9 Deutschrap-Newcomer, die du 2026 im Auge behalten musst
miiraqt, Toujour19 & Lavender

Schon seit einiger Zeit tragen wir in der Redaktion immer Anfang des Jahres zusammen, welchen Newcomern wir zutrauen, in den kommenden zwölf Monaten komplett abzureißen. (Und unser Track-Record ist dabei gar nicht schlecht, nur so nebenbei.) Newcomer ist natürlich ein sehr streitbarer Begriff, wir definieren das in diesem Falle bewusst sehr lose. Es geht nicht darum, dass die ausgewählten Artists erst seit ein paar Monaten Songs releasen - auch wenn davon trotzdem welche dabei sind - sondern mehr darum, dass sie sich an einem Punkt ihrer Karriere befinden, wo der ganz große Durchbruch noch bevorsteht. Und damit, ohne weiter viel vorwegnehmen zu wollen:

Einige der besten Deutschrap Newcomerinnen & Newcomer 2026

Soyhan

(Leon Schäfers)

Soyhan steht unlängst beim Universal-Label Ventura Records unter Vertrag. Nichtsdestotrotz dreht sich sein Tagesgeschäft weiterhin um "Push Push". Natürlich wird nicht nur der eigene Körper bei regelmäßigen Liegestütz-Übungen gepusht, sondern auch das eine oder andere Kilo auf der Straße. Der 20-jährige Newcomer aus Berlin bringt sein Kiez Wedding 65 auf die Karte und vergleicht den dortigen Alltag mit dem absoluten Chaos der Videospielreihe "GTA": "Meine Welt Gangster, Leben 'Pulp Fiction'".

Einen Namen gemacht hat Soyhan sich schon zuvor als Writer für ZAH1DE. Erste Aufmerksamkeit erlangte er aber bereits 2023 mit seiner ersten Single "Inhaliere", die sich vor allem auf TikTok an großer Beliebtheit erfreute. Im direkten Vergleich dazu fallen seine jüngsten Songs durch einen ordentlichen Miami Bass-Einschlag auf. Klanglich kommen die "Playboys in Versace Jeans" also in einem unerwarteten Upbeat-Retro-Gewand daher. Soyhan bedient eine Nische der unterhaltsameren Art.

Unterhaltsam war auch sein viraler Gastauftritt beim "Take me Späti"-Podcast, der Ende letzten Jahres an den Start gegangen ist. Sein Gespräch mit Host Sara Arslan driftete immer wieder in abenteuerliche Richtungen ab: Mal musste er erklären, was es mit der "Sabr GmbH" auf sich hat; mal warnte er die Podcast-Moderatorin davor, bei einem potenziell gemeinsamen KaDeWe-Date die "Toten rauszuholen". Ausschnitte aus dem Talk haben auf Social Media unzählige Views gesammelt. Einer davon, in dem Soyhan seiner Gesprächspartnerin sagt, dass ihre Augenfarbe "so braun wie mein Hajar" sei, ist prompt zum Aufhänger seiner nächsten Single geworden. Der Newcomer hat einen völlig eigenwilligen Charme, mit dem er Vorfreude auf alles weckt, was noch kommen wird.

Zara

(Alina Amin)

Eine Newcomerin im klassischen Sinne ist Zara eigentlich nicht. Immerhin droppt sie seit über fünf Jahren Musik. Trotzdem hat ihre Karriere vor allem im letzten Jahr noch mal richtig Fahrt aufgenommen, weshalb wir sie in unserer Liste nicht missen wollen.

Dass im Rap alles über Nacht passiert, ist ja ohnehin ein Mythos. Bei Zara kommt noch hinzu, dass sie sich schon sehr früh dazu entschieden hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Ohne Major Label oder krasses Management im Nacken navigiert die junge Musikerin die Szene seit Jahren schon allein. Dass sie eigentlich auch keine Hilfe braucht, beweisen zahlreiche ihrer Releases: Auf Tracks wie "bandz" oder "hilton" liefert sie düsteren Sound mit einer Delivery, die unglaublich spielerisch von der Hand geht.

Einen Push hat sie letztes Jahr unter anderem durch ihren Auftritt bei Nimos Moonseason bekommen. "Shake That" fasst im Grunde alles zusammen, was Zara ausmacht: clevere Texte, ein melancholisch-düsterer Sound und ein Flow, der zu jeder Stimmung passt. Das i-Tüpfelchen ist ihre Ästhetik und ihr Look, der im Deutschrap nicht nur ziemlich unique ist, sondern in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht eventuell auch seiner Zeit voraus war. Wenn ihr Zara also noch nicht auf dem Schirm hattet, ist es allerhöchste Zeit, dass ihr bei der Rapperin reinhört:

Toujour19

(Till Karim Hesterbrink)

"Ich wollt mit meiner ersten Single jeden Opfer toppen", heißt es zum Ende der ersten Strophe von "Blau Weißer Carlo". Diesem Anspruch wird Toujour19 auf jeden Fall mehr als gerecht – nicht nur mit seiner ersten Single, sondern mit all seinen Releases. Der Charlottenburger, der offiziell erst seit Mitte letzten Jahres Musik releast, gehört jetzt schon zu dem Härtesten, was Deutschrap aktuell zu bieten hat.

Einen großen Anteil daran hat die durch die Bank weg extrem hochwertige Produktion seiner Songs. Das Linkin Park-Sample auf dem eingangs erwähnten Hit "Blau Weißer Carlo" sticht da natürlich krass hervor, aber auch alle anderen Songs sind auf einem ähnlichen, wenn auch etwas subtiler umgesetzten Niveau. Dabei macht TJ kein Geheimnis daraus, dass er sich nur allzu gerne bei Berliner Straßenrap-Classics bedient: So reihen sich zahlreiche Hasan K- oder Bushido-Referenzen und Samples quasi nahtlos aneinander.

"Ich bin immer noch der mit dem Zahnstocher/ Ich schaufel immer noch in Berlin dein Grab, Opfer"

Toujour schafft es, mit nur ein paar Releases eine ganz eigene Welt aufzumachen. Ab dem ersten Track ist man drin und fühlt sich, als würde man selbst mit Henry und Ferragamo hängen. Hier stimmt einfach jetzt schon alles, nach nicht mal einem Jahr. Ausnahmslos jeder Song ist ein Brett, die Videos von Fari sind sowieso auf einem anderen Level, und wenn es so weitergeht, wird es dieses Jahr kein Vorbeikommen an Toujour geben.

Kroka Koka

(Michael Ebenger)

Wenn man nach deutschsprachigen Rap-Newcomern schaut, muss man erfahrungsgemäß auch immer in Richtung Österreich schauen. Aus unserem Nachbarland sind jährlich neue Artists am Start, um im ganzen DACH-Raum Welle zu machen. Darunter ist auch der Wiener Newcomer Kroka Koka. Wie viele seiner österreichischen Zeitgenossen besticht Kroka Kokas Musik durch eine große Portion Humor und Ironie mit Wiener Dialekt. Der seit 2024 releasende Wiener hat gleich eine Vielzahl an Songs, die sich auf aktuelle Trends, Songs oder auch Memes beziehen. Dazu gehören beispielsweise Kroka Kokas eigene Version von "Wagwan Delilah", ein Track mit dem Titel "Hawk Tuah" oder das Lied "unter mein spell", welches selbst eine Referenz zum Snow Stripers-Hit "Under My Spell" ist und diesen auch samplet.

Tracks wie "Alaba" mit Aachen Demon, "Helmut Lang" oder seine neusten Singles "Prada", "Schau" und "St. Moritz" mit ocboyblau beweisen, dass sich Kroka Koka auf modernen Beats nicht nur wohlfühlt, sondern gleich den Sound für den derzeitigen Unterground mitprägt. Nicht umsonst taucht der Wiener derzeit quasi überall auf, wo die Motion ist. Von Kroka Koka werden wir 2026 noch viel hören.

Kamua & Kuza

(Alina Amin)

Kamua und Kuza haben es sich eigenhändig zum Ziel gemacht, Vietnam "auf die Karte" zu packen, und haben vor allem 2025 eine Reihe an gemeinsamen Tracks gebracht, auf denen es um "abgefuckte Asiaten" und die "Asia Wave" geht. Insbesondere einer dieser Tracks konnte über Social Media einiges an Aufmerksamkeit gewinnen: "Nguyen". Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Straßenrap-Aficionados den Song schon bei Reels oder TikTok gehört haben. Die Message des Tracks ist eigentlich ganz klar:

"Wo sind meine Nguyens, meine Trans, meine Les und Phams"

Hier wird die vietnamesische Heritage auf einem kompromisslosen Beat repräsentiert. Auf ihren Tracks liefern sie außerdem zahlreiche Referenzen an ost- und südostasiatische Popkultur und samplen zwischendurch auch mal ikonische Sounds, wie beispielsweise "Tokyo Drift" von den Teriyaki Boyz auf "VN Boys".

Deutschrap war traditionell schon immer die Stimme von Minderheiten – allerdings kann man dabei nicht leugnen, dass über die Jahre längst nicht alle migrantischen Communitys gleichermaßen repräsentiert waren. Kamua und Kuza sind Teil einer neuen Wave, die harten Rap bringt und dabei eine ganz neue Perspektive liefert. Und lasst euch eins sagen: Man muss nicht zwangsläufig relaten können, um den Sound zu checken. Die Releases der beiden gehen so hart, dass jeder hier auf seine Kosten kommt.

Lavender

(Leon Schäfers)

Aufgewachsen in Wuppertal, mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet: Lavender hinterlässt schon seit mehreren Jahren seine Spuren im NRW'schen Underground. Passender könnte sein Künstlername dabei kaum gewählt sein. Seine Stimme wirkt genauso sanft, entspannend, nahezu beruhigend, wie die Pflanze, nach der er sich benannt hat. Dazu öffnet er auf seinen Songs regelmäßig den Blick in seine Gefühlswelt. Im Interview mit 1Live hat er Künstler wie XXXTentacion und SahBabii genamedropped – Einflüsse, die durchaus hörbar sind.

Ihn auf das Bild einer menschgewordenen Heilpflanze zu reduzieren, würde dem künstlerischen Kosmos von Lavender aber schlicht nicht Genüge leisten. Musikalisch strotzt seine bisherige Diskografie nur so vor Abwechslung. Jüngere Songs wie "Hella" und "Moshpit" haben einen cleanen, zeitgemäßen Hiphop-Klang inne. "Xtra" sorgt für Rage-Vibes. Poppigeren 4-to-the-floor-Sound gibt es auf Songs wie "Blicke Töten" und "Madrid". Gitarrenlastiger wird es bei "so f*cked up!". Und ein Beat wie der von "Blue lights" klingt eher nach 20 Millionen als nach aktuell 20.000 Streams. Ihr merkt also schon: Wer jetzt einsteigt, kann später noch stolz von sich behaupten, ihn vor dem großen Hype entdeckt zu haben.

miiraqt

(Michael Ebenger)

Durch das Internet und mehr erreichbare Möglichkeiten der Musikproduktion können selbst Teenager mittlerweile eine stabile Rap-Karriere hinlegen. Das derzeit bekannteste Beispiel ist Zah1de, die vergangenes Jahr einen der steilsten und schnellsten Aufstiege hingelegt hat, den man so wohl nur mit Lamine Yamals Anfängen beim FC Barcelona vergleichen könnte (an dieser Stelle viele Grüße an Thiago Messi). Auch wenn sie gerade mal vier Songs veröffentlicht hat, steht mit miiraqt schon der nächste Deutschrap-Teeniestar in den Startlöchern. Noch vor Release ihres ersten Songs "Häuser bauen" hat alleine die viral gegangene Hörprobe des Tracks der 16-jährigen Berlinerin schon ihren ersten Major Label-Vertrag bei Universal Music eingebracht.

Böse Zungen würden behaupten, dass man da einfach nur dem Erfolg von Zah1de nacheifern will. Das wird miiraqt aber nicht gerecht. Die 16-Jährige deckt alleine soundtechnisch eine komplett andere Sparte ab. Nicht umsonst war die erste viral gegangene Version von "Häuser bauen" auf einem Beat des US-Shootingstars Osamason gerappt. Auch der aktuelle Output von miiraqt spricht für sie: Auf dem nach vorne gehenden Track "KC", kurz für Kurt Cobain, ist der Einfluss von anderen Berliner Acts wie Pashanim und Ufo361 unweigerlich spürbar. Das “Dragosta Din Tea”-Sample in ihrem neuesten Song "LYLL" kommt so gut, dass sich selbst schon Rapper aus dem Ausland dazu genötigt fühlen, den Song zu klauen. Das Musikvideo zum Track "3 Strikes" fühlt sich dank des Revivals der 2010er-Ästhetik wie eine Zeitreise ins Jahr 2014 an, bleibt musikalisch aber dennoch fresh. 

Gangsta Ralph

(Till Karim Hesterbrink)

Vertraut, und lasst euch nicht von dem Namen abschrecken: Gangsta Ralph klingt zwar eher nach dem Bösewicht aus so einem Nickelodeon-Cartoon, als nach dem nächsten großen Rapstar. Wir versichern euch aber, das hier hat nichts mit Kinderkram zu tun – auch wenn ihm Bricks und Glocks schon in jüngsten Jahren geläufig waren.

"Gangsta Ralph, es geht um Waffen und Taschen/ Substanzen verpacken und hustlen/ Meine Jungs sind am Batzen verprassen/ Und deine Jungs sieht man mit Flaschen an Kassen"

Der Berliner hat bislang gerade einmal drei Songs veröffentlicht und kann trotzdem schon etliche Co-Signs aus der Hauptstadt vorweisen. Ob Big Toe, die 1019-Jungs oder Al Majeed, alle pushen den Rapper mit der extrem markanten Stimme. Aber auch zurecht, der Mann gleitet wirklich über die Beats und liefert, egal wie hart die Themen sind, konstant äußerst smoothe Parts ab.

Wenn Gangsta Ralph dieses Niveau mit seinen kommenden Releases beibehalten kann, dann muss man ihn für 2026 auf dem Schirm behalten.

Yunggunton

(Leon Schäfers)

Wie aus dem Nichts tauchte Yunggunton mit seinem "Big 50 Frstl" im vergangenen August in zahlreichen Social Media-Feeds auf. Der erste Hype folgte prompt: Nicht nur hat der Jugendliche in derart jungem Alter ein souveräneres Auftreten als so manch ein alteingesessener Genre-Kollege, er vermischt dazu noch deutsche Lines mit quasi akzentfreiem Englisch. Letzteres könnte daran liegen, dass er laut eigener Aussage aus Los Angeles stammt – den Eindruck, dass dieser Mix irgendwie "tuff" ist, schmälert das aber nicht. Auch die Kommentarspalten sind sich in dieser Hinsicht einig. Um fair zu sein: Bislang lässt sich kaum abschätzen, ob seine Karriere überhaupt über diesen einen Song hinausgehen wird.

Yunggunton wirkt aus diesem Grund aktuell eher noch wie ein unironisch gutes Meme, weniger wie die vielversprechende Rettung für die Rap-Szene. Liebend gerne lassen wir uns aber eines Besseren belehren. Denn einen mehr als aussichtsreichen Ausgangspunkt hat er von seinem "Penthouse in New York, nothing for the clicks" allemal. 

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