Was die Dietmar-Hopp-Diskussion mit Gangstarap zu tun hat

1995 erschien ein Buch von Douglas Rushkoff, in dem es um Viralität geht. Den Begriff Viralität für etwas anderes als Krankheiten zu benutzen, war damals noch neu. Rushkoff hat das erfunden.

Um zu erklären, was er meint, nutzt Rushkoff immer wieder Beispiele von Rappern. Er nennt Rakim, Brand Nubian, Public Enemy, Sista Souljah und Ice-T.

Ice-T hatte drei Jahre zuvor, 1992, mit seiner Rock Band Body Count den Song "Cop Killer" veröffentlicht. Ja, Ice-T hatte mal eine Rock Band. Ja, Ice-T war Gangstarapper, bevor er als Detective Tutuola in "Law & Order Special Victims Unit" auftrat. Der zweite Gangstarapper der Geschichte sogar. Er ist eine Legende.

"Cop Killer": Ice-Ts Kampf um den Diskurs

1995 veröffentlichte dieser Detective Tutuola also einen Rock/Rap-Song, der von einem wütenden Mann erzählt, der aus Rache für Polizeigewalt loszieht, um Polizisten zu ermorden. Der Song löste einen riesigen Skandal aus. Zumal er ein heißes Thema anfasste.

1991 war ein Video aufgetaucht, das zeigte, wie mehrere Polizisten den Afroamerikaner Rodney King zusammenschlugen. Vier Polizisten wurden vor Gericht gestellt. Zwei Monate nach Veröffentlichung von "Cop Killer" wurden sie frei gesprochen. Die Jury befand, sie hätten sich mit den 33 Stockschlägen und 7 Tritten verteidigt, da King sich gegen die Verhaftung gewehrt und einen Schritt auf sie zugemacht hätte. Unter den zwölf Juroren war nur einer, der afroamerikanische Vorfahren anführen konnte. Neun waren weiß.

Der afroamerikanische Regisseur John Singleton ("Boyz n the Hood", "Poetic Justice", "Higher Learning", "Shaft", "2 Fast 2 Furious", ...) saß während des Verfahrens im Zuschauerbereich und stellte danach fest: "Mit diesem Urteil und dem, was diese Leute getan haben, legen sie Feuer an die Zündschnur einer Bombe."

So kam es dann auch. In South Central LA begannen Ausschreitungen, die sich auf andere Stadtteile wie Inglewood, Compton und Long Beach ausweiteten und fünf Tage dauerten. Die Regierung setzte Militär ein. 2.383 Menschen wurden verletzt, 12.111 verhaftet. 63 Menschen starben.

Und in dieser Zeit hatte Ice-T eben seine Wut in einem Song kanalisiert, der Gegengewalt glorifizierte. Die damalige Frau des damaligen Vizepräsidenten Al Gore verglich Ice-T wegen des Songs mit Adolf Hitler. Ex-Präsident George H. W. Bush kritisierte Ice-Ts Label Warner Music. Es gab Aufrufe, Warner zu boykottieren. Der Song wurde schließlich vom Album genommen.

Gangstarap, das trojanische Pferd

Andere verteidigten den Song. Dabei wurde auf Redefreiheit und Freiheit der Kunst verwiesen. Schließlich hatte Ice-T zwar einen Song aus der Sicht eines Mörders aufgenommen, aber nicht zum Mord aufgerufen. Manche empfanden die Skandalisierung auch als rassistisch: Als Eric Clapton mit dem Boy-Marley-Song "I Shot The Sheriff" auf Platz 1 der Charts ging, gab es keinen Skandal. Der britische Gitarrist wurde für den Song in die Grammy Hall of Fame aufgenommen.

Bei Clapton dachte wohl niemand, er würde es ernst meinen. Aber gilt die Freiheit der Kunst nur, wenn man nicht wütend und schwarz ist? Die "National Black Police Association" war der Meinung, man solle lieber Fälle von Polizeigewalt untersuchen, als gegen Songs vorzugehen, die Polizeigewalt kritisieren.

Als jemand, der sich mit Medien befasst, fand Rushkoff einen anderen Aspekt interessant. Was in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, wurde 1995 noch von Massenmedien kontrolliert. Schwarze Jugendliche hatten hier kaum eine Stimme.

Wenn ihre Meinungen und Forderungen aber in Rap-Songs verpackt waren, konnten sie große Massen erreichen. Die Songs waren trojanische Pferde, mit denen man eine Idee an allen Türstehern vorbei schmuggeln konnte. Dafür mussten die Songs nur virales Potential haben. Einen Skandal auszulösen, ist nicht der einzige Weg, viral zu gehen. Aber es ist ein Weg. "Cop Killer" war erst durch den Protest gegen den Song bekannt geworden.

Der Kern der Dietmar-Hopp-Proteste

Zum Fußball. An den letzten zwei Spieltagen wurde in mehreren Bundesliga-Stadien Plakate gezeigt, die Hoffenheim-Chef Dietmar Hopp in einem Fadenkreuz zeigten. Vor allem als Gladbacher Fans das am 22. Februar taten, war die Empörung groß: Drei Tage vorher hatte es den rechtsextremistischen Terroranschlag in Hanau gegeben, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergründen erschossen wurden. An dem Tag, an dem das Plakat gezeigt wurde, fand im Stadion eine Schweigeminute statt. Ein unpassenderes Timing hätte man nicht hinbekommen können.

Die Bild-Zeitung schrieb von einem "Ekel-Plakat". Am letzten Wochenende zeigten dann auch weitere Fanszenen ein solches. Mehrere Spiele wurden zwischenzeitlich unterbrochen, Komplettabbrüche standen im Raum.

Unter dem Teil der Fans, dem Fußballkultur mindestens ebenso sehr am Herzen liegt, wie das Spiel auf dem Platz, ist der Multi-Milliardär von SAP seit langem eine Reizfigur. Man wünscht sich Vereine statt Venture Capital, Kultur statt Kommerz. Man ist gegen Investoren, Mäzene und Getränkehersteller, die Vereine an die Spitze kaufen. Und für den Erhalt der 50+1-Regel, die den Erhalt der Fußballkultur sicherstellen sollte.

Die Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim 1899 e. V. spielt in der 1. Bundesliga, weil Mäzen Hopp den Spaß bezahlt. Ihm gehören 96 Prozent der Fußball-Abteilung des Vereins. Weil er sich seit mehr als 20 Jahren finanziell engagiert, durfte er im Juli 2015 – entgegen der eigentlichen Idee der 50+1-Regel – die Mehrheit der Stimmrechte übernehmen. Bis 2012 hatte er seine Anteile stattdessen über die Golf Club St. Leon-Rot Betriebsgesellschaft mbH & Co. KG gehalten, um den Regularien genüge zu tun. Besagte Fußballkultur-Fans kommen sich verarscht vor.

Beachtet wird ihr Protest auf inhaltlicher Ebene aber nicht, zumindest hat er keine Konsequenzen. Neben Bayer Leverkusen und Volkswagen Wolfsburg, spielen auch Hopps Hoffenheim und Red Bull Leipzig in der Bundesliga, allen 50+1-Regeln zum Trotz. Entsprechend greller wird der Protest. Vielleicht will man Hopp und anderen den Spaß verderben, um sie loszuwerden. Vielleicht glaubt man auch gar nicht mehr daran, etwas ändern zu können, will aber seinen Frust kommunizieren.

Auch Dortmund-Fans zeigten das Fadenkreuz-Banner. Hoffenheim reagierte mit Richtmikrofonen, Anzeigen und Schallkanonen. Der eskalierende Konflikt führte im Februar dazu, dass der BVB die nächsten zwei Spiele in Hoffenheim ohne Fans bestreiten muss. Die Strafe trifft nicht nur die mit dem Banner, sondern alle BVB-Fans. 2017 hatte der DFB noch in Aussicht gestellt, auf die Kollektivstrafen zu verzichten. Sie widersprechen rechtsstaatlichen Prinzipien.

Deshalb solidarisierten sich jetzt andere Fanszenen mit den Dortmundern, zum Teil indem sie dasselbe Fadenkreuz-Motiv verwendeten. Die wenig Fußballkultur-affine Mehrheit der Experten, Funktionäre und Reporter zeigt sich seitdem empört.

Fanszenen & Gangstarap: Empörung als Werkzeug

Rushkoff hätten den Fall vielleicht in sein Buch aufgenommen, wenn wir noch 1995 hätten. Mit einem Plakat "Pro 50+1-Regel" oder "Gegen den modernen Fußball" hätte es sicherlich weniger Berichterstattung gegeben.

Rap und Fußballkultur haben gemeinsam, dass die verwendete Sprache oft absichtlich gegen jeden guten Geschmack verstößt. Warum? Unter anderem, weil Menschen, die sonst nicht gehört werden, auf diese Art die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen von vornherein zugestanden hätte. Der Zweck heiligt nicht das Mittel, aber er rechtfertigt es vielleicht. Ein Staat mit einer rassistischen Polizei kann kein demokratischer Rechtsstaat sein. Weniger wichtig, aber auch richtig ist: Eine Fußballindustrie, der Fußballkultur nichts bedeutet, beraubt Menschen eines Teiles ihrer Kultur.

Dass man mit Skandalen Aufmerksamkeit bekommt, ist keine Überraschung. Aber schafft man es so auch, dass das Thema, um das es einem geht, diskutiert wird? Oder überstrahlt die Diskussion um Fadenkreuze das eigentliche Thema?

Immerhin fanden sich auch die Stellungnahmen der betroffenen Fanszenen in den Medien, durch die auch der Grund des Protests benannt wurde. Und Die Zeit schrieb: "[E]s muss die Frage gerechtfertigt sein, ob die Reaktionen wirklich im Verhältnis stehen zu den vielen anderen Vorkommnissen im deutschen Fußball in jüngster Vergangenheit. Als zum Beispiel Herthas Jordan Torunarigha vor gut drei Wochen weinend auf dem Platz stand, weil er, wie er sagt, von Schalke-Fans rassistisch beleidigt wurde, wurde das Spiel nicht unterbrochen. Torunarigha wurde dafür wenig später mit einer Gelb-Roten Karte des Feldes verwiesen, weil er frustriert eine Getränkekiste zu Boden warf."

Ice-T war mit der Aufmerksamkeit damals zumindest zufrieden: "Wenige schaffen es, dass ein Präsident über sie spricht. Besser als an der Straßenecke wütend herumzuschreien, ohne dass jemand zuhört."

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Kunstfreiheit ist auch für Rapper keine Einladung zum Sexismus

Kunstfreiheit ist auch für Rapper keine Einladung zum Sexismus

Von HHRedaktion am 03.03.2020 - 20:03

Es ist ein komischer Reflex, den wohl jeder von uns kennt. Innerhalb der Szene gibt es Spannungen, Abneigungen und Kleinkriege. Man teilt aus und steckt ein. Wenn jedoch Kritik von außen kommt, sind sich auf einmal alle einig und wollen Rap verteidigen. Rapper fordern selbst in den hirnrissigsten Situationen, dass die Rapmedien sie gegen den Druck von außen verteidigen müssten. Wir müssten denen da draußen erklären, was Rap überhaupt ist und wofür er steht.

Wofür Rap nicht steht: frauenfeindliche Lyrics. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Sexismus schon viel zu lange seinen festen Platz in unserer Lieblingsmusik hat. Etwas Dummes wird nicht besser, nur weil man es schon lange aushält. Kunstfreiheit schön und gut. Aber wenn du dumme Kunst machst, dann machst du eben dumme Kunst.

Deshalb ist es gut, dass das Thema wieder auf den Tisch kommt. Die Intensität ist grade bedrückend, aber notwendig, um Bewegung in eine Szene zu bringen, die oft konservativer ist, als man es sich wünschen würde.

Im Zentrum der aktuellen Debatte steht Fler. Zugegebenermaßen: Seine Line zählt zu den weniger schockierenden im Video der #unhatewomen-Kampagne. Und allein, dass ich das schreibe, ist symptomatisch und entlarvend zugleich. Frauen machen auf frauenfeindliche Texte aufmerksam und der Rapfan legt sich schon beim peripheren Lesen der Headline die ersten Relativierungsversuche im Hinterkopf zurecht. Was Schwachsinn ist.

Zu Terre Des Femmes, den Initiatoren der Kapmagne, muss allerdings angemerkt werden: Von ihrem Einsatz für Verbote von Kopftüchern für Kinder oder von Prostitution möchten wir uns ausdrücklich distanzieren. Für die aktuelle Thematik spielt das allerdings kaum ein Rolle.

Zurück zum Thema: Dass man Zeilen oftmals einordnen und manches relativieren kann, müssen wir niemanden erklären. Auch das muss jeder 2020 verstanden haben. Fler rückt aber gar nicht primär durch seine Zeile in den Fokus, sondern durch seine Reaktion auf das Video. Dass er mit seiner Wortwahl gerne über das Ziel hinausschießt, ist keine Neuigkeit. Drastische Worte und Ausdrucksformen sind tatsächlich Hiphop. Kopfgelder auf Menschen auszusetzen, die nachvollziehbare Kritik an dir haben, ist es nicht. Das ist auch nicht lustig, sondern schlichtweg gefährlich.

Dann schaltet Shahak Shapira sich ein und mit Hilfe der in diesem Fall sehr unglücklich agierenden Kollegen von 16bars driftet der Diskurs ab. Plötzlich geht es um Shapira und um Sympathien. Es ist komplett scheißegal, ob wir den Kerl jetzt cool finden oder nicht. Er steht für das Richtige in dieser Sache, Fler für das Falsche.

Heute versucht er, seine Line schönzureden: "Die Bezeichnung Hoe [gilt] im Rap-Jargon für das pe[r]fekte Schönheits-Ideal", schreibt er auf Instagram. Einfach nein. Es ist ein abwertender Begriff für eine Frau. War es 1997 und ist es auch 2020 noch.

Muss man wirklich darauf hinweisen, dass es bescheuert ist, sexistische Lines zu rappen? Dass "Bitch", "Hoe" und "Schlampe" kein hiphop-kulturelles Gut sind, sondern Beleidigungen? Muss man explizit erwähnen, in welchem Maße es gegen moralische Grundprinzipien verstößt, wenn man eigenmächtig ein Kopfgeld auf Menschen aussetzt, die einen kritisieren? Einfach weil man es sich leisten kann? Dass es bescheuert ist, jemanden zu bedrohen, der die Stimmen und Ängste einer Gruppe sichtbar machen möchte? Dass das eher das Gegenteil von dem ist, was wir unter Hiphop verstehen?

Die traurige Antwort, die sich in den letzten Tagen mal wieder herauskristallisiert hat, lautet: anscheinend ja.


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