Sound über Inhalt: Rap scheint am Wendepunkt

 

Die Migos stehen kurz vor Release ihres neuen Albums "Culture II". Im Zuge dessen gaben die drei Atlanta-Ikonen ein Radio-Interview bei Beats 1, das sehr deutlich macht, wie Rap heute zu funktionieren scheint:

Migos and Ebro Darden on Beats 1 [Full Interview]

Migos are dropping 'CULTURE II' on the one year anniversary of their previous album, 'CULTURE.' They told Ebro what to expect. Hear the full episode: http://apple.co/B1EbroDarden Explore Beats 1 for free: http://apple.co/B1 Join now, cancel anytime: http://apple.co/Trial

Ziemlich ungefiltert erklären die Jungs, welches Ziel sie bei so einer Albumproduktion verfolgen (Minute 7:21):

We workin' on the sound. We ain't even really workin' on what [we] sayin', we workin' on the sound.

Es geht dem Trio nicht darum, welche Botschaften es in der Musik transportiert. An der lyrischen Front werde demnach nicht wirklich gearbeitet. Sie tüfteln am Sound und am Vibe der Tracks. Im Gespräch gehen sie noch einen Schritt weiter:

It's about the sound with us. It ain't about the wordplay and how deep – because the young folks who run everything, that's why hip-hop [is] number one, 'cause the young folks run it – it's how you sayin' it.

Wortspielerein und lyrische Finesse seien nicht mehr relevant. Die Hiphop-Kultur werde von der Jugend am Laufen gehalten. Diese nennt Offset auch als Grund dafür, dass Hiphop-Musik die Nummer eins auf der Welt sei. Nach dem Verständnis der Migos scheinen sich junge Leute einfach nicht mehr für ausgefeilte Inhalte zu begeistern.

Ist also "The Message", auf die Grandmaster Flash & The Furious Five einst ihr Augenmerk legten, verloren gegangen?

Grandmaster Flash & The Furious Five - The Message (Official Video)

Download The Message on iTunes - http://hyperurl.co/sgur7n Stream The Message on Spotify - http://hyperurl.co/92hx5f Buy The Message on Amazon - http://hyperurl.co/d1jnmy Follow Grandmaster Flash Website: http://hyperurl.co/8bmdbs Facebook: http://hyperurl.co/jn3yxq Twitter: http://hyperurl.co/b31agz Instagram: http://hyperurl.co/lzisge

Es ist wohl unstrittig, dass die aktuellen Hits sowohl in Amerika als auch in Deutschland eher selten über die textliche Ebene funktionieren. Wahrscheinlich lauscht niemand andächtig Lil Pumps "Gucci Gang" und reflektiert exakt, was dort gesagt wird. Selbst ein Genie wie Eminem muss damit umgehen, dass seine kunstvoll verschachtelten Reime das Publikum nicht mehr komplett zu erreichen scheinen. Das heißt natürlich nicht, dass es heutzutage unmöglich wäre, mit Rap Gehaltvolles zu vermitteln. Die letzten Alben von Kendrick Lamar oder Jay-Z waren erfolgreich, anerkannt und glänzen vor allem durch ihre Kunst des Erzählens.

Primär der Untergrund definiert sich weiterhin über Bars und ein amtliches Storytelling. MCs, die ihren Schmuck kaum im Scheinwerferlicht präsentieren, haben weiterhin etwas zu erzählen. Dort bekommen Lyrics einen völlig anderen Wert zugesprochen. Selbst bei durchaus gehypten Rappern wie Joey Badass oder Vince Staples fühlt der Hörer die Liebe zum Wort und ein sprachliches Mitteilungsbedürfnis, das größer ist als die Summe aller Soundeffekte. Die riesigen Chart-Erfolge lassen sich so vorläufig allerdings nicht erzielen.

Schon bevor dem lyrischen Faktor in den Achtzigern ein höherer Stellenwert eingeräumt wurde, funktionierte die Musik über eine gewisse Inhaltsleere. Auf den Hinterhof-Partys in den Anfangszeiten des Hiphops standen Gesellschaftskritik und tiefschürfende Gedanken offenkundig nicht an erster Stelle. Auch damals lief Hiphop zunächst über ein gemeinsames Gefühl. Insofern ist es vermutlich überhaupt nicht ironisch gemeint, wenn die Migos ihre Alben "Culture" und "Culture II" nennen. Es geht ihnen nämlich um die Kultur – allerdings um ihre persönliche Sicht auf die Kultur und weniger um alte, bereits etablierte Werte.

Migos, Nicki Minaj, Cardi B - MotorSport (Official)

Listen to MotorSport (feat. Nicki Minaj & Cardi B): https://Migos.lnk.to/MotorSportYD Migos is featured on Quality Control's Control The Streets Vol. 1.

In der Welt der Südstaatenrapper genießen abweichende Elemente Vorrang. Kaum eine andere Rap-Formation hat wohl eine derart prägende Rolle im Angesicht des aktuellen Sounds eingenommen. Markennamen, Adlibs, Pausen, Betonungen, Flow – die Migos haben Rap in den letzten Jahren verändert und mitgestaltet. Gerade auch in der Zuspitzung des Ganzen spiegelt sich die neue Ära. Die Undeutlichkeit, die so etwas wie Mumble-Rap zusätzlich in den Vortrag hineinbringt, lenkt den Hörer noch weiter weg von der textlichen Aussage.

Obwohl der Inhalt fortwährend auf der Strecke bleibt, ist der kulturelle Einfluss dieser Strömungen nicht von der Hand zu weisen. Trap-Rap in Deutschland hantiert zumeist mit genau diesen Mitteln und bemüht sich ebenso wenig um clevere Botschaften. Der Vibe hat übernommen und erfährt eine Wertschätzung, die weit über Stadtgrenzen Atlantas hinaus geht. Schließlich ist "Culture" der Migos sogar für einen Grammy nominiert.
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