Gzuz geht international und die Amis kommen nicht darauf klar

Nur einen Tag nach Veröffentlichung der neuen Single "Was hast du gedacht" knackte das Video von Gzuz die eine Million Klicks. Eigentlich sind das ganz normale Moves für den 187er, nachdem seine 25.000 CD-Boxen schon vier Monate vor Release ausverkauft waren. Kein Wunder also, dass sich auf die erste Singleauskopplung des "Wolke 7"-Albums gestürzt wird. Anders als erwartet, wurde der Track nicht über den Kanal der 187 Strassenbande, sondern via WorldStarHipHop veröffentlicht – einen Channel aus Amerika mit 9,6 Millionen Abonnenten. Das dürfte mittlerweile auch der Letzte mitbekommen haben. Prompt kletterte "Was hast du gedacht" auf Platz #5 der Single-Charts

Mit der neu erlangten Reichweite eröffnen sich für Gzuz andere Welten. Der Hamburger muss sich nicht mehr nur Kritikern aus dem deutschsprachigen Raum aussetzen. Auch international steht er unter strenger Begutachtung. Die Kommentare fallen mal mehr, mal weniger positiv aus. Unmengen an Reaction-Videos aus den USA kursieren im Netz.

ImDontai ist mit 659.000 Abonnenten der mit Abstand größte YouTube-Star, der sich zu dem Video geäußert hat. Seine Reaktion verzeichnet mittlerweile fast 100.000 Klicks. Sichtlich irritiert schaut er sich Szene für Szene an und stellt schockiert fest, dass einer der Jungs K*kain von einem iPhone zieht. Dafür spult er das Video extra noch einmal zurück. Nach verhaltenem Kopfnicken muss er zugeben, dass man sich mit den Jungs besser nicht anlegen sollte. Vor allem macht er sich Sorgen um den Kameramann, auf den mit angeblich geladenen Waffen gezielt wurde.

"Ich wäre nicht einmal gern in der Nähe des Videodrehs gewesen."

Als sich Gzuz die Flasche am Kopf zerschlägt und mit blutigem Gesicht gezeigt wird, geht die Fassungslosigkeit weiter:

"Das muss Kunstblut sein. Falls nicht, ist der Typ ein Psychopath."

THIS MAN DID COCAINE | GZUZ - Was Hast Du Gedacht | Reaction

Promoted Song https://www.youtube.com/watch?v=QuhnhXy4UeM&feature=youtu.be Original Video https://www.youtube.com/watch?v=H2hGrsExuyc Intro Song https://www.youtube.com/watch?v=Wzi0Z7aHH2Y Gaming Channel https://www.youtube.com/user/MrDdizzy94 Discord Link https://t.co/4DjU0V5fD8 My IG https://instagram.com/im_dontai/ My Twitter https://twitter.com/ImDontai LiveRaise https://www.liveraise.com/event/30212 YouNow https://www.younow.com/ImDontai SoundCloud https://soundcloud.com/dizzy5ive5trikes BUY MY SHIRTS!!! http://shop.spreadshirt.com/BucketeerGear/ My IG https://instagram.com/im_dontai/ My Twitter https://twitter.com/ImDontai

Ashley Deshaun zeigte sich weniger überrascht. Trotzdem wurde sich ihre Reaktion über 200.000 Mal angesehen. Sie habe wohl keine Ahnung, was sie erwartet und wollte einfach nur auf ein paar WorldStarHipHop-Videos reagieren. Auf Gzuz, den sie liebevoll "Jesus" nennt, sei sie eher zufällig gestoßen. Der deutschen Sprache sei sie nicht mächtig. Deshalb leitet sie sich einfach selbst aus den Bewegtbildern her, dass Gzuz wohl eine ganze Nation töten wolle. Weil sie die reine Spekulation jedoch nicht auf sich sitzen lassen kann, schaut sie nach einer Übersetzung und stellt fest:

"Er redet über Waffen, er redet über die Menschen, die ihn umgeben. [...] Er erinnert mich etwas an normale, amerikanische Rapper oder was auch immer. [...] Es ist gar nicht so schlecht."

Letztendlich zeigt sie sich dankbar für die anschließende Aufklärung in den Kommentaren darüber, wer Gzuz überhaupt sei und wofür er stehe. Sie zollt ihm weiterhin Respekt und würde es lieben, mehr Musik von ihm zu hören. 

Den bisherigen Klick-Rekord stellten die V Kings mit knapp einer halben Million Views auf. Die vier Jungs können sich beim Starten des Videos gar nicht entscheiden, wo sie zuerst hingucken sollen. Von geladenen Waffen über Geldscheine in Massen bis hin zu Gzuz' breiter Statur gibt es nichts, was sie nicht schockiert. Sie sind der festen Überzeugung, dass das Video aus rechtlichen Gründen entfernt wird. Der im Video gezeigte Lebensstil scheint aber laut Aussage der V Kings hierzulande ganz normal zu sein. Obwohl sie nicht damit gerechnet hätten, vermuten sie zu den Karren, gutgebauten Frauen und den Blunts:

"Das ist Deutschland. [...] Wir müssen da hin, Bro."

Im weiteren Verlauf des Clips bleibt die Überraschung groß. Wer hätte schon gedacht, dass Gangsta-Rap aus Deutschland teilweise verrückter als amerikanischer Hiphop sein könnte?

Auch unter dem Originalvideo von Gzuz hagelt es Kommentare aus Übersee. Selbst bekannte Websites wie der amerikanische Musikkanal Noisey von VICE und Pigeons and Planes, die Seite für Musikentdecker von Complex, melden sich mittlerweile zu Wort. In der Überschrift des Artikels von Pigeons and Planes heißt es:

"Dieser deutsche MC verpackt alle Rap-Stereotypen in einem bizarren Video"

Besonders die Anfangssequenz, in der Gzuz die aktuell beliebte Modedroge Lean bzw. Hustensaft in eine Sprite kippt, erhält besonders kritische Urteile von Seiten der Amis. Bezüglich des K*kains auf dem iPhone hofft Pigeon and Planes, dass der Besitzer des Handys vorher einen hochwertigen Displayschutz aufgelegt hat. Als könne er sich kein neues Handy leisten...

Wie dem auch sei: Es ist beeindruckend, was für einen großen Einfluss deutscher Rap auch international auf eine ganze Generation haben kann. Vor allem weil es sich bei Musik von der 187 Strassenbande nicht um klassischen und derzeit sehr beliebten Trap mit gesungenen Hooks oder Autotune und Adlips ohne Ende handelt, sondern weil der Sound direkt von der Straße kommt. Während wir in Deutschland mittlerweile wissen, dass Gzuz und seine Crew vergleichsweise authentischer sind als viele andere Rapper der Neuzeit, scheinen es auch langsam die Amis zu begreifen. Ob sie es gut finden oder nicht. 

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Kommentare

Amen!

Die 6 amis aus den "reaction"-videos sind genauso wenig "die amis" wie Gzuz und die crew deutscher rap ist.

gzuz macht wirbel in usa, haha. so nice.

Hahahahaha

Word!
So Gangster weil es in Deutschland keine Smith n Wesson im Supermarkt gibt :)
Und sonstige Abbildungen sind auch All-Gegenwärtig hier zu Lande xD

Sicher sind die 187 realer als fast alle z.Zt.,
und GzuZ der "durchgeknallteste" von denen! Und der WSHH-Move einfach genial!

Aber sorry, auch wenn das Niveau extrem gesunken ist mittlerweile, das ist nicht Deutschland! Nur einer unserer Nichen ;)

was hast du gedacht?

wie alt war denn der Ersteller dieses Berichts? die reaction vids werden nur gemacht um deutsche Klicks abzugreifen... glaubt wirklich einer das sich ein Amerikaner für gzuz interessiert. jeder kann bei worldstarhiphop ein video hochladen wenn man das nötige Kleingeld hat.... die haben einfach dafür bezahlt um das vid dort hochzuladen, aber kein Ami schaut sich den deutschen hiphop markt an und bietet dann gzuz an sein vid auf worldstarhiphop zu verbreiten....

187 hat einen tollen promomove gemacht, aber niemand aus Amerika interessiert sich für gzuz oder 187. wer was anderes glaubt lebt in einer riesigen Traumwelt.

ich frage mich was an einer psychischischen erkrankungen so spannend ist ?
geht mal in die forensische psychiatrie,da lernt er ihr ganz andere kaliber als einen GZUZ kennen.

Krasse Leistung, trotzdem ist Kolle realer als die meisten.

Haha beste

"Er redet über Waffen, er redet über die Menschen, die ihn umgeben. [...] Er erinnert mich etwas an normale, amerikanische Rapper oder was auch immer. [...] Es ist gar nicht so schlecht."

Ich konnte nach diesem Statement nicht mehr mit lachen aufhören.

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Gute Features, böse Features: Deutschrap in der Zwickmühle

Gute Features, böse Features: Deutschrap in der Zwickmühle

Von Anna Siegmund am 25.11.2019 - 14:42

"Stellt euch vor: Über einen alten Freund kommt raus, er hat eine Frau geschlagen, die Mutter seiner Kinder. Er und seine Freunde haben sich nachher noch online drüber lustig gemacht. Er hat sich mehrfach missbräuchlich gegenüber Frauen verhalten. Würdet ihr mit ihm chillen? Frage für Rapper."

Mit diesem Tweet kritisierte 3Plusss das Feature "Du weißt" von Trettmann mit Gzuz. Und man muss aktuell nicht weit in die Rapgeschichte zurückblicken, um zahlreiche weitere Beispiele für Diskussionen um fragwürdige Features zu finden.

Dabei geraten Künstler*innen immer wieder in die Kritik. Dieser Artikel zeigt nicht nur die vergangenen Debatten um die Feature-Frage, sondern wirft auch generelle Fragen auf und versucht Antworten auf diese zu finden. Wie entscheidet sich, wen man featuren darf? Welche Auswirkungen kann die Kooperation mit anderen Künstler*innen haben und welche Rolle spielt dabei die so oft genannte Reichweite? Kann sich ein Mensch mit homofeindlichen und sexistischen Aussagen für immer "unfeaturebar" machen?

Xavier Naidoo als Feature: Nicht alle sind "Hin und weg"

In letzter Zeit standen beispielsweise die Künstler in der Kritik, die auf Xavier Naidoos Album "Hin und weg" zu hören waren. Die Vorwürfe richteten sich in diesem Fall durchaus an große Namen der Szene. Für "Hin und weg" gingen unter anderem MoTrip, Kontra K sowie Chefket mit dem Sänger ins Studio. Für ihr Album "Bling Bling" arbeitete auch Juju mit Xavier Naidoo zusammen.

Doch warum wird ein Feature mit dem Mannheimer von vielen Seiten kritisch gesehen? Seit Jahren bringen viele Medien Xavier Naidoo mit der rechten Szene in Verbindung. Ein Auftritt vor einer rechtspopulistischen Gruppe, die sich "Reichsbürger" nennt, sorgte für erste Spekulationen. So verbreitet er die Theorie, dass Deutschland kein freies Land sei, da es nie einen Friedensvertrag unterschrieben habe. Die Vorwürfe, rechtspopulistisch oder auch homophob zu sein, weist der Sänger stets von sich.

MoTrip, Kontra K, Chefket: 3Plusss kritisiert Xavier Naidoos Feature-Gäste

3Plusss ist für seine gesellschaftskritischen Aussagen bekannt und legt im Deutschrapkosmos gerne mal den Finger in die Wunde.

Shirin David beweist häufiger kein gutes Händchen in Sachen Features

Wenig später stand Shirin David im Fokus der Kritik. Auch in diesem Fall war es 3Plusss, der seine Zweifel auf Twitter äußerte.

Aber tatsächlich musste sich die erfolgreiche Rapperin schon häufig Kritik für die Auswahl ihrer Kooperationspartner anhören. Für ein YouTube-Video arbeitete sie beispielsweise mit Mert zusammen. Dieser fiel leider in der Vergangenheit durch homofeindliche Aussagen in seinen Videos auf. Auf Kritik reagierte er mit weiteren Angriffen auf homosexuelle Menschen. Shirin Davids Unterstützung für Mert löste einen großen Sh*tstorm aus. Mit mehr Abstand zu der Situation erklärte sie auf dem YouTube-Kanal World Wide Wohnzimmer, nichts von der homofeindlichen Einstellung des ehemaligen YouTubers gewusst zu haben. Merts Ansicht sei ihr nicht bekannt gewesen, sonst wäre der Videodreh mit ihm nicht zustande gekommen.

"Warum sollte ich dem Ganzen Reichweite schenken?"

Schuld sei Unwissenheit gewesen. Sie habe im Vorfeld keinen Kanalcheck durchgeführt. In dem Interview bei World Wide Wohnzimmer zeigt sie sich der Folgen einer solchen Kooperation durchaus bewusst:

"Okay, das kann ich nicht verantworten. Es geht darum, wem du deine Reichweite schenkst und wem du sie gibst. Und da haben die Leute natürlich recht. Ich kann das nicht machen. Wir haben so viele junge Zuschauer."

Sowohl Mert als auch Shirin David nahmen die gemeinsamen Videos auch von ihren Kanälen. Die frischgekürte Bambi-Gewinnerin entschuldigte sich bei allen Menschen, die sich durch die Kooperation der beiden verletzt fühlten.

Für den Track "On Off" stand Shirin leider erneut mit jemandem im Studio, der für homofeindliche Aussagen zweifelhaften Ruhm erlangte. Gims veröffentlichte in der Vergangenheit mit dem Text "On t’a humilié" ein unmissverständliches, homofeindliches Statement. Die Ernsthaftigkeit der folgenden Stellungnahmen und "Entschuldigungskampagnen" lässt sich nach solchen eindeutigen Aussagen anzweifeln.

Auch ein Feature mit Xavier Naidoo war auf dem Album "Supersize" zu hören. In einem Kommentar unter seiner Kritik macht 3Plusss deutlich, dass es ihm vor allem um die homofeindlichen Aussagen ihrer Features geht:

Shirin David antwortet in einer Instagramstory auf die Kritik an ihrem Feature mit Xavier Naidoo:

"Ich mache Musik und mein Song mit ihm gemeinsam handelt von Liebe und Zusammenhalt. Nicht mehr und nicht weniger."

Shirin bricht ihre Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Sänger also ausschließlich auf ihren gemeinsamen Track runter. Und inhaltlich ist der Track "Nur mit dir" tatsächlich eine typische Liebeserklärung. Nichts, was musikalische Horizonte sprengen würde. Nichts, was nicht auch mit einem anderen, weniger polarisierenden Musiker an der Seite von Shirin David funktioniert hätte.

Auch "Shirinbae" von Fler bewies entweder, dass Shirin David ein wirklich schlechtes Händchen für ihre Kooperationspartner hat oder schlichtweg, dass sie sich herzlich wenig für mögliche Kritik an ihrer Feature-Auswahl interessiert. Die Rapperin steuerte für den Track ihren Namen und ein Cover bei. In einem Interview mit 16Bars erklärte sie dazu:

"Keiner hat mich so supportet wie Fler. Und wer soll ich jetzt sein, dass wenn er sagt, er macht einen Song… Ich soll ihm kein Cover geben?"

In dem Interview beschreibt Shirin David die Wortwahl Flers als "süß". Andere leiteten aus ihr eher ein sexistisches und homofeindliches Weltbild des Rappers ab. Shirins Aussage aus dem Gespräch mit 16Bars "Wer Liebe gibt und Respekt, der kriegt Liebe und Respekt zurück", macht in diesem Zusammenhang, in dem Fler Frauen und homosexuellen Menschen nur sehr wenig Liebe und Respekt entgegenbringt, kaum Sinn. Also ja, vermutlich hätte man Fler für diesen Track kein Cover geben müssen. Damit soll die Homofeindlichkeit des Rappers nicht auf eine Stufe mit der von Mert und Gims gestellt werden. Jedoch bedeutet eben auch die homos*xuelle Gesinnung eines Menschen als Beleidigung zu nutzen, eine homophobe Grundeinstellung, über die man im 21. Jahrhundert hinweg sein sollte.

Trettmann & Gzuz sorgen für Diskussionen

Auch Sookee traf auf Instagram vor Kurzem auf viel Kritik. Sie rief dazu auf, das Album von Trettmann zu streamen und zu kaufen, um es am Ende der Woche auf der Pole Position der Charts stehen zu sehen. Sie reflektierte dabei zwar die Kritik um das Feature mit Gzuz auf "Du weißt", erklärte aber auch, dass ihr in diesem Fall die Beteiligung von Keke und Alli Neumann an dem Album wichtiger sei.

Als Reaktion auf dieses Statement musste sich die engagierte Rapperin unter anderem das Feministinsein absprechen und einen regelrechten Sh*tstorm über sich ergehen lassen. Das Internet konnte nicht verstehen, warum eine Feministin über das Feature mit Gzuz hinwegsehen kann. Das Internet konnte ebenso nicht verstehen, dass Feminismus nicht funktioniert, solange Frauen für das Äußern einer Meinung derart angegriffen werden.

Trettmann äußerte sich selbst zu der Kritik an seinem Feature mit Gzuz. Dabei gab er an, die Vorwürfe gegen den Rapper der 187 Strassenbande privat mit ihm besprochen zu haben. Auf die musikalische Zusammenarbeit mit seinem Freund möchte er nicht verzichten.

Trettmann äußert sich zur Kritik am Gzuz-Feature auf "Du weißt"

Aktuell wird im Rapkosmos viel über die Wahl von Feature-Gästen diskutiert. Zuletzt stand dabei das neue Album des Soulsängers Xavier Naidoo im Fokus. 3Plusss kritisierte die Rapper, die auf dem Album vertreten waren, aufgrund der politischen Gesinnung des Mannheimers. Auch Trettmann musste sich zuletzt Kritik gefallen lassen, denn auf seinem neuem Album "Trettmann", das ab dem 13.

Was bedeutet ein Feature?

Die hier angeführten Diskussionen wurden meist durch Ignoranz, blinde Verteidigungshaltung der Fans, schlichte Ablenkung oder stumpfes Aussitzen bis zu einem anderen Sh*tstorm erstickt. Was wir dabei oft vergessen haben, ist die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Kern des Vorwurfs. Wen darf man featuren? Und was darf wann gesagt worden sein, um noch als "akzeptables" Feature zu gelten? Gibt es "unverzeihliche" Ansichten, die ein Feature für alle Zeit unmöglich machen?

Was bedeutet ein Feature denn überhaupt? Für Shirin David bedeutete das Feature mit Xavier Naidoo in erster Linie wahrscheinlich die Erfüllung eines Jugendtraums. Die Videos mit Mert waren vielleicht eine vielversprechende Kooperation mit einem anderen YouTuber. Für Trettmann war das Feature mit Gzuz vielleicht einfach ein Freundschaftsdienst.

Was aber bedeutet so eine Kooperation auch? Sie bedeutet, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass du cool damit bist, wenn jemand homofeindliche Statements in die Welt schickt. Sie bedeutet, dass du dich mit Menschen umgibst, die mit den sogenannten "Reichsbürgern" in Verbindung gebracht werden und die Deutschlands Souveränität in Frage stellen. Sie bedeutet, dass du Menschen, die sich über Gewalt gegenüber Frauen lustig machen, deine Reichweite zur Verfügung stellst.

Es ist egal, was du persönlich in das Feature hineininterpretierst und was es für dich bedeutet. Du musst dir vorher die Frage stellen, ob du die genannten Folgen für die Erfüllung eines Kindheitstraums, für mehr Reichweite auf YouTube oder für einen Freundschaftsdienst in Kauf nehmen möchtest.

Rap ist kein Nischen-Genre mehr und muss nicht vor Kritik geschützt werden

Rap kann sich nicht mehr dahinter verstecken, ein kleines Subgenre zu sein. Die Feature-Frage ist mittlerweile auch bei Menschen angekommen, die sonst weniger in der Materie stecken. Ein positives Beispiel, das sich ernsthaft mit Rap beschäftigt, die richtigen Fragen stellt und dabei nicht auf die bloße Verurteilung des Genres aus ist, bietet die Podcastfolge "Darf ich das noch hören?" von der YouTuberin und Feministin Mirella Precek (YouTube: Mirellativegal) und ihrem Kollegen Florian Gregorzyk (YouTube: Flo). In ihrem Podcast "Muss das sein?" sprechen die beiden sonst wenig über Rap, auch wenn Flo sich in dieser Folge als Fan von Aggro Berlin sowie Haftbefehl outet. Die beiden nehmen sich einer ewigen Frage an:

"Kann man Künstler und Kunst trennen? Sollte man bestimmte Künstler überhaupt noch unterstützen?"

Mirella spricht dabei eine Frage an, die auch in Bezug auf das Feature von Shirin David und Gims interessant sein könnte. Ihr geht es in ihrer Aussage aber um die Musik von Chris Brown, der seine Freundin Rihanna 2009 verprügelte.

"Gerade wenn du eine Reichweite hast, dann willst du die ja auch gut nutzen und nicht um Frauenschläger zu promoten. Ich weiß aber nicht, das ist jetzt auch schon so lange her, dass er das gemacht hat. Sagt man irgendwann, das ist jetzt okay oder verzeiht man da? Ich weiß es nicht"

Diese Frage hat einen hohen Stellenwert. Wer kann schon völlig zufrieden auf alle seine Handlungen, Gedanken und Ansichten der letzten Jahre zurückblicken? Manchmal hatte man vielleicht auch einfach Glück, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Oder so alt zu sein, dass es das Internet, das ja bekanntlich nie vergisst, in seiner heutigen Form noch nicht gab. Vielleicht können einige Vergehen oder Ausrutscher also schon vergeben werden, solange ein sichtbares Umdenken stattgefunden hat, es eine Entschuldigung gab und der*die Künstler*in nicht mehr hinter den alten Aussagen und Taten steht. Ob das Verprügeln eines anderen, offenbar wehrlosen Menschen verziehen werden kann, ist eine andere Frage.

Beim Gzuz-Feature gehen die Meinungen der beiden auseinander. Flo ist ein großer Fan von Trettmann, "#DIY" und dem sonstigen politischen Engagement des Rappers. Dennoch verändert das Gzuz-Feature seine Meinung zu Tretti:

"Aber mir, als sozusagen Fan, mich hat das einfach enttäuscht und ich habe zum Beispiel das neue Album von Trettmann auch noch nicht gehört."

Mirella hingegen ist etwas kritisch dieser Einstellung gegenüber und hinterfragt die Fairness dieser Entscheidung. Mit einem endgültigen Statement hält sie sich allerdings zurück, da sie die Schlagzeilen zu Gzuz nicht verfolgt hat.

Feature oder lieber nicht? Eine persönliche Entscheidung

Am Ende muss jede*r selbst entscheiden, wo die Grenzen des guten Features für ihn oder sie liegen. Hier steht und fällt die Moral auch oft mit dem persönlichen Musikgeschmack. Natürlich ist es einfacher, eine*n Künstler*in von der Playlist zu verbannen, wenn man sowieso gut und gerne auf die Musik verzichten kann. Mirella geht es beispielsweise so mit Xavier Naidoo. Shirin David scheint es, vielleicht auch durch ihre Liebe zu seiner Musik, nicht so leicht zu fallen, Xavier Naidoo für seine Aussagen zu verurteilen. Hier entscheidet sie sich klar für eine Trennung von Kunst und Künstler. So eine Unterscheidung gelingt ihr bei Mert offenbar deutlich schwerer, was in diesem Fall natürlich auch dem Umfeld YouTube geschuldet sein kann, das von der Authentizität der handelnden Figuren lebt.

Aber stellt euch vor, über den Freund eurer Tochter kommt raus, dass er ihr gegenüber zu Gewaltausbrüchen neigt. Stellt euch vor, es wird sich über euch lustig gemacht, weil ihr eure Freundin angezeigt habt, die euch misshandelt hat. Stellt euch vor, eurer Schwester wurde Gewalt angetan und es wird sich darüber im Internet lustig gemacht.

Vielleicht ist es wichtig, sich diese Fragen zu beantworten, bevor man ein moralisches Urteil über diskussionswürdige Features fällt. Wahrscheinlich würden wir viel weniger akzeptieren, wenn wir nicht immer daran glauben würden, dass solche Dinge nur den anderen passieren.


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