Es lebe der König: Eine Westcoast ohne Dr. Dre? (Kommentar)

Nachdem Dr. Dres offenbar letzter großer Ziehsohn Kendrick Lamar das Album des noch laufenden Jahres – und vielleicht Jahrzehnts – gedroppt hat, rundet The Game mit dem Sequel zu The Documentary das Rücktrittsjahr seines Mentors perfekt ab. Es waren frenetische zwölf Monate für die Westküste der USA. Compton hat sich die Krone mit einer selten so sensationellen Performance zurückgeholt.

"Last episode, grand finale" waren vor einigen Wochen die Worte, die Andre Young mit stolzen 55 Jahren in sein Apple Radio-Mikrofon rief, als er das letzte Kapitel einer Popmusikära angekündigt hat.

Compton war ein Goodbye, eine Träne zum Abschied, und ein Denkzettel für die Geschichtsbücher. Nichts ritzt "Dre was here" stärker in die Baumrinde der Popkultur als dieses Album.

Andre war hier

Die drei Buchstaben D-R-E standen schließlich stets für musikalische Revolution. Nicht nur einmal oder zweimal. Nachdem er Ende der 1980er mit N.W.A den Soundtrack für Ice Cubes verbalen Totschlag aller Cops in L.A. liefert, geht es Richtung Death Row. Auf The Chronic wird Amerika der G-Funk beigebracht. Compton kann Anfang der 90er auch laid-back und mit guter Laune. Rodney King und die Ausschreitungen in Watts und South Central sind fast schon wieder vergessen, wenn ein gewisser 21-jähriger Calvin Broadus aus Long Beach loslegt: Snoop Doggy Dogg auf Nuthin' But A G Thang ist Dres erster Geniestreich für Interscope-Chef Jimmy Iovine, mit dem er Jahrzehnte später Beats By Dre gründet. 

Es folgen die Klassiker Doggystyle und 2Pacs All Eyez On Me, Dres Weggang von Suge Knight und Death Row – und die nächste Stufe auf dem Weg in Apples Chefetage: 1999 ist das Jahr, in dem ein weißer Rapper die Welt in Ekel versetzt. Ein weißer Rapper, der Homosexuelle, Behinderte und Tote beleidigt? Wer würde so jemanden schon unter Vertrag nehmen?

Der Rest ist Geschichte. Eminem wird in den folgenden 15 Jahren zum erfolgreichsten Musiker der Weltkugel und entdeckt gemeinsam mit Dre den einzigen Künstler, der Em diese Position streitig machen kann: 50 Cent.

Back to the roots

Über The Game legt Dre schließlich zwei Jahrzehnte nach Boyz-N-The-Hood seinen Fokus wieder vollstens dorthin zurück, wo er herkommt. Compton, California. Die Geburtsstadt von Kendrick Lamar. Der Kreis schließt sich.

Ist nämlich erstmal der Rauch des Events und das Tada des ersten Dre-Albums seit 16 Jahren vergangen, macht sich gähnende Leere im Wilden Westen breit. Mit dem letzten Album, dem endgültigen Rückzug als Rapper, hinterlässt Dre ein Vakuum als Taktgeber und Gallionsfigur der Westcoast. So würde man schreiben, wenn man vor dem August geschlafen hätte.

Die Realität sieht nämlich ganz anders aus. Es scheint, als hätte Kalifornien das Dre-Finish kollektiv geplant um eben solch ein Vakuum zu verhindern. Es scheint, als hätte sich Dre umgekehrt seinen ganz großen Coup für den Schluss aufgehoben: Seit good kid, m.A.A.d city kippt eben jenes letzte große Aftermath-Signing K. Dot wieder Benzin in den Motor der Engelsstadt. Durch die aufgestoßene Tür marschierten Monate später Hoover-Crip ScHoolboy Q und Piru-Blood YG mit äußerst kohäsiven Debütalben, die niemand von ihnen erwartet hätte. 

Spätestens auf Control holte Kendrick dann die Rapkrone, die irgendwo zwischen Trump Tower und den Hamptons bei der Familie Carter-Knowles verstaubte, nach Los Angeles zurück. Wer die neue Hiphop-Hauptstadt nach der Amok-Strophe nicht anerkennen wollte, musste 2015 also anders belehrt werden.

Der treuste Krieger

Als Vorspeise gab es Summa Cum Laude für das März-Album To Pimp A Butterfly, das Kinnladen aufklappen und Ohren aufsperren ließ. Der Hauptgang wartete allerdings im Sommer: Die CPT-Propheten von N.W.A bekamen 27 Jahre nach Straight Outta Compton ihr eigenes Biopic. Keine Doku, kein DVD-only-Streifen. Ein waschechter Hollywood-Blockbuster, der Box Office-Rekorde bricht, schließlich zum erfolgreichsten Musikfilm aller Zeiten wird und nicht zuletzt auf Oscar-Nominierungen hoffen darf. 

Den Soundtrack des Spektakels liefert der wohl einflussreichste Produzent der Popmusikgeschichte selbst. Der Mann, der für die gefühlt halbe Hiphop-Historie verantwortlich ist. Der, dessen erstes Albumcover eben auch auf dem Torso eines bestimmten Mannes prangt: The Game.

Aufgewachsen in den Straßen seiner Idole, von den Crips zu den Bloods gewechselt, angeschossen, im Koma gelegen, unter seinen Vorbildern gereift – und jetzt schließlich angekommen. Nicht nur auf dem letzten Album seines großen Helden mit einem Solotrack, sondern auch in der Rolle als Veteran der Stadt, der seine schützende Hand über die neuen Jungs hält, wenn Dr. Dre den Thron verlässt.

Game selbst wird nicht auf den großen Sessel der Westcoast steigen – aber dem neuen König ein kostbarer Krieger sein. Mit den letzten Worten auf The Documentary 2 schließt Game einen Kreis voller Hits, Beefs, legendären Rhymes und Beats, den er vor einer Dekade begonnen hat: "Put on for my city cause I'm supposed to do it: Straight Outta Compton".

Aria Nejati

Autoreninfo

Aria Nejati ist seit 2013 Teil des Hiphop.de-Teams. Neben seinen Artikeln und Reviews interviewte er schon US-Rapstars von 50 Cent über DJ Premier bis hin zu Ludacris. Im Sommer traf er für Straight Outta Compton die Legende Ice Cube in Los Angeles.

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Kommentare

schöner Artikel Aria

Herr Nejati mal wieder in Topform! Stichwort: "Kinnladen aufklappen und [Augen] aufsperren"!

Vielen Dank, Frau Meister!

"album des jahrzehnts" hahahahahahahahahahahahahahahahahahaha.

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Barack Obama kritisiert Hiphops Hang zum Materialismus

Barack Obama kritisiert Hiphops Hang zum Materialismus

Von Till Hesterbrink am 17.11.2020 - 12:34

Barack Obama gab vor Kurzem dem Magazin The Atlantic ein Interview anlässlich seines anstehenden Buches. In dem Gespräch mit Journalist Jeffrey Goldberg erklärte der ehemalige US-Präsident, dass seiner Auffassung nach Hiphop mitverantwortlich für den Aufstieg Donald Trumps gewesen sei. Grund dafür wäre der häufig mitschwingende Materialismus.

Barack Obama: "Wenn du Rap hörst, geht es nur um Bling, um Frauen, um Geld"

Goldberg fragt Obama im Laufe des Interviews, was dieser glaube, warum Donald Trump so erfolgreich werden konnte. Obama vergleicht Trump daraufhin mit Richie Rich, dem Millionärserben des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1994, der seit Wort nie hielt und keinerlei Interesse daran zeigte, Verantwortung zu übernehmen. Obama meint, es hätte eine Entwicklung des klassischen Bildes des Mannes, von jemandem, der die schwachen beschützt, zu jemandem, der einfach zeigt was er hat und kann gegeben. Diese Entwicklung würde er dem Fernsehen zuschreiben.

"Dann siehst du Lifestyles Of The Rich And Famous, was dir vermittelt, entweder du hast es oder du bist ein Loser. Und Donald Trump verkörpert diese kulturelle Bewegung, die nun tief in der amerikanischen Kultur verankert ist."

("Then you start seeing Lifestyles of the Rich and Famous, that sense that either you’ve got it or you’re a loser. And Donald Trump epitomizes that cultural movement that is deeply ingrained now in American culture.")

Aber nicht nur beim Fernsehen sieht Obama eine Teilschuld für den Aufstieg Trumps. Auch Hiphop und Rapmusik sollen seiner Meinung nach einen großen Teil dazu beigetragen haben. Er sei nicht über den Anstieg von Populismus überrascht gewesen, fände es jedoch interessant, wer geholfen habe, diesen zu verbreiten.

Unter anderem Lil Pump, 50 Cent, Ice Cube und Lil Wayne hatten für die vergangene Kampagne Trumps ihre Hilfe oder Unterstützung angeboten. Obama müsse sich nach eigenen Angaben häufig selbst daran erinnern, wofür Hiphop in den meisten Fällen stehen würde. Der Hang zum Materialismus und das protzende Auftreten vieler Rapper hätten einen klaren Einfluss auf die Gesellschaft. Hiphop würde häufig die gleichen Werte wie Donald Trump vertreten.

"Leute schreiben darüber, dass Trump [in der Präsidentschaftswahl 2020] mehr Unterstützung von Schwarzen Männern gewinnen konnte und über den ein oder anderen Rapper, der ihn unterstützte. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass wenn du Rap hörst, geht es nur um Bling, um Frauen, um Geld. Viele Rap-Videos propagieren dieselben Werte wie Donald Trump darüber, was es heißt, berühmt zu sein. Alles ist aus Gold. Das festigt sich und sickert in die Kultur durch."

("People are writing about the fact that Trump increased his support among Black men [in the 2020 presidential election], and the occasional rapper who supported Trump. I have to remind myself that if you listen to rap music, it’s all about the bling, the women, the money. A lot of rap videos are using the same measures of what it means to be successful as Donald Trump is. Everything is gold-plated. That insinuates itself and seeps into the culture.")

Barack Obama & Hiphop

Eigentlich hat der ehemalige US-Präsident eine große Liebe für Hiphop und machte diese auch immer wieder öffentlich bekannt. So erklärte er erst letztes Jahr unter anderem "The London" von Young Thug, J. Cole und Travis Scott sowie "Suge" von DaBaby zu seinen Lieblingssongs 2019.

Zu seinem neuen Buch "The Promised Land" veröffentlichte Obama eine zugehörige Playlist. Auch in dieser sind Hiphop-Stars wie Jay-Z, Eminem oder Beyoncé zu finden.

Es scheint also eher so, als würde sich Obamas Kritik an Hiphop vor allem an die neue Generation an Rappern richten. Dieser wird schließlich häufig vorgeworfen, den ursprünglichen Zweck der "Message" von Hiphop nicht mehr zu erfüllen.


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