Schwere Vorwürfe gegen Deutschrap-Stars: Warum wir (noch) nicht berichten

Dinge, die einmal öffentlich sind, berichten wir in den meisten Fällen. Im Moment gibt es Vorwürfe gegen zwei Deutschrap-Stars, über die wir bislang nicht berichten. Einen Artikel haben wir nach wenigen Stunden wieder gelöscht, ebenso wie rap.de, 16bars, der Focus, N-TV und die Bild. Wir haben das wegen der Androhung juristischer Konsequenzen getan und weil sich nur schwer klären lasst, was wahr ist und was öffentlich diskutiert werden sollte. Manche werfen einem der Rapper vor, dass sein Anwalt gegen die Berichte vorgeht oder verlangen von uns, vor Gericht für den Bericht zu kämpfen.

Worum geht es? Um die Frage, ob das Privatleben von Prominenten und die Unschuldsvermutung wichtiger sind als das Recht der Öffentlichkeit auf Information. Und um Gerechtigkeit für die möglichen Opfer, die sich an die Öffentlichkeit gewendet haben und es verdient hätten, dass man sie hört und ihnen glaubt. Falls die Vorwürfe denn stimmen.

Der natürliche Reflex ist, irgendwas zu tun, wenn jemand aus einem Haus um Hilfe schreit. Als Privatperson hast du ein "Laienprivileg" – deshalb lässt sich ein Shitstorm so schwer juristisch abblasen – für Medien gelten strengere Regeln. Wenn jemand etwas auf Instagram postet, ist das erst mal nichts anderes, als wenn jemand etwas aus einem Fenster schreit. Als Journalist rennt man nicht auf den Marktplatz und erzählt das weiter. Man rennt ins Haus und findet raus, was los ist. Dann rennt man zum Marktplatz.

Leider hat kaum jemand die Tür aufgemacht. Wir haben versucht, die beteiligten Rapper zu erreichen, aber keine Antwort auf unsere Fragen erhalten. In einem der Fälle hat uns die Polizei Ermittlungen bestätigt. Aber eine Anzeige ist noch kein Schuldspruch. Wir wissen nicht, ob die Vorwürfe stimmen. Geht uns das überhaupt was an?

Wenn die vermeintliche Straftat im Privatleben stattgefunden hat, ist Berichterstattung meist juristisch verboten. Es sei denn, es gibt ein schwerwiegendes und berechtigtes öffentliches Interesse. Gibt es das, wenn ein Rapper eine Gewalttat begeht? Geht uns das was an?

Man kann das so sehen: Das Privatleben eines Rappers hat mit seiner Musik nichts zu tun. Aber verschiebt ein Prominenter die Grenze zwischen privat und öffentlich nicht, wenn er zum Beispiel sein Privatleben inklusive Beziehung in Insta-Stories inszeniert? Hat die Öffentlichkeit dann nicht berechtigtes Interesse, von Vorwürfen einer Ex-Freundin auf derselben Plattform zu erfahren?

Wenn ihnen gerade keine Straftat vorgeworfen wird, betonen Rapper oft, dass zwischen Kunstfigur und realem Menschen kaum ein Unterschied bestehen würde. Bei vielen stimmt das. Aber natürlich darf man annehmen, dass der Rapper das nicht wörtlich meint, sondern seine asoziale Art künstlerisch überzeichnet, wenn er "Sl*t, you think I won't choke no wh*re?" oder "Kein Bock auf S*x? Na dann klatsch ich sie weg! Die Schl*mpe war frech" rappt.

Dass Gangsterrap nicht als Tatsachenbericht verstanden werden muss und deshalb als Ausdruck der Kunst und Meinungsfreiheit erlaubt ist, hat sich in den USA bei der Debatte um die 2 Live Crew in den Neunzigern geklärt. Dass man nicht weiß, wo Authentizität aufhört und wo Witz und Übertreibung anfangen, macht vielleicht auch einen Reiz aus. Aber die meisten Fans hätten keinen Bock, die Musik laut im Auto zu pumpen, wenn sie solche Lines als potentielle Tatsachenberichte verstehen würden.

Als 2015 der Film über N.W.A. in die Kinos kam, wurde Dr. Dres Vergangenheit als Frauenschläger diskutiert. Seine Ex-Freundin Michel'le warf ihm häusliche Gewalt vor. Schon 1991 war bekannt geworden, dass Dre eine Journalistin geschlagen hatte. Laut Rolling Stone sagte MC Ren dazu "b*tch deserved it" und Eazy-E "Yeah, b*tch had it coming" und Dr. Dre "it ain’t no big thing – I just threw her through a door."

Dr. Dres folgendes Album "The Chronic" ging dreifach Platin. Entweder war der Rap-Welt Gewalt gegen Frauen zu egal oder man fand nicht, dass der Charakter des Rappers eine Rolle dafür spielt, ob man die Musik gut findet. Was bei einem Genre, in dem die meisten Lyrics daraus bestehen, dass der Protagonist angeblich authentisch über sich selbst spricht, keinen Sinn macht.

(Dre hat sich 2015 für sein Verhalten entschuldigt und Gewalt gegen Frauen verurteilt.)

Wenn ich mich entscheiden muss, ob ich poste, dass ich Dexter extrem abfeier, muss ich schon wissen, ob es sich um eine fiktive Figur handelt oder um eine Doku über einen Massenmörder.
Ändert sich bei Rappern nicht auch alles, wenn sich herausstellt, dass das als fiktiv Verstandene biografisch war? Manche haben dann vielleicht keinen Bock mehr, die Musik zu hören – andere erst recht. In jedem Fall gibt es ein berechtigtes Interesse, zu wissen, wie sich der Rapper in den Bereichen, über die er rappt, wirklich verhält. Weil man erst dann wissen kann, wie man sein Produkt zu verstehen hat. Wer provokante Lines schreibt, sollte damit leben, dass sich Leute fragen, was dahinter steht.

Trotzdem sollte man sich zweimal überlegen, ob man in Kauf nimmt, dass der Bericht jemanden öffentlich anprangert. Ob mit "Laienprivileg" oder ohne. Auch dann, wenn man nur neutral weitersagt, dass es Vorwürfe gibt. Ob die Lyrics oder das Image zur Tat passen würden, spielt keine Rolle, weil Rap-Texte Fiktion und Übertreibungen enthalten. Sie sind Kunst. Und für Künstler gilt wie für jeden anderen die Unschuldsvermutung.

Ein bekannter Wetter-Moderator war 2010 mit noch gravierenderen Vorwürfen konfrontiert. Fast alle Nachrichtensendungen berichteten über seine Verhaftung (Tagesschau und Tagesthemen entschieden sich gegen Verdachtsberichterstattung). Ein Gericht stellte schließlich aber fest, dass das vermeintliche Opfer gelogen habe und der Moderator unschuldig sei. Der Schaden für seine Karriere und sein Privatleben war nicht mehr rückgängig zu machen.

So ist es natürlich nicht immer. Weit häufiger trauen sich Frauen nicht, von Gewalt zu berichten, weil sie denken, dass man ihnen nicht glauben würde. Ich würde spekulieren, dass die meisten, die von der Wut der MeToo-Kampagnen getroffen wurden, schuldig waren. Ich habe aber keine Ahnung.

Es ist der Job der Justiz, Schuldige zu bestrafen. Die Medien informieren nur. Sollte man dabei die Unschuldsvermutung und die Folgen für den Beschuldigten höher bewerten, als den Job, Informationen weiterzugeben, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann? Kommt drauf an. Im Zweifel muss man einen Artikel dann eben erst mal wieder löschen und weiter Infos sammeln.

Für die Rapper in den aktuellen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Solltest du persönlich jemanden kennen, der unter häuslicher Gewalt leidet, nimm Hilfsangebote wahr:

Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen

Herzlich willkommen! Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung unterstuetzen wir Betroffene aller Nationalitaeten, mit und ohne Behinderung - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr.

Hilfe vor Ort - bff Frauen gegen Gewalt e.V.

Hilfe und Beratung ganz in der Nähe finden.

Gewalt gegen Männer | WEISSER RING e. V.

Moeller: Ja, ich habe heute schon mal ein bisschen was gemacht, so eine dreiviertel Stunde. Aber ich trainiere eigentlich jeden Tag, auch wenn ich unterwegs bin. Ist es nicht etwas schwierig auf Reisen zu trainieren? Moeller: Nein, überhaupt nicht. In den Hotels, in denen man absteigt, gibt es heutzutage überall Fitnessstudios, oder Räder oder Laufbänder.

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Kommentare

Jetzt mal ernsthaft, ihr feiert Gangsta-Rap aber findet es dann ganz schlimm wenn die genau das tun wovon sie rappen? Was habt ihr denn erwartet? Ihr wollt es euch möglicherweise nicht eingestehen, aber Kriminalität produziert nun mal eben in den meisten Fällen Geschädigte. Die sind für euch privilegierte Mittelständer aus der Mehrheitsgesellschaft aber nur Kolleteralschäden, denn was zählt ist dass ihr gut unterhalten werdet von gewalttätigen Tyrannen und ihrer Schrottmusik.

Ihr seid ekelhafte Heuchler, nicht mehr. Steht doch einfach dazu dass ihr insgeheim aus eurem langweiligen und braven Journalistenleben ausbrechen wollt und Dinge wie Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren abfeiert, dann aber bitte nicht die Moralkeule schwingen wenn die AfD die gleiche Schiene fährt.

Ich finde ja es ist immer noch ein himmelweiter Unterschied seine kriminellen Taten in Kunstwerke zu verpacken und sich dafür feiern zu lassen und kriminelle Taten tatsächlich zu begehen.
Ich glaube auch die meisten Menschen, auch die mehrheit der gangsta rapper, sind bei grundlegenden themen im stande zu differenzieren was "klar geht" und was nicht.
Von daher sehe ich daran überhaupt nichts Heuchlerisches.

Wenn Aspekte wie Gewalt gegen Andersdenkende, Frauen und Homo***uelle, Antisemitismus, Kriminalität etc. glorifiziert und normalisiert werden und Portale wie hiphop.de unkritisch darüber berichten und es feiern dann verschiebt sich der Diskurs, das soziale Klima wird feindseliger und aggressiver. Sich dann hinter Begriffen wie "Kunstfreiheit" zu verstecken ist abstrus.

US-Rap ist meiner Meinung nach anders gestrickt, auch der dortige Gangsta-Rap. Dort steht eher das Erzählerische im Hintergrund, die Rapper berichten aus ihrer Perspektive ohne die gewalttätigen Aspekte zu glorifizieren.

In Deutschland geht es darum möglichst viel Hass in die Texte zu packen, man tut so als sei es erstrebenswert ein menschenverachtender Diktator zu sein. Mag vielleicht auch damit zusammenhängen dass die deutsche Führermentalität in Verbindung mit nahöstlicher aggressiver Machokultur weitreichende Synergieeffekte erzeugt.

Lass dir mal ruhig von jemandem, der mit dieser Art von Rap aufgewachsen ist (mittlerweile immerhin 14 Jahre lang Deutschrap-Fan) erzählen, dass das alles gar nicht so negativ und verkommen ist wie du es dir vielleicht vorstellst. Die von dir aufgelisteten Aspekte halte ich auch selbst nicht für normal und ich selbst würde mich als ziemlich harmoniebedürftige Person beschreiben. Wir sind halt jetzt echt bei dieser alten Diskussion, der Bushido sich schon 2007 bei Kerner stellen musste: Nur weil man über diese dinge rappt, muss man doch als Person nicht direkt auch so drauf sein. menschen sind meiner meinung nach vielschichtiger als nur das was sie z.b. in ihrer kunst machen.

Ich lese seit ca. 2012 hiphop.de und bin der Meinung, dass die schon immer zweiseitig über problematische dinge die rapper sagen/rappen berichtet haben. auch ziemlich verstärkt in den letzten jahren.

wenn es allein darum gehen würde hass zu verbreiten, müsste glaub ich doch horrorcore sich im deutschrap krass durchgesetzt haben, oder? wobei da halt auch wieder gilt, die person muss nicht zwangsläufig konsequent so drauf sein wie in den texten. auch hier kann ich dir nicht bestätigen, dass ich oder andere rapfans denjenigen feiern, der allein am menschenverachtendsten ist. man muss auch bedenken vieles wird bewusst überspitzt und lebt von ironie, auch wenn es für aussenstehende vielleicht stark befremdlich wirkt.

Also: ich hab beim schreiben irgendwie das Gefühl ich wiederhole hier alles was ich schonmal vor 10 jahren gehört und gelesen hab. das thema wurde m.M.n. schon von allen seiten 1000-fach beleuchtet und ausdiskutiert. Ich würde dir empfehlen dich nochmal mehr in dieses thema reinzulesen, aber eher aus der perspektive der rapper bzw. rap-leute.
Ich kann dir nur sagen, obwohl rap auch viele außenseiter anzieht, die vielleicht etwas befremdlich wirken (war ja auch mal so einer), die überwältigende mehrheit von uns sind nette menschen, denen das wort Respekt nicht vollkommen fremd ist.

Schönen Abend noch!

Es geht nicht darum wie der Künstler es meint sondern wie der durchschnittliche Fan die Botschaft aufnimmt. Mag sein dass du bei patriarchalen und rassistischen Parolen irgendeinen doppelten Boden erkennst den sonst niemand mitbekommt, aber der normale Jugendliche heutzutage der mit Cap von Calvin Klein, Adidas-Jogginghose und Poloshirt mit seinen pickligen Freunden bei Burger King rumhängt versteht sie wortwörtlich.

Hiphop.de hat unter Anderem einem bekannten Kriminellen ein einstündiges Interview gewidmet und regelmäßig auffallend unkritisch über gewisse verbrecherische Inzest-Clans berichtet. Die Grenze zwischen Kunstfigur und Realität ist längst nicht so klar gezeichnet wie du fälschlicherweise behauptest.

Deine Meinung dazu?

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Das Ende der 187-Ära? Wenn Heroin zur Pointe wird

Das Ende der 187-Ära? Wenn Heroin zur Pointe wird

Von Clark Senger am 02.07.2019 - 21:19

Wenn eine Ära endet, dann selten mit einem unüberhörbaren Knall. Es ist ein schleichender Prozess, in dem ein anderer Mensch, eine neuere Idee, eine innovativere Energie die Dominanz des Alten langsam ablöst. Erst merkt man es unterbewusst, aber mit der Zeit gibt es immer wieder Momente, in denen der Eindruck sich verfestigt. Manche Menschen werden noch ihr Leben lang an dem hängenbleiben, was sie für Jahre geprägt und beeinflusst hat. Beispiele gibt es in allen Bereichen unseres Lebens.

Die Ära der 187 Strassenbande geht zu Ende

Man kann Deutschrap in die unterschiedlichsten Zeitrechnungen unterteilen – Künstler, Styles, Sound, Labels. Und obwohl es mit jedem Jahr schwerer wird, der so vielfältigen Szene einen einzigen Stempel aufzudrücken, steht eins fest: Seit 2015 waren Bonez MC, Gzuz, LX, Maxwell, Sa4 und auch Jambeatz die "Helden von Jetzt".

Das asoziale Verhalten und den Drogenkonsum der 187 Strassenbande hat man lange mit einem im Nachhinein sehr unangenehmen Voyeurismus mitgetragen. Die sind halt einfach real, richtig? Die werden schon nicht übertreiben, wenn Hunderttausende Kids zusehen, oder? Zumindest Bonez wird schon wissen, was er und seine Jungs da tun. Oder etwa nicht?

"Hab ich das jetzt echt verstanden? / Ihr seid wirklich alle Fans von Junkies?" (KEZ, "Intro")

KEZ und anderen Rappern ist es längst ein Dorn im Auge, wie offen manch ein Rapper 2019 mit dem Konsum illegaler Drogen umgeht. Ständig bekifft und besoffen zu sein, ist kein guter Plan für's Leben. Aber was will man schon von einem Rapstar erwarten, wenn man ähnliches auch im eigenen Freundeskreis beobachten kann?

Irgendwann gehörte dann Dirty Sprite, also die hauptsächlich aus Amerika bekannte Mischung aus Sprite und Codein, zum Standard-Repertoire von Bonez' Insta-Stories. Mit Musik unterlegt und durch unterschiedliche visuelle Stilmittel wirkte es manchmal wie Werbung für das Opiat, das auch für die Tode von Pimp C und DJ Screw verantwortlich gewesen sein soll. Aria und Toxik äußerten bereits im Frühjahr 2018 ihre Bedenken, was den exzessiven Lifestyle in der Öffentlichkeit angeht (ab 11:18 Minuten).

Lange Zeit wurde es als cool angesehen, wenn Rapper über das Dealen den Weg aus dem Dreck schafften. "Never get high on your own supply", riet Biggie uns in "Ten Crack Commandments". Heute nehmen die Rapper – selbstverständlich nicht nur 187-Mitglieder – selbst mehr Drogen als ihre ehemaligen Kunden und machen daraus Texte. Sind wir wirklich alle Fans von Junkies? 

Bonez mit Spritze in der Insta-Story

Eine neue Eskalationsstufe bekam es gestern, als Bonez mindestens andeutete, sich intravenös Drogen zu verabreichen. Bonez packt eine handelsübliche Tuberkulinspritze aus, die wenig später mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt ist. Dann sieht es aus, als würde ein anderer Mann sich wie ein routinierter Fixer eine Spritze zwischen die Zehen stechen und abdrücken. Später sieht man eine andere Spritze in Bonez' Oberschenkel stecken. Fans antwortet er auf Nachfrage, es würde sich um Heroin handeln, und teilt den Chatverlauf mit dem Kommentar "Beste Leben" in seiner Story.

Auf Instagram deutet er an, es hätte sich lediglich um Cranberry-Saft gehandelt. Dann hätte er es extra so aussehen lassen, als würde er sich Hero spritzen? Hihihi, was ein Joke! Geil die Kids und die Medien getrollt! Traut man ihm durchaus zu. Vielleicht wollte er einfach einen Skandal provozieren und hatte damit Erfolg – das wäre schon maximal wack. Wenn Heroin eine Pointe ist, wird ein Hype zum Verhängnis.

Update: Inzwischen hat Bonez sich zu der Sache geäußert und klargestellt, dass er sich "keine Spritze geben" könne. Er habe sich in seinem Leben noch nichts gespritzt.

Der gesunde Menschenverstand spricht erstens gegen H und zweitens dagegen, Aufnahmen vom intravenösen Konsum für zwei Millionen Follower in eine Insta-Story zu posten. Man will aber auch nicht Haus und Hof darauf verwetten, dass Bonez sich nicht auf diese Weise einen wie auch immer gearteten Rausch verschaffen würde. Welche Variante in diesem Fall zutrifft, ist zwar nicht für die Gesundheit der Jungs, aber zumindest für die öffentliche Wahrnehmung scheißegal. Der Mann glorifiziert ohne klar erkennbare Ironie Heroin und Tausende sehen ihm dabei zu. Wenn nur ein einziger Zuschauer sich davon inspiriert fühlt, sein Leben durch Heroin wegzuwerfen, geht das nicht spurlos an Bonez' Karmakonto vorbei.

Parallel dazu spricht man in den USA mittlerweile von einer regelrechten Opioid-Epidemie. Von geschätzten 72.000 Toten durch eine Überdosis im Jahr 2017 kamen die meisten durch Opiate ums Leben.

Previously on Bonez' Instagram: Witze über häusliche Gewalt

Es ist nicht allzu lange her, dass Bonez seinen Instagram-Kanal nutzte, um sich über Opfer häuslicher Gewalt lustig zu machen. Erst letzte Woche veröffentlichte der Kollege Skinny bei Rap.de einen starken Meinungsartikel zu diesem Thema. Er fordert die Veranstalter der Hype Awards dazu auf, Bonez vom Voting auszuschließen. Neben anderen Kategorien (mit RAF Camora) ist er ausgerechnet in der Kategorie "Hype Instagram" nominiert. Skinny sieht Fehler bei Organisatoren und Jury.

"Falls euch irgendetwas an Werten wie Integrität oder Anstand liegt, disqualifiziert ihr Bonez MC nachträglich von der Abstimmung. Jetzt sofort. Es liegt in eurer Hand – ihr seid schuld, wenn dieser Mann für seinen Spott gegenüber Frauen, denen Gewalt angetan wird, wirklich einen Preis erhält. Euren Preis."

Laut Vice wird Bonez weiterhin nominiert bleiben, die Fans entscheiden per Voting, wer am Ende gewinnt.

Erfolge en masse, aber die Zeit läuft ab

Natürlich bedeuten Skandale auf Instagram nicht direkt das Ende einer Ära – für manche sind sie eher Öl ins Feuer als eine Decke, die der Flamme die Luft nimmt. Und 187 ist mehr als Insta-Stories von Bonez.

Was haben wir uns alle amüsiert über die direkte, authentische und oft unterhaltsame Art. Catchphrases, knallende Songs, rohe Action in den Videos, kreative Promo-Moves, eskalative Autogrammstunden – es war atemberaubend, wie die Hamburger Crew ihren Hype spätestens seit dem Erscheinen des Samplers Anfang 2015 Monat für Monat steigern konnte.

Was haben wir uns nicht über "Palmen aus Plastik" und frischen Wind in der Szene gefreut. Das Album wird auch in zehn Jahren noch als Meilenstein für deutschen Rap gelten und es wirkt angesichts der beeindruckenden Ausmaße der Tour zum Nachfolger nahezu absurd, das Ende der 187-Ära auszurufen. Doch das Ende einer Ära bedeutet nicht das Ende des Erfolgs.

Gzuz' Solodebüt "Ebbe & Flut", der erste vorläufige Höhepunkt eines Hypes wird im Oktober vier Jahre alt. Viel länger hielt kaum eine Ära im deutschen Rap, der außerdem noch nie so schnelllebig war wie heute. Aggros Zeit als das heißeste Label Deutschlands neigte sich vier Jahre nach "Vom Bordstein bis zur Skyline" (2003) bereits dem Ende zu. Selfmade rückte Ende der 00er-Jahre in das neue Vakuum. Nach "King" (2014) und der absurd opulenten Promophase trat dann auch das Düsseldorfer Label langsam den schleichenden Weg Richtung Irrelevanz an. Hafti muss noch beweisen, dass er dem vermeintlichen Opus Magnum "Russisch Roulette", das vier Jahre nach "Azzlack Stereotyp" (2010) erschien, einen würdigen Nachfolger widmen kann. Seinen Stempel hat er Deutschrap ohnehin schon lange aufgedrückt so wie alle der genannten Rapper und Labels.

187 war lauter und asozialer als Aggro und ist es bis heute – 2014 war das neu und aufregend, ein halbes Jahrzehnt später nicht mehr. Musikalisch anfangs radikal Straße, später dann auch mit den bekannten Genre-Ausflügen, die den weiter ausufernden Hype erst ermöglichten. "Palmen aus Plastik" war in vielerlei Hinsicht innovativ, auch wenn die Vorlage für den größten Hit geradewegs aus Paris' 19. Arrondissement kam.

Aber was kommt danach? Was willst du erreichen, wenn du die Szene bereits geprägt und du jeden positiv, negativ oder auf beide Arten beeindruckt hast? "Wolke 7" fehlten schon die Ideen, obwohl wie auch auf "Palmen aus Plastik 2" stabile bis gute Musik zu hören war. Die zündenden Impulse sind der 187 Strassenbande ausgegangen, wie aktuell auch "Obststand 2" demonstriert. 

Auch das Handling öffentlicher Konflikte wirkt längst nicht mehr so souverän wie 2016, als Bonez abgeklärt auf Flers Provokationen reagierte, anstatt sich in einen Beef ohne Gewinner locken zu lassen. 

Ausblick auf die Zukunft

Nach der großen Aggro-Ära konnte Sido noch erfolgreicher werden, Hafti schaffte erst nach "Russisch Roulette" sein erstes Nummer-1-Album ("Der Holland Job" mit Xatar) und Elvir hat bei seinem neuen Label mit RIN einen neuen Künstler unter Vertrag, der derzeit eine prägende Rolle spielt. Manche der 187-Jungs werden auch weiterhin Hits abliefern, Venues von Graz bis Kiel ausverkaufen und Merch an den Mann bringen. Die Straßenbande hat einen Platz in der deutschen Rapgeschichte sicher.

Die Pole Position müssen sie jedoch räumen. Die Zeiten, in denen man zum Release neuen Materials die F5-Taste auf dem Kanal "CrhymeTV" penetrierte, sind vorbei. Längst drängen andere Rapper an die Front, die teils Aspekte des Erfolgs der 187 Strassenbande in ihrem Schaffen unterbringen. Das beste Beispiel ist Capi, der sich ebenfalls seinen übermäßigen Drogenkonsum – mindestens musikalisch – stolz auf die Fahne schreibt.. Gleichzeitig profitiert er davon, dass man sowohl hart als auch Mainstream erfolgreich sein kann. Auch "Palmen aus Plastik" hat den Weg an diesen Punkt geebnet. Auch die Gzuz-Capi-Kollabo "Paff Paff & weiter" (2016) als Push für den Berliner unmittelbar nach dem Release von "High & Hungrig 2" ist nicht zu unterschätzen.

Obwohl Capital seit einigen Monaten von einem Zenit auf den nächsten zu klettern scheint: Inzwischen machen schon wieder neue Rapper auf Instagram Welle – mit Rap und Gesang statt Drogen. Womöglich beginnt mit Mero und Co gerade eine neue Ära, die Deutschrap wieder einmal auf ein neues Level hievt, wie es schon so oft geschehen ist. Eine endgültige Aussage lässt sich heute nicht darüber treffen. Nach "Obststand" (2015) hätte auch niemand die kommenden Jahre vorhersagen können. Die Übergänge sind fließend in dieser extrem vitalen Szene.

So ging auch die 187-Ära nicht mit einem lauten Knall zu Ende. Es waren Kleinigkeiten, die sich in den letzten Monaten zu einem klaren Bild zusammengefügt haben. Jetzt ist Zeit für die Helden von Morgen.


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