Auch nach den 90ern: Warum wir Beatbox im Hiphop brauchen

Es scheint, als hätte die allgemeine Wahrnehmung von Beatbox irgendwo in den 90er-Jahren angehalten. Vertreter der Kunstform werden häufig noch mit Caps, Durags, übergroßen Kapuzen und Hosen porträtiert, die in den Kniekehlen hängen. Dabei steht eine Gruppe aus kopfnickenden Jungs auf einem leeren Schulhof, ist spittend im Halbkreis aufgestellt und hofft auf einen Aufstieg à la Snoop Dogg. Beatboxer gelten mehr oder minder als "die Außenseiter" einer ganzen Kultur. 

Obwohl die anderen Elemente des Hiphop (MCing, DJing, Bboying und Graffiti) bereits großen Respekt in der Kunstszene und im Mainstream genießen dürfen, scheint die Beatbox-Kultur vergleichsweise unkommentiert zu bleiben. Offiziell gilt Beatboxing gar nicht als Hiphop-Element. Das ist allerdings nicht der einzige Grund für das unterschätzte Dasein dessen. Jedes Kleinkind lernte schon: Gründe sind nicht zwangsläufig gut oder verständlich. Wer nach dem zwanzigsten, an die Eltern gerichteten Wieso immer noch als Antwort "Weil ich das sage" erhielt, weiß genau, wovon die Rede ist. Es mag zwar nachvollziehbare Motive geben, weshalb kein Gefallen an Beatboxing gefunden wird. Sich mit der Kunstform auseinanderzusetzen, ist allerdings ein Muss für jedermann - nicht nur, weil ich das sage, sondern weil die Geschichte und Wirkung von Beatboxing Bände spricht.

Not macht erfinderisch

Beatbox entwickelte sich Anfang der 80er-Jahre, als Radios und Boomboxen gerade erst am Kommen waren. Sie zählten zu den Raritäten und waren teuer. Besonders in sogenannten Problembezirken fanden die elektronischen Geräte daher selten Gebrauch. Wie aus der Not eine Tugend gemacht wurde, bewies unter anderem ein junger Mann aus Harlem. Das Viertel ist eines der kulturellen Zentren der Afroamerikanischen Kultur in Amerika. Als Zeichen gegen Unterdrückung und zu seinem eigenem Nutzen entschloss Doug E. Fresh, Beats einfach mit dem Mund zu imitieren. Nach eigenen Angaben ist er die erste Person, die sich als "Human Beatboxer" bezeichnete. Mit seinen charakteristischen Click Rolls legte Doug E. die Grundlagen für eine neue Kunstform.

Harlem, New York City 1986: Doug E. Fresh (@therealdougefresh) ist nach eigenen Angaben der erste Mensch, der sich als "Human Beatboxer" bezeichnete. Mit seinen charakteristischen Click Rolls legte er die Grundlagen für das Beatboxing. | via @humanbeatboxdotcom

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Obwohl sich das Image in einem stetigen Wandel befindet, geht es in der Szene bereits seit den Anfängen heiß her. Der Begriff "Beatbox" setzt sich aus den englischen Wörtern "beat" und "box" zusammen. Soweit nicht gerade eine Überraschung. Mit "beat" ist hierbei allerdings nicht das Schlagen gemeint, bei dem eine Person getroffen, oder gar besiegt wird. Auch wenn es Beatbox-Battles gibt, geht es um die Vorgabe eines akustischen Signals – ähnlich, wie wenn man auf ein Schlagzeug haut. "Box" hat auch nichts mit dem Kampfsport zu tun. Es wird in dem Fall mit einer Schachtel gleichgesetzt. Eine solche formen die Beatboxer teilweise bis heute mit ihrer Hand, um die erzeugten Geräusche räumlicher und besser klingen zu lassen. Eher geeignet dafür ist zwar ein Mikrofon, ein paar Künstler berufen sich aber gerne auf die "klassische" Technik, um etwas in Nostalgie schwelgen zu können. 

Funktion und Nutzen

Beatboxing kann als Möglichkeit gesehen werden, die eigene Persönlichkeit in künstlerischer Form auszudrücken. Dabei gilt es nicht nur, mit dem Mund, Rachen und Hals Melodien und Töne zu erzeugen, die Drum Machines soundtechnisch nahe kommen. Eine weitere maßgebliche Anforderung ist die Originalität. Die Stimme wird dabei als Instrument verwendet, das vielfältig einsetz- und wandelbar ist. Beatbox-Expertise wird jedoch weniger durch stumpfes Üben und vor sich hin Schnalzen erreicht, als viel mehr durch reflektiertes Informieren darüber, was man eigentlich probt. Auch hier gilt: Wissen ist Macht.

Virale Phänomene

Beatbox findet nicht nur im Untergrund statt. Lebende Rhythmusmaschinen wie das ehemalige The Roots Mitglied Razhel, ebenso wie der Franzose Eklips und der britische Killa Kela wurden zu Human Beatbox-Pionieren, denen es gelang, die Blicke der ganzen Welt auf sich zu ziehen. Während das Talent von Eklips ihm unter anderem dazu verhalf, mehrere TV-Werbungen und Cartoon-Charaktere zu synchronisieren, durfte sich Killa Kela unter anderem bei Auftritten mit Snoop Dogg und Prince feiern lassen.

Auch beliebte Talentshows aus der ganzen Welt machen das Erzeugen von Melodien und Tönen mit dem Mund einer breiten Masse verfügbar. Videos der Auftritte von Joseph Pulpoo aus Frankreich oder Neil Rey Garcia Llanes von den Philippinen verzeichnen YouTube-Klicks in Millionenhöhe. Der ehemalige YouTube-Kanal von Albert Trovato, eher bekannt als Alberto, erlangte durch Beatbox- und Comedyvideos knapp 1,3 Millionen Abonnenten und gehörte mit 210 Millionen Views zu einem der Größten überhaupt. 

französischer Beatboxer-dreistimmig

Der hats echt drauf

Human Beatbox Neil Amazes Everyone | Asia's Got Talent Episode 4

Human Beatbox Neil blurs the line between human and robot in a performance that will make your jaw drop. Don't forget to subscribe to our channel for more amazing acts! Facebook: http://bit.ly/AGTfacebook Twitter: http://bit.ly/AGTtwitter Instagram: http://bit.ly/AGTinstagram You can also watch Asia's Got Talent on your favourite local channels: THAILAND: Sundays on Channel 3 SD 20:15pm with reruns every Monday 9:30am on Analog and Channel 3 HD.

Beatboxing als Kunstform

Seit den 80er- und 90er-Jahren unterzog sich Beatboxing einem enormen Wandel. Aus dem sogenannten Old School Beatboxing, das aus der Not heraus entstand, wurde New School Beatboxing. Anstatt andere Rapper mit musikalischen A cappella-Rhythmen zu unterstützen, entwickelte sich Beatboxing zu einer Art One-Man-Show. Die Darbietungen basieren nicht mehr nur auf Grundbeats, sondern sind teilweise drei- bis vierstimmig. Versierte Talente liefern also nicht nur Beat zum Rap, sondern rappen selbst und beatboxen gleichzeitig. Das Endergebnis ist zu einer eigenständigen Kunstform geworden. Du musst also nicht hängengeblieben oder knallharter Verfechter der alten Schule sein, um Beatbox zu feiern.

Die Präsentation von Beatbox findet immer auf künstlerischer Ebene statt. Wer die Kunst am besten beherrscht, kann sich in Beatbox-Battles gegen seine Gegner beweisen. Dass die Entscheidungen dementsprechend auch subjektiv ausfallen können, ist klar. Europas Nummer 1 in Sachen Beatbox-Battleturnieren ist Bee Lows Beatbox Battle Weltmeisterschaft. Dort trifft die Human Beatbox-Elite zum finalen Wettkampf im Herzen von Berlin gegeneinander an.

Hier kannst du dir das Finale von 2015 ansehen, das zwischen Alem und NaPoM stattgefunden hat.

Alem vs NaPoM - Final - 4th Beatbox Battle World Championship

Watch the final round between Alem from France vs NapoM from USA. They both were battling face to face on the main stage of the 4th Beatbox Battle World Championship in Germany. The event took place at the Astra Kulturhaus Berlin in 2015 - Intro Music by Penkyx - Audio mastering by Boxface Studio.

Die Künstler kommunizieren mit ihren Zuhörern, indem sie sich unter anderem selbst ausdrücken. Ähnlich wie in der klassischen Kunst oder Musik schafft der Beatboxer ein Werk oder Stück, das aufgegriffen und abgeändert werden kann. Dabei wird dem Zuhörer freier Interpretationsspielraum gelassen. Manche Beatboxing-Auftritte lösen gefühlsmäßig etwas in einem aus, andere weniger. Die entstehenden Klänge zu verstehen, ist dabei eher zweitrangig. Es genügt, sie zu genießen und auf sich wirken zu lassen. Auch Außenstehende, die nichts mit der Szene zu tun haben, erwischen sich deshalb oft dabei, Gänsehaut zu bekommen, wenn sie jemanden beatboxen hören. Unter anderem für Momente wie diese brauchen wir Beatbox nicht nur als Ausdrucks-, sondern auch als Kommunikationsmittel. Es ist der Beweis dafür, wie vielfältig unsere geliebte Hiphop-Kultur sein kann. 

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Kommentare

die newschooler brauchen nix mehr , nur noch stumpfen trap.

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Von Yma Nowak am 24.11.2018 - 18:24

Frankreich hält viele Talente bereit, die das Beatboxen bis zur Perfektion beherrschen. Das zeigt nicht nur die Kunst des Franzosen Eklips, der zu den größten und begabtesten Vertretern der Szene gehört. Aber auch der Untergrund hält Diamanten bereit, die nur noch geschliffen werden müssen.

Einer davon ist der 16-jährige Pacman, der es in seinen jungen Jahren schon geschafft hat, die Bühne des French Beatbox Championship 2018 komplett auseinanderzunehmen. Die Begeisterung für das Imitieren von Drums und Percussions schien bei ihm schon in so jungen Jahren angefangen zu haben, dass er sich direkt im Battle gegen Hutch beweisen durfte. Sein großes Potential, schon bald zu den Besten zu gehören, kann man ihm keinesfalls absprechen. Aber überzeug dich am besten einfach selbst!

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