Radikale Zensur: Warum China Hiphop aus dem Fernsehen streicht

Andere Länder, andere Sitten – China nimmt diesen Ausspruch aktuell sehr ernst. Wie die Online-Ausgabe des "Time"-Magazins berichtet, hat die chinesische Regierung die Hiphop-Kultur aus dem Fernsehen verbannt. Die Medienbehörde mit dem Namen "the State Administration of Press, Publication, Radio, Film and Television of the People’s Republic of China" (oder kurz: SAPPRFT) soll dahinter stecken. Auf chinesischen Nachrichtenseiten heißt es dazu:

[...] specifically requires that programs should not feature actors with tattoos [or depict] hip hop culture, sub-culture (non-mainstream culture) and dispirited culture (decadent culture).

Kurz zusammengefasst: Schauspieler oder Darsteller mit Tattoos, die gesamte Hiphop-Kultur (und alle damit verbundenen Subkulturen) sowie ein zu dekadentes Auftreten sind fortan nicht mehr gestattet. Der Direktor der Abteilung für öffentliche Angelegenheiten verkündet gleich ein ganzes Regelwerk für den Medienbetrieb:

Absolutely do not use actors whose heart and morality are not aligned with the party and whose morality is not noble

Absolutely do not use actors who are tasteless, vulgar and obscene

Absolutely do not use actors whose ideological level is low and have no class

Absolutely do not use actors with stains, scandals and problematic moral integrity"

Alles, was als moralisch verwerflich und somit als konträr zur Linie der Staatspartei angesehen wird, soll fortwährend nicht mehr im Fernsehen stattfinden. Zu den wenig noblen Inhalten zählen offenbar auch jegliche Präsentationen der Hiphop-Kultur.

Dem vorausgegangen ist die Verbannung des Rappers GAI aus einem beliebten Casting-Format namens "Singer". Ohne eine weitere Erklärung entfernte der ausstrahlende Sender den Artist.

GAI - 天乾物燥(官方版MV)

免費訂閱福茂唱片YouTube頻道https://goo.gl/D21ADX "天乾物燥,小心火燭"本是古時候提醒時間的打更方式,寫這歌的目的就是要告訴大家:GAI來了! iTuneshttps://goo.gl/1YBkBV 福茂官網http://www.linfairrecords.com/ 福茂FB粉絲團https://www.facebook.com/LinfairRecords 福茂G+粉絲團https://plus.google.com/+LinfairRecords 福茂微博http://weibo.com/u/3912096225 數位平台點聽 KKBOX → http://kkbox.fm/pa13nn myMusic → https://goo.gl/kuouNJ friDay音樂 → https://goo.gl/3c6cZH iTunes / Apple Music → https://goo.gl/1YBkBV iNDIEVOX → https://goo.gl/tYafMy 來電答鈴 中華用戶:手機直撥700→按4→152029 ,即可完成 亞太用戶:手機直撥560→按2→按6選擇快速點歌→152029 台灣之星用戶:手機直撥700→按4→152029,即可完成 台哥大用戶:請上音樂達人網站或手機直接803查詢下載(代碼:152029) 遠傳用戶:請上900來電答鈴網站或手機直接900查詢下載(代碼:682934) --------------------------------- 《天乾物燥》 演唱:GAI 作詞:GAI 作曲:K11 天乾物燥 小心火燭 人生漫長我勸你好生走路 天乾物燥 小心火燭 人生漫長 師兄些好生走路 back my home 走攏就點起 來的多dope

Bereits in den letzten Monaten gab es diverse Sanktionen gegen landesweit bekannte Rapper und Menschen, die nicht konform genug auftraten. Eingeforderte Entschuldigungen für zu explizite Lyrics und das Verpixeln von zu auffälligem Schmuck sind da nur zwei Beispiele. 

Diese Maßnahmen könnten den Aufstieg vieler Künstler aus Fernost bremsen. 2017 ist Rap in China explodiert. Ein Reality-TV-Format mit dem Namen "The Rap Of China" holte 2,5 Milliarden (!) Menschen vor den Bildschirm. Die Kombo Higher Brothers gehen wohl 2018 sogar auf Nordamerika-Tour.

Higher Brothers - Steph Curry (Official Video)

Stephen Curry​ got the sauce Higher Brothers debut North American tour "Journey To The West" pre-sale available now. Code is "HIGHER".

In einem Artikel von "Dazed" über die chinesische Rap-Szene äußert sich der ebenfalls angesagte Bohan Phoenix noch folgendermaßen:

Artists who are Chinese just need to step it up and make better sh*t, sh*t that can compete with the world, not just within China.

Die Frage wird nun sein, inwiefern chinesische Rapper überhaupt noch mit ihrer Kunst nach draußen gehen können, um sich dem Wettkampf zu stellen. Musik des Untergrundrappers Triple H wurde von Streaming-Plattformen genommen. Fernsehauftritte sind scheinbar vorläufig ein Ding der Unmöglichkeit und eine inhaltliche sowie modische Zensur findet ebenso bereits statt. Der Staat blockiert die vollkommene Entfaltung der Talente einer aufstrebenden Hiphop-Nation. Unter diesen Bedingungen könnte es sehr schwierig werden, auf Augenhöhe mit den Weltstandards zu konkurrieren.

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Image of Der China-Knigge: Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte
Autor: Yu Chien Kuan, Petra Häring-Kuan
Verlag: FISCHER Taschenbuch (2006)
Binding: Taschenbuch, 320 pages

Kommentare

glaub nicht dass das lange gut gehen wird. die chinesen haben doch auch internet und sehen wie frei es hier z.b. ist. irgendwann kommt da die rebellion

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Streetart-Künstlerin Barbara wirft Facebook & Instagram "willkürliche Zensur" vor

Streetart-Künstlerin Barbara wirft Facebook & Instagram "willkürliche Zensur" vor

Von Clark Senger am 15.01.2018 - 13:58

Auch wer sie nicht abonniert hat, wird in seinem Facebook-Feed schon auf Werke von Barbara gestoßen sein. Die Streetart-Künstlerin interagiert mit dem öffentlichen Raum, um positive, lustige und nicht selten auch politische Botschaften zu verbreiten. Oft geht sie (oder er – wer weiß das schon) mit ihren Beiträgen viral – so auch jetzt.

Gestern meldete Barbara sich erstmals im neuen Jahr zu Wort und kritisierte das Vorgehen von Facebook und Instagram gegen einige ihrer Bilder in der letzten Zeit:

In den letzten Wochen haben Facebook und Instagram zahlreiche Beiträge von mir gelöscht, weil sie angeblich gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen. Dabei wurde mir gedroht, dass mein Account gelöscht wird, wenn das nochmal passiert. Es waren (aus meiner Sicht) völlig harmlose Beiträge, die sich gegen rechtsradikale Schmierereien und diskriminierende Schilderbotschaften gerichtet haben, ihr kennt meine Arbeit.

Das Problem scheint das Netzdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu sein, das im vergangenen Jahr beschlossen wurde und zum 1. Oktober in Kraft getreten ist. 2018 wird es jetzt ernst, unter anderem da der neue Halbjahresbericht erstmals für die Zeit von Januar bis einschließlich Juni fällig wird. Problematische Beiträge müssen zudem in der Regel innerhalb von 24 Stunden gelöscht werden. Eigentlich hatte das Gesetz es wohl als Ziel, Hass und Diskriminierung im Netz einzuschränken. Der Schuss könnte aber gehörig nach hinten losgehen.

Privatfirmen seien für das Löschen der Beiträge verantwortlich, kritisiert Barbara. Wenn nun Beiträge irgendwo in einer Grauzone zwischen Hass und Meinung oder Meinung und kontroverser Satire liegen, wird unter Umständen im Zweifel gegen den Beitrag entschieden. Was weg ist, kann keine Probleme machen – so könnte man sich die Vorgabe vorstellen. Ein Blick auf die gelöschten Bilder von Barbara zeigt, wie viel Arbeit man hier noch vor sich hat, um ein gut funktionierendes System zu etablieren:

Oder die Leute sind mit der Funktionsweise des Systems zufrieden und die (Meinungs)Freiheit in den sozialen Medien wird massive Schäden erleiden. Das befürchtet auch Barbara:

Ich habe ständig versucht dem Hass im Internet mit meinen Botschaften etwas entgegenzusetzen, habe dafür super viel positives Feedback bekommen, nicht zuletzt sogar den Grimme online Award. Dass ich jetzt von den Plattformen Facebook und Instagram dafür abgestraft werde, fühlt sich schrecklich und unwürdig an. Ich liebe die Freiheit und kann auf Dauer nur dort agieren, wo ich sie leben kann. Facebook war mal so ein Ort und ich werde genau hinschauen in welche Richtung sich das alles entwickelt.

Es drängt sich die Frage auf, ob man wirklich auf diese Freiheit verzichten will, um weniger Schwachsinn von Leuten zu lesen, deren Gedankengut aus einer traurigen Zeit in einem anderen Jahrhundert stammt. Hält unsere Gesellschaft ein paar (laute) Idioten nicht aus? Würde es nicht reichen, bestehende Gesetze konsequenter auch auf soziale Medien anzuwenden?

Immerhin wurden zwei der gelöschten Beiträge wieder online gestellt, schreibt Barbara auf Facebook. Das sei "ein Zeichen des Entgegenkommens, wenn auch wieder ohne Begründung". Der Kaktus und der fiktive Aufruf zum Flashmob bleiben aber vorerst offline. Im Chat auf Facebook erläutert die Künstlerin uns gegenüber zusätzlich zu ihrem öffentlichen Statement:

Mir ist bewusst, dass auf einem Schild das Wort Ar....och steht, aber es richtet sich nicht gegen eine greifbare Person, es soll auch zeigen, dass die "Gutmenschen", die nur "singen und klatschen" können, durchaus in der Lage sind mal etwas härter zu kontern. Falls aber dieses Wort der Grund für die Löschung war, dann dürfte auch zum Beispiel der Song "Schrei nach Liebe" von den Ärzten nicht mehr auf Facebook erscheinen.

Zensur im Internet ist ein Thema, das noch relativ jung ist, uns aber in Zukunft immer mehr beschäftigen wird. Wie stehst du dazu? Richtiger Ansatz, falsch umgesetzt? Schwachsinniger Ansatz? Was wären Alternativen zum rigorosen Löschen problematischer Beiträge?


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