Die besten französischen Rap-Alben 2020 (bis jetzt)

Der Einfluss von französischem Rap insbesondere auf die deutschsprachige Szene bleibt auch 2020 ungebrochen. Bei unseren Nachbarn im Westen tummeln sich innovative Newcomer, interessante Persönlichkeiten und Rapper, die auch jenseits der 40 noch frisch und hungrig klingen. Ein Blick herüber lohnt sich immer!

Nach dem Rückblick auf die Songs, die Rap-Frankreich im ersten Quartal im Griff hatten, liefert unser Kollege Tobias Wilinski jetzt für eine Zusammenstellung von Alben, die man 2020 gehört haben muss. Neben seinem "ThemaTakt"-Podcast hat Tobias kürzlich ein neues Format namens "L'heure du rap" (@lheuredurap) auf say-say.de gestartet, in dem er sich ausschließlich mit der französischen Rapwelt befasst. Mit Input zu seinem Podcast oder Pitches für Artikel bei uns könnt ihr euch vertrauensvoll an den entsprechenden Instagram-Account wenden.

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Isha - La Vie Augmente Vol. 3

Einer der wichtigsten kongolesischen Filme ist zweifelsohne „La vie est Belle“ („Das Leben ist schön“). Regisseur war 1987 Ishas Onkel Ngangura Dieudonné Mweze. Ishas Reihe „La vie augmente“ („Das Leben vergrößert sich“) ist eine Referenz an diesen Film. Auch in seinen Texten behandelt Isha, der schon seit über 15 Jahren Musik veröffentlicht, Afrika beziehungsweise die Kolonisation des Kongo.

Im Opener „Durag“ rappt er „Kongo – unsere Väter wurden von Priestern aufgezogen / man schlug uns, wenn wir das Ave Maria falsch zitierten“ und im Song „Les Magiciens“ nimmt Isha die Perspektive eines Kolonisierten ein, der die Kolonisatoren für Magier hält: „Sie haben Gold und Diamanten genommen, hinterlassen haben sie das magische Buch (die Bibel)“.

Isha gelingt es, tiefgründige Texte zu schreiben, ohne dass die Musik dadurch schwerfällig wird. „Magma“ ist einer der stärksten Songs des Jahres und „Chaud devant“ strahlt eine ähnliche Hitze aus. Aufgewertet wird „La vie augmente Vol. 3“ durch die Feature-Gäste: Green Montana auf „Bad Boy“, Ausnahme-Rapper Dinos, Sofiane Pamart am Piano und PLK, der auf „Tradition“ im gleichen Flow wie Isha rappt. 

Top-Songs

  • Les Magiciens
  • Magma
  • Chaud Devant

Laylow - Trinity

„Bienvenue dans le programme Trinity“, begrüßt uns im Intro eine weibliche Computerstimme. Wer oder was ist Trinity? Das erfahren wir nach und nach auf Laylows gleichnamigen Debütalbum. „Es ist wichtig, dass ihr das Album in der richtigen Reihenfolge hört!“, schreibt Laylow am Release Day auf Instagram. Es ist nämlich ein Konzeptalbum, dessen Songs aufeinander aufbauen. 

Es startet mit dem kraftvollen „MEGATRON“, das bewusst „Black Skinhead“ und andere Kanye West-Songs referenziert. Doch der Rest des Albums ist vor allem melancholisch und düster. Die Videoauskopplungen visualisieren eine dystopische Welt voller Technologie, Matrix-Referenzen und Emotionen.

Ein Höhepunkt ist „BURNING MAN“ mit Lomepal. Im Refrain heißt es übersetzt: „Ich kreiere, dann mache ich alles kaputt, das ist wunderbar / ich zerstöre mich jeden Tag etwas, das ist mein Leben“. Diese Stimmungen verstärkt Laylow mit vielen kleinen Details, indem er seine Stimme beispielsweise mit Effekten bearbeitet und so selbst teils wie ein Computer klingt. 

Trinity, die elektronische aber sanfte Frauenstimme aus dem Intro, taucht immer wieder in Skits auf. An einem Punkt scheint Laylow sogar zu denken, dass er in einer Beziehung mit ihr wäre. Die Wahrheit erfahren wir erst im Skit vor dem letzten Song: Trinity ist eine Software, die Emotionen stimuliert. Im anschließenden Song ist Laylow ohne Trinity – und somit auch ohne Emotionen. Damit ist er quasi selbst zu einer Software/einem Roboter geworden. Gänsehaut!

Top-Songs

  • Hört das ganze Album!

Népal - Adios Bahamas

Népal konnte die Veröffentlichung seines Albums leider nicht miterleben. Zwei Monate bevor es erschien, ist er aus unbekannten Gründen mit nur 29 Jahren verstorben. Er war Rapper, Beatmaker, Videograf, ein echtes Multitalent. Und Geheimniskrämer. Sein Gesicht hat er (so wie auf dem „Adios Bahamas“-Cover) verhüllt, maskiert oder geschminkt und im Video zu „Daruma“ bewegen sich vor seinem Gesicht verschiedene Elemente.

Ein wiederkehrendes Element auf „Adios Bahama“ ist Népals Lebensphilosophie. Dazu zählen Kritik am Kapitalismus, die er zum Beispiel im Song „Millionaire“ zeigt („Ihr seid im Wettlauf, aber es gibt keine Ziellinie“), und an Künstler*innen, die sich komplett verstellen („Leb wenigstens dein Leben, wenn du schon deine Texte nicht lebst“ in „Sundance“).

In vielen Songs zeigen sich hinduistische und buddhistische Einflüsse und Népals Begeisterung für Japan: Das Intro ist auf japanisch und der letzte Song „Daruma“ ist nach einer japanischen Glücksbringer-Figur benannt. „Adios Bahamas“ ist das Album eines reflektierten Künstlers mit einem extrem großen Wortschatz und für viele jetzt schon eines der Alben des Jahres. 

Top-Songs

  • Ennemis, Pt. 2 ft. Di-Meh
  • En Face ft. Nekfeu
  • Daruma

Meryl - Le Jour Avant Caviar

Meryl hat das Mixtape vor zwei Jahren geschrieben. Weil sie damals quasi noch nichts erreicht hatte, heißt es „Tag vor dem Kaviar“. In der Zwischenzeit hat sie allerdings eine ganze Menge geschafft und unter anderem mit bekannten Künstler*innen wie Soprano, Niska und SCH zusammengearbeitet. Bis jetzt hatte sie meist im Hintergrund gearbeitet und vor allem für andere Künstler*innen Songs geschrieben.

Sie ist außerdem eine äußerst talentierte Top-Linerin, sie schreibt also die Melodien, die später zu Ohrwürmern werden sollen – und die Fähigkeit demonstriert sie auf ihrem Tape in ihrer ganzen Pracht. Fast jeder der zehn Songs (+ 2 Bonus Tracks) enthält Stellen, die auch Stunden nach dem Hören noch im Kopf rotieren. Besonders gefährlich ist es beim gesungenen „La Brume“, der Hit-Single „AH LALA“ oder dem sommerlichen „Billets“-Refrain.

Auf „Jour Avant Caviar“ zeigt Meryl, dass sie rappen und singen kann – und nicht nur auf französisch: Auf „Beni“ singt Meryl, die in Martinique geboren wurde, zum größten Teil auf Kreol. Das Mixtape scheint wenig verkopft und dadurch umso vielseitiger.

Top-Songs

  • La Brume
  • AH LALA
  • Coucou

Ninho - M.I.L.S. 3

Ninho ist ein Phänomen. Er ist gerade erst 24 geworden, aber schon der Künstler mit den meisten Gold-, Platin- und Diamant-Singles in Frankreich.

Auch sein Mixtape „M.I.L.S 3“  ist nach nur einem Monat Platin gegangen. Es hat sich also mehr als 100.000-mal verkauft. Das einzige Album, das bislang 2020 noch erfolgreicher war, ist „Les derniers salopards“ von Maes.

Was Ninho und Maes (aber auch Booba, Damso, PNL oder Nekfeu) ausmacht: Alle legen sehr viel Wert auf Melodien und Harmonien. Ob mit oder ohne Autotune – sie können singen. Ninho zeigt das auf „M.I.L.S 3“ sowohl in eingängigen Hooks als auch in seinen Parts, in denen er immer wieder zwischen hartem Rap und gesungenen Lines switcht. So schafft er es, trotz weniger Feature-Gäste für Abwechslungsreichtum zu sorgen: Songs, die aggressiv nach vorne gehen wie das Intro, der Titeltrack oder „Millésimes“, wechseln sich mit sentimentalen Sounds wie in „La Puerta“, „Le Jeu“ oder „Mauvais Djo“ ab.

Auch „Promo“ stimmt traurige Piano-Klänge an. Es ist der erste Song von Ninho und dem belgischen Superstar Damso, nachdem eine Kollaboration auf Ninhos Album „Destin“ aus zeitlichen Gründen nicht geklappt hatte. Überraschenderweise ist der erfolgreichste Song des Albums keine von Ninhos Dealer-Balladen, sondern ein Liebessong, der seine besondere Atmosphäre einem minimalistischen Instrumental verdankt: „Lettre à une femme“ („Brief an eine Frau“).  

Top-Songs

  • M.I.L.S 3
  • Promo ft. Damso
  • Millésimes

Caballero & Jeanjass - High & Fines Herbes

Sie kochen mit Weed, lassen Rapper in Spielen wie „Wer dreht in zwei Minuten die meisten Joints?“ und filmen das Ganze in ihrer Reality-Show „High & Fines Herbes“. Jetzt hat das belgische Duo den Soundtrack zur dritten Staffel rausgebracht. Trotz Weed-Konsum waren die Beteiligten fleißig: Ganze 24 Songs (und als Sahnehäubchen ein Bonustrack) befinden sich auf dem Album. Wobei man auch sagen muss, dass sie ihr letztes Album „Double Helice 3“ vor zwei Jahren rausgebracht haben.

JeanJass hat auch zugegeben, dass der Titeltrack der Show („Demain“) schon seit 2018 auf dem Rechner schlummert. Damals hatten sie gedacht, dass den Song keiner mögen würde – mittlerweile ist er einer ihrer beliebtesten Songs.

Auf ihrem Soundtrack versammeln sie 22 Künstler*innen, von denen die meisten auch in der Show zu Gast waren: zu den bekanntesten Features zählen Rim’K, Mister V, Lefa und Lomepal. Highlights sind aber auch die Songs „De loin“ mit der begnadeten Chilla und das düstere „Quand Meme“ mit Isha, der seit kurzem sogar in der gleichen Straße wie JeanJass wohnt.

Das Album versprüht – passend zur Serie des belgischen Duos – positive, entspannte Vibes und ist auch ohne CD-Verkäufe mit 4.500 Einheiten auf Platz 3 der Charts eingestiegen. Welcher Rapper den ersten Platz aka „Poumon D’or“ („goldene Lunge“) in ihrer Show macht, seht ihr hier.

Top-Songs

  • De Loin ft. Chilla
  • Demain
  • Quand même

S. Pri Noir - Etat d’esprit

Circa zwei Jahre nach seinem Debütalbum „Masque Blanc“ bringt S.Pri Noir (Wortspiel mit „Esprit Noir“ – „Schwarzer Geist/Verstand“) sein zweites Album raus. Auffällig sind die Feature-Gäste, die er mit einem extra dafür angefertigten Video im Gaming-Style angekündigt hat: Leto, 4Keus, Alonzo, Lefa, Laylow, Lyna Mahyem, Dadju und die technisch extrem versierten Rapper Sneazzy und Alpha Wann auf der Auskopplung „T’as capté“.

Wie auch schon bei S. Pri Noirs Vorgänger-Projekten, hat Biggie Jo den Großteil der Beats produziert. Auffällig sind die extremen Stimmungswechsel zwischen fast allen aufeinander folgenden Songs. Auf einen eher fröhlichen Song folgt ein langsamer und umgekehrt. Der Club-Song „Badman“ liegt zwischen dem verspielt sentimentalen „Maman Dort“ und dem ruhigen „100 Regrets“. Am deutlichsten wird der Wechsel vom tanzbaren „911“ mit Dadju zu „Dystopia“, dessen orchestraler Beat auch ein Film-Soundtrack sein könnte. So wie „4 litres 2 (Freestyle)“ eine Video-Auskopplung und Album-Highlight! 

Top-Songs

  • Badman ft. Lefa
  • Dystopia
  • 4 litres 2 - Freestyle

Toan - Madre Mediterranea

Am Ende noch ein Geheimtipp: Toan. Er lebt in Paris und arbeitet als Psychologe, nebenbei macht er verdammt gute Musik. Sein erstes und 2020 letztes Album hat er 2015 herausgebracht. Die Zeit des Wartens hat sich gelohnt: „Madre Mediterranea“ ist ein deutlich reiferes Album als der Vorgänger, was sich schon auf dem gleichnamigen Opener zeigt.

Zusammen mit Producer Vincha hat Toan einen schönen Soundteppich gewebt und kleine Details wie Skits, Zikadenzirpen oder das Knistern eines Plattenspielers eingeflochten. Features kommen ausschließlich von Sängerinnen; unter anderem der bekannten Sängerin (und Toans Schwester) Olivia Ruiz.

Auf „Voyage Vers Nous“ zeigt er, dass er auch selbst gut singen kann. Das Thema des Albums ist das Mittelmeer: Spanisch, Arabisch, Französisch – Toan lässt all diese Einflüsse verschmelzen. Der Rapper hat selbst in Frankreich noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Es wäre schön, wenn sich das mit diesem Album ändern würde. 

Top-Songs

  • Madre Mediterranea
  • Rayon de Lumière
  • Voyage Vers Nous

Rap Français: 12 Songs, die du 2020 gehört haben musst // Q1

Hits und solche Songs, die es eigentlich verdient hätten

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20 Deutschrap-Alben, die 2020 prägen können

20 Deutschrap-Alben, die 2020 prägen können

Von HHRedaktion am 11.01.2020 - 17:21

Die Zeit der Jahresrückblicke klingt aus und übergibt das Staffelholz nahtlos an den Ausblick auf das neue Jahr. Einige Alben sind bereits für 2020 angekündigt, manche haben sogar schon ein Release Date, auf andere darf man sich mal mehr, mal weniger berechtigte Hoffnungen machen. Wir wollen mit diesem Artikel zum Diskutieren anregen und einen Überblick über Releases geben, die 2020 ihren Stempel aufdrücken können.

Schon vorab gab es in unserer Redaktion angeregte Diskussionen darüber, wer nun in einer solchen Liste stattzufinden hat und wer nicht. Am Ende konnten wir uns – passend zur Jahreszahl – auf 20 Alben einigen, die sich nicht nur in komplett verschiedenen Sound-Welten bewegen, sondern auch in unterschiedlichsten Karrierestadien der Künstlerinnen und Künstler erscheinen. Während einige Acts vor den Releases ihrer Debütalben stehen, müssen andere sich an ihrem vermeintlichen Opus Magnum messen, ihren neuen Style finden oder aus anderen Gründen einer enormen Erwartungshaltung standhalten.

Wir trauen jeder Musikerin und jedem Musiker in diesem Artikel zu, ein Album abzuliefern, um das man am Jahresende nicht herumkommt. Den Anfang macht ein Stammgast in solchen hoffnungsvollen Ausblicken, der uns in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal vergeblich auf den Winter hat warten lassen und auch in unserem 2019er-Artikel vor einem Jahr und einem Tag zu finden war.

Haftbefehl – DWA

Kaum kündigt sich die kalte Jahreszeit an, bekommt der gemeine Straßenrapfan Bock auf neue Räubermusik aus Offenbach. Und kaum ist der Frühling da, setzt regelmäßig die Erkenntnis ein, dass Baba Haft mal wieder nicht den Nachfolger zu "Russisch Roulette" gedroppt hat. Die in der Zwischenzeit servierten Appetithappen in Form von Feature-Parts machen es schwer, dem permanenten Drang nach "DWA" in einem erträglichen Rahmen zu halten. Haftis Auftritte geraten stets zu mächtig, um irgendwie Abstand von dem Gedanken an den nächsten Meilenstein zu gewinnen.

Das Studioalbum nach dem Opus Magnum ist dabei sicherlich keine leichte Aufgabe. Doch Haft scheint dem gewachsen zu sein, ohne künstlerisch auf der Stelle zu treten. Die Hörproben von Tracks, die letztendlich auf "DWA" landen könnten, klingen ziemlich vielversprechend. Auf drückenden Produktionen von Bazzazian kann eigentlich auch nichts schiefgehen.

Als Hafti irgendwann im Sommer 2019 in seiner Insta-Story mit einer unnachahmlichen Selbstverständlichkeit "das Album des Jahres" in Aussicht stellte, war man geneigt, ihm das ohne Weiteres abzukaufen. Seit Anfang 2019 soll das gute Stück ja auch schon fertig sein. Doch die Fans müssen sich seitdem in Geduld üben. Es wird langsam Zeit: "Dadash, gib ihnen den Klassiker!"

(Michael Rubach)

Ufo361 – Rich Rich

Vier Alben in den vergangenen zwei Jahren, zuvor drei Mixtapes in der gleichen Zeitspanne. Man könnte meinen, Ufo hätte seine Zuhörer in den letzten Jahren übersättigt – es gibt im Business genug Kollegen, die jedes Jahr mit dem gleichen Output langweilen und gefühlt nur die Features und die Songtitel austauschen für die nächste LP. Nur zur Info: Ufo361 ist anders.

Knapp ein halbes Jahr nach dem gelungenen, internationalen Ausflug "Lights Out" mit Ezhel erwartet uns Ende April schon das nächste Soloalbum namens "Rich Rich". Ufo surft seine Wave einfach weiter und pusht seinen Sound, seine Ästhetik und auch sein Feature-Game immer weiter nach vorne. In der ersten Auskopplung "Nur zur Info" zeigt er sich mal wieder experimentierfreudig und lässt damit nur Gutes für den "Wave"-Nachfolger hoffen.

Was Ufo bislang trotz prägender Moves und Songs noch fehlt, kann 2020 vielleicht in die Tat umgesetzt werden: nämlich ein echter Klassiker. Mit "808" war er schon nah am Ziel, ein rundes und pointiertes Album vorzulegen, das in einigen Jahren als Aushängeschild für eine Ära gelten kann. Wenn "Rich Rich" auf unnötige Features sowie gefühlte Filler verzichtet und stattdessen Ufos Vision auf die Essenz reduziert, dann kann Deutschrap sich warm anziehen. Denn es wird icey werden.

(Clark Senger)

Megaloh – tba.

Wir haben lange genug gewartet: Es wird wirklich Zeit, dass Megaloh ein neues Album an den Start bringt. Wer sich auch nur einen der neuen Parts anhört, die er zwischenzeitlich veröffentlicht hat, spürt unweigerlich, was für unglaubliche Lyrics in diesem Rapper unter der Oberfläche brodeln (wie zum Beispiel in der SaMTV Unplugged-Cypher). Die Zeilen müssen dringend raus, um alles zu zerstören und wir wollen sie endlich hören! 

Kein Rapper beherrscht sein Handwerk so wie Megaloh, da kann kommen, wer will. Niemand dreht so hart am Zeiger, wenn es um Rap-Patterns, verschachtelte Reime und wahnwitzige Flows geht. Das muss endlich wieder auf Albumlänge passieren und gebührend honoriert werden. 

Aber nur die Ruhe und keine Angst vor purem Geflexe! Megaloh kann selbstverständlich auch Melodien, Hooks und vor allem wichtige Inhalte abliefern. Das beweisen nicht nur seine bisherigen Solo-Releases wie zum Beispiel "Regenmacher", sondern allem voran natürlich das BSMG-Album "Platz an der Sonne" mit Musa und Ghanaian Stallion.

Ich bin mir absolut sicher, dass das neue Megaloh-Album eine wichtige und wertvolle Bereicherung für die aktuelle deutschsprachige Rapszene wird. Egal, wie es ausfällt, ich bin als beinharter Fan der ersten Stunde wahrscheinlich sowieso mit allem zufrieden. Zwei Wünsche hätte ich trotzdem für die Platte: Einen Song mit OG Keemo und einen mit Dendemann, bitte! 

(David Molke)

Yung Kafa & Kücük Efendi – tba.

Die beiden mystischen Lichtgestalten Yung Kafa & Kücük Efendi verkörpern einen Sound fernab von allem, was Deutschrap derzeit zu bieten hat. Mit ihrer fast engelhaften Präsenz – erhoben und ungreifbar – gleitet das Duo über sphärische Beats. Die Lyrics drehen sich um das good Life zwischen Prada Stores im Nichts von Texas und Abstechern nach Venedig. Nichts Neues? Zeigt mir andere Rapper, die auf locker Wörter wie "Schmusi" in ihre Tracklist packen!

Während sich viele anfangs nur schwer in das Soundbild reinfühlen konnten, bauten sich Kafa & Efendi über die letzten zwei Jahre eine große Fangemeinde auf und haben in gewissen Kreisen jetzt schon Kultstatus erreicht. Keine Geringeren als Ufo361 und Ezhel veröffentlichten mit "YKKE" eine Hommage an Kafabey und FendiOneOneOne. Böse Zungen behaupteten zwar, der Berliner hätte den einzigartigen Stil geklaut, aber Kafa & Efendi waren cool mit dem Move und offenbarten sich ihrerseits als Ufo-Fans.

Ihr letztes Release "UBOOT" erschien im April 2019. Seitdem veröffentlichten Kafa & Efendi nur einzelne Songs, in denen sie ihrem Style treu bleiben. Vor kurzem konnte sich das Duo, das die Grenzen der Rapwelt neu auslotet, einen Major Deal bei Sony sichern. Bei ihrem uniquen Style war es nur eine Frage der Zeit, bis die saftigen Summen für neuen Designer Drip angeflogen kommen würden. Wir sind gespannt, wie Kafa & Efendi ihren Sound weiterentwickeln werden. Ihr Alleinstellungsmerkmal wird ihnen so schnell keiner wegnehmen.

(Jesse Schumacher)

Samra – Jibrail & Iblis

Eigentlich Wahnsinn, dass Samra bisher neun Nummer-1-Singles vorweisen kann, aber immer noch kein Debütalbum auf den Tisch gelegt hat. Nachdem der Berliner bereits zweimal das Release Date und den Titel änderte (zuerst "Marlboro Rot", dann "Smoking Kill“), soll es nun am 17. April soweit sein: "Jibrail & Iblis" wird auf die Szene losgelassen.

Hungrig dürfte Samra zweifelsohne sein. Viel zu erzählen hat er mit Sicherheit. Die letzten Monate an der Seite von Capital Bra und auch die Zeit davor bieten genügend Stoff. Spannend zu sehen sein wird vor allem, auf welcher Soundstraße der "Roadrunner" sich bewegt. Während Samra in der EGJ-Zeit noch stärker auf melancholisch-minimalistische Arrangements gesetzt hatte, passte er sich auf der gemeinsamen Platte mit Capi teilweise auch dessen melodischerem Style an.

Die ersten beiden Singles "Colt" und "95 BPM" geben noch keinen hundertprozentigen Aufschluss darüber, ob es ein Straßenfilm aus einem Guss sein wird. Für die Kreation des Soundbilds hat Samra mit Lukas Piano und Greckoe zumindest schon mal ein Team um sich versammelt, das genau weiß, wie Hits gebaut werden. Den Rest dürfte Samra mit einem Mix aus kompromisslosem Rap und einem Hauch Melancholie erledigen.

(Robin Schmidt)

Jamule – LSD

Kaum zu glauben, aber wahr: Jamule hat abgesehen von seiner EP "Ninio" (März 2019) bislang ausschließlich Singles veröffentlicht. Kein Mixtape, kein Album. Das wird sich am 14. Februar ändern. Dann erscheint mit etwa einem Monat Verspätung – das Album sollte ursprünglich am 10. Januar veröffentlicht werden – sein Debütwerk "LSD".

Im Herbst 2018 wurde Jamules Vertragsunterschrift bei PA Sports' Label Life is Pain bekannt. Kurz darauf gab Jamule in Form von "NBA", seinem ersten releasten Song überhaupt, den Startschuss zu einer jetzt schon steilen Karriere ab. Von da an war der 23-Jährige auch ohne großes Release dauerpräsent. Mit seiner charismatischen Stimmfarbe entwickelte sich Jamule innerhalb weniger Monate zu einem der heißesten Newcomer überhaupt.

Schnell stellte der Essener unter Beweis, dass er sowohl rappen kann als auch ein Gefühl für Melodien auf modernen Produktionen hat. Letztere kommen in der Regel von Deutschraps finest Producer-Duo Miksu und Macloud. Die beiden sind auch für die musikalische Untermalung aller bisherigen Singles aus "LSD" verantwortlich: "Moneyhoneydrip", "1000 Hits ft. Cro", "Athen ft. Luciano" sowie zuletzt "Ich hol dich ab".

(Jonas Lindemann)

Fler – Atlantis

Musikalische Ausfälle sind bei Fler seit 2016 kaum zu finden. Der Berliner schafft es, auch mit Ende 30 noch näher am Zeitgeist zu bleiben als seine Alterskollegen und er treibt sich selbst immer wieder nach vorne. Stagnation gibt’s nicht, Pausen erst recht nicht.

Mit Simes hat er auch endlich den Producer gefunden, der mit seinen Visionen, dem arbeitsintensiven Lifestyle sowie dem generell intensiven Fler umzugehen weiß. Gemeinsam ist das Duo für „Atlantis“ offenbar auf die Suche nach dem neuen Style gegangen und Flizzys guter Riecher für Trends aus Übersee sollte mittlerweile bekannt sein. Fler hat hochwertige US-Adaptionen mit eigenem Touch erfunden. Wie so vieles.

Die vermutlich erste Single "Fame" sowie das Album-Cover zu "Atlantis" lassen vermuten, dass Gunna und Co eine große Inspiration für Soloalbum #16 (!) sein dürften. Ob er damit an sein vermeintliches Opus Magnum "Vibe" herankommen wird, ist zwar fraglich, aber bei einem neuen Flizzy-Album sollte man immer Augen und Ohren offen halten. Kandidaten für die Line, das Video, den Song oder das Album des Jahres können 2020 ebenso dabei sein wie früh antizipierte Trends.

(Clark Senger)

KC Rebell & Summer Cem – Maximum 2

"Summer für immer mein Bruder, du weißt / Irgendwann machen wir 'Maximum 2'", rappt KC auf seinem 2019 erschienen Track "LV" – und irgendwann könnte schon in wenigen Monaten sein. Schließlich kündigten KC und Summer im November vergangenen Jahres die "Maximum Season" an, die neben dem zweiten Teil ihres Kollaboalbums eine Tour mit namhaften Special Guests wie Apache 207, Gzuz und RAF Camora beinhaltet: "Hiermit wollen wir 'Maximum' offiziell announcen. Im ersten Halbjahr 2020 kommt das Ding schon."

Somit setzen die beiden ihr im Juni 2017 erschienenes Kollaboprojekt fort, das durch progressiven Sound zwar polarisierte, sich aber vor allem großer Beliebtheit erfreute und für beide Artists der Fingerzeig für die folgende künstlerische Entwicklung war. Mit einem modernen, erfrischenden Sound, insbesondere gestaltet von Juh-Dee, und Hits wie "Murcielago" sowie "Nicht jetzt" lieferten die zwei den perfekten Soundtrack für den Sommer und zeigten, dass sie auch auf Albumlänge bestens harmonieren. Zur Belohnung gab es Platz eins in den Charts. Auch diesmal dürfte die Platte pünktlich zur warmen Jahreszeit erscheinen.

(Jonas Lindemann)

Pashanim – tba.

Seit Pashanim seinen bisher größten Hit "Shababs botten" veröffentlichte, ist die eingängige Hook in aller Munde. Im gesamten deutschsprachigem Raum sprechen Rapfans jetzt über "grüne Augen, braune Locken". Auf dem Nachfolger "Hauseingang" schlägt Pasha ruhigere Töne an und hat sowohl Optik als auch Sound seines Schaffens auf ein neues Level gebracht.

Zwar ist der Rapper mit "Shababs Botten" so richtig durch die Decke gegangen, musikalischen Output hatte der junge Kreuzberger aber schon früher. Sein Musikvideo-Debüt auf Youtube feierte er gemeinsam mit Chapo102 von den 102 Boyz auf "Homicides". Der älteste Track, den man online von ihm findet, heißt "Windig" und erschien bereits im Oktober 2017 auf SoundCloud. Die Straßenmelancholie sowie das Gespür für atmosphärische Melodien, die authentisch statt cheesy rüberkommen, konnte man auch damals schon heraushören.

Letztes Jahr konnte Pasha sich ein dickes Major-Signing bei Universal sichern. Alles was jetzt noch fehlt, um mit voller Kraft die Szene zu überrollen, ist ein Debütalbum oder -Tape. Zwar ist noch kein Full-Length-Projekt angekündigt, aber nach dem beeindruckenden Durchbruch an die Oberfläche könnten wir schon in der ersten Jahreshälfte damit rechnen.

(Jesse Schumacher)

Keke – tba.

Keke droppt 2020 höchstwahrscheinlich ihr Debütalbum. Das dürfte wirklich groß werden, wenn wir uns ihr bisheriges Schaffen anhören. Aber auch abgesehen von ihrer abwechslungsreichen EP “Donna” oder den Trettmann- und Kummer-Features gilt: Keke zählt zu den spannendsten neuen Künstlerinnen, die der deutschsprachige Rapkosmos zu bieten hat.  

Keke macht schon seit geraumer Zeit Musik und hat den Scheiß sogar studiert. Als Rapperin tritt die Frau allerdings erst seit 2018 auf. Ihrem Talent, Können oder Selbstbewusstsein tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Keke wirkt souverän, vielseitig und vor allem ernstzunehmend. 

Auf ihr Album freuen wir und viele andere uns ganz besonders, weil Frauen im Rap-Game oft immer noch unter den Teppich gekehrt werden. Keke droht dieses Schicksal nicht. Zu authentisch, zu durchdacht, zu schlau und schlicht zu gut wirkt das, was die Künstlerin uns serviert. 

Darum setzen wir große Hoffnungen in ihr Debütalbum: Wir brauchen noch viel mehr solcher starker Künstlerinnen, die nicht davor zurückschrecken, selbstbewusst ihr eigenes Ding durchzuziehen. Aber Keke hat gleichzeitig auch kein Problem damit, Schwäche oder Verletzlichkeit zu zeigen, gefühlvoll zu werden und thematisch ans Eingemachte zu gehen. Diese Mischung fehlt dem deutschsprachigen Rap bisher.

(David Molke)

reezy – Weißwein & Heartbreaks

Mit seinem bis dato erfolgreichsten Jahr im Rücken startet reezy in 2020. Das hält direkt einen Trip nach Los Angeles bereit, wo er sich zurzeit unter anderem mit Apache 207 und Bozza befindet. Dort arbeitet reezy vermutlich an seinem kommenden Album, welches den Titel "Weißwein & Heartbreaks" trägt und die nächste Sprosse auf seiner Karriereleiter darstellt.

Nachdem der Frankfurter im März vergangenen Jahres sein starkes Debütalbum "Teenager Forever" releaste, beendete er 2019 mit seinem bislang größten Hit: "Phantom" mit Summer Cem kommt allein bei Spotify auf über 20 Millionen Streams.

Es ist bei weitem nicht die erste namhafte Kollabo von reezy. Schon als er sich 2018 vom Geheimtipp zum angesagten Newcomer mauserte, pflegte er beste Verhältnisse zu Bausa. Inzwischen ist er als Rapper und Produzent ein nicht mehr wegzudenkender Teil der neuen Deutschrap-Generation, wirkte 2019 an RINs "Nimmerland" mit und kollaborierte unter anderem mit Jamule, Yung Hurn, Nimo und Kalim. Zudem gründete er sein eigenes Label – ebenfalls mit dem Namen Teenager Forever – und signte seinen langjährigen Homie Trim.

In der Außenwahrnehmung stellte das vergangene Jahr für Vollblutmusiker reezy einen großen, wichtigen Zwischenschritt dar, bevor er künftig, vielleicht schon 2020, zu einem der wichtigsten Artists Deutschraps werden könnte. Seinem Gespür für Vibe, RnB und Zeitgeist sei Dank.

(Jonas Lindemann)

Haze – Brot & Spiele

Rund zwei Jahre ist es her, dass Haze mit seiner "Zwielicht LP" ein ziemlich homogenes Album in die Stratosphäre schickte. Aggressive, teils kratzige und dumpfe Samples erinnern darauf an den Boombap-Sound der 90er und 2000er. Während die Instrumentals in aller Konsequenz trocken und roh sind, dringt die graue Tristesse der Hochhaussiedlungen äußerst lebendig aus allen Ecken der Straßenreports des Karlsruhers. Haze' Stimme drückt eine Atmosphäre ins Ohr, als wäre man selbst am Ort des Geschehens dabei.



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/ 13.03.20 / Link in Bio

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Voraussichtlich 13. März erscheint mit "Brot und Spiele" das neue Album. Ein Titel, der bei Haze wie die Faust aufs Auge passt. Er rappt, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber eben auch, um als Vertreter der alten Schule die Leute zu unterhalten. Was dem Vorgänger noch ein wenig abging sind Themen, die über den eigenen Tellerrand der Existenz und des Lebens im Block hinausgehen. Wenn Haze hier noch etwas seine Konturen schärft, dürfte die Platte 2020 bei noch mehr Rapfans Anklang finden.

(Robin Schmidt)

Ramo – tba.

Man kennt diese Vergleiche aus der Sportwelt genau wie aus dem Rapkosmos: Junge Talente mit gewissen Fähigkeiten und Charakterzügen werden als "der neue Messi" und der "deutsche Kendrick Lamar" gefeiert. Oder eben als der neue Haftbefehl.

Vielleicht liegt etwas in der Offenbacher Luft. In Mainhattens Schatten gedeiht deutschsprachiger Straßenrap in seiner vielleicht brachialsten Form. Wenn also kein Geringerer als Sido Massivs Signing Ramo auf dem Weg sieht, Haftis Legacy anzutreten, dann reduziert er ihn nicht auf seine Aussprache, die druckvolle Delivery, eigenwilligen Flow und ein authentisches Auftreten. Nein, er macht ihm das größtmögliche Kompliment.

Nach dem Deal mit Qualität'er lieferte Ramo 2019 einige Singles und erweiterte den Kundenstamm Stück für Stück, 2020 ist die Zeit reif für sein Debüt. "Straßenrap muss wieder unter die Haut gehen und dich auf eine Reise mitnehmen", sagte sein Labelchef uns vor einigen Tagen im Ausblick auf das neue Jahr – problemlos kann man Ramos Namen in dieses Zitat einfügen. Wenn das Label seinem Namen alle Ehre macht und der Offenbacher die Vorschusslorbeeren auf EP- oder Albumlänge rechtfertigt, wird Deutschrap zweifellos seinen Spaß an diesem Kerl haben.

(Clark Senger)

Kalim – MVP

Kalims Arbeitseifer bleibt auch 2020 auf seinem Level – irgendwann in den kommenden elfeinhalb Monaten erwartet uns die neue Platte "MVP". Das ist auch verdammt noch mal extrem gut so – immerhin gehören seine letzten Releases zu den besten, die deutschsprachiger Rap in den 10er-Jahren zu bieten hatte. “Null auf Hundert” aus der abgelaufenen Spielzeit sticht mit durchdachtem Style und Kalims Perfektionismus angenehm aus der Menge heraus.

Kalim ist nicht nur bestens connectet und hat seine Fähigkeiten immer konsequent weiterentwickelt. Er investiert auch die nötige Zeit und Energie in die Umsetzung seiner sehr klaren Vision. Kalim gehört zu den wenigen Rappern, denen ein Album noch als Gesamtkunstwerk wichtig ist. Gleichzeitig ist er jemand, der ganz genau weiß, was er will und wie er dieses Ziel erreicht. 

Hinzu kommt, dass Kalim über eine sehr eigenwillige Delivery sowie einen hohen Wiedererkennungswert verfügt. Gepaart mit seinem Humor, dem Händchen für Beats (beziehungsweise Bawer im Rücken) und der gewissen Straßen-Attitüde darf er gern da weitermachen, wo er 2019 aufgehört hat. Rapfans müssen dieses Jahr definitiv mit dem "MVP" rechnen!

(David Molke)

Elias - tba.

Elias hat eine Sonderposition in der Szene aktuell. Young Mesh sorgt für ein modernes Gewand, das problemlos im Club zwischen Songs von Ufo361 und Tyga laufen kann. Gleichzeitig bringt der junge Rapper Tugenden mit, die insbesondere ältere Rapfans im aktuellen Geschehen vermissen: Flow, verspielte Lines und eine Attitude, die Rap tief in der DNA verankert hat.

Mit der ersten Single "Benzo" aus dem Debütalbum, das offenbar bald vor der Tür steht, behält er genau diese Marschroute bei, die schon beim Mixtape "Flyest Alive" die Fangemeinde vergrößern konnte. Mit Durag, weißen Air Force Ones und Fubu-Hoodie macht er auch im Video klar, dass vergangene Dekaden ihm mehr Inspiration geben als autotune-schwangeres Geträller für die Charts. Er ist oldschool so wie Foxy.

Das Feedback auf seine bisherigen Songs fällt außerordentlich positiv aus und der Hype wächst in einem gesunden Tempo. Als Bindeglied im Generationenkonflikt und mit einem frischen Deal bei Epic im Rücken stehen Young AI alle Türen offen, um seine "Aquafina"-Line wahr zu machen und 2020 Runden im eigenen Droptop zu drehen.

(Clark Senger)

Juju – tba.

Juju hat es bereits im "Intro" ihres Debütalbums "Bling Bling" prophezeiht: "Man wird nicht sagen, das ist Frauenrap auf Deutsch / Man wird sagen, dieses Album hat zerstört" – sie sollte Recht behalten. Über 100 Millionen Streams konnte ihr Hit „Vermissen“ mit Henning May 2019 generieren. Dazu räumte sie den MTV Europe Music Award in der Kategorie "Best German Act" und weitere Preise bei der 1LIVE Krone ab. Wie geht es nach so einem Solodebüt weiter? Bekommen wir direkt 2020 Nachschub?

Das zweite Album ist bekanntermaßen das schwierigste. Die Fans erwarten nicht weniger als eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. Jujus eigene Ansprüche dürften nicht minder ambitioniert sein. Ihr Wunsch für die Deutschrap-Szene in diesem Jahr lautet, "dass die Texte von Rapsongs inhaltlich wieder persönlicher und interessanter werden". Dazu kann sie selbst ihren Teil beitragen.

Möglicherweise ist der lyrische Aspekt eines ihrer Motive für den Nachfolger zu "Bling Bling". Nicht, dass die Lyrics darauf nicht authentisch und teilweise tiefgründig gewesen wären. Juju könnte aber noch mehr in sich gehen, um spannende Themen aus ihrer Vergangenheit hervorzuheben oder das letzte Erfolgsjahr zu reflektieren. Sie wird aber garantiert ebenso ein Auge darauf haben, dass die neuen Songs live für Ekstase sorgen.

(Robin Schmidt)

Cro – tba.

Mit seinem "Raop" hat Pandamaskenträger Cro 2012 die Türen für melodischen Rap in Deutschland ganz weit aufgetreten. Die landesweite Panda-Ekstase ist nun schon ein paar Jahre her. Inzwischen geht es Cro mehr denn je um die Wahrnehmung als Vollblutkünstler. Er beschränkt sich auch keineswegs nur auf Rap. Beim Designen, Produzieren oder Malen tobt sich Carlo Waibel ebenfalls aus. Mit seinem letzten Release "tru." entledigte sich Cro dann endgültig vom Image des Teenieschwarms.

Vom Ex-Chimperator kann jederzeit das nächste große Ding kommen. Mit der Sicherheit eines absoluten Kritikerlieblings in der Hinterhand lässt es sich befreit aufspielen. Beweise seines Könnens ist er niemanden mehr schuldig. Lockere RnB-Nummern wie "One Way" oder "Victoria's Secret", die in den letzten Jahren eher beiläufig eingestreut wurden, erwecken zudem den Eindruck, als bleibe sich Cro vollkommen tr(e)u. Und das heißt: Er macht einfach, wonach ihm der Sinn steht.

Zuletzt ließ er sich auf Jamules Single "1000 Hits" blicken und fügte sich galant in den eher poppigen Song. Wenn man sich aber gleichzeitig vor Augen führt, dass er mit Producer Jimmy Duval connectet ist, der XXXTentacions Rage-Hymne "Look At Me!" produziert hat, dann wird klar, dass ein neues Cro-Album auf viel mehr hinauslaufen könnte als auf einen bloßen Angriff auf die Chartspitze.

(Michael Rubach)

Apache 207 – tba.

Auf den fokussierten Anlauf 2018 folgte 2019 der rekordverdächtige Absprung. 2020 werden wir sehen, ob die Regeln der Schwerkraft auch für Apache 207 gelten. Ein Blick auf die abgelaufene Spielzeit lässt vermuten: Die Gravitation beschäftigt ihn wohl ähnlich intensiv wie die Grenzen irgendwelcher Genres.

Trotzdem steht der Mann der Stunde im neuen Jahr vor schwierigen Aufgaben. Die Zyklen im Streaming-Zeitalter verkürzen sich und Neuheiten verlieren noch früher ihren Reiz, weil Dinge sich zu schnell wiederholen. Gleich bleiben, nicht langweilen, kein Overkill und sich parallel dazu vor der Hiphop-Polizei in Acht nehmen. Ein straffes Programm.



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Auf der Flucht vor der HipHop-Polizei

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Für die Spannungskurve würde man sich wünschen, dass sein Team sich etwas Zeit lässt und dem Druck der Omnipräsenz etwas entgegensetzt. Das Debütalbum zum Jahresende mit einer pointierten Promophase vielleicht? Wer, wenn nicht Apache, wäre durch sein aktuelles Erfolgslevel in der Lage, zugunsten der Kunst auf die Jagd nach dem nächsten einfachen Hit zu verzichten und einen Classic auf die Beine zu stellen, der mit Rap im Herzen leichtfüßig über Genre- und Altersgrenzen hinwegtanzt? Make it happen!

(Clark Senger)

Farid Bang – tba.

"Das einzige, was bleibt nach dem Massaker, ist Blut" – Der Titel für Farid Bangs letztes Soloalbum "Blut" ergab sich als logische Konsequenz aus seinen eigenen Zeilen. Farid verkündete anschließend, dass noch "JBG 3" mit Kollegah anstehe, er aber sonst keine Ideen für ein weiteres eigenes Release habe. Vier Jahre ist das mittlerweile her.

Dieser Zustand ändert sich 2020: Das Banger Musik-Oberhaupt hat ein neues Soloprojekt angekündigt. Nachdem halb Deutschrap in der Vita des Düsseldorfers zur Zielscheibe wurde, stellt sich eine Frage ganz besonders: Wie klingt ein Farid Bang-Album 2020? Auf welche (neuen) Ideen oder Themen setzt der Banger?

Bis auf wenige Ausnahmen sind Beefs in der Szene durch. Auch Farids Markenzeichen – kompromissloser "In-die-Fresse-Rap" – wurde in den letzten Jahren vermehrt von melodiöseren Sounds abgelöst. Der Banger wäre aber nicht der Banger, wenn er die Zeichen der Zeit nicht schon längst erkannt hätte. Einzelne Singles, die er in letzter Zeit droppte, orientierten sich verstärkt am aktuellen Zeitgeschehen. Gut möglich, dass Farid dauerhaft auf den Zug aufspringt. Aber auch eine Platte im Stile der "Asphalt Massaka"-Reihe ist ihm mehr als zuzutrauen. So oder so: Der Mann wird schon wissen, wie er 2020 mit Soloalbum #8 Welle machen kann.

(Robin Schmidt)

Audio88 & Yassin – tba.

2015 war es ganz "Normaler Samt", der Audio88 und Yassin aus dem Dunst der ständig nörgelnden Besserwisser herausbeförderte. Die kritische Haltung zur Gesellschaft blieb unangetastet – nur kam sie deutlich weniger verbissen rüber. Der "Möchtegernkanacke und die Glatze mit der Zahl" zeigten sich zugänglicher, ohne ihre Fähigkeit als zuverlässige Wackness-Detektoren einzubüßen.

Mit gewachsenem Selbstbewusstsein verkündete das Duo 2016 ein "Hallelujah" – ein Album so kurz und prägnant wie ein Werk von Yeezus himself. Nach einem Soloalbum von Yassin und zwei kleineren Releases von Kollege Audio scheint 2020 wieder die Zeit für ein normales Lebenszeichen auf Albumlänge zu sein. Musikalisch sind die beiden wohl noch nie so weit entfernt voneinander gestartet. Yassins Album "Ypsilon" war 2019 ein Liebhaberstück voller Autotune-Einsatz, Mut zur Melodie und ehrlichen Innenansichten. Audio88 hielt sich auf "Sternzeichen Hass" und "Fleischwolf" gar nicht erst mit überflüssigen Reimen auf.

2020 ist jedoch ein guter Zeitpunkt um (Rap-)Deutschland als Duo mit schmerzhaften Wahrheiten zu beglücken. Eine Aufklärung durch "Schellen" scheint notwendiger denn je – rein metaphorisch natürlich. Die Arbeit an der neuen Verheißung wurde auch schon aufgenommen. Das, was final aus den Mündern der Jungs kommen wird, ist bereits klar definiert: 100 % Rap!

(Michael Rubach)


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