Hype in China, WoW-Vergangenheit & Rap mit Humor: Wie der Kanadier bbno$ die Welt erobert

Der Rapper bbno$ steht schmunzelnd auf der Bühne im Club Burg Schnabel in Berlin und spielt die ersten Töne seines bisher größten Hits "Lalala", der aktuell 115 Millionen Klicks auf YouTube zählt. Sofort rastet die Crowd aus und fiebert dem Drop entgegen, um wild zu moshen und eingeklemmt zwischen Schultern und Ellbogen die eingängige Hook zu grölen.

Doch statt einer saftigen 808 schallert etwas Anderes aus den Lautsprechern: Der Song "Never Gonna Give You Up" von Rick Astlay – bbno$ "rickrolled" seine Fans, als wären wir im Internet-Zeitalter von 2007. Trotzdem feiern die Leute, teilweise auf den Schultern ihrer Freunde, den Rapper, sich selbst und einen Abend voller Energie. Obendrein liefert bbno$ immer wieder eine Prise Humor und wirft ein Buch über Salatrezepte in die Crowd.


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bbno$

Obwohl im Hiphop viele ein Image verkörpern wollen, das für Härte, Gefühlslosigkeit und Gleichgültigkeit steht, brechen manche Künstler*innen mit dieser einseitigen Vorstellung von Rapper*innen: Sie zeigen abseits des Gangstergehabes, wie wichtig es ist, sich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen.

Dabei entstehen abwechslungsreiche Tracks, unterhaltsame Musikvideos oder wenigstens witzige Memes für zwischendurch. Insbesondere Artists wie MC Bomber, Money Boy oder Juicy Gay haben oft genug gezeigt, dass Humor als ein leitendes Stilmittel sehr gut funktionieren kann.

Auch Straßenrapper wie SSIO, Xatar, Celo & Abdi oder Farid Bang benutzen bewusst komödiantische Elemente in ihrer Kunst.

bbno$ ist einer der interessantesten Rapper aus Kanada

Der Rapper bbno$ teilt die Gabe, die eigene Kunst mit einem Augenzwinkern zu betrachten und zu präsentieren. Gleichzeitig versucht er in seiner Musik auf aktuelle Standards für Beats und Flows zu verzichten und entwirft dadurch einen erfrischenden und facettenreichen Sound. Diese Kombination macht den 23-Jährigen gerade zu einem der spannendsten Hiphop-Künstler aus Kanada.

"Wenn du dir die Top 100 [US-]Rap-Songs anhörst, sind es immer dieselben halben Triplet-Flows auf denselben Plug-Beats. Jeder macht das Gleiche. Ich will etwas Anderes machen"

Während er mit 20 Millionen monatlichen Hörern auf Spotify flexen könnte und seine Show in Berlin fast ausverkauft war, fliegt bbno$ (der übrigens "Babynomoney" ausgesprochen wird) bei vielen Leuten noch unter dem Radar.

Gerade in einem Land, das nicht unbedingt für Hiphop bekannt ist, haben ihn schon sehr viele auf dem Schirm. In China, wo Kunst teilweise schneller zensiert wird, als man "Demokratie" sagen kann, ist bbno$ nämlich schon lange ein Star.

Bevor er sich der Musik zuwandte, stand natürlich erst mal Schule an der Tagesordnung. Anders als die meisten wurde er allerdings von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, bis er 14 war. Bis dahin hatte er bis auf seinem Schwimmverein kaum soziale Kontakte.

"Alter, ich habe mein Leben lang quasi nichts anderes gemacht als World of Warcraft zu spielen. Ich kam nach dem Training nach Hause und habe zehn Stunden am Stück gespielt. Irgendwann wurde meine Mutter sogar so wütend darüber, dass sie das Internet ausgestellt hat."

Seine Vorliebe für Videospiele zeigt sich heute noch. Der Titel seines Songs "Hyrule Temple" beruht beispielsweise auf einem Tempel aus "The Legend Of Zelda" und auch die Melodie könnte so in einem Spiel von Nintendo zu hören sein. Während der Show lädt er alle Fans obendrein zu seinem Discord-Channel ein. Ein Messenger, der ursprünglich für die Kommunikation unter Gamer*innen angedacht war.

bbno$ erster Track basiert auf einem Chief-Keef-Type-Beat

Erst in der neunten Klasse offenbarte sich ihm durch einen Freund eine neue Welt, an der er sofort Gefallen fand.

"Er hat mir Gucci Mane und Chief Keef vorgespielt und ich dachte mir sofort: Das ist zuu wild. Damit kann ich etwas anfangen."

Sobald bbno$ anfing, sich für Rap zu begeistern, dauerte es nicht lange, bis er seinen ersten Track aufnahm – natürlich auf einem Chief-Keef-Type-Beat.

"Ich war super high und habe einfach nur die ganze Zeit über den Beat gelacht. Das war sehr witzig."

Eine große Vorliebe hat bbno$ außerdem für den rhythmischen Timbaland-Sound aus den 2000ern. Dieser Einfluss ist in seinen Tracks immer wieder zu hören.

Die Broke Boy Gang

Nachdem er zu Rap fand, schloss er sich mit Freunden zur "Broke Boy Gang" zusammen. Mit den Jungs rappte und produzierte er in regelmäßigen Sessions und veröffentlichte erste Musik auf SoundCloud

Marpole (Prod. Taka) by BBG

Marpole hood Flexin!

"Wir vier haben damals rumgealbert und es ging wirklich nur darum, Spaß zu haben. Nachdem wir unsere erste Show spielten, bin ich süchtig danach geworden, Musik zu machen."

Seine ersten Tracks sind aus Momenten der Langeweile entstanden, noch heute ist es ihm aber sehr wichtig, maximale Freude zu haben, wenn er an neuer Musik arbeitet.

"Wenn du keine Freude bei der Sache hast, ist es nicht möglich, etwas Cooles zu schaffen. Ich mache nur gute Musik, wenn ich dabei Spaß habe."

Die akademische Laufbahn

Die Mitglieder der Broke Boy Gang trennten sich, als sich bbno$, oder auch Alexander Gumuchian, an der Universität in Vancouver einschrieb. Hier studierte er Kinesiologie, eine innermedizinische Wissenschaft. Zum Beruf will er das Studium aber nicht machen.

"Das war echt ätzend, aber Kinesiologie war das einzige Fach, was ich studieren wollte. Es war cool, weil ich ein gutes Netzwerk an der Uni aufgebaut und ich meinen Abschluss gemacht habe."

Irgendwann schlug ihm ausgerechnet seine Mutter vor, die Universität zu verlassen, um sich auf seine musikalische Karriere zu konzentrieren. bbno$ erklärt das mit umgekehrter Psychologie.

"Als sie das vorgeschlagen hat, dachte ich mir nur: Ich zeig‘s dir Mom, ich bekomme meinen Abschluss. Außerdem war ich in schon meinem dritten Jahr an der Uni und wollte nicht, dass die Zeit und das Geld, das ich investiert habe, umsonst war."

Der Hype in China

Noch während bbno$ an der Universität studierte, erfuhr er plötzlich große Aufmerksamkeit weit entfernt von seiner Heimat. Ein Mitglied der in China sehr berühmten Boygroup "TFBoys" tanzte im Fernsehen eine Choreographie zu seinem Song "Yoyo Tokyo". bbno$ beschreibt die Band als "Justin-Bieber-Famous".

"Der Hype in China kam mir super zufällig vor."

Plötzlich wurde er in China gebucht, spielte Shows vor 900 Menschen und traf auf Fans, die seinen Künstlernamen auf ihre Nacken tätowierten. So wurde bbno$ langsam aber sicher zu einer Legende in der chinesischen Untergrund-Rap-Szene. Bei seinen ersten Shows in China erlebte der Kanadier zwar einen kleinen Kulturschock, ist heute aber sehr dankbar dafür.

"Meine Erfahrungen in China haben mich darin bestärkt, meine musikalische Karriere noch ernster zu nehmen und weiter dran zu bleiben."

Die Beziehung zu Yung Gravy

Während er in China gerade ordentlich abgefeiert wurde, passierte das gleiche in den USA für seinen Homie Yung Gravy. Ende 2017 landete Gravy mit dem Song "Mr. Clean" einen Hit, der heute 43 Millionen Aufrufe auf YouTube zählt.

Als bbno$ gerade mal 200 Follower auf Instagram hatte, saß er in einer Vorlesung und stolperte auf SoundCloud über den damals noch unbekannten Yung Gravy. Statt dem Professor zuzuhören, lauschte er den Tracks von Gravy. In einem Interview mit Kids Take Over sagte bbno$ über Yung Gravy:

"Niemand macht so verrückte und lustige Musik wie dieser Typ."

bbno$ war sofort von Gravy begeistert und schlug ihm vor, zusammen an neuer Musik zu arbeiten. Seit dem Tag haben die beiden mittlerweile viele gemeinsame Tracks veröffentlicht und standen auch schon häufig gemeinsam auf einer Bühne.

bbno$ pflegt ebenso bei den vielen anderen Features auf seinen Projekten eine freundschaftliche Zusammenarbeit. Alle Songs würden auf Homie-Basis beruhen.

"Das sind Leute, deren Musik ich persönlich feiere und mit denen es Spaß macht zu arbeiten. Mit vielen Rappern geht das leider nicht. Deshalb arbeite ich auch am liebsten mit Produzenten."

Der Super-Hit "Lalala"

Auch auf seinem bisher erfolgreichsten Track "Lalala" ist mit Y2K ein Freund von bbno$ vertreten, der außerdem den Beat produziert hat. Der Song habe seiner Karriere definitiv einen Schub verpasst. So seien mehr Menschen auf ihn aufmerksam geworden und er erziele mit seiner Musik jetzt eine höhere Reichweite.

"Das werde ich aber erst wirklich merken, wenn ich neue Musik veröffentliche und mir die ersten Streaming-Zahlen anschaue."

bbno$ gefalle es, seine Statistiken zu analysieren und Auffälligkeiten zu bemerken. Seinen Erfolg sieht er auch als Früchte seiner Arbeit an. Zwar gebe es immer noch viel mehr zu tun, dennoch beschreibt er sich selbst als Workaholic. Wenn er nicht an Musik arbeite, sei er sehr ängstlich.

"Alle sagen immer: Oh mein Gott, alles ist nur noch crazy, wenn du einen Song draußen hast, der so richtig erfolgreich ist. Aber es hat sich nicht wirklich was verändert. Bestimmt hätte es das, wenn ich danach bei einem Label gesignt hätte."

Y2K produzierte auch den neuesten Track von bbno$ "Slop". Um den Song zu promoten, rief bbno$ seine Fans auf Instagram dazu auf, ein Video zu drehen, dass sie dabei zeigt, wie sie den Track hören und dabei möglichst kreativ ihre Zähne putzen. Für das beste geteilte Video hat der Nutzer sogar 69 Dollar gewonnen, die ihm bbno$ via PayPal zuschickte.

bbno$ gähnt ausgiebig, als er sagt, dass er zwar super glücklich über seinen Erfolg, aber auch gleichzeitig die ganze Zeit sehr müde ist.

"Dafür kann ich essen was ich will, machen was ich will und ich spiele Shows in Europa."

Mittlerweile kifft der Rapper übrigens nicht mehr. Auch die angebotenen Joints während der Show lehnte er dankend ab. Dafür nahm sich bbno$ nach dem Konzert entspannt die Zeit, Fotos mit Fans zu schießen, ihnen Weisheiten über das Produzieren zu erzählen und sein Autogramm dahin zu schmieren, wo beim stotternden Fan gerade Platz ist.

Während der Show holte er sich sogar zweimal Kids aus dem Publikum auf die Bühne, die ihm unter tosendem Applaus helfen sollten, seine Featureparts einzurappen. Die Auserwählten werden diesen Abend wohl noch lange in Erinnerung behalten und hin und wieder schmunzeln müssen.


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BBno$

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Bollywood-Flavour: Indische Remixe von Travis Scott, XXXTENTACION, Playboi Carti & mehr

Bollywood-Flavour: Indische Remixe von Travis Scott, XXXTENTACION, Playboi Carti & mehr

Von Jesse Schumacher am 02.11.2019 - 14:45

Wer an Indien denkt, hat wahrscheinlich scharfes Curry oder Yoga im Kopf, aber sicherlich nicht Hiphop. Ein Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau das zu verändern: DripReport schnappt sich regelmäßig große US-Hits, interpretiert sie neu und verleiht den Tracks einen gewissen Bollywod-Charm. Auf seinem erfolgreichsten Video zu einem Remix von XXXTENTACIONs "Moonlight" konnte er schon 6,4 Millionen Klicks sammeln.

Auf YouTube beschreibt er sich selbst mit einem Augenzwinkern als "just one guy, making Songs 100x better". Ob seine Versionen wirklich besser sind als die Originale, kann jeder selber entscheiden. Hier folgt eine kleine Auswahl seiner Indian-Remixe.

Playboi Carti – Kid Cudi

Obwohl der Song "Kid Cudi" von Playboi Carti mit Lil Uzi Vert, Young Nudy & A$AP Rocky noch gar nicht offiziell veröffentlicht wurde, kursieren im Internet schon seit vier Monaten Leaks von dem Track.

Anschließend loopten Produzenten den Beat und es folgten Remixe von Rappern wie Xavier Wulf oder UnoTheActivist - Aber eben auch von DripReport. Tatsächlich ignoriert er den ursprünglichen Flow von Carti komplett.

Travis Scott – Highest In The Room

"Highest In The Room" ist Travis Scotts erste Single nach seinem gefeierten Album "Astroworld". Lange hat DripReport nicht gewartet und veröffentlichte seinen Indian-Remix zu dem Track. 

Chief Keef – Love Sosa

"Love Sosa" von Chief Keef ist neben "I Don't Like" einer seiner beliebtesten Tracks überhaupt. Eigentlich nur logisch, dass DripReport bei seiner Wahl für einen Song von Chief Keef "Love Sosa" gewählt hat.

XXXTENTACION – Moonlight

"Moonlight" von XXXTENTACION ist einer seiner meist gehörten Songs und generierte gleichzeitig eine Vielzahl von Memes im Internet. So hat auch DripReport sich den Song geschnappt und verwandelt ihn in eine indische Ballade. 

Tay-K – The Race

Tay-K hat "The Race" gegen die amerikanischen Strafbehörden zwar nicht gewonnen und wurde kürzlich zu 55 Jahren Haft verurteilt, dafür inspirierte er aber DripReport für eine indische Interpretation.

Auf seinem YouTube-Kanal gibt es noch sehr viele weitere Neuauflagen bekannter Tracks. Manche von den Songs sind nur 30 Sekunden lang. Trotzdem sagt er, für einen Remix brauche er fünf bis zehn Stunden.

Für seine Arbeit wurden ihm bereits Copyright-Verletzungen vorgeworfen, welche er in diesem Video mehr oder weniger ernst adressiert. Bisher ist DripReport aber von harten Strafen verschont geblieben. Mal schauen, wie lange das so weitergeht.


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