"Reif & vorbildlich": Die harmlosesten Lines auf "JBG 3"

Die Ankunft von JBG 3 verlief rau und hart wie der einsetzende Winter. Rapper und die Mütter von Rappern bekamen ihr Fett weg. Der letzte Teil von JBG beinhaltet Battle-Lines noch und nöcher – aber was steht da eigentlich zwischen all den Disses? Wir haben den Spieß einfach mal umgedreht und nach verhältnismäßig unverfänglichen und harmlosen Zeilen Ausschau gehalten, auf die sogar Farid Ben und Friend vielleicht ein bisschen Stolz wären. Es ist schließlich bald Weihnachten und da passt ein wenig Besinnlichkeit doch hervorragend.

Wir starten mit einer reinen Behauptung, die selbst in Verbindung mit den Übertreibungen einigermaßen moderat bleibt. Hier wird niemand angegriffen, sondern lediglich festgehalten, dass man ein Rapgenre maßgeblich mitentwickelt habe. Diese Haltung grenzt sich kaum von einem Rapper ab, der darüber rappt, dass er mehr geleistet hat als seine Kontrahenten. Die Ansage zu Verkäufen zeigt dann aber doch, dass es nicht um die bloße Liebe zur Kultur geht:

"Damals im Rapgenre verkaufte niemand CDs / Wir kamen wie 'ne Armee und haben G-Rap geprägt" (Sturmmaske auf)

Kollegah fügt sich im JBG-Modus auch selbst Schaden zu. Die Einnahme der Substanz zum Muskelaufbau hat sein Herz geweitet und führt dazu, dass sich seine inneren Organe vergrößern. Das kann nicht gesund sein:

"Denn ich hab' ein großes Herz dank Anabolikamissbrauch" (Rap wieder Rap)

Das Rap-Game ist ein Spiel. Ein Spiel, bei dem sich viele Parteien um die wenigen Plätze an der Spitze streiten. Diesen Wettkampf mit Krieg gleichzusetzen, erscheint als relativ gewöhnliche Metapher, die noch mit einem mehrsilbigen Vergleichsreim garniert wird:

"Das kein Rap, wir machen Kriegsberichterstattung wie Marineschiffsbesatzungen" (Wenn der Gegner am Boden liegt)

Auch folgende Line dokumentiert den Wettkampfcharakter von Rap, ohne konkret jemanden zu fronten. Beide werten ihr Projekt auf und rücken das Erfolgsdenken in den Fokus:

"JBG, hart wie ein sibirischer Knast / Es ist wie Kampfhunde trainieren, das Ziel ist erfasst" (Wenn der Gegner am Boden liegt)

Diese Demonstration der eigenen Stärke zieht sich durch den gesamten Song Wenn der Gegner am Boden liegt. Sogar der besondere Einsatz für den Weltfrieden findet Erwähnung. JBG 3 setzt sich hier also aktiv für das Ende von Kriegen ein – ein unerwartetes Hilfsangebot in diesen schwierigen Zeiten:

"Ey, wir kassier'n den Friedensnobelpreis / Denn wir zeigen nur kurz den Bizeps und weltweit / Stell'n sich Kriege von selbst ein" (Wenn der Gegner am Boden liegt)

Ähnlich wie beim Medikamentenmissbrauch tut sich Kollegah bei seiner Morgenroutine nur selbst weh. Die Battle-Gegner werden links liegen gelassen, wenn es um persönliche Aufstehrituale geht:

"Um morgens wach zu werden, piss' ich an ein Starkstromgitter" (Es wird Zeit)

Die Thematisierung des eigenen Antriebs für das ganze Gerappe verläuft auch total im Rahmen. Der Hustle soll eine Sorge vertreiben, die wohl jeder kennt. Die Welt dreht sich bekanntlich nur, wenn ordentlich Patte fließt und deswegen muss es möglichst viele Scheine regnen:

"Alles tun, damit ich keine Geldsorgen mehr hab' / Solang es Cash abwirft wie Jordan Belfort auf der Yacht" (Es wird Zeit)

Farid Bang kontert mit nachstehender Line die Vorwürfe aus, dass er dümmlich wäre. Das ist falsch. Er ist nämlich einfach nur sehr reich:

"Halb Deutschland nennt mich Armleuchter wegen meiner Rolexuhr" (Es wird Zeit)

Mit Bezügen zur Gegenwart und Vergangenheit verweisen die beiden auf ihren Status in der Szene. Zudem geben sie sich hungrig wie Newcomer:

"Wir hatten die Straßen im Griff und haben die Straßen im Griff / Bringen immer noch Jagdinstinkt mit wie'n Safaritourist" (Es wird Zeit)

Ist der Instinkt geweckt, kann die Jagd beginnen. Es gilt nicht einen bestimmten Rapper zu stellen, sondern das Instrumental zu bezwingen. Das wiederum kann sowohl das Herz des Hörers als auch die Pumpe der imaginären Gegner in Wallung bringen:

"Jetzt ist Jagdsaison, wenn der Beat läuft ist Schicht / Und dein Herz beginnt zu flackern wie Kaminfeuerlicht" (Jagdsaison)

Hier geben Banger und Boss ihrer recht simple Erfolgformel preis. Bewusste Provokationen helfen auf dem Weg nach oben. Eine Zeile voller Einsicht und einer (inzwischen) Disney-Marke:

"Und habe mit Anecken Erfolg wie Star Wars-Filme" (Frontload)

Zweifellos feiert sich das JBG-Team gerne selbst ab. Aber auch hier: kein Gegnerbezug (VBT-Voice) und nur ein reines Unterstreichen des eigenen Anspruchsdenkens. Kein Haar, das Angst vor einer Krümmung haben müsste:

"Wir sind das Rapmonopol, die Hauptkommandozentrale / Die Traumkollabo des Jahres knallt wie Autokarambolagen" (Die letzte Gangsterrapcrew)

Nach Star Wars bedienen sich die beiden nochmals am Filmpool und inszenieren sich als übermenschliche Rapper mit Traumkörpern. Wiedermal eine Überhöhung, die jeder Battle-MC wohl so oder so ähnlich schon mal abgeliefert hat:

"Es sind Robocop und Terminator / Damit wir zwei aufs Cover passen, muss der Grafiker per Photoshop die Körper schmälern" (Die letzte Gangsterrapcrew)

Der Song Eines Tages lässt direkt Raum für eine Spur Sentimentalität. Die Tellerwäscher-Millionär-Geschichte münzt Kollegah auf seine eigene Karriere um. Vom ersten Splash!-Auftritt bis zum elitären Sportwagen war es ein steiniger Weg:

"Als man dachte, 'Der weiß nicht, wie man ein Mikrofon hält!' / Wusst' ich, eines Tages wird der Lamborghini bestellt" (Eines Tages)

JBG ist immer auch ein Album über Äußerlichkeiten. Daher findet eine Line für die Pumper-Generation statt, die niemanden verletzt und nur die Kleidung einer Belastungsprobe unterzieht:

"Ich atme ein und der Hemdknopf platzt / Atme aus und nochmal ein und das Tanktop platzt" (In jeder deutschen Großstadt)

Die Aufstiegsstory lässt sich nicht nur mit Mics und Lambos erzählen, sondern ebenso kulinarisch aufarbeiten. Zwischen Döner und teuren Restaurants liegt hier die Erfolgsspur:

"Damals in Flingern von Zwei-Euro-Döner gelebt / Heute Geschäftsessen mit Majors auf der Königsallee" (Outro)

Ein Outro bietet die Möglichkeit zurückzublicken – auf das Album oder auf das Gesamtwerk. Da JBG 3 den Abschluss einer Trilogie darstellt, beschwört der letzte Track sehr ehrbare Werte. Brüderlichkeit, Loyalität und Freundschaft scheinen aus den Zeilen – von Müttern keine Spur:

"Ne Menge harte Zeiten auf dem Weg zum Superstarlife / Geld kommt, Geld geht, doch eine Bruderschaft bleibt / Hype kommt, Hype geht, doch eine Bruderschaft bleibt / Eine Trilogie endet, doch eine Bruderschaft bleibt" (Outro)

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Jung Brutal Gutaussehend 3
Datum: 2017-12-01
Verkaufsrang: 733
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könnt ihr nicht mal das wort "fronten" richtig einsetzen? Gerade als Redakteur wäre es wünschenswert. Sonst guter Artikel!

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Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Von Jonas Lindemann am 15.02.2018 - 17:13

Am 1. Dezember vergangenen Jahres schien sich ein Kreis zu schließen. Während Favorite mit "Alternative für Deutschland" auf Rang 15 der deutschen Charts einstieg und somit für die schlechteste Platzierung aus dem Hause Selfmade Records seit Juni 2009 sorgte, veröffentlichten Kollegah und Farid Bang "Jung Brutal Gutaussehend 3". Das Album hatte bereits acht Tage vor Release Goldstatus erreicht und brach etliche Rekorde.

Kollegah und Farid Bang waren es, die mit dem ersten Teil der besagten Kollaboreihe als damals aufstrebende Künstler in eben jenem Juni 2009 auf dem 30. Platz gelandet waren. Seitdem ging es für Selfmade Records lange Zeit nur noch bergauf. Zwischen Februar 2013 und Juli 2016 stürmten neun von zehn Selfmade-Alben an die Spitze der Charts.

Da Selfmade Records wahrscheinlich noch Rechte an "JBG 3" haben, verdient man dort vermutlich an der erfolgreichsten Deutschrap-LP 2017 mit. Allerdings nur im Hintergrund, die Kollaboreihe erschien erstmals nicht über Selfmade. Neben Favorites Album wurde nur Kollegahs "Legacy" herausgebracht. Das Best Of zählte zwar dank der 170 Euro teuren "Gold Award Edition", einem schönen Gimmick für treue Fans, zu den umsatzstärksten Rap-Platten 2017, war jedoch nur eine Auswertung des alten Katalogs. So hatte das Label in der öffentlichen Wahrnehmung im letzten Jahr so wenig mit erfolgreichen Releases zu tun wie schon lange nicht mehr.

Dabei ist es keine zweieinhalb Jahre her, dass man sich als "Label ohne Sägeblatt" zelebrierte. Mit dem Sampler "Chronik III" und einem stattlichen Buch wurde großes Jubiläum gefeiert. "Selfmade Records: Die ersten 10 Jahre von Deutschlands erfolgreichstem HipHop-Label", lautet der Titel des 640 Seiten langen Werkes. Inzwischen stellt sich die Frage, wie viele (erfolgreiche) Jahre noch hinzukommen werden. Der Düsseldorfer Goldschmiede scheint langsam aber sicher das Feuer auszugehen.

Vor allem das Ansehen musste enorm leiden. "Alles Gute, Genetikk" – mehr war zum jüngsten Verlust, den Selfmade verkraften musste, seitens des Labels nicht zu lesen. Darunter häufen sich wieder einmal Kommentare, in denen der Untergang Selfmades prophezeit wird oder schon als besiegelt gilt.

Selfmade Records

Alles Gute, Genetikk

Die knappen Abschiedsworte wirkten genauso sparsam wie die letzte Promophase zu Favs "Alternative für Deutschland". Lange nicht mehr kam eine Albumpromo der früheren Marketing-Maschinerie derart lustlos und reduziert daher. Keine Interviews, keine Blogs, keine besonderen Aktionen und vor allem kein Hype. Das Chart-Ergebnis sprach Bände.

Einen schwierig zu händelnden und quasi dauerhaft abwesenden Künstler wie Favorite nach dem gelungenen Comeback 2015 ein zweites Mal erfolgreich zurückzubringen, scheint auch Selfmade nicht mehr zu schaffen. Es ist fast schon ironisch, dass viele Supporter "Alternative für Deutschland" als Gesamtwerk feierten, die zuvor ausgekoppelten Songs aber teils vernichtendes Feedback erhielten.

Frischer Wind wäre dringend nötig

Die fehlgeschlagene Single-Auswahl passt in das aktuelle Bild, das der Fan von dem Label bekommt. Keines der drei Videos sammelte bislang über 300.000 Klicks. Viele angesagte Newcomer erreichen innerhalb kurzer Zeit mehr. Genau so einer fehlt Selfmade Records schon länger. Ein frischer, hungriger Künstler. Selfmade Records standen nie dafür, einem Hype zu folgen und den angesagtesten Sound der Szene abzubilden. Selfmade Records standen stets für einzigartige Künstler, die alle auf ihre eigene Art technisch versiert sind. Hinzu kam die Bandbreite. Kein anderes Independent-Label hatte ein derartig vielfältiges und zugleich extrem erfolgreiches Roster wie Selfmade.

Frische Künstler signt CEO Elvir Omergebovic inzwischen offenbar lieber bei seinem neuen Label Division, das er 2016 mit den Regisseuren Michael und Markus Weicker von der Videoagentur The Factory gründete. Das Kernteam bilden dieselben Leute wie bei Selfmade. Als erste Amtshandlung wurde RIN unter Vertrag genommen, der einen Karrierestart wie aus dem Bilderbuch hinlegte. Elvir bewies abermals den richtigen Riecher und tat das, was er immer tat: Vielversprechende Rapper in der frühestmöglichen Phase ihrer Karriere zu sich zu holen.

RIN

Riesen Dankeschön an mein Team und meine Bras für das Jahr 2017. Doppel Gold = Ljubav Forvever

Fraglich bleibt, warum solche Artists nicht mehr bei Selfmade, sondern bei einem neu ins Leben gerufenen Label gesignt werden. Das könnte im Fall RIN an der Rolle der Weicker-Brüder liegen – oder an dem von Selfmade 2014 eingegangenen Joint Venture mit Universal. Möglicherweise soll ein neues Signing wie RIN komplett independent aufgebaut werden.

In der Außenwirkung entsteht der Anschein, als entferne sich Elvir schrittweise von Selfmade Records. Kollegah betonte am Ende seiner Selfmade-Zeit immer wieder, dass er sein eigener Manager sei. Bei der letztjährigen 1Live Krone saß Elvir neben seinem neuen Schützling RIN statt bei den 257ers. Vielleicht ein Zufall. Vielleicht, weil die Essener nicht nominiert waren. Vielleicht lässt sich dem Umstand aber auch ein symbolischer Wert beimessen.  

2018 – ein Schlüsseljahr für Selfmade Records?

Auf die großen Jubiläums-Feierlichkeiten folgte 2015 Kollegahs erwartungsgemäß durch die Decke gegangenes "Zuhältertape Vol. 4".  Es sollte sein letztes Soloalbum bei Selfmade Records sein. Wenige Monate später wurde das Ende der Kollegah-Ära bei Selfmade bekannt. Rückblickend lässt sich sagen: Diesen Abgang hat das Label nicht kompensieren können. Was keine Schande ist, wenn das Zugpferd, der erfolgreichste Rapper des Landes, sich verabschiedet. 

Trotzdem war der Schaden nicht in diesem Ausmaß zu erwarten. Mit Genetikk gingen kürzlich die nächsten populären Acts und machen von nun an ihr eigenes Ding: "Danke Selfmade, aber so langsam war die Zeit reif."

2018 könnte somit zu einem Schlüsseljahr für Selfmade Records werden. Sogar zu einer Chance. Mit den 257ers stehen nach wie vor extrem verkaufsstarke Artists unter Vertrag, die insbesondere im Single- und Live-Geschäft lukrativ performen. Zudem leisteten Shneezin und Mike mit ihrer letztjährigen Vertragsverlängerung einen Treueschwur. Das Duo kündigte ebenso ein neues Album für dieses Jahr an wie Karate Andi, der seit seinem Selfmade-Debüt "Turbo" weitestgehend von der Bildfläche verschwand. Rätselhaft ist einmal mehr Favorites Zukunft. Erfüllte er in Form von "Alternative für Deutschland" nur noch seinen Vertrag?

Selfmade Records

257ers verlängern bei Selfmade / „Holz" geht Platin +++ Nach großen Erfolgen im vergangenen Jahr mit den beiden Gold-Singles „Holland" und „Holz", dem Nummer 1 -Album „Mikrokosmos", sowie einer...

Bis dato ist kaum zu erahnen, welche Pläne die interne Führungsriege aus Elvir, Thomas Burkholz und Markus Huber entwickelt haben könnte. Finanziell dürften Selfmade Records dank der zurückliegenden Erfolge keine Probleme haben. Signingtechnisch gab es abgesehen von der Gründung der Production Unit seit Karate Andi keine Neuzugänge. Im November 2016 teaste Elvir einen Artist an. Neuigkeiten dazu folgten anschließend nicht mehr. Ob man damals RIN meinte? Möglich, da Elvir von einem "neuen Projekt" sprach.

Eventuell ahnte man 2014, dass bald der Höhepunkt erreicht würde und ging dementsprechend die Kooperation mit Universal ein. Jedes Produkt hat seinen Zyklus. Ähnlich lief es bei Aggro Berlin, das allerdings nicht einmal zwei Jahre nach dem Universal-Deal die Pforten schloss.

Es würde profitabel sein, fortan wie im Falle von "Legacy" den alten Katalog auszuwerten und parallel weiterhin die 257ers an Bord zu haben. Lediglich aus Fan-Sicht wäre es schade um das legendäre Label, sollte so Selfmades Zukunft aussehen. Hat man andere Ambitionen, scheint eine Roster-Erweiterung unausweichlich. Außerdem sollte sich das Label wieder mehr als verschworenes Kollektiv präsentieren. In jedem Fall muss ein Momentum geschaffen werden, um den Glanz gar nicht allzu alter Tage nicht gänzlich zu verlieren.


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