5 Jahre Haft? Wie ein türkischer Rapper zum Symbol für die bedrohte Kunstfreiheit wird

Ende Mai wurde der Rapper Ezhel verhaftet. Die türkische Justiz wirft ihm "Anstiftung zum Drogenkonsum" vor, während seine Verteidigung und Oppositionelle glauben, die Verhaftung habe andere Gründe - Ezhel rappt in Songs nämlich nicht nur über Drogen, sondern thematisiert Dinge wie Kindesmissbrauch, die Einschränkung der Pressefreiheit, Kinderarbeit oder Armut. Seine Tracks spickt er gerne mit kurdischen Begriffen, was sich ebenfalls als Statement deuten lässt. Amnesty International fordert die Freilassung des Rappers und wirbt um Untersützung, während der 28 Jahre alte Rapper aus Ankara im Gefängnis sitzt. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Vor gut zwei Wochen war Ömer Sercan İpekçioğlu vor Gericht erschienen. Es hatte eine anonyme Anzeige gegen ihn gegeben. Er wurde zu Inhalten in seinen Texten befragt, in denen es um Drogen geht. Das Gericht interessierte sich außerdem für seine Social Media-Aktivitäten. So weit nichts Ungewöhnliches. Doch wenig später saß Ezhel, der noch im April im Kreuzberger Festsaal gespielt hatte, im Gefängnis. Über seine Verhaftung gibt es unterschiedliche Angaben. Einige Medien berichten, er sei noch im Gericht festgenommen worden, andere Quellen geben an, er sei bei einem anschließenden Medizincheck in einem Krankenhaus von Polizisten abgeführt worden. Fest steht jedenfalls: Seit guten zwei Wochen teilt er sich wenige Quadratmeter mit einigen Mithäftlingen. 

In einem Brief, den er auf Instagram veröffentlichte, beschreibt er die Insassen der Zelle L1 C6 als eine "bunt gemischte Truppe". Wer türkisch versteht, kann sich unten im Artikel einen genauen Eindruck verschaffen. 

"Es ist so, als würde man einen Schauspieler anklagen, der einen Mörder spielt."

Die Verhaftung wegen vermeintlicher Drogenverherrlichung in seinen Texten kritisiert Ezhels Anwalt scharf, indem er seinen Mandanten mit einem Schauspieler vergleicht, der im Rahmen eines Filmes in die Rolle eines Mörders schlüpfe. Der Vergleich hinkt ein wenig. Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass Ezhel in seinem Leben bereits Drogen konsumiert hat, als das ein bekannter Action-Schauspieler aus Hollywood tatsächlich bereits einmal mordend durch die Straßen zog. Dennoch macht er deutlich, was im vorliegenden Fall auf dem Spiel steht: die Freiheit der Kunst in der Türkei.

Schließlich ist der Konsum von Drogen immer wieder Thema in der Musik - auch im Rap. Und wenn Ezhel in seinem Track "Alo" über den Struggle der Grasbeschaffung in Ankara rappt, dann lässt sich die Ansicht, derartige Musik sollte im Rahmen eines freiheitlichen und demokratischen Verständnisses von Kunstfreiheit existieren dürfen, durchaus vertreten. Dass Menschen sich von derartigen Inhalten distanzieren, sie ignorieren oder kritisieren dürfen, ist ebenfalls selbstverständlich. Wer die Rapszene in Deutschland verfolgt, dem werden Diskussionen über gewalt- oder drogenverherrlichende Texte bekannt vorkommen. Allerdings wird das hier meist in schwer erträglichen Talks bei Maischberger verhandelt, während Ezhel nun hinter Gittern sitzt.

Der Anwalt Ezhels - und damit steht er nicht alleine - glaubt vielmehr, dass der Justiz Lines aus dem Track "Şehrimin Tadı" ein Dorn im Auge sind: 

Immer nur für euch, Alter, wir wollen auch etwas/ Die Jugendlichen sind arbeitslos, während ihr die Chefs seid, dann f*ckt die Arbeit

Ezhel - Şehrimin Tadı

Ezhel Linsanlı Ürünleri : https://www.hollyhood.com.tr/ezhel Söz: Ezhel Müzik: Bugy Yönetmen: Caner Çetiner Yrd.

Mit dem Track erreichte Ezhel auf YouTube bislang knapp 36 Millionen Menschen. Er war eine Single seines Albums "Müpthezel", mit dem er vor einem Jahr den Sprung in den Mainstream schaffte. Doch der Fall eines der größten türkischen Rappers muss im Kontext der aktuellen politischen Situation der Türkei gesehen werden, die natürlich Einfluss auf die Kunst- und Kulturszene des Landes hat.

Die Lage ist nicht hoffnungslos

Am 24. Juni sind in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen. Die Türkei hat sich in den vergangenen Jahren politisch stark gewandelt. Mit den Wahlen im Juni treten wesentliche Verfassungsänderungen in Kraft, für die sich in einem umstrittenen Referendum im vergangenen Jahr die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler ausgesprochen hatte.

Fünf Jahre nach den Gezi-Protesten in Istanbul habe sich die Türkei in Richtung eines autoritäten Staates entwickelt, kritisieren NGOs weltweit. Der Kulturjournalist Ingo Arend, der als Experte für die türkische Kunst- und Kulturszene gilt, gibt im Gespräch mit dem Sender Deutschlandfunk Kultur eine differenzierte Einschätzung der Situation ab und ordnet den Fall des Rappers Ezhel ein.

Fünf Jahre Gezi-Proteste - Warum die Lage in der Türkei nicht hoffnungslos ist

Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache geht weiter: Ablehnend äußert sich die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in der "Zeit" - neben anderen Kolleginnen und Kollegen. Zwei Linguisten plädieren in der "SZ" wiederum vehement für das Gendern. Mehr Künstler oder Servicepersonal? Dulden oder Aufbegehren? Im Mai-Theaterpodcast geht es um die Rolle des Schauspielers im 21.

Seit dem gescheiterten Putschversuch vor knapp zwei Jahren herrscht im Land ein von der Regierung verhängter Ausnahmezustand, der die Zivilgesellschaft unter Druck setzt. 1.300 Organisationen, die sich für verschiedene gesellschaftliche Belange eingagieren, wurden seitdem verboten. Das rechneten internationale Hilfsorganisationen aus, so Ingo Arend. Die international umstrittene türkische Militäroffensive auf Afrin habe in der Türkei dazu geführt, dass seitdem 845 Personen wegen ihrer Social Media-Aktivitäten festgenommen wurden.

Im Rahmen dieser Festnahmen habe es nun einen der bekanntesten türkischen Rapper getroffen, so schildert es Arend, der zudem darauf hinweist, dass in den vergangenen Monaten mehr als 200 Songs vom staatlichen türkischen Sender verboten worden seien.

Diesen alarmierenden Zahlen und Ereignissen setzt der Experte allerdings persönliche Eindrücke und Schilderungen aus der türkischen Kunstszene entgegen, die sich anhand einzelner Ereignisse der vergangenen Jahre belegen lassen. Tatsächlich hat Erdogans AKP in der Vergangenheit beispielsweise die Yeditepe-Biennale unterstützt. Eine Ausstellung, die sich vor allen traditionellen Kunstformen widmet.

Sind es bestimmte Kunstformen, die besonders bedroht sind?

Es entsteht der Eindruck, dass es Erdogan und seiner Partei vor allem um Kunstformen geht, die nicht in konservative Weltbilder passen. Dazu passt die Begründung, die dem Verbot der mehr als 200 Lieder folgte: Die Stücke passten nicht zur "Moral des Landes". So ist zu befürchten, dass es in der Türkei der Gegenwart vor allen Kunstformen wie die des Hiphops betrifft, die in bürgerlichen Milieus weiter wenig anerkannt sind.

Gegenüber Arend äußerten sich einige Künstler dennoch vorsichtig optimistisch, was die Entwicklungen in der Türkei angeht. Ob dieser Optimismus sich bezüglich fairer Wahlen und freier Kunst und Kultur aller Genres bewahrheitet, vermag selbstverständlich niemand vorauszusehen. Die Entwicklungen - so differenziert man sie betrachtet und so schwierig sie aus einer europäischen Perspektive zu beurteilen sind - bieten allerdings mindestens Anlass, die Entwicklungen aus demokratischen Gesichtspunkten heraus kritisch zu verfolgen.

Ezhel selbst, dem übrigens auch deutschsprachige Rapper wie Ufo361 unter dem Hashtah #FreeEzhel schon Solidarität aussprachen, scheint die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben zu haben. Aus seiner Zelle im Istanbuler Stadtteil Maltepe schrieb er in einem Brief Zeilen wie "Nieder mit der Zensur, hoch lebe der komplett unabhängige Rap" und endete mit den Worten: "Möge die ganze Schönheit der Welt mit euch sein". 

Sevgi ve Barış ile. Ailem, gardaşlarım, dostlarım, sevenlerim. Hepinizi sevgiyle kucaklıyorum. Destekleriniz için teşekkür ederim. Varlığınız bana güç veriyor. Güzel kalplerinizden öpüyorum. Ben gayet iyiyim, burada da beni dinleyen, bilen arkadaşlar var, onlar da çok yardımcı oldular. Onlara da çok teşekkür etmek isterim, umarım dostluğumuz daim olur. Müptezhel albümünün ilk doğumgününde koğuşa geçtim. Çok enteresan tesadüfler yaşadım. Hikayelerimi sizlerle yeni şarkılarımla paylaşmayı çok isterim. Gelir gelmez bağlamaya sarıldım. Burası gerçekten ilginç bir koğuş. İnşaat işçisi de var, Amerika'da mühendislik bitirmiş insan da. Varoş hikayeleri ve entellektüel tartışmalar bir arada. Nedendir bilmiyorum mapusluktan mı, duyduğum her şiir, dinlediğim her türkü bugüne kadar duyduğum en güzelleriymiş gibi geliyor. Hayatın insanlara neler yapabildiği ve yaptırabileceği beni her an şaşırtıyor. Tek diyebileceğim, aldığınız her nefesin değerini bilin. Moralimi bozan şeylere de değinmek istiyorum. Gelir gelmez tüm gazetelerde ve tüm haberlerde kendimi gördüm. Akşam Kadıköy'de yapılan operasyonla gözaltına alınmışmışım. Şimdi buraya okkalı bir küfür yazmak isterdim :) ama bu benim ilk cezaevi mektubum. Herkes bilsin isterim ki, polis beni ifadeye çağırdı ve sonraki sabah, başım dik ve gönlüm rahat bir şekilde Vatan emniyete şahsen ifade vermeye gittim. Beni bir kaçak ve korkak gibi gösteren tüm medyayı kınıyorum. (1/2)

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Bunun dışında destek olan haberlere de rastladım :) Teşekkür ediyorum. İkinci olarak Vatan emniyette ifade verebilmem için bana baronun atadığı avukat hanıma yazıklar olsun. Nasıl olsa ifade verip giderim diye düşündüğüm için özel avukatımı çağırmadım. Bu hanım benimle, bana ne işim var diyip adliyeye bile gelmedi, sağolsun iyice geç kaldık ve baro yeni bir avukat atayabilene kadar saatler geçti. Buna rağmen avukat hanım televizyona çıkıp, avukatımmış gibi, garip garip konuşuyor. Ah, şu 15 dk.lığına da olsa şöhret olma merakınız. Herkes bilsin. Üçüncü olarak tutuklanmama sebep olan, beni BİMER'e şikayet eden kişiye seslenmek isterim. Ben size ne yaptım? Kendimi geçtim, sizi bir anayı ağlatmanın vicdanıyla başbaşa bırakıyorum. Bugy ve Efe, can kardeşlerim. Sizi özlüyorum. Çıktığımda yakalım piyasayı! KOVL! Rıza abim ve tüm StageArt ailesi, iyi ki varsınız. Sabırla daha iyi günlere. Kurban olduğum canım annem. Birtanem. Kim bilir nasılsın? Hep aklımdasın. Seni düşündükçe gözlerim doluyor. Beni merak etme, ben çok iyiyim. Biz neler gördük canım anam bunları da atlatırız. Mutlu ol bana yeter. Oğlun dimdik, sapasağlam. Dayıma çok selam onu çok öpüyorum. Son olarak kaldığım Maltepe Cezaevi L1 C6 koğuşu başta olmak üzere bütün kader mahkumlarına sabırlar dilerim. Kahrolsun sansür, yaşasın tam bağımsız rap! Dünyanın tüm güzellikleri sizinle olsun... Sercan "Ezhel" İpekçioğlu 26.05.2018 - Cumartesi (2/2)

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Kommentare

9 von 10 türken in deutschland werden dennoch erdogan wählen
und türkische deutschrapper werden ihn noch pushen.
gratuliere zur doppelmoral

Macht mal bitte keine politik hiphop.de. Die hälfte von eurem artikel ist falsch. Ich definiere es nicht als gelogen weil es sein kann das ihr eventuell nicht die nötigen informationen über das thema hattet. Ezhel rappt nicht kurdisch, er hat kaum was über pressefreiheit von sich gegeben usw. Er wurde wie er selbst angegeben hat verhaftet weil jemand ihn über BIMER (ein system in der Türkei) angezeigt hat. Er wird wahrscheinlich in kurzer zeit freigesprochen

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Exklusives Statement: Sido distanziert sich von Verschwörungstheoretikern

Exklusives Statement: Sido distanziert sich von Verschwörungstheoretikern

Von Clark Senger am 13.05.2020 - 13:41

Sido ist für einige Aussagen im kürzlich erschienenen Interview mit Ali Bumaye ins Kreuzfeuer geraten. In entspannter Atmosphäre sprachen die beiden unter anderem über Xavier Naidoo, Corona, entführte Kinder, Adrenochrom, die Rothschild-Familie. Ganz dünnes Eis – vor allem in dieser Kombination.

Der Rolling Stone stellt ihn in unter 100 Wörtern zu Xavier Naidoo in die Ecke, der Musikexpress zieht ihm den Aluhut an und die Bild widmet ihm nur wenige Zentimeter unter massiver Stimmungsmache gegen die Coronaregeln ein fettes Banner. Wir haben von Sido ein exklusives Statement bekommen, in dem er nicht alle Fragen klärt, sich aber deutlich von bestimmten Verschwörungstheoretikern distanziert.

Sido bezieht Stellung zu Adrenochrom & Xavier Naidoo

In diesen unruhigen Zeiten fliegen uns die wilden Verschwörungstheorien nur so um die Ohren. Corona hier, Bill Gates da und unter Europa 100.000 US-Soldaten, die sich auf die andere Seite der flachen Erde buddeln. Irgendwas in der Art.

An diesen Wahnsinn will kein langjähriger Rapfan auch noch Sido verlieren, der viele von uns begleitet, seit wir die Grundschule verlassen haben. In besagtem Interview mit Ali kommt der Berliner nach etwa 19:10 Minuten selbst auf das Thema Adrenochrom zu sprechen. Vorher geht es um die Todesursachen von Harald Juhnke und Helmut Schmidt. Sidos scherzhafter Einwurf:

"Vielleicht hat er [Helmut Schmidt] Kinderblut getrunken."

Trigger! Glaubt Sido also auch an die Verschwörungstheorie, nach der eine Elite aus dem Verborgenen die Welt kontrolliert und sich mit Kinderblut jung hält? Auf unsere Nachfrage distanziert er sich weder gänzlich von der Theorie, die Xavier Naidoo in Deutschland mainstream-tauglich gemacht hat, noch verteidigt er den Musiker: "Ich weiß genau so viel wie alle: nämlich nichts." Die differenziertere Version:

"Wenn es so ist, wie er sagt, ist es doch gut, dass jemand mit seiner Reichweite darüber aufklärt. Wenn es nicht so ist, wie er es sagt, [...] dann ist es einfach nur verrückt. [...] Ich bin auf keiner Seite. Ich weiß nicht, ob Dinge so sind oder nicht."

Ob Kinder entführt und nie wieder gefunden werden? Ja. Ob es Satanisten, Kannibalen und Geisteskranke gibt? Sure, leider. Das Problem ist, dass diese Fakten gemeinsam mit einer wirren Sammlung von kruden Vermutungen aktuell zur Vorstellung von einer weltumfassenden Verschwörung zusammenlaufen. Coroni hittet hart, wie Longus Mongus es vor einigen Wochen in einem anderen Kontext formuliert hat.

Kollegah & die QAnon-Verschwörungstheorien: Klare Distanzierung bleibt aus

Es mag auf den ersten Blick amüsant wirken: Kollegah ist Top-Kommentar unter einem Instagram-Post des Mannes, der mit Jeff Bezos permanent um die Position des reichsten Menschen der Welt ringt.

Distanzierung von Attila Hildman & KenFM

Zurück zum Talk mit Ali Bumaye: Dort thematisieren die beiden erst Adrenochrom, gehen dann fließend zu "sehr mächtige[n] Leute[n]" über und anschließend zur Rothschild-Familie. Das hinterlässt ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, weil gerade die Rothschild-Theorien am Ende in der Regel auf einen antisemitischen Kern zurückzuführen sind. Egal, ob ihre Multiplikatoren das dabei im Hinterkopf haben oder nicht.

Seine Skepsis gegenüber Medien von beiden Seiten des politischen Spektrums ("Ich glaube niemandem. Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe", sagt er in seiner Insta Story) mag aufgrund persönlicher Erlebnisse einerseits nachvollziehbar sein. Andererseits verstärkt es Unsicherheiten in einer ohnehin unsicheren Zeit, wenn er absurderweise behauptet die "großen Medien" seien allesamt "unterwandert" und würden "einem reichen Typen" gehören.

Generell scheint Sido das Gespräch mit Ali Bumaye bezüglich der problematischen Themen wie ein lockeres Herumspinnen mit einem Homie zu sehen, mit dem man sich über die Absurditäten austauscht, über die man 3 Uhr nachts auf YouTube stolpert. "Es kann sein, dass ich mich ab und zu vielleicht ein bisschen differenzierter ausdrücken muss, damit immer alle alles richtig verstehen", erklärte er sich auf Instagram.

Problematisch ist, dass (aktuell) 320.000 Leute dieses Herumspinnen gesehen haben und der eine oder andere Zuschauer es sicher nicht schaffen wird, so neutral wie Sido zu bleiben, der hier ins Blaue spekuliert und kombiniert. In der aktuell zu Recht sensiblen Berichterstattung und noch vielmehr auf diversen Twitter-Accounts gilt er dadurch unmittelbar als lost. Von den fabulierten Zusammenhängen, die diversen Verschwörungstheoretikern zurzeit Aufwind bringen, distanziert Sido sich uns gegenüber in aller Deutlichkeit:

"Im Grunde ist mir scheißegal, ob die Leute wieder versuchen, mir irgendwas in den Mund zu legen oder nicht. Meine ganze Karriere über läuft das so. Ich möchte nur nicht in einer Ecke stehen mit den Attila Hildmanns und KenFMs dieses Landes. Ich habe mit sowas nichts zu tun. Ich sitze zu Hause und gucke mir diese Videos an und lache mich kaputt über die. Ich habe mit diesen Menschen nichts zu tun. Deswegen finde ich es jetzt einfach grade richtig scheiße und gefährlich, dass mir diese Worte in den Mund gelegt werden und ich als Verschwörungstheoretiker verschrien werde."

Die Meinungen sind eben derzeit polarisiert wie seit Dekaden nicht mehr. Die extreme Situation, in der die Welt sich gerade befindet, verleiht einfachen Erklärungen für komplizierte Sachverhalte zusätzliche Attraktivität. Die Rattenfänger da draußen wissen ganz genau, mit welcher Tonlage sie ihr Lied spielen müssen. Zu Hildmann und Ken Jebsen aka KenFM fügt Sido zum Schluss hinzu:

"Ich halt die für sehr gefährlich."

Sido in Corona-Zeiten bisher oft vorbildlich

Abgesehen davon, dass er Tilman Knechtel aka TrauKeinemPromi in seine Live-Show eingeladen hat, der hinter jedem prominenten Todesfall ein satanistisches Ritual vermutet, erklärter Impfgegner ist, mit dem Rechtspopulisten Oliver Janich paktiert und Deutschlands Schuld am zweiten Weltkrieg relativiert, hat Sido sich in der Coronakrise bislang vorbildlich verhalten.

Mit seinem Format "Zuhause mit Sido" unterhält er jeden Freitag seine Zuschauer und animiert dazu, gefälligst nicht zu Tausenden gegen die Kontaktbeschränkungen zu demonstrieren. Er nutzt seine Reichweite, um Krankenhauspersonal Liebe zu schenken.

Wenn er also sagt, es sei gefährlich und scheiße, ihn jetzt als Verschwörungstheoretiker zu verschreien, hat er vollkommen Recht. Wer Leute vorschnell abstempelt, geht das Risiko ein, sie aus dem eigenen Kreis in die offenen Arme der Spalter zu treiben. Das spielt wiederum den Rechten in die Karten, deren egozentrische und menschenfeindliche Weltanschauung derzeit in einen Zweiteiler aus "Systemkritik" und "Freiheitskampf" gepresst wird.

Nur die Verlorenen sind verloren

Die TAZ resümiert hinsichtlich der Verschwörungstheoretiker in ihrem Artikel über Sidos Abwege:

"Es geht nicht darum, diesen Menschen zuzuhören oder sie in die Talkshows einzuladen, denn sie haben den Boden der logischen Argumentation meist verlassen. Man muss denen, die tatsächlich ehrlich auf der Suche nach Antworten sind, Alternativen bieten. Die Ungerechtigkeiten unseres Systems sind nicht wegzudiskutieren. Dass sich Menschen in diesem Land von vorne bis hinten verarscht vorkommen, ist legitim.

Dass sie deshalb antisemitische und faschistische Verschwörungstheorien teilen, ist es nicht. Jenen die Hand zu reichen, die sich verlaufen haben, ist eine der Möglichkeiten. Unsere absolute Pflicht ist es jedoch auch, denen entschieden entgegenzutreten, die die aktuelle Situation dazu nutzen, rechte Ideologien zu verbreiten."

Ja, es ist grade verdammt anstregend, ermüdend und desillusionierend, den geballten Bullshit der Menschen im Internet und auf den Straßen zu ertragen. Die Verlorenen sind verloren. Aber nicht jeden Homie, der sich von dem einen oder anderen Statement aus Ken Jebsens Video catchen lässt, sollte man unwiderruflich abschießen, entfreunden und ihm einen Stempel auf die Stirn drücken.

Das kategorische Stigmatisieren nicht geteilter Meinungen und Ansichten – mögen sie auch abwegig sein – hat Deutschland in den letzten fünf Jahren nicht näher zusammen gebracht. Ganz im Gegenteil: Es provoziert nahezu eine stärkere Polarisierung.

Natürlich ist es richtig und wichtig, Dinge zu hinterfragen. Erst recht als Journalist! Genauso sollte man aber auch zweimal nachdenken, bevor man mit der Keule auf Leute schlägt, die grade vom Weg abgekommen sind.

Sido hat sich "ein bisschen informiert", wie er uns sagt. Er ist niemand, der eine politische Gegenbewegung anführen wird oder aktiv eine Verschwörungsagenda durchdrücken will, um Leute aufzuwecken. Er hat offenbar ein paar strange Videos gesehen. Nicht weniger und hoffentlich auch nicht mehr.

Nichtsdestotrotz sollte sich jeder an die Fakten halten. Was für Sido und Ali im Gespräch nur halbernst sein mag, kann in anderen Köpfen zu einer gefährlich Botschaft reifen. Gerade als Mainstream-Figur, die Sido eben ist, muss man sich bewusst machen, welche Wirkung das 2020 hat.


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