Eigentlich ist es doch eine positive Entwicklung: Eine geübte Nase wird im Deutschrap nicht mehr ausschließlich mit fortgeschrittenem Kokain-Konsum in Verbindung gebracht. Denn der große Hype um Parfüms ist auch an so manchem Rapper nicht spurlos vorbeigezogen. Exquisiten Geschmack kann man schließlich nicht nur mit Klamotten, sündhaft teuren Uhren oder anderen Accessoires zur Schau stellen, sondern auch mit der Wahl des Duftes. Und in gewissen Fällen wurde bestimmt schon der ein oder andere Vorschuss direkt ins persönliche Parfümregal reinvestiert.
Wir haben uns durch sämtliche Parfüm-Mentions geschnuppert und zusammengetragen, welche Düfte in den Händen und an den Hälsen deutscher Rapper landen.
Deutschrap liebt Designer – auch in der Parfümerie
Wenn es nicht gerade die günstigen Düfte aus der Drogerie sein sollen, dann machen viele Leute auf der Suche nach einem Parfüm ihre ersten Schritte in der Welt der Designer-Düfte. Das sind exakt die Parfüms, die ziemlich zuverlässig in jeder Douglas-Filiale der Welt zu finden sind. Marken wie Prada, Yves Saint Laurent, Versace oder Guerlain sind (verhältnismäßig) bezahlbar, leicht zugänglich und massentauglich.
Ein Deutschrapper, der sehr bewandert auf diesem Gebiet ist, ist Pashanim. Auf seinem neuesten Album "Lounge Musik" widmet er Light Blue von Dolce & Gabbana einen ganzen Song. Und auf dem Intro von "2000" erwähnt er mit Acqua di Gio von Giorgio Armani einen mindestens genauso klassischen wie frischen Sommer- und Alltagsduft. Zu Pashas Lieblingsparfüms zählt offenbar Infusion d'Iris von Prada – ein pudrig-floraler und eigentlich eher femininer Duft, der auf gleich mehreren Songs gewertschätzt wird.
"Erster Sommer ohne dich, Prada Iris auf mei'm Hals /
In meiner Stadt sind auch bei sechsunddreißig Grad die Leute kalt"
Pashanim auf "erstersommerohnedich" (2025)
Dior und Chanel siedeln sich im preislich nächsthöheren Segment an. Beide Marken gehören zu den größten Namen der französischen Haute Couture und mischen schon seit Jahrzehnten in der Parfümindustrie mit.
Bleu de Chanel, ein frisch-holziger Allrounder für Herren, ist beispielsweise das absolute Lieblingsparfüm von RAF Camora, den man aufgrund seiner düsteren Rabenästhetik wahrscheinlich eher bei Parfüms wie Noir de Noir von Tom Ford vermutet hätte – oder gleich bei Dark Wave, seinem eigenen Parfüm. Aber auch Ahzumjot ("Es liegt in der Luft, mein Bleu de Chanel") und Filow können dem Duft offenbar einiges abgewinnen. Die Liste an Rappern, die von dem Chanel-Parfüm ihrer Angebeteten schwärmen, ist dagegen weitaus länger.
"Ich riech' nach Bleu de Chanel, ich hab' blöde viel Geld /
Mann, ich fühl' mich seit ich klein bin wie der König der Welt"
Filow auf "Atze seit Tag 1" (2024)
Künstler wie Haze greifen dagegen zur direkten Konkurrenz. Auf seinem entsprechend benannten Song erwähnt er, dass er "nach Dior Hypnotic Poison und nach Rauch" riechen würde – ein enorm süßer Damenduft aus den 90ern. Ähnlich Vintage ist auch Bushido unterwegs. Zumindest in den 2000ern hat er wohl hin und wieder zu Dior Fahrenheit gegriffen. Heute gilt das Parfüm mit der charakteristischen Benzinnote als ziemlich klassischer Dad-Duft. Irgendwie passend, dass dieser ausgerechnet von Bushido getragen wurde.
"Heute Abend, Schatz, schläfst du in meinen Armen ein /
Ich bin frisch rasiert und rieche nach Fahrenheit"
Bushido auf "Ich regele das" (2006)
Um fair zu sein: Heutzutage trägt Bushido laut Anna-Maria Parfüms wie Babycat von Yves Saint-Laurent. Die Ledernote hat er sich also beibehalten, nur kommt sein heutiger Duft deutlich vanilliger daher.
Solltet ihr jemals in die Nähe von Shirin David kommen, sprüht davor aber bitte kein Sauvage auf. Der Duft ist so etwas wie das Dior-Äquivalent zu Bleu de Chanel und scheint bei Shirin Erinnerungen an einen gewissen Mann in ihrem Leben hervorzurufen, die offenbar lieber verborgen bleiben sollen. Die dazugehörige Story erzählte sie 2021 auf einem nach dem Duft benannten Song. Generell wird in Songs deutscher Rapperinnen erstaunlich wenig über Düfte sinniert. Könnte unter Umständen daran liegen, dass beispielsweise Juju oder eben Shirin den Markt schon längst mit ihren eigenen Parfüms erobert haben.
Darf es noch ein wenig teurer sein?
Wer früher oder später beschließt, etwas tiefer in die Tasche greifen zu wollen, landet fast unweigerlich im kostspieligeren Segment der Designerdüfte. Eine typische Einstiegsdroge ist die Private Blend Collection von Tom Ford. Diesen Weg ist offenbar auch Luciano gegangen, der vor einigen Jahren für GQ enthüllt hat, dass Oud Wood zu seinen liebsten Düften zählt. Mit Fougère d'Argent präsentierte er aber auch ein weitaus weniger bekanntes Parfüm aus dem Hause Tom Ford – ein Barbershop-Duft, der modern und nicht altbacken wirkt.
Für reezy ist Tom Ford ebenfalls kein Fremdwort. Er riecht dank der Düfte offenbar so gut, dass es schon negative Auswirkungen auf sein Privatleben hat.
"Achraf hat mir Trackies geschickt /
Doch ich wurde sechsmal gerippt /
Das von sechs verschiedenen Chicks /
Sie nehmen ihn mit wegen meinem Duft /
Ich riech' nach Tom Ford und nach Kush"
reezy auf "Trackies" (2023)
Am obersten Ende der Designer-Riege positioniert sich Louis Vuitton. Deren Parfüms schlagen mit 300 Euro pro Flakon ordentlich zu Buche, liefern aber auch gerade im Bereich der sommerlichen Düfte ab. In der Online-Community von Parfumo steht Imagination von Louis Vuitton momentan auf dem ersten Platz im Bereich der Männerdüfte. Und die Datenbank ist riesig.
Imagination ist ein zitrisch-frischer Tee-Duft, der eigentlich immer und überall funktioniert und daher längst Einzug in die Sammlungen von Rappern wie Ghost61 ("Louis Vuitton Imagination auf meiner Haut") und TM ("Louis V Imagination der Duft") gehalten hat. Wer stattdessen mit Afternoon Swim von derselben Marke liebäugelt, kann sich vor dem Kauf von Shindy beraten lassen.
"Zieh die kleine Schleife vom orangenen Karton /
Pretty lil' thing, Afternoon Swim"
Shindy auf "Mami Freestyle" (2022)
Deutschraps (fast schon ungesunde) Obsession mit Xerjoff
Wer sich von den Fängen der Designer-Parfüms loslöst, entdeckt relativ bald eine ganz neue Welt: Es gibt zahlreiche Dufthäuser, die sich einzig und allein auf Parfüm fokussieren und sogenannte Nischendüfte herstellen. Die heißen nicht etwa so, weil die Düfte zwangsläufig besonders nischig riechen (wobei auch das durchaus vorkommt), sondern weil Parfüm hier nicht bloß ein Teil, sondern das gesamte Geschäft ist – es ist die Nische, die sie bedienen.
Eines der bekanntesten Nischenhäuser ist die italienische Marke Xerjoff. Und die hat es Deutschrap offenbar ganz besonders angetan. Die Beweislage ist erdrückend:
"Brandneuer Lamborghini, Baby, und kein Q8 /
Ich riech' nach Xerjoff, mein Sipp riecht nach Duschdas"
Kalim auf "Skims Hoes" (2025)
"Ich trag' Xerjoff oben ohne, mein Nährstoff Testosterone /
Rase ohne Rücksicht durch verkehrsberuhigte Zonen"
Kollegah auf "Achilles & Herkules" (2024)
"Rieche nach Xerjoff, hab' Batzen wie Barcodes /
Das' genau, was passiert, wenn du über den Rand guckst"
Karamel19 auf "1x1" (2025)
"Xerjoff am Hals, Air Force in Weiß /
Ich mach' dein ganzes Label noch dem Erdboden gleich"
Bojan auf seinem "Fire in the Booth"-Freestyle (2023)
"Miami Yacine riecht nach Xerjoff Erba Pura /
Glaub mir, reich sein ist kein temporärer Zustand"
Miami Yacine auf "Dilemma" (2020)
"Der Fresheste in Alemania /
Ich riech' nach Xerjoff Alexandria"
Bozza auf "Vornamen" (2024)
"Ich kann dir erklären, warum deine Lady guckt /
Wir tragen Xerjoff, Bargeld und ein bisschen Hazegeruch mit uns"
reezy auf "Ratchet RMX" (2022)
Wir könnten hier noch ewig so weitermachen. Nach den Lines lässt sich jedoch wohl kaum mehr anzweifeln, dass mittlerweile gefühlt die halbe Szene nach Xerjoff riecht. Aber sind wir mal ehrlich: Düfte wie Naxos, Alexandria II, Torino 21, Accento oder 40 Knots sind nicht umsonst so beliebt, wie sie es nun einmal sind. Parfüm-Interessierte sollten sich auf jeden Fall durch die Marke getestet haben.
Einen Shoutout müssen wir an dieser Stelle noch an Schubi AKpella verteilen. Der hat nicht nur an der Oberfläche gekratzt, sondern sich offenbar tiefergehend mit dem Dufthaus beschäftigt und ist somit wohl auf Casamorati gestoßen – eine Vintage-Kollektion von Xerjoff, deren Wurzeln bis in die italienische Parfümkunst des 19. Jahrhunderts zurückreichen.
"Para violett und der Duft Casamorati /
Nicht alles, was glänzt, ist Gold, darum ist meine Day-Date Platin"
Schubi AKpella auf "911" (2026)
Willkommen in der weiten Welt der Nischendüfte
Trotz allem ist Xerjoff nicht das einzige Nischenhaus, das im Deutschrap regelmäßig erwähnt wird. Auch Creed (nein, nicht der Boxer) ist ein fester Bestandteil sämtlicher Songs, vor allem mit Aventus, dem Bestseller der Marke. Animus ("Faust riecht nach Friedhof, Hals nach Aventus Creed"), Dardan ("Vollspeed, Cockpit riecht nach Aventus Creed") und Anonym ("Unterwegs im Mustang, dufte nach Aventus Creed") haben etwa schon über den legendären Ananas-Birken-Duft gerappt. Haftbefehl reiht sich ebenso ein, auch wenn er dabei über eine Lavendel-Note rappt, die in dem Parfüm eigentlich gar nicht enthalten ist. Aber das ist ein Fall für BossXplosive.
"Aventus Creed, Lavendel-Parfüm /
Ich mach' Geld wie Maschine, dein Benz ist geleased"
Haftbefehl auf "Boys in the Hood (Azz)" (2025)
Das könnte den echten Parfüm-Connoisseuren, die sich in der Rap-Szene tummeln, natürlich nicht passieren. Einer von ihnen ist Kolja Goldstein. Wenn er nach italienischem Luxus riecht, dann sicherlich nicht dank Xerjoff:
"Accra in Ghana, Acqua di Parma /
Ich geh' mein Geld abhol'n um acht bei Cañada"
Kolja Goldstein auf "Urla & Gaia" (2023)
Acqua di Parma ist am ehesten für eine breite Wahl an Sommerparfüms bekannt, Kolja setzt aber auf den Duft der Marke, der einfach nur Oud heißt und genau das auch bereithält. Der Flakon war zu sehen, als der 34-Jährige seine Sammlung auf Social Media vorgestellt hat. Demnach befinden sich auch Parfüms von renommierten Dufthäusern wie Penhaligon's oder Kilian in seinem Besitz. Kürzlich erwähnte er im Stream mit Katharina Amalia allerdings, dass er zurzeit nur Diptyque-Düfte tragen würde, die allesamt einen natürlichen und weniger aufdringlichen Charakter inne haben.
Auch Shindy, wir haben ihn oben schon erwähnt, ist ein Nischenliebhaber. In seiner Nähe riecht beispielsweise "alles nach Francis Kurkdjian" – das Parfümhaus, das vor allem für seinen hochpotenten und viel diskutierten Safran-Duft Baccarat Rouge 540 bekannt ist und damit eine Welle an Dupes hervorgebracht hat.
Newcomer Toujour haut auf seinen Songs ebenfalls ein paar Duft-Empfehlungen raus, als wäre es nichts. Auf "Sonic" kommt beispielsweise der frische Birnenduft Blue Talisman von Ex Nihilo zur Geltung. Und auch ein absolutes Haltbarkeits- und Sillage-Beast darf in seiner Sammlung nicht fehlen:
"Crivelli Hibiscus Mahajád /
Jeder zieht hierher, aber du bist nicht von da"
Toujour auf "Berliner MFs" (2025)
Eno steckt mindestens genauso deep im Parfüm-Game und besitzt offenbar den noch bekannteren Maison Crivelli-Duft namens Oud Maracujá. Das Extrait de Parfum besitzt eine extrem hohe Duftölkonzentration und klebt ihm folglich genauso am Hals wie die "Iba3ash", also die Polizei. Zumindest rappt er das auf einem Track mit Haaland936, der seinerseits vor allem für Shaghaf Oud von Swiss Arabian bekannt ist – dem Duft widmete er im letzten Jahr einen ganzen Track.
Miami Yacine haben wir schon mit einer Xerjoff-Line erwähnt, sein Portfolio umfasst aber auch Nischendüfte made in Germany:
"Rieche nach Luvré Franco /
Was Frauen so machen für ein pures Gramm Koks"
Miami Yacine auf "Akrapovic" (2022)
Chakuza hingegen sprüht sich mit einem Aquaten aus dem Hause Goldfield & Banks ein:
"Pacific Rock Moss und das Hemd ist frisch gebügelt /
Nur statt Strände wie im Süden gibt es Felsen oder Hügel"
Chakuza auf "Ebbe & Flut" (2026)
Und wer Fliggsy auf dem Zettel hat, dürfte um dessen Leidenschaft für exquisite Düfte längst Bescheid wissen. Auf "Super Monkey Ball" rappt er beispielsweise, sein "Initio-Duft riecht nach schwarzer Magie" – klingt für uns nach Side Effect oder Narcotic Delight. Und erst kürzlich widmete er dem dramatischen Umstand, dass er seinen Flakon von Ganymede aus dem Hause Marc-Antoine Barrois nach einer Party verloren hat, einen eigenen Track.
Last, but not least sollten wir SadiQ nicht unerwähnt lassen. Seine letzten Singles sind allesamt nach Düften benannt, von Black Afgano bis Oud Satin Mood ist alles dabei. Die Flakons zieren die jeweiligen Cover.
Irgendwann ist auch mal gut
Was dagegen noch nicht sonderlich stark im Deutschrap verwurzelt ist: die sogenannte Ultra Niche. Die tiefste Ebene des Parfüm-Eisbergs, an der selbst Kenner ins Staunen geraten. Der Sammelbegriff umfasst avantgardistische, künstlerische, oft auch kaum tragbare Düfte, die eher eine Geschichte erzählen wollen, als der durchschnittlichen Nase zu gefallen.
Souly hat die Tür zu dieser Welt kürzlich einen Spalt weit geöffnet, als er das Moth-Parfüm von Zoologist in seiner Instagram-Story zur Schau stellte – passend zu seinem "Moth Fest", versteht sich. Die Marke aus Kanada hat es sich zur Aufgabe gemacht, Habitate und Lebensräume von Tieren olfaktorisch erlebbar zu machen. Moth dürfte mit seinen Gewürz- und Honig-Akkorden sogar noch zu den tragbareren Kreationen des Hauses gehören.
Im Alltag greift Souly dann wohl aber doch eher zu den gefälligeren Alternativen:
"Ich rieche nach einer Mischung aus Azzaro und Smoke /
White ash, weißer Rauch, Hoe, ich bin der Pope"
Souly auf "Peak" (2024)
Und das ist wohl auch die Ironie des Ganzen. Irgendwann ist man so tief ins Parfüm-Game vorgedrungen, dass man zu einer Erkenntnis kommt: Vielleicht hatte Pashanim doch recht. Vielleicht war der 40-Euro-Duft von Dolce & Gabbana doch gar nicht so schlecht, nur weil er günstig und bei Douglas zu kaufen ist. Das Rabbithole führt bei nicht wenigen am Ende genau dorthin zurück, wo es einst angefangen hat.
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