14. August – mein Handy klingelt und leuchtet durchgehend. Twitter, Facebook, WhatsApp, kaum etwas steht still. Was ist passiert? Gibt es wieder Tweef oder hat jemand etwa Miley Cyrus aus dem Haus gelassen?

Nein, diesmal ist es eine freudige Nachricht, denn Kool Savas meldet sich nach einer gefühlten Ewigkeit zurück.

"Ihr habt lang genug gewartet..." und "der King is back..." – zwei schlichte Tweets, die erwachsene Männer und Frauen in einen Zustand versetzen, der mich persönlich schon fast an die Backstreet Boys-Ära erinnert.

Kurz darauf macht Kool Savas den Beyoncé-Move und veröffentlicht ohne jegliche Ankündigung ein Video. Damit sorgte er für die zweite Welle auf den sozialen Netzwerken. Der von Mikis Fontagnier gedrehte Clip zu Matrix mit der Anlehnung an den Film Human Centipede ließ uns alle etwas schockiert dreingucken. Eine kurze Erklärung dazu, bevor du jetzt losrennst und dir den Film wirklich anschaust: Ein verrückter deutscher und abgeschieden lebender Wissenschaftler entführt drei Touristen und führt an ihnen Operationen durch. So näht er deren Münder an die Hintern der anderen und erschafft so einen "menschlichen Tausendfüßler". Klingt verrückt, ist es auch.

Rap-Fans schreiben sich gegenseitig und teilen es, als sei schon Silvester und sie allen ein frohes neues Jahr wünschen würden. Aber nein, für Fans ist es dann doch noch ein Stückchen schöner als Silvester. Ja, es fühlt sich fast schon ein bisschen wie Weihnachten an.

In einer Zeit, in der wir unseren Rap-Stars durch Facebook und Twitter extrem nah sind, das Gefühl haben, sie seien tatsächlich unsere Kumpels und sie uns täglich in unserem virtuellen Leben begleiten, zog sich Kool Savas genau davon vollkommen zurück. Gerüchte kamen auf, er sei ausgewandert oder sogar schlimm erkrankt. Kein Wunder also, dass die Freude über sein Comeback jetzt nur noch größer ist. Wie muss es sich wohl anfühlen, wenn ganz Rap-Deutschland in Ekstase darüber ist, dass der von unseren Lesen zum King Of Rap gekürte Rapper wieder persönlich von sich hören lässt? Wir haben nachgefragt!

Wie war es für dich, als du die Reaktionen auf den Social Media-Plattformen zu deinem Comeback gesehen hast?

Ich hatte nicht das Gefühl, soooo lange weggewesen zu sein, dass es angebracht wäre, von 'nem Comeback zu sprechen, aber, um deine Frage zu beantworten, war ich geschmeichelt, zu sehen, dass es doch eine Menge an Hörern gibt, die genau auf diese Art von Rap ausrasten und die sich ein Album als Alternative zu dem jetzigen Sound im deutschen Rap wünschen.

Nach dem Kollaboalbum mit Xavier Naidoo blicken deine Fans gespannt auf Märtyrer und erwarten einen Savas, und zwar "so, wie er früher mal war". Fühlst du dich in deiner Weiterentwicklung als Künstler gehemmt, weil deine Fans von dir etwas ganz Bestimmtes erwarten? 

Ich habe mehr Freude daran, die Fans und Supporter zu überraschen, als genau das zu tun, was sie erwarten. Meine Musik ist in erster Linie immer meine Musik. Selbst ein Album wie Gespaltene Persönlichkeit, das aus der Ecke der Battlerap-Fans Kritik ertragen musste, ist für mich in jeder Hinsicht richtig gewesen und hat unglaublich viel für meine musikalische Entwicklung getan. Textlich und vor allem emotional in einer Zeit, in der ich über vieles sprechen wollte, und auch als absoluter Gegensatz zu dem, was ich jetzt mache.

Ich habe eine eher ungechillte und rastlose Phase meines Lebens in einem Album verarbeitet - case closed. Vielleicht nicht ganz genau so, aber ich hab gemerkt, dass man seine Musik auch dazu nutzen kann. Das war mir in der Form nie so bewusst gewesen. Diesmal kommt ein Album, auf dem ich meine Gedankengänge immer nur innerhalb eines Rap-Fensters mitteile. Ich belaste niemandem mit Emo-Filmen. Genauso möchte ich auch im Moment keine Deprimucke hören und die Probleme irgendeines Mitte-20-Jährigen mit ihm gemeinsam verarbeiten. Du hast dein Abi geschmissen? Ok, schön für dich. Probleme mit deiner Freundin? Deine Katze ist gestorben? Ich kann dir nicht helfen! Ich will geilsten Rap auf den geilsten Beats. Und das, was ich von anderen verlange, das verlange ich auch von mir selbst.

Ich will noch anmerken, dass wir hier in Deutschland die kritischste und zugleich oftmals unfairste Hörerschaft haben. Ich hab damals zwei Songs übers F*cken gemacht und war der Pimp-Rapper. Ich dreh' zwei Videos in den Bergen und bin der Bergsteiger-Rapper, mach' einen Song mit Xavier über Ritualmörder und bin der Verschwörungs-Rapper. Den Leuten fällt es extrem schwer zu verstehen, dass jeder Mensch verschiedene Facetten hat... Selbst an einem Tag geht jeder normale Mensch durch die verschiedensten Emotionen. Außer, man ist so dumm, dass man gar nix mehr fühlt.

Also, was ist es, das dich nach so vielen Jahren antreibt, mit Rap weiter zu machen?

Dem nach meinen und den allgemeingültigen Grundsätzen beste MC zu sein - der komplette MC!

Einen brutalen Text schreiben zu können, einen geilen Flow zu haben, verschiedene Facetten zeigen zu können, Hits zu machen, eine geile Bühnenshow zu liefern und am Ende den positiven Geist von Hiphop als Kultur zu repräsentieren. Es geht nicht nur mich, Hiphop ist keine Monarchie, auch wenn man gerne mit diesem Bild spielt.

Ich hoffe, noch in 20 Jahren durch ganz Deutschland zu reisen und auf Jams und Festivals spielen zu können. Davor möchte ich auf dem Gelände oder an der Halle ein Piece sprühen und irgendwelchen jungen Typen beim Freestylen zuhören. Hiphop wird immer eine Kultur bleiben und das kann mir niemand ausreden. Kein Rapper kann mich jemals davon überzeugen, dass es peinlich ist, dazu zu stehen. Bevor ich das mache, was die anderen jetzt von mir wollen, bin ich lieber nicht erfolgreich.

Ich weiß diese ganzen Irren da draußen bekommen 'ne Meise, wenn die sehen, dass es bei mir läuft, denn nach deren Meinung bin ich auf dem "Rap-Film hängen geblieben".

Es schwirren aktuell einige Gerüchte im Internet herum, was mögliche Features auf Märtyrer betrifft. Kannst du dazu schon etwas verraten?

Ich kann dir bestätigen, dass keins der Features bisher zustande gekommen ist... Das bedeutet, dass ich mehr Solosongs recorde und immer allein oder mit DJ Smoove im Studio abhänge. Apropos Features: Wir werden ein besonderes Feature in die große Limited-Fan-Box packen – ist etwas bisher einmaliges im Textil-Bereich...

Kaum jemand kann von sich sagen, dass er der Inbegriff für deutschen Rap geworden ist. Vergessen wir kurz Verkaufszahlen und Chartplatzierungen. Kool Savas hat in seiner gesamten Karriere immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt, welche künstlerische Bedeutung er innerhalb und für die Szene hat. An wen denkt man, wenn man in 20 Jahren auf deutsche Rap-Musik zurück blickt? Wahrscheinlich nur auf eine Handvoll Künstler, die eine Szene so groß gemacht haben, wie sie heute ist. Ohne Frage kann niemand abstreiten, dass er zu diesen Künstlern gehört.

Das Live-Monster wird übrigens bald auf große Tour gehen. Aktuelle News, Infos und alles zur Tour von Kool Savas findest du auf hiphop.de/kool-savas. Einen Trailer kannst du dir hier anschauen:


In diesem Sinne bleibt nur noch eins zu sagen:

Groove Attack powered by Hiphop.de

Groove Attack powered by Hiphop.de

Deine Deutschrap-Playlist powered by Hiphop.de, immer mit den aktuellsten Tracks der deutschen Hip-Hop Szene! Cover: ERRDEKA

Groove Attack ist Streaming Partner von Hiphop.de

Kommentare

Da zittert ja bestimmt Mister kole..................... ;-)

Wie alle versuchen immer wieder herauszuarbeiten, wie viel s für deutschen rap bedeutet. Jeder weiß es und keiner bestreitet es. Wozu also immer und immer und immer wieder darauf hinweisen? Dieser Text trieft ja nur so vor Hingabe zu einem Künstler. Finde ein bisschen Fantum auch in journalistischen Texten nicht so wild, aber irgendwie wirds hier übertrieben. Die letzten beiden savas Alben waren richtiger Dreck (und habe hier beide im Regal stehen). Wieso sowas nicht einfach mal direkt ansprechen und so schmusefragen, wie bei frage 2 einfach mal etwas härter raushauen und so dämliche "ich armer kleiner savas" antworten nicht zulassen. Berge im Video und Verschwörungstheorien
haben ihm die Kritik sicherlich nicht eingebracht, sondern die verblendete ******e, die er auf den Alben geredet hat. Guter Journalismus würde darauf hinweisen und darauf aufmerksam machen. Nur so entwickelt sich Kultur und Kunst weiter. Wenn wir Pech haben wird Märtyrer genauso ******e, weil keiner mit der nötigen kraft und Kompetenz, die die deutschen hiphop-Medien zb hätten mal ordentliche und direkte Kritik geäußert hat.
Stattdessen wird immer darauf rumgeritten wie geil s war und wie viel er gemacht hat. Stimmt - in den letzten Jahren kam trotzdem nur Dreck.

Stimme in allen Punkten zu!!!
HipHop.de sind halt FanBoys von Savas (was ich eig.nicht übel nehmen kann, weil ich ihn auch Feier)
Aber ich habe hier auf immer wieder den Eindruck, das bei gewissen Musiker "ar***gekrochen" wird! Und das hat nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun, schade drum! Sieh hiphop.de als die BILD DES HIP HOPS/oder POPS :D

p.s: Welche 2 letzten Alben meinst du ?
die solo Alben? Aura, T.o.L
die kollabos ? JBS 3, gespaltene Persönlichkeit ?
Also ich habe ihn bei JBS 2 Richtig Böse gefeiert :D

Dieses verdammte Rap-Monster sollte mal ein Album mit Samy veröffentlichen. Es gibt wohl niemanden der Rap mehr verkörpert als Kool Savas & Samy Deluxe! Die würden sich gegenseitig ins unendliche pushen und wir würden nie wieder etwas vergleichbares hören! Aber das bleibt nur ein Traum so wie eine weitere Savas / Eko Kollaboration.

gab es nicht mal einen Track von beiden?

Wie wärs mit Kool Savas und Cr7z ein collabo Album würde alles zerstören

Das Live-Monster??? Wie wäre es mit dem Spitznamen Muskeldonner... ach ne den hat ja schon Toony auf Rapupdate.de... Ich bin allgemein gegen solche hochlobenden Lutsch-Gesänge in objektiven Rap-Magazinen. Nichtsdestotrotz ist Savas eine Legende

100%

Deine Meinung dazu?

Weiter ...

Gute Features, böse Features: Deutschrap in der Zwickmühle

Gute Features, böse Features: Deutschrap in der Zwickmühle

Von Anna Siegmund am 25.11.2019 - 14:42

"Stellt euch vor: Über einen alten Freund kommt raus, er hat eine Frau geschlagen, die Mutter seiner Kinder. Er und seine Freunde haben sich nachher noch online drüber lustig gemacht. Er hat sich mehrfach missbräuchlich gegenüber Frauen verhalten. Würdet ihr mit ihm chillen? Frage für Rapper."

Mit diesem Tweet kritisierte 3Plusss das Feature "Du weißt" von Trettmann mit Gzuz. Und man muss aktuell nicht weit in die Rapgeschichte zurückblicken, um zahlreiche weitere Beispiele für Diskussionen um fragwürdige Features zu finden.

Dabei geraten Künstler*innen immer wieder in die Kritik. Dieser Artikel zeigt nicht nur die vergangenen Debatten um die Feature-Frage, sondern wirft auch generelle Fragen auf und versucht Antworten auf diese zu finden. Wie entscheidet sich, wen man featuren darf? Welche Auswirkungen kann die Kooperation mit anderen Künstler*innen haben und welche Rolle spielt dabei die so oft genannte Reichweite? Kann sich ein Mensch mit homofeindlichen und sexistischen Aussagen für immer "unfeaturebar" machen?

Xavier Naidoo als Feature: Nicht alle sind "Hin und weg"

In letzter Zeit standen beispielsweise die Künstler in der Kritik, die auf Xavier Naidoos Album "Hin und weg" zu hören waren. Die Vorwürfe richteten sich in diesem Fall durchaus an große Namen der Szene. Für "Hin und weg" gingen unter anderem MoTrip, Kontra K sowie Chefket mit dem Sänger ins Studio. Für ihr Album "Bling Bling" arbeitete auch Juju mit Xavier Naidoo zusammen.

Doch warum wird ein Feature mit dem Mannheimer von vielen Seiten kritisch gesehen? Seit Jahren bringen viele Medien Xavier Naidoo mit der rechten Szene in Verbindung. Ein Auftritt vor einer rechtspopulistischen Gruppe, die sich "Reichsbürger" nennt, sorgte für erste Spekulationen. So verbreitet er die Theorie, dass Deutschland kein freies Land sei, da es nie einen Friedensvertrag unterschrieben habe. Die Vorwürfe, rechtspopulistisch oder auch homophob zu sein, weist der Sänger stets von sich.

MoTrip, Kontra K, Chefket: 3Plusss kritisiert Xavier Naidoos Feature-Gäste

3Plusss ist für seine gesellschaftskritischen Aussagen bekannt und legt im Deutschrapkosmos gerne mal den Finger in die Wunde.

Shirin David beweist häufiger kein gutes Händchen in Sachen Features

Wenig später stand Shirin David im Fokus der Kritik. Auch in diesem Fall war es 3Plusss, der seine Zweifel auf Twitter äußerte.

Aber tatsächlich musste sich die erfolgreiche Rapperin schon häufig Kritik für die Auswahl ihrer Kooperationspartner anhören. Für ein YouTube-Video arbeitete sie beispielsweise mit Mert zusammen. Dieser fiel leider in der Vergangenheit durch homofeindliche Aussagen in seinen Videos auf. Auf Kritik reagierte er mit weiteren Angriffen auf homosexuelle Menschen. Shirin Davids Unterstützung für Mert löste einen großen Sh*tstorm aus. Mit mehr Abstand zu der Situation erklärte sie auf dem YouTube-Kanal World Wide Wohnzimmer, nichts von der homofeindlichen Einstellung des ehemaligen YouTubers gewusst zu haben. Merts Ansicht sei ihr nicht bekannt gewesen, sonst wäre der Videodreh mit ihm nicht zustande gekommen.

"Warum sollte ich dem Ganzen Reichweite schenken?"

Schuld sei Unwissenheit gewesen. Sie habe im Vorfeld keinen Kanalcheck durchgeführt. In dem Interview bei World Wide Wohnzimmer zeigt sie sich der Folgen einer solchen Kooperation durchaus bewusst:

"Okay, das kann ich nicht verantworten. Es geht darum, wem du deine Reichweite schenkst und wem du sie gibst. Und da haben die Leute natürlich recht. Ich kann das nicht machen. Wir haben so viele junge Zuschauer."

Sowohl Mert als auch Shirin David nahmen die gemeinsamen Videos auch von ihren Kanälen. Die frischgekürte Bambi-Gewinnerin entschuldigte sich bei allen Menschen, die sich durch die Kooperation der beiden verletzt fühlten.

Für den Track "On Off" stand Shirin leider erneut mit jemandem im Studio, der für homofeindliche Aussagen zweifelhaften Ruhm erlangte. Gims veröffentlichte in der Vergangenheit mit dem Text "On t’a humilié" ein unmissverständliches, homofeindliches Statement. Die Ernsthaftigkeit der folgenden Stellungnahmen und "Entschuldigungskampagnen" lässt sich nach solchen eindeutigen Aussagen anzweifeln.

Auch ein Feature mit Xavier Naidoo war auf dem Album "Supersize" zu hören. In einem Kommentar unter seiner Kritik macht 3Plusss deutlich, dass es ihm vor allem um die homofeindlichen Aussagen ihrer Features geht:

Shirin David antwortet in einer Instagramstory auf die Kritik an ihrem Feature mit Xavier Naidoo:

"Ich mache Musik und mein Song mit ihm gemeinsam handelt von Liebe und Zusammenhalt. Nicht mehr und nicht weniger."

Shirin bricht ihre Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Sänger also ausschließlich auf ihren gemeinsamen Track runter. Und inhaltlich ist der Track "Nur mit dir" tatsächlich eine typische Liebeserklärung. Nichts, was musikalische Horizonte sprengen würde. Nichts, was nicht auch mit einem anderen, weniger polarisierenden Musiker an der Seite von Shirin David funktioniert hätte.

Auch "Shirinbae" von Fler bewies entweder, dass Shirin David ein wirklich schlechtes Händchen für ihre Kooperationspartner hat oder schlichtweg, dass sie sich herzlich wenig für mögliche Kritik an ihrer Feature-Auswahl interessiert. Die Rapperin steuerte für den Track ihren Namen und ein Cover bei. In einem Interview mit 16Bars erklärte sie dazu:

"Keiner hat mich so supportet wie Fler. Und wer soll ich jetzt sein, dass wenn er sagt, er macht einen Song… Ich soll ihm kein Cover geben?"

In dem Interview beschreibt Shirin David die Wortwahl Flers als "süß". Andere leiteten aus ihr eher ein sexistisches und homofeindliches Weltbild des Rappers ab. Shirins Aussage aus dem Gespräch mit 16Bars "Wer Liebe gibt und Respekt, der kriegt Liebe und Respekt zurück", macht in diesem Zusammenhang, in dem Fler Frauen und homosexuellen Menschen nur sehr wenig Liebe und Respekt entgegenbringt, kaum Sinn. Also ja, vermutlich hätte man Fler für diesen Track kein Cover geben müssen. Damit soll die Homofeindlichkeit des Rappers nicht auf eine Stufe mit der von Mert und Gims gestellt werden. Jedoch bedeutet eben auch die homos*xuelle Gesinnung eines Menschen als Beleidigung zu nutzen, eine homophobe Grundeinstellung, über die man im 21. Jahrhundert hinweg sein sollte.

Trettmann & Gzuz sorgen für Diskussionen

Auch Sookee traf auf Instagram vor Kurzem auf viel Kritik. Sie rief dazu auf, das Album von Trettmann zu streamen und zu kaufen, um es am Ende der Woche auf der Pole Position der Charts stehen zu sehen. Sie reflektierte dabei zwar die Kritik um das Feature mit Gzuz auf "Du weißt", erklärte aber auch, dass ihr in diesem Fall die Beteiligung von Keke und Alli Neumann an dem Album wichtiger sei.

Als Reaktion auf dieses Statement musste sich die engagierte Rapperin unter anderem das Feministinsein absprechen und einen regelrechten Sh*tstorm über sich ergehen lassen. Das Internet konnte nicht verstehen, warum eine Feministin über das Feature mit Gzuz hinwegsehen kann. Das Internet konnte ebenso nicht verstehen, dass Feminismus nicht funktioniert, solange Frauen für das Äußern einer Meinung derart angegriffen werden.

Trettmann äußerte sich selbst zu der Kritik an seinem Feature mit Gzuz. Dabei gab er an, die Vorwürfe gegen den Rapper der 187 Strassenbande privat mit ihm besprochen zu haben. Auf die musikalische Zusammenarbeit mit seinem Freund möchte er nicht verzichten.

Trettmann äußert sich zur Kritik am Gzuz-Feature auf "Du weißt"

Aktuell wird im Rapkosmos viel über die Wahl von Feature-Gästen diskutiert. Zuletzt stand dabei das neue Album des Soulsängers Xavier Naidoo im Fokus. 3Plusss kritisierte die Rapper, die auf dem Album vertreten waren, aufgrund der politischen Gesinnung des Mannheimers. Auch Trettmann musste sich zuletzt Kritik gefallen lassen, denn auf seinem neuem Album "Trettmann", das ab dem 13.

Was bedeutet ein Feature?

Die hier angeführten Diskussionen wurden meist durch Ignoranz, blinde Verteidigungshaltung der Fans, schlichte Ablenkung oder stumpfes Aussitzen bis zu einem anderen Sh*tstorm erstickt. Was wir dabei oft vergessen haben, ist die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Kern des Vorwurfs. Wen darf man featuren? Und was darf wann gesagt worden sein, um noch als "akzeptables" Feature zu gelten? Gibt es "unverzeihliche" Ansichten, die ein Feature für alle Zeit unmöglich machen?

Was bedeutet ein Feature denn überhaupt? Für Shirin David bedeutete das Feature mit Xavier Naidoo in erster Linie wahrscheinlich die Erfüllung eines Jugendtraums. Die Videos mit Mert waren vielleicht eine vielversprechende Kooperation mit einem anderen YouTuber. Für Trettmann war das Feature mit Gzuz vielleicht einfach ein Freundschaftsdienst.

Was aber bedeutet so eine Kooperation auch? Sie bedeutet, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass du cool damit bist, wenn jemand homofeindliche Statements in die Welt schickt. Sie bedeutet, dass du dich mit Menschen umgibst, die mit den sogenannten "Reichsbürgern" in Verbindung gebracht werden und die Deutschlands Souveränität in Frage stellen. Sie bedeutet, dass du Menschen, die sich über Gewalt gegenüber Frauen lustig machen, deine Reichweite zur Verfügung stellst.

Es ist egal, was du persönlich in das Feature hineininterpretierst und was es für dich bedeutet. Du musst dir vorher die Frage stellen, ob du die genannten Folgen für die Erfüllung eines Kindheitstraums, für mehr Reichweite auf YouTube oder für einen Freundschaftsdienst in Kauf nehmen möchtest.

Rap ist kein Nischen-Genre mehr und muss nicht vor Kritik geschützt werden

Rap kann sich nicht mehr dahinter verstecken, ein kleines Subgenre zu sein. Die Feature-Frage ist mittlerweile auch bei Menschen angekommen, die sonst weniger in der Materie stecken. Ein positives Beispiel, das sich ernsthaft mit Rap beschäftigt, die richtigen Fragen stellt und dabei nicht auf die bloße Verurteilung des Genres aus ist, bietet die Podcastfolge "Darf ich das noch hören?" von der YouTuberin und Feministin Mirella Precek (YouTube: Mirellativegal) und ihrem Kollegen Florian Gregorzyk (YouTube: Flo). In ihrem Podcast "Muss das sein?" sprechen die beiden sonst wenig über Rap, auch wenn Flo sich in dieser Folge als Fan von Aggro Berlin sowie Haftbefehl outet. Die beiden nehmen sich einer ewigen Frage an:

"Kann man Künstler und Kunst trennen? Sollte man bestimmte Künstler überhaupt noch unterstützen?"

Mirella spricht dabei eine Frage an, die auch in Bezug auf das Feature von Shirin David und Gims interessant sein könnte. Ihr geht es in ihrer Aussage aber um die Musik von Chris Brown, der seine Freundin Rihanna 2009 verprügelte.

"Gerade wenn du eine Reichweite hast, dann willst du die ja auch gut nutzen und nicht um Frauenschläger zu promoten. Ich weiß aber nicht, das ist jetzt auch schon so lange her, dass er das gemacht hat. Sagt man irgendwann, das ist jetzt okay oder verzeiht man da? Ich weiß es nicht"

Diese Frage hat einen hohen Stellenwert. Wer kann schon völlig zufrieden auf alle seine Handlungen, Gedanken und Ansichten der letzten Jahre zurückblicken? Manchmal hatte man vielleicht auch einfach Glück, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Oder so alt zu sein, dass es das Internet, das ja bekanntlich nie vergisst, in seiner heutigen Form noch nicht gab. Vielleicht können einige Vergehen oder Ausrutscher also schon vergeben werden, solange ein sichtbares Umdenken stattgefunden hat, es eine Entschuldigung gab und der*die Künstler*in nicht mehr hinter den alten Aussagen und Taten steht. Ob das Verprügeln eines anderen, offenbar wehrlosen Menschen verziehen werden kann, ist eine andere Frage.

Beim Gzuz-Feature gehen die Meinungen der beiden auseinander. Flo ist ein großer Fan von Trettmann, "#DIY" und dem sonstigen politischen Engagement des Rappers. Dennoch verändert das Gzuz-Feature seine Meinung zu Tretti:

"Aber mir, als sozusagen Fan, mich hat das einfach enttäuscht und ich habe zum Beispiel das neue Album von Trettmann auch noch nicht gehört."

Mirella hingegen ist etwas kritisch dieser Einstellung gegenüber und hinterfragt die Fairness dieser Entscheidung. Mit einem endgültigen Statement hält sie sich allerdings zurück, da sie die Schlagzeilen zu Gzuz nicht verfolgt hat.

Feature oder lieber nicht? Eine persönliche Entscheidung

Am Ende muss jede*r selbst entscheiden, wo die Grenzen des guten Features für ihn oder sie liegen. Hier steht und fällt die Moral auch oft mit dem persönlichen Musikgeschmack. Natürlich ist es einfacher, eine*n Künstler*in von der Playlist zu verbannen, wenn man sowieso gut und gerne auf die Musik verzichten kann. Mirella geht es beispielsweise so mit Xavier Naidoo. Shirin David scheint es, vielleicht auch durch ihre Liebe zu seiner Musik, nicht so leicht zu fallen, Xavier Naidoo für seine Aussagen zu verurteilen. Hier entscheidet sie sich klar für eine Trennung von Kunst und Künstler. So eine Unterscheidung gelingt ihr bei Mert offenbar deutlich schwerer, was in diesem Fall natürlich auch dem Umfeld YouTube geschuldet sein kann, das von der Authentizität der handelnden Figuren lebt.

Aber stellt euch vor, über den Freund eurer Tochter kommt raus, dass er ihr gegenüber zu Gewaltausbrüchen neigt. Stellt euch vor, es wird sich über euch lustig gemacht, weil ihr eure Freundin angezeigt habt, die euch misshandelt hat. Stellt euch vor, eurer Schwester wurde Gewalt angetan und es wird sich darüber im Internet lustig gemacht.

Vielleicht ist es wichtig, sich diese Fragen zu beantworten, bevor man ein moralisches Urteil über diskussionswürdige Features fällt. Wahrscheinlich würden wir viel weniger akzeptieren, wenn wir nicht immer daran glauben würden, dass solche Dinge nur den anderen passieren.


Sag uns deine Meinung zu diesem Artikel! (1 Kommentar)

Register Now!