Aus Offenbach bis an die Deutschrap-Spitze: Wir zeichnen Haftbefehl für sein Lebenswerk aus
Haftbefehl

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Kaum ein anderer Deutschrapper hat die breite Masse 2025 so sehr interessiert wie Haftbefehl. Seiner bundesweit diskutierten Netflix-Doku gehen über 15 bewegte Jahre in der hiesigen Rap-Szene voraus. Im Zuge unserer diesjährigen Hiphop.de Awards zeichnen wir Baba Haft für sein Lebenswerk aus.

Haftbefehls erste Schritte in der Deutschrap-Szene

Dass Haftbefehl heutzutage einen Status als anerkannter Rap-Star genießt, ist vieles, aber keine Selbstverständlichkeit. War man in den letzten Monaten in den sozialen Medien unterwegs, so war es nahezu unmöglich, an der "Leben, Life, Hayat"-Hook aus "1999 Pt. III" vorbeizukommen. Benutzt wurde der Sound-Schnipsel mitunter von jener Art Mensch, die dich vor 10 Jahren noch müde dafür belächelt hätte, wenn du dich völlig unironisch für Straßenrap aus Offenbach interessiertest. Fakt ist aber auch: Selbst szeneintern hat sich Haftbefehl sein wohlverdientes Hak trotz früher, prominenter Co-Signs regelrecht erkämpfen müssen. 

Aykut Anhan, so Haftbefehls bürgerlicher Name, ist zwischen Hochhäusern im Offenbacher Mainpark aufgewachsen. Der Suizid seines Vaters, das arbeitet auch "Babo – Die Haftbefehl Story" detailliert auf, warf einen langen Schatten über seine folglich von Drogen (insbesondere Kokain) und Kriminalität geprägte Jugend. In seinen frühen Zwanzigern wurde er per Haftbefehl gesucht und flüchtete vor den deutschen Behörden zunächst in die Türkei – daher auch sein Künstlername. Eine scheinbar aussichtslose Perspektive, die wenige Jahre später den Grundstein für eine wirkungsvolle Rap-Karriere bilden wird.

Nach ersten musikalischen Schritten als Signing bei Jonesmanns "Echte Musik" stand Haft schon recht bald auf eigenen Beinen. 2011 gründete er sein eigenes Label "Azzlackz" und verhalf einer neuen Welle an Straßenrappern zu ungeahnten Erfolgen. Namen wie Celo & Abdi, Milonair und natürlich Capo, Haftbefehls kleiner Bruder, sind an der Seite des Offenbacher Newcomers groß geworden. Und wie der "Azzlack Stereotyp" aussieht, definierte er kurz zuvor schon mit seinem ersten Solo-Album. Lederjacke und Acqua di Gio sind demnach zentrale Bestandteile der Pusher-Ästhetik am Main. Geld gemacht wird dort jedenfalls immer, und "wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun".

Mit dem Titel seines Folgealbums brachte Haftbefehl eine große Besonderheit seiner Musik auf den Punkt: Er spricht fließend "Kanackiş". Selbst auf die Gefahr hin, dass das deutsche Publikum gar nicht versteht, was denn überhaupt mit Tijara Haram gemeint sein könnte. In seinen Texten mischt er FFM-Straßenslang mit kurdischen, arabischen, selbst štokavischen Sprachfragmenten.

Dass er Satzbau und Aussprache dabei öfter mal freier interpretiert, als die deutsche Sprache es gerne hätte, ist eigenwillig im besten Sinn. Hier und da werden Wörter einfach umgedreht, jüngstes Beispiel: "Syndrom Stockholm". Fans der französischen Rap-Szene kannten das so vielleicht schon: Das Umkehren von Buchstaben und Silben ist ein zentraler Bestandteil des dort verbreiteten Jugendslangs namens Verlan. Für alle anderen waren derartige Spielereien ein völliges Novum.

"Welle hin, Welle her, Tsunami, oder was? /
Schelle links, stö-dö-döff, küss die Hand von Abi Haft /
Ich tick' weiter Abiat und mach' Massari, Schnapp /
Para, Pagare, Cho, Money her, Amina"

Haftbefehls Einfluss überschritt schon bald die Grenzen der Deutschrap-Szene. Heute ist das kaum vorstellbar, doch tatsächlich gab es mal eine Zeit, in der Chabos noch nicht wussten, wer oder was der Babo ist. Das sollte sich spätestens 2013 ändern, als der Begriff aus seinem Mega-Hit zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde.

An diesem Punkt war Haftbefehl größer denn je. Songs mit hochrelevanten Rappern wie Sido, Kollegah oder Azad umfasste sein Katalog schon längst. Mit "Chabos wissen wer der Babo ist" konnte Hafti sich sogar erstmals in den Charts positionieren. Und trotzdem stieß er noch immer nicht auf weitläufige Gegenliebe. In seiner berüchtigten "Rap-Analyse" sezierte JuliensBlog seine Musik gnadenlos und überzeugte ein großes YouTube-Publikum zumindest zeitweise davon, dass Haftbefehl zu den schlechtesten Rappern des Landes gehöre.

Aus heutiger Sicht sind derartige Analysen und Parodien mehr schlecht als recht gealtert. Dagegen sollte Haftbefehl mit seiner besonderen Art zu rappen wenig später die Feuilletons des Landes auf seine Seite holen und das Blatt somit endlich zu seinen Gunsten wenden. 

Haftbefehl spielt "Russisch Roulette" in großem Stil

"Ich rolle mit meim Besten", "Lass die Affen aus'm Zoo", die ersten drei Teile seiner "1999"-Songreihe: Schon ein kurzer Blick auf die Tracklist von "Russisch Roulette" genügt, um das Album zweifelsfrei als absoluten Deutschrap-Classic bezeichnen zu können. Die 2014 erschienene Platte besticht durch einen gleichzeitig rauen wie hochglanzpolierten Sound, der sich zwar durchaus an der altbekannten Haftbefehl-Formel orientiert, diese aber nochmal auf ein ganz anderes Level hebt. "Russisch Roulette" hat den Zeitgeist getroffen, klang aber auch fünf Jahre später genauso frisch wie am Release-Tag.

An dieser Stelle bietet es sich an, ein paar Worte über Bazzazian zu verlieren. Mit seinen Beats hat er maßgeblich zu dem einheitlichen Klanggerüst des Albums beigetragen. Gut, auch davor schon wurde Haftbefehl immer mal wieder mit Instrumentals von dem Produzenten aus Köln versorgt. Doch seit "Russisch Roulette" spielt diese Rapper-Producer-Kombi in ihrer ganz eigenen Liga. Bis heute fegen die wuchtigen Bazzazian-Beats auch eingeschweißte Rap-Fans aus den Staaten regelmäßig aus ihren Schreibtischstühlen. Und Haftbefehls eindringliche Stimme tritt nach.

Seinen Generational Run führte Hafti in den Folgejahren fort. 2015 erschien mit "069" sein meistgestreamter Song. Im Jahr darauf landete er einen "Coup" mit Xatar und releaste damit eines der wohl universell beliebtesten Kollaboalben im Deutschrap. In dieser Zeit gründete er mit seinem Bruder Capo außerdem das Label "Generation Azzlack", um damit lokale Newcomer wie Soufian und Azzi Memo zu pushen.

Der damals 30-jährige Haftbefehl hatte bis dahin nicht nur eine ganze Szene auf den Kopf gestellt, sondern auch seine Heimat zurück auf die Deutschrap-Karte gebracht. Mit ihm erlebte die Metropolregion Frankfurt nach dem Rödelheim Hartreim Projekt und Azad ihren dritten großen Genre-Hype, diesmal aber in nie dagewesenen Dimensionen.

Haftbefehl schien unaufhaltsam. Doch auf die größten Jahre seiner bisherigen Karriere folgte eine abrupte und klaffende Lücke im Lebenslauf. Öffentliche Auftritte wurden rar, Hafti zog sich weitestgehend aus dem Rampenlicht zurück. Der Kokain-Pate aus Offenbach wurde zum zweifachen Familienvater. Ob er jemals zu alter Form zurückkehren wird? Das war lange ungewiss.

Das Comeback von Haftbefehl geht mit Skandalen einer

Im März 2020 war es dann aber so weit: Haftbefehl veröffentlichte mit "Bolon" seine erste Solo-Single seit gut fünf Jahren. Bazzazian hat in der Zwischenzeit nicht verlernt, stimmige Klangkulissen für den Rapper zu erschaffen. Und auch Haftbefehl selbst enttäuschte seine Fans mit fast schon theatralischer, aber gewohnt Kokain-zentrierter Lyrik keineswegs. "Das weisse Album" folgte drei Monate später und knüpfte inhaltlich, der Titel lässt es bereits erahnen, direkt daran an. Hier und da riss er aber zumindest oberflächlich an, was in der zurückliegenden Auszeit passiert sein könnte – siehe "Depression & Schmerz".

Sein Comeback stellte unter Beweis, dass ein Haftbefehl auch in den 2020ern noch funktionieren kann. "Das weisse Album" wirkt wie die logische Weiterentwicklung von "Russisch Roulette" und hat seine Diskografie um einige Classics ("RADW", "Conan x Xenia", "1999 Pt. 5 (Mainpark Baby)") erweitert. Auch der 2021 erschienene Gegenpart "Das schwarze Album" fügt sich nahtlos in das Haftbefehl-Universum ein.

Im Laufe der darauffolgenden Jahre häuften sich allerdings auch besorgniserregende Schlagzeilen. 2022 musste ein sichtlich weggetretener Haftbefehl einen Auftritt in Mannheim abbrechen und seine geplante Tour "aus gesundheitlichen Gründen" absagen. Später enthüllte er eine schwere Lachgas-Sucht; bis zu 50 Flaschen habe er täglich konsumiert. Anfang 2024 fuhr er mit einem weißen Audi frontal in eine Darmstädter Konditorei und verließ den Unfallort. Inmitten von all dem erschienen ein Re-Release vom indizierten "Blockplatin" sowie sein bis dato letztes Solo-Album "Mainpark Baby".

Die im Oktober 2025 veröffentlichte Netflix-Doku begleitet den Rapper während seiner schwersten Zeiten. Schonungslos und ehrlich, ohne jegliche Schönrederei, zeigte sich Haftbefehl einer ganzen Nation. Dazu gehörte vor allem auch die Enthüllung seiner durch jahrzehntelangen Kokain-Konsum eingefallenen Nase. Längst vergessene Lines wirkten im Licht der hintergründigen Doku nochmal ganz anders. Beispielsweise rappte Haftbefehl bereits 2012 auf "Ich und meine Sonnenbrille": 

"Ich bin als Kind schon fünfma' gestorben /
Satan, der Bastard, wohnt in meiner Nase"

Mit dem heutigen Wissen, dass ihn diese Droge Jahre später gleich zweimal ins Koma und beinahe in den Tod führen wird, macht sich ein kalter Schauer über dem Rücken breit. Es zeigt aber auch: Haftbefehl war immer authentisch, nie hat er sich verstellt. In seiner Musik ging es seit jeher auch um die Schattenseiten des Straßenlebens. Mit einer der Gründe, warum kürzlich sogar die Forderung laut wurde, Leben und Werke von Haftbefehl in schulische Lehrpläne zu integrieren.

Doch eben jene Schattenseiten haben ihn unglücklicherweise selbst eingeholt. Haftbefehl verdeckt sein Gesicht seither bei öffentlichen Auftritten.

Die gute Nachricht: Haftbefehl befindet sich offenbar wieder auf dem aufsteigenden Ast. Er selbst hat bei seinem Bühnen-Comeback im November verkündet, clean zu sein. Über die nach dem Doku-Release vielfach diskutierte Beziehung zu seiner Frau klärt das Ehepaar mit ihrem neuen "Nina & Aykut"-Podcast aktuell selbst auf. Für dieses Jahr sind bereits Arena-Shows geplant. Abseits von zwei Singles mit dem Producer-Duo oddworld war es musikalisch zuletzt allerdings ruhig um Haftbefehl – aus mehr als nachvollziehbaren Gründen.

Erst im letzten Monat feierte er seinen 40. Geburtstag. Mit Sicherheit ein guter Anlass, um sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu blicken. Doch komme, was wolle, eines kann ihm niemand nehmen: Haftbefehl hat deutschen Hiphop in den letzten 15 Jahren mitgestaltet wie sonst nur wenige andere Rapper. Selbst wenn er ab heute keinen einzigen Song mehr droppen würde - was sich natürlich niemand wüscht -, dann würde seine bis hierhin aufgebaute Legacy noch auf ewig nachhallen. Und das gilt es unserer Meinung nach zu würdigen.

Im vergangenen Jahr haben wir Curse für sein gesamtes Wirken ausgezeichnet. Mehr dazu hier:

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