinem Kollegen gefragt wird. Heute ist die Stimmung besser. OVO und XO sind wieder connectet.

Doch abgesehen davon bleibt die Frage: Wäre The Weeknd der Weltstar, der er aktuell ist, wenn er früher bei Drake gesignt hätte? Das lässt sich natürlich nicht vollends beantworten. Aber es spricht einiges dafür, dass The Weeknd vor dem Hintergrund seiner eigenen Karriereambitionen eine weise Entscheidung getroffen hat. Wie es ihm hätte ergehen können, zeigt eine Anekdote von PARTYNEXTDOOR.

Sein Track "Wednesday Night Interlude" wird von Drake für das Tape "If You're Reading This It's Too Late" beansprucht. Ein Move, der offenbar für gemischte Gefühle sorgt. Dem Rolling Stone gegenüber eröffnete PARTYNEXTDOOR 2016:

"Ich liebe den Fakt, dass er das darauf gepackt hat und Leute es hören konnten. Und ich wünsche mir bis zum heutigen Tag, dass ich den Song für mein Album behalten hätte."

Vielleicht wären auch The Weeknds Songs und Ideen auf ähnliche Weise auf Drake-Projekten eingesetzt worden. PARTYNEXTDOOR ist heute anerkannter Künstler und Songwriter. Offenbar kann er künstlerisch nahezu uneingeschränkt arbeiten. Der OVO-Pitch soll laut Rolling Stone seinerzeit folgendermaßen gelaufen sein: "Veröffentliche deine Musik, wann immer du möchtest, habe vollständige Kontrolle und mach dein eigenes Ding." Doch füllt PARTYNEXTDOOR allein ein Stadion oder kommt für die Super-Bowl-Halbzeitshow infrage? Eher nicht. Ex-OVO-Signing ILoveMakonnen blickt in einem Interview mit The Fader ernüchtert auf seine Zeit bei Drakes Label. Der Kontakt wäre sowieso nur aus einem Grund hergestellt worden: "Sie brauchten einen heißen Song. Das war's."

Es stellt sich die Frage: Was will eigentlich Drake? OVO Sound gelingt es seit gut einem Jahrzehnt nicht, einen Künstler auch nur annähernd in seine Regionen zu bringen. Es entwickelt sich sogar in eine entgegengesetzte Richtung. Selbst bei den schillernderen Acts auf dem kanadischen Label tendiert die Erfolgskurve in den letzten Jahren eher nach unten. Die Huffington Post schrieb 2014 einmal: "OVO hat es geschafft, Weltklasse-Talente unter einem Dach zu halten und weiterzuentwickeln." Mit ein paar Jahren mehr Abstand wirkt dieses Fazit ziemlich überholt.

Trotz aller Strahlkraft, die OVO und Drake mitbringen, läuft es bei vielen Signings mehr auf Stagnation als auf Fortschritt hinaus. Vielleicht genügt es Drake einfach, reihenweise Kreative um sich herum zu versammeln. Finanziell wird er kaum auf zugkräftige Künstler angewiesen sein. Wie sich diese entwickeln, gerät eventuell zur Nebensache, solange niemand den Aufstand probt. Womöglich fehlen Drake auch die Zeit und die erforderlichen Kapazitäten, um ein Camp heranzuziehen, das aus seinem Schatten treten kann. Ein Eindruck verfestigt sich: Als Signing bei Drake bewegt man sich vor allem im Dunstkreis von Drake.

Wer seine Karriere tatsächlich vorantreiben will, ist im Hause OVO womöglich falsch aufgehoben. Erfolg funktioniert meist nur mit oder über Drake. Für sich stehend gelingt es den Acts nur in seltenen Fällen, auf sich aufmerksam zu machen. Wer bei Drake unter Vertrag steht, ist bisher zum Mitlaufen verdammt. Der Star an der Spitze hat es nach zehn Jahren im Label-Game nicht geschafft, den Künstlern des OVO-Camps ein erfolgreiches Konzept an die Hand zu geben. Ja, vielleicht wird tatsächlich nicht alles, was Drake anfasst, zu Gold. Auch der 6ix God scheint fehlbar.

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