Pilz provoziert im Kopftuch – die Reaktion geht aber einfach zu weit. (Kommentar)

Es ist nicht das erste Mal, dass es zu Kontroversen (#BenSalomoVoice) in der Battlerap-Szene kommt. Eigentlich bleiben diese aber eher im Kreis der Community und erreichen nur selten Rap-Fans, die nicht mit den Gepflogenheiten in den Battles vertraut sind. Aber dieses Mal erreicht ein Part auch zahlreiche Leute, die sonst nicht mit der harten und gewollt provokanten Gangart konfrontiert werden – zumindest nicht im Hinblick auf Religion. Aber fangen wir vorne an...

Tapefabrik im Schlachthof Wiesbaden. Hier werden schon lange keine Tiere mehr getötet, heute sollen MCs geschlachtet werden. DLTLLY ist im Haus und hat zwei Matches im Gepäck. Schon im Voraus bekommt das Duell Nedal Nib gegen Pilz mehr Aufmerksamkeit: Der erste und amtierende Titelträger der Liga gegen eine Frau (Premiere bei DLTLLY), die auch noch ihr Debüt gibt. Safe 'ne interessante Angelegenheit:

DLTLLY // Rap Battles // Pilz VS Nedal Nib (Tapfabrik Festival)

Don't Let The Label Label You: https://www.facebook.com/DontLetTheLabelLabelYou/ Nedal Nib: https://www.facebook.com/profile.php?id=1780352414 Pilz: https://www.facebook.com/PILZ13/

Es ist Pilz' zweiter Part (ab 10:30 Minuten), der später für Morddrohungen und ausufernde Beschimpfungen gegen die Rapperin sorgen wird. Die Rapperin stand vor einer Aufgabe: Wie frontet man den Dude, gegen den schon Bong Teggy und Brian Damage erfolglos ihr Pulver verschossen haben? Nedal Nibs selbst auferlegtes Terroristen-Image wurde zur Genüge durchgekaut. Pilz wählt die Religion und nutzt die Tatsache, dass sie eine Frau ist, indem sie sich einen Hidschāb anzieht und thematisch ein paar Punches darauf aufbaut. Sie bedient Stereotypen, um ihren Gegner anzugreifen. Ganz normal im Battlerap.

Ob und wie gut das Konzept auf der dafür vorgesehenen Bühne funktioniert hat, soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden. Das tut hier auch nichts zur Sache, aber du kannst es dir natürlich im Video ansehen.

Wie war die Resonanz? #DavudVoice

Ganz normal ist auch, dass genau diese Punches auf eine – vorsichtig formuliert – gemischte Resonanz treffen. Damit hat Pilz gerechnet. Die Dimensionen, die das Ganze in den letzten Tagen angenommen hat, waren aber nicht abzusehen. Das liegt unter anderem daran, dass ein aus dem Kontext gerissener Part das Bild des Battles und das Bild der Rapperin verzerrt und – wahrscheinlich noch um einiges bedeutender – dass der Part es geschafft hat, aus der eingeschworenen Deutschrap-Parallelgesellschaft auszubrechen.

Es ist schwer, hier nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Ein Rapper namens Said (nicht Said Hoodrich!) teilte folgenden Ausschnitt mit dem Hashtag #GrenzeÜberschritten:

Said

Pilz macht auf Muslimin beim Rap-Battle #GrenzeÜberschritten

Man muss nicht lange recherchieren, um zu erkennen, dass Religion für Said ein wichtiges Thema ist. Es ist auch sein gutes Recht und das Recht jedes Menschen, für seinen Glauben einzutreten. Das war wohl seine Absicht und man muss zugeben: Der Ausschnitt für sich erregt NATÜRLICH die Gemüter vieler gläubigen Muslime.

Said und später auch RapUpdate (mit ebenfalls nur diesem kurzen Ausschnitt) erreichen ganz andere Leute als DLTLLY im Normalfall. Das brachte Pilz einen massiven Sh*tstorm ein – das komplette Beleidigungs-ABC konnte konnte man unter den Videos und auf Pilz' eigener Facebook-Seite lesen.

Die Liste an Menschen, die mich ernsthaft tot sehen wollen, steigt. Das hier wird kein Brief, in dem ich beschreibe, wie albern ich das finde oder wie wütend ich bin. Das hier wird ein Apell an eure Vernunft. Ich bekomme schon seit einiger Zeit hin und wieder Morddrohungen und werde davor gewarnt, abends alleine das Haus zu verlassen. Bisher stammten diese Nachrichten von Symphatisanten des rechten Gedankenguts. Dass diese Menschen mit meiner Einstellung ein Problem haben, geht mir am Arsch vorbei. Wenn ihr mir auf der Straße begegnet, dann könnt ihr euch gerne ein Taschentuch von mir abholen. Doch seit das Battle gegen Nedal online ist, kommen Nachrichten dazu, deren Inhalte ein anderes Thema behandeln. Es sind andere Menschen, die mir drohen. Menschen, die sich mit Battlerap beschäftigen und leider dennoch ganz offensichtlich nicht begreifen, worum es in diesem Sport geht. Menschen, die Dinge persönlich nehmen, die nur für einen einzigen Menschen bestimmt waren und das auch nur innerhalb eines Rap-Battles. Und das weiß dieser Mensch auch. Denn wenn man das Interview am Ende des Battles gesehen hat und nicht nur einen kurzen Ausschnitt des Battles, wenn man sich mit dem, was ich dort sage, auseinander setzt, dann stelle ich eindeutig klar, dass ich in keinster Weise ernsthaft irgendeine Religion beleidigen würde. Wenn jemand damit ein Problem hat, dass solche Inhalte im Battlerap stattfinden, dann ist das völlig in Ordnung und ich respektiere das vollkommen. Der eigene Glaube und die persönliche Schmerzgrenze sind, genau wie die Würde eines jeden Menschen, unantastbar. Aber ich bitte euch: Wenn ihr ein Problem damit habt, dann guckt es euch doch ganz einfach nicht an. Wer live bei dem Battle dabei war, weiß zusätzlich, dass sich dort Menschen befanden, die das Battle mit Zwischenrufen störten. Unter anderem wurde folgendes wütend dazwischen gerufen: „... das kann er nicht sagen, das ist frauenfeindlich". Ja, das was er sagte, war frauenfeindlich. Aber habe ich da ein Problem mit? Nein. Warum nicht? Weil es in besagter Situation um genau das ging. Wir mussten uns beleidigen. Nicht nur das. Es ging darum, wer wen am meisten und am kreativsten beleidigt. Das wussten wir beide. Und das war in Ordnung so. Wir sind uns nicht böse und nach dem Battle war alles genau so cool wie vorher. Ihr geht doch auch nicht zu einem Boxkampf und sagt dann: „Stop! Bitte ohne Gewalt!" Man kann in meine Performance so viel mehr interpretieren als das. Oder man lässt es einfach so stehen. Man kann mir sagen, dass es einem nicht gefällt oder dass man mich deswegen weniger respektiert. Man kann sagen, dass man kein Verständnis dafür hat oder versuchen, mich eines besseren zu belehren. Man kann mir sagen, dass man es als falsch empfindet und meinetwegen kann man mir sagen, dass man mich deshalb komplett scheiße findet. Aber man kann den muslimischen Glauben, der das Thema Liebe und Respekt intensiv behandelt, nicht verteidigen, in dem man mir so ekelhafte Nachrichten schreibt, die zu 98% aus Hass und Schimpfwörtern besteht. Ist es islamisch, mich als Hure zu bezeichnen? Ist es islamisch den Tod eines Menschen zu fordern? Ist es islamisch andere Menschen zu bedrohen? Das ist einfach paradox. Interpretiert euren eigenen Glauben, wie ihr es für richtig erachtet. Jeder glaubt was anderes und das ist auch absolut richtig. Aber es kann niemals im Sinne eines Gottes sein, solche Dinge mit Gewalt zu lösen. Ich kann damit leben, dass mich Menschen für meine Performance hassen. Und meinetwegen schreibt mir das auch, wenn es euch hilft. Aber wenn ihr mich deshalb ernsthaft tot sehen wollt, dann zieht ihr eure eigene Religion selbst in den Dreck. Keine Pointe.

Die Liste an Menschen, die mich ernsthaft tot sehen wollen, steigt. Das hier wird kein Brief, in dem ich beschreibe, wie albern ich das finde oder wie wütend ich bin. Das hier wird ein Apell an eure...

Das Problem ist eben der fehlende Kontext und die Tatsache, dass die kommunikativen Regeln der Battle-Szene für einen Außenstehenden einfach nur asozial und respektlos aussehen können.

Hätte man sich das Video komplett angesehen, hätte man am Ende das Interview mitbekommen, in dem Pilz direkt Stellung zur Kopftuch-Aktion bezieht. Sie hätte das Ganze gar nicht durchgezogen, wenn sie nicht wüsste, dass ihre sonstige Präsenz im Internet (und der echten Welt) für das genaue Gegenteil von Verurteilung und Diskriminierung jeglicher Minderheiten spricht. Sie reißt AfD-Plakate in ihrer Stadt ab und steht für Toleranz ein – die Inhalte aus Battles und dem echten Leben sind nur in seltensten Fällen deckungsgleich:

"Jeder soll seine Religion haben und das ist natürlich bewusst Provokation gewesen. [...] Wenn man das nicht von mir wüsste und nicht wüsste, dass ich mich auch für politische Sachen einsetze, dann hätte ich mich das auch gar nicht getraut. Weil die Gefahr mir zu groß wäre, dass man mich in eine rechte Ecke schiebt, in die ich einfach nicht reingehöre." (oben im Video ab 45:52 Minuten)

Also wo liegt das Problem!?

Für dieses riesige Missverständnis kann und sollte man niemandem einfach die Schuld in die Schuhe schieben. Said hat sich in seinem Glauben angegriffen gefühlt und Pilz hat einfach Battlerap gemacht. Und im Battlerap hat jede Minderheit das gleiche Recht, gedisst zu werden. Es ist die perfekte Ironie, dass RapUpdate erst am Dienstag ein Video geteilt hat, in dem Tobi Nice genau das in einem Battle bei Rap Am Mittwoch zum Thema macht. Sieh dir den Part hier an:

RAP AM MITTWOCH HAMBURG: TOBI NICE vs VYRUS 15.02.17 BattleMania Finale (4/4) GERMAN BATTLE

RAM VVK►http://bit.ly/ramvvk | FB: RAM►http://www.facebook.com/rapammittwoch | BMCL►http://www.facebook.com/BMCL.BATTLES | SHOP►http://www.merchstore.net/Rap-am-Mitt... | HP►http://www.rapammittwoch.tv | VOD►http://livestream.hiphop/category/ram RAP AM MITTWOCH PRÄSENTIERT EUCH DIE GRÖSSTE CYPHER DEUTSCHLANDS VOM 15.02.17, DIESMAL IN HAMBURG! MIT DABEI WAREN DIE MC´S Tobi Nice, Mayor, Mighty P. , Krom, MC Geuner, Cashus K., Vyrus, Tisos HOL DIR DEIN FAME!!!

Man sieht, dass dieses Thema nicht neu ist. Neu ist die Dimension, die besonders durch das Kopftuch als religiöses Symbol ausgelöst wurde. Das triggert die Leute, das war abzusehen und dafür muss Pilz Rede und Antwort stehen, wie auch ihr Gegner Nedal Nib in seinem Statement betont. Er appelliert, auf die Androhung von Gewalttaten bis hin zu Mord zu verzichten und schreibt am Ende diesen Satz:

"Der Islam ist die Religion des Friedens, also hört bitte auf das Bild zu bestätigen was die Medien und die Rechten von uns vermitteln" [sic]

Das Schlusswort hat Ben Salomo, der nach einem Battle mit Lines über Mekka und Schweinefleisch (kontrovers, kontrovers!) ein Plädoyer für Gleichberechtigung hält:

"Wie oft habt ihr gelacht, als Juden-Lines da waren? Wie oft habt ihr gelacht, als Schwulen-Lines da waren? Wie oft habt ihr gelacht, als Schwarzen-Lines da waren? Ey, das ist hier eine Bühne – hier wird über jeden und alles gelacht. Das musst du verstehen, sonst bist du im Battle-Rap irgendwie zu sensibel. (...) Erst wenn wir gelernt haben, über uns alle gegenseitig zu lachen und keine kleinen Eier dabei zu bekommen, erst dann haben wir Normalität in diesem Land und in unserer gemeinsamen Hiphop-Kultur erreicht.

(...) Ihr sollt nicht alles feiern. Ihr sollt auch das Recht haben, Dinge nicht zu feiern. Dafür seid ihr ja da. Deswegen fragen wir nach eurer Meinung. Aber Verbieten, Zensieren, Tabuisieren ist nie eine Lösung. (...) Denn nur, wenn wir uns besser kennenlernen und die Momente erleben, wo wir aneinandergeraten, da entsteht Dialog. Da entsteht Diskussion. Da entsteht Fortschritt und Zusammenleben und Zusammenarbeit."

Peace the f**k out!

RAP AM MITTWOCH BERLIN: 02.12.15 BattleMania Vorrunde feat. FRESH POLAKKE uvm. (2/4) GERMAN BATTLE

RAM VVK►http://bit.ly/ramvvk | FB: RAM►http://www.facebook.com/rapammittwoch | BMCL►http://www.facebook.com/BMCL.BATTLES | SHOP►http://www.merchstore.net/Rap-am-Mittwoch | HP►http://www.rapammittwoch.tv | VOD►http://livestream.hiphop/category/ram RAP AM MITTWOCH PRÄSENTIERT DIE BATTLEMANIA VOM 02.12.15 aus Berlin. MIT DABEI WAREN DIE MC´S Fresh Polakke, Mighty P., Finch, Gugo, Raffa Green, M-Power, Maxim K., Vyruz MC PRODUCERFEATURE ► DJ ROCKY - https://www.facebook.com/DjRockyBerlin HOL DIR DEIN FAME!!!

Check hier die Statements zum Thema in voller Länge ab:

Pilz

D-Bo (Pilz' Label-Chef)

Nedal Nib

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Kommentare

Wie die Leute immer rum heulen. Jeder Moslem der Rap Musik hört oder macht schlägt seiner Religion damit täglich ins Gesicht aber tut dann so als ob sie die totalen Heiligen wären wenn dann so eine Aktion wie von Pilz kommt. Wenn die ganzen Alibi Moslems so ein Problem damit haben, hört auf Rap zu hören oder zu machen. RAP IST HARAM

Was redet die komische Olle über Knarf? Bis dahin fand ichs noch erträglich, dumme Kuh.

Deine Meinung dazu?

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Wir waren mal (Battlerap)-Stars: Wenn die Bubble platzt

Wir waren mal (Battlerap)-Stars: Wenn die Bubble platzt

Von Michael Rubach am 28.01.2020 - 16:36

Statt Punches prasselt der Regen: Am Kieler Bahnhof trifft Manou mit ein bisschen Verspätung ein. Er war als Mio Mao mittendrin, als deutscher Battlerap eine fast schon legendäre Hochphase erlebte – eine Zeit, in der auf Schulhöfen nicht über Mero oder Apache 207, sondern über den Ausgang von Videobattlerunden diskutiert wurde. Viele der damals geradezu omnipräsenten Vertreter sind inzwischen in der Versenkung verschwunden oder haben sich vollkommen aus dem Rapkosmos verabschiedet.

So ein kurzzeitiger Ruhm hinterlässt Spuren. Facebook-Seiten mit einer erheblichen Followerschaft gleichen mumifizierten Überbleibseln einer unwirklich erscheinenden Ereigniskette. Der Social-Media-Wandel wird viele Helden der lyrischen Schlachten wahrscheinlich nach und nach verschlucken – ganz so als wäre nie etwas passiert. Heute touren noch einige von ihnen durchs Land. Rapper wie Mio Mao oder Splifftastic haben eine andere Ausfahrt gewählt.

Mio Mao nahm mehrfach ziemlich erfolgreich am VBT teil und stand im Fokus des Interesses, als fristgerechte Battles im Videoformat gerade im Trend lagen. Manou selbst verfolgt einige Jahre später den gesamten Rapzirkus nur äußerst beiläufig. "Old Town Road" sagt ihm herzlich wenig und er nippt irritiert an seinem Bier, als er sich weitere Beispiele von prägenden Künstlern des Jahres 2019 anhören muss. In seiner Stammbar wählt er vorzugsweise ein lokales Pils. Hin und wieder springt er auf und verfängt sich in kurzen Gesprächen mit dem Personal.

Mio Mao in seiner Stammbar
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Mio Mao
Mio Mao in seiner Stammbar

Was bedeuten 15 Minuten Ruhm?

Ganz anders präsentierte er sich vor circa acht Jahren als Battle-MC. Einen Auftritt vor mehr als 600 Leuten bezeichnet er im Nachhinein lachend als "Hardcore-Klatsche". Die Augenblicke im Spotlight dürften ihm so vorkommen, wie die 15 Minuten Ruhm, die laut einem berühmten Ausspruch von Andy Warhol wohl jedem einmal zustehen. Als Battlerap heraus aus den Internetforen auf ein visuelles Level gebracht wurde, befand sich Mio Mao in einem der schillerndsten Schaufenster. Sich in der hiesigen Raplandschaft festgesetzt hat er nicht.

Er galt 2011 als Geheimfavorit des damals größten Wettbewerbs und scheiterte 2012 erst in einem durchaus umstrittenen Halbfinale an dem später von Baba Saad gesignten EstA. Es war spürbar, dass sich abseits der Industrie-Strukturen ein Haufen von Talenten tummelte. Eine Gruppe, die zu mehr im Stande war, als bloßen Gegnerbezug herzustellen. Weekend hat den Sog des VBTs in mehrere Top-10-Alben umgewandelt. Lance Butters werden nur noch die Wenigsten überhaupt mit dem Turnier assoziieren. Mauli (vormals DirtyMaulwurf) ist regelmäßig im Podcast "Die wundersame Rapwoche" zu hören, tourt mit Fatoni durch die Bundesrepublik und veröffentlicht Musik, die schon lange nicht mehr reines Frechdachs-Gehabe ist.

Manche Protagonisten sind an kuriosen Orten der Unterhaltungsindustrie gestrandet. Besagter EstA etwa rappt schmissige Werbetexte für eine der größten Krankenkassen. Die größte Aufmerksamkeit seit langer Zeit erhielt er wohl letztes Jahr durch seinen Auftritt im Neo Magazin Royale. Dort machte er sich für einen eher unangenehmen Rapsong über die Wirkung von Globuli gerade. Battleboi Basti hat sich 2015 als MetalBoi ausprobiert und mimt bei Alligatoah-Shows den Pagen.



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Der LiftBoi zeigt sein Arschloch

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Mio Maos musikalischer Output ist hingegen seit der VBT-Zeit in jeglicher Hinsicht rar gesät. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe er "eigentlich Vollzeit" gearbeitet. Wenn er von Arbeit spricht, dann meint er nichts, was mit seiner Kunst zu tun hätte. Sein letzter Solosong "Die Klippe danach" erschien Anfang 2014. Bei Streaming-Anbietern findet man ihn nicht. Er hat seit der Turnierzeit einen Uni-Abschluss eingefahren und sich gedanklich von Bewertungssystemen entkoppelt. Dass ihn Fans erkennen und nach Fotos fragen, kommt nur noch in Ausnahmefällen vor. Das habe Stück für Stück nachgelassen. Er denkt über seine Vergangenheit nach und puzzelt mit einem verschmitzten Lächeln beiläufig aus Serviettenresten ein WiFi-Zeichen auf den Tisch. Es läuft Musik deutscher Post-Punk-Bands. Manou wippt mit.

Ein kurzer Flash, der sich so nicht wiederholen lässt

In Düsseldorf ist die Lage ähnlich. Splifftastic kann ebenfalls eine beachtliche VBT-Vita vorweisen. Er hat das inzwischen eingestellte Turnier sogar zweimal für sich entscheiden können. Auch er vereint Millionen von Klicks auf Battlerunden. Das Gesicht von Jonas flimmerte auf unzähligen Handydisplays und Bildschirmen auf. Dieses Sprungbrett, das er sich einst zimmerte, bot jedoch nicht die nötige Stabilität für eine musikalische Laufbahn. Stattdessen entschied er sich für einen weitaus planbareren Weg. Jonas spricht heutzutage mal die Rolle eines verrückten Professors für eine Kinder-App oder bearbeitet Tonspuren von Interviews. Viele Kunden aus dem Ausland greifen auf Dienste des studierten Audio-Engineers zurück.

Die Klingel am Hauseingang sendet das Signal in die falsche Wohnung. Statt Splifftastic wartet zunächst ein irritierter Nachbar im Treppenhaus. Trotz fehlgeleiteter Klingelanlage scheint der ehemalige VBT-Champ ein durchweg ordnungsliebender Mensch zu sein. Alles hat seinen Platz. In einer Mischung aus Schlafzimmer, Studio und Arbeitsraum werkelt er an unterschiedlichsten Projekten. An den urplötzlich steigenden Bekanntheitsgrad, der noch zum Teil auf Postings auf der toten Plattform MySpace zurückzuführen war, erinnert sich Jonas genau:

"Es war der übelste Flash. Wenn du das nicht kennst, ist das natürlich eine surreale Situation."

Splifftastic mit einem Fan
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Splifftastic
Splifftastic mit einem Fan

Äußerst real ist die Art und Weise, wie er heute seine Brötchen verdient. In Echtzeit verändert sich seine Auftragslage. Es ist zwar kaum auf die Musik zurückzuführen, aber Menschen wollen weiterhin seine Stimme hören. Über die Plattform Fiverr bietet er seine Dienste für Synchronisations- oder Sprecherjobs an. Zwischen dem Besprechen von Anrufbeantwortern für Firmen bis zum Aufsagen von ganzen Wörterbüchern ist alles dabei. Mit Worten weiß er umzugehen. Neben seinem fein säuberlich gehaltenen Arbeitsbereich steht eine selbst errichtete Booth. An den Wänden hängen Schalldämpfer. Alles akkurat. Alles an seinem Platz.

Nach dem ersten Kick beim VBT-Finale 2008 habe er nie wieder ein ähnliches Gefühl verspürt – obwohl seine Runden immer mehr Leute sahen und das Turnier nach und nach ein neues und größeres Publikum erschloss. Die Teilnahme sei mit seinem Alltag verflossen und er selbst zwischen den Abgabefristen abgestumpft. Die erhöhte Präsenz im Internet sei zur Selbstverständlichkeit geworden. Erst der Abstand verdeutlicht ihm, dass er über einen Zeitraum das genossen hat, worauf angehende Influencer spekulieren – konzentrierte Aufmerksamkeit.

Jonas aka Splifftastic bei der Arbeit
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Splifftastic
Jonas aka Splifftastic bei der Arbeit

Wenn das Feuer erlischt

Einen Flash hat damals auch Manou verspürt. Doch das Gefühl verblasste. Wenn man ihm so zuhört, dann sind die Gründe für das Erliegen seiner Rap-Ambitionen relativ banal. Er sei wegen des Studiums umgezogen und habe sich in ein neues Umfeld einfügen müssen. Irgendwie habe ihn einfach das, was man Leben nennt, total in Beschlag genommen.

"Da war das Feuer kurz aus und ist danach nicht wieder richtig angegangen. Von daher ist es eher im Sande verlaufen."

Manou ist dem Kreativsektor treu geblieben. Er ist bei einem gemeinwohl orientierten Unternehmen beschäftigt und dort im weitesten Sinne Social-Media-Redakteur. Kurz gesagt: Aus Rap Business wurde Social Business. Zusätzlich arbeitet er in einer Kieler Marketing-Agentur. Seine eigene Marke als Artist hat er hingegen kaum weiter aus- oder aufgebaut. In seinem VBT-Fan-Wiki steht noch, dass er sich durch sein Lippenpiercing auszeichne. Dieses Merkmals hat er sich schon lange entledigt. Es macht den Anschein, als sei er dieser Lebensphase entwachsen. Mit der Abkehr von einer Künstlerkarriere hat er gewissermaßen seine eigene Prophezeiung erfüllt. Er ist keiner dieser Rapper geworden, über dessen neuen Output man heute höhnisch herfallen würde.

"Will  keiner von denen werden, über die man sagt, dass sie früher mal fett war'n, doch jetzt nur noch Scheiße machen / Zweifelhafte Metamorphose statt den Shit gleich zu lassen" – Mio Mao auf dem Track "Curare" (2012)

Kurzzeitig schien es so, als könnte sich alles in eine ganz andere Richtung entwickeln. Der Kontakt zu einem Label bestand. Es war der Szene nicht verborgen geblieben, dass Mio Mao mehr mitbrachte als ein 08/15-Skillset. Was er rappte, war oftmals kreativer als die generisch wirkenden Bars seiner Kontrahenten. Auch die rohe Art und Weise des Vortrags mit Hang zur Golden Era sorgte dafür, dass Mio Mao das Format überstrahlte, in dessen Korsett er sich bewegte.

Zusammen mit einem guten Freund war Manou eine Weile als Plusdick und Reisser aktiv. Der Namenswechsel kam, weil er sich danach fühlte. Doch auch in diesem Tag Team entstand nicht die Überzeugung, aus diesem Hobby, mit dem er sich bereits hunderttausenden Menschen vorgestellt hatte, mehr zu machen. Draußen unter einer schmalen Überdachung dreht er sich geübt eine Zigarette und wird von anderen Gästen der Bar freundschaftlich begrüßt. Man kennt sich.

Zwischen Studium, privaten Verpflichtungen und dem simplen Hustle für die Miete sei er nicht dazu in der Lage gewesen, kontinuierlich Zeit und Energie in die Musik zu stecken. Andere Künstler wie Dexter hätten ihm zwar vorgelebt, dass Kunst und Alltag durchaus zusammen funktionieren können – doch verstanden habe er das nie.

"Das Paradebeispiel war früher immer Dexter. Über den hat man gesagt: Der ist Papa, macht seinen Arzt und macht parallel drei Alben im Jahr. Irgendwie scheint es zu gehen. Wie weiß ich nicht."

Als es irgendwann darum ging, weiter mit Output zu überzeugen, habe er schlichtweg "nicht geliefert". Mit der Musik ist Manou dennoch weiterhin verbunden. Er baut Beats, hält stetig nach Equipment Ausschau und kann sich durchaus vorstellen, wieder öffentlichkeitswirksamer zu rappen. Momentan beschleiche ihn dahingehend sogar ein "besonders intensives Gefühl". Gelegentlich cyphert er zum Spaß mit ein paar Freunden. Dann geht es nur darum, ungewöhnliche Wörter in einem Part unterzubringen. Keine Competition – alles entspannt. Nähert sich Manou der Kunst, die er auch selbst als solche bezeichnen würde, wird es sehr viel komplizierter. Hier bleiben Songskizzen mal gerne so lange liegen, bis sie sich überholen und schließlich nie das Licht der Welt erblicken. "Vielleicht bin ich zu langsam, um mir selber nachzukommen", sagt er und lacht herzlich.

Mio Mao auf einem Gig
Foto:

Christian Wasenmüller - instagram.com/christianwasenmueller
Mio Mao auf einem Gig

Battlerap für ein Millionenpublikum

Auf der Überholspur befand sich Splifftastic vor allem 2008 und 2013. In diesen Jahren ging er als Gewinner aus dem lyrischen Kräftemessen hervor. Die größte Aufmerksamkeit bekam er wohl für sein Battle gegen Weekend im Jahr 2012. Diese Runde steht bei über einer Million Aufrufen. Jeder, der sich einmal für mehr als einen flüchtigen Moment in diese Battleecke verirrt, wird irgendwann unweigerlich auf Splifftastic treffen. Er ist ebenfalls der Musik treu geblieben. 2019 droppte er mit Falk den Track "Ja sorry". Darum einen Gegner wortgewaltig zu demütigen, geht es hier nicht. Probleme, die sich im Alltäglichen abspielen, bilden die Basis. Grundlagen für angehende Rapper präsentiert Splifftastic auf seiner Instagram-Seite. Dort stellt er regelmäßig Beats vor.

Eine vertane Chance erkennt Jonas auf seinem Lebensweg nicht. In Hinblick auf eine musikalische Karriere wirkt er regelrecht erleichtert, mit manchen Textentwürfen nicht an die Öffentlichkeit gegangen zu sein.

"Wenn ich mir meine Texte angucke, die ich damals geschrieben habe, bin ich ganz froh, dass ich mich nicht für die Musik entschieden habe."

Die Zeit im Battlerap habe ihm Türen geöffnet. Als erneut Auftragsangebote auf seinem Smartphone aufleuchten, grinst er zufrieden. Zusätzlich zu dieser freiberuflichen Arbeit ist er als Assistent der Geschäftsführung bei Hiphop.de tätig. Auch die Auswahl für diese Position führt er zum Teil auf seinen Background aus dem VBT zurück.

Der Kontakt zur Battle-Szene ist nie ganz abgerissen. So war Splifftastic schon als Judge bei einem Event der bekannten Battle-Plattform DLTLLY im Einsatz. Mit anderen Teilnehmern von damals ist er freundschaftlich verbunden. Zusammen schwelgt man hin und wieder in Erinnerungen an die vielen Momente, die eine einzigartige Episode im Deutschrap markieren. Eine Episode, die Autogrammwünsche im Bus und eher aufgedrängte Gespräche im Fitnessstudio heraufbeschwor. Trotz seiner Turnier-Erfolge hat sich nie ein Label an Splifftastic gewandt. Auch Businessanfragen blieben aus. Der Kelch sei stets an ihm vorbeigegangen. Die Gründe liegen wohl irgendwo zwischen schlechtem Timing und seiner Musik, die er als zu "experimentell und weirdohaft" beschreibt.

Gewinnen war nie wichtig

Auf die gemeinsamen Augenblicke schaut auch Manou nach seinem dritten Bier zurück. Er betont vermehrt das Gruppenerlebnis, das ihn damals in seinen Bann zog. Er und viele andere Teilnehmer des Turniers hatten sich regelmäßig in der Hamburger Kneipe Seilerhütte verabredet. Hier verengte sich das weite Feld der VBT-Teilnehmer und Mitwirkenden zu einem verschworenen Haufen.

Mio Mao im Alter von 18 (r.) | heutige Seilerhütte (l.)
Foto:

Mit freundlicher Genehmigung von Mio Mao | Eigenes Material
Mio Mao im Alter von 18 (r.) | heutige Seilerhütte (l.)

Er hebt "sau viele lustige Abende" hervor. Unzählige Stunden, in denen es nicht um die entscheidenden Konter, sondern um den Austausch inmitten eines kollektiven Erlebnisses ging, das immer weitreichendere Formen annahm. Vom Schaukampf im Internet waren alle weit entfernt. Die Dinge, die er als negativ wahrgenommen hat, kommen ihm im Nachhinein allzu gewöhnlich vor. Vieles in dieser Zeit sei eine "interessante zwischenmenschliche Erfahrung" gewesen, die er vorher "so noch nie hatte und die so auch nie wiedergekommen ist." Damit bezieht sich Mio Mao vor allem auf die Augenblicke vor Gigs, die ihn in einen Tunnel geschickt hätten. Hier wisse er nicht mehr ganz genau, ob er sich korrekt verhalten oder eingebildet gewirkt habe.

Kurz kehrte Mio Mao 2015 in die Arena zurück und ließ sich auf ein Written-Battle mit Buddy bei DLTLLY ein. Seitdem versuche man ihn davon zu überzeugen, dort noch einmal anzutreten. Bisher ohne Erfolg. Eine generelle Bereitschaft wäre jedoch vorhanden. Auch hier scheint sich der Rapper in Manou auf keine konkreten Deals festlegen lassen zu wollen. Wenn er sich heute in Kiel mit dem Sieger der 2013er Splash-VBT-Edition Steasy trifft, dann nicht um an kreativen Punches zu feilen und Gegnerbezüge herzustellen, sondern um eine Partie Sackloch zu zocken. Das Ziel des Spiels ist so schnell erklärt wie einleuchtend: Mit einem Sack ein Loch treffen. Ob ihn damals wirklich etwas davon getroffen hat, was gegen ihn ausgepackt wurde, lässt er im Unklaren. Dafür zählt er unzählige Namen von Teilnehmern und Wegbegleitern auf, die positive Erinnerungen in ihm wecken.

Jonas wird da schon deutlicher. Als seine Freundin von einem übereifrigen Kontrahenten in das Turnier hineingezogen wurde, war dies eine Grenzverletzung, die er so nicht stehen lassen konnte. Es ist klar, dass eine Übereinkunft bei so einem Format darin besteht, sich und sein Leben als Angriffsfläche herzuschenken. Wenn Battlerap zu negativen Konsequenzen im Privaten führt, die weit über die Kunstfigur hinausgehen, dann ist die kreativste Punchline jedoch wenig amüsant. Von möglichen Anfeindungen, sobald man im Chartuniversum stattfindet, ist das sicherlich noch ein Stück weg. Dennoch wird hier deutlich, was Öffentlichkeit auch mit sich bringen kann. Mit Nachdruck weist Jonas darauf hin, welche Belastung seine Teilnahme zwischenzeitlich auch gewesen sei. Seine Stirn liegt in Falten.

Videobattles sind tot!

Schon mal was von Herr Kuchen oder Timatic gehört? Nein? Die beiden waren die Finalisten des größten Videobattle-Formats im deutschsprachigen Raum. Wo Battlerap als Live-Event einen fortwährenden Zuspruch erfährt, entwickelt sich die Online-Variante gegenläufig. Der Clash von zwei Rappern, die mit Punchlines und Bewegtbild in die Schlacht ziehen, scheint kaum noch zeitgemäß.

Gibt es einen Weg zurück?

Was sowohl Jonas als auch Manou permanent unterstreichen, sind die positiven zwischenmenschlichen Erfahrungen. Gedanken an eine vertane Chance auf dem Weg zu einer möglichen Rapkarriere hegen sie nicht. Vielmehr würden sie noch heute von der Zeit profitieren. "Stolz und eine gewisse Nostalgie" schwingen für Jonas bei der Rückschau auf seinen Status vor nunmehr acht Jahren mit. Manou findet es "brachial", dass sein "18-jähriges Ich" diese Phase durchlebt hat und er kurz nach dem Abitur vor mehreren hundert Menschen performen durfte. Newcomer schießen heutzutage mehr denn je aus dem Boden. Die Reichweite, die das VBT Jonas und Manou in einem schmalen Korridor ihres Lebens bescherte, wird dennoch nur einem Bruchstück der Neulinge zu Teil – trotz Instagram, TikTok und allen anderen Möglichkeiten der Selbstvermarktung.

Nun stehen beide Stellvertreter dieser Zeit mit den Beinen im Berufsleben. Battlerap-Turniere dieser Form sind parallel dazu weitestgehend ausgestorben. Ihr Brot verdienen die Jungs mitunter weiterhin mit dem Kreativsein. Der Battlerap-Bubble von damals sind sie entstiegen. Dieses kurze Gefühl aus der Masse herausgeragt zu haben, verdichtet sich zu einer prägenden Erinnerung, die jedoch heute kaum noch eine Rolle spielt.

Vielleicht sieht man beide auch nochmal battlen. Vielleicht kommen sie mit neuer Musik aus der Deckung. Einen nachhaltigen Karriere-Neustart peilen jedoch nicht an. Alles auf die Karte Rückkehr setzt hier niemand. Zu unsicher und brüchig wäre so ein Versuch – wobei Trettmanns goldene Jahre wohl nur die Wenigsten so vorausgesehen hätten.

Kurz bevor Manou zurück in seine Wohnung aufbricht, hört er sich noch Flers Bushido-Disstrack "NONAME" an. Ein schmales Lächeln nötigen ihm einige Zeilen ab. Er hat Schwierigkeiten einzuordnen, warum der Track als derart bösartig gilt. In diesem Moment wirkt es so, als hätte er sich vollkommen von allem abgekapselt, was ihn auch nur kurz in die Welt der möglichst pointierten Beleidigungen zurückreißen könnte.


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