Er ist ein Unsympath, der seinesgleichen sucht, und wirkt einschläfernd wie der Sandmann. Seine Technik ist schlecht, die Flows nicht on point und die Texte ideen- und gedankenlos. Auch die Reimtechnik ist absolut verjährt, heutzutage rappt doch keiner mehr so. Die Beats, die er pickt, sind billig produziert und laden auf keinen Fall zum Mitnicken ein. Ja, das sind alles Dinge, die auf so manchen Straßenrapper zutreffen – aber garantiert nicht auf Haftbefehl , den Chab mit der feuchten Aussprache. Fakt ist: Er war derjenige, der deutschen Straßenrap aus dem Tiefschlaf riss und das Loch, das die Schließung von Aggro Berlin damals hinterließ, wieder schloss. Zum einen bedingt durch ein sehr feines Gespür für Bretterbeats, zum anderen lag das an seiner revolutionären Art zu rappen. 14 – in Worten: vierzehn – Sekunden hat es gedauert, bis ich beim Hören von Haftbefehl s letztem Top-10-Album Kanackiş auf das erste unbekannte Wort gestoßen bin. Und wenn ich ehrlich bin, verstehe ich vieles bis heute immer noch nicht. Sein Rap definiert sich durch derben Humor, Barney -eske Selbstbeweihräucherung, einen Mischmasch aus den verschiedensten Sprachen und Slangs sowie einer kaltschnäuzigen Kompromisslosigkeit. Nun erscheint am Freitag also sein drittes Soloalbum Blockplatin – höchste Zeit, da mal reinzuhören

" Servus ihr Schmocks, ich geh' steil " – Haftbefehl auf Stoppen sie mal Officer

Blockplatin kommt als Doppelalbum mit einer Blockseite, die laut Haftbefehl härter und im Stile von Azzlack Stereotyp ausfallen soll, und einer Platinseite daher, die " hitmäßiger " klingen und mehr " Themensongs für die breite Masse " beinhalten soll. Los geht es mit der Blockseite und dank Abaz mit einem Brett von Beat; ein brüllender Löwe gibt direkt die Marschrichtung vor: "Koks ", "scharfe Knarren ", " Schlägereien ", die ein oder andere Line über Obama – es gibt wieder kompromisslos auf den Nacken. Auch die Straßenhymne Chabos wissen wer der Babo ist weiß auf ganzer Linie zu überzeugen, neu ist allerdings der gewohnt ignorante Farid Bang -Part: " Versorg Junkies mit Koks, fick Collien/ Und trainier' nur Muskeln, die man in der Disco sieht! " Kann man machen, bloß bitte das nächste Mal nicht in die Hook reinreden, lieber Farid .

Mit Generation Azzlack , Ja Ja VeVe 2 und Ich ficke dich featuring Xatar (der Track war in meiner Version ohne Massiv ) geht es ähnlich hart weiter. Die Beats sind im oberen BPM-Bereich angesiedelt und damit kann Haftbefehl wunderbar umgehen. Sicher, er erfindet das Rad nicht neu und auch die ein oder andere Line wird paraphrasiert wiederholt, aber dafür punktet der gebürtige Offenbacher mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein für drei, fließenden Flowpassagen und verrückten Ideen. Obwohl die Ansagen durchaus ernstgemeint und bitterböse klingen, schwingt immer noch etwas Humor im Unterton mit: " Welle hin, Welle her – Tsunami oder was? " Was sich Haftbefehl in der Hook von Azzlack Motherfuck gedacht hat, weiß wohl nur er selbst. Spätestens seit Tyga s Rack City sollte diese Art des Wiederholens von zwei oder mehreren Wörtern in der Hook tabu sein.

Wie Chabos mit Polizisten umgehen sollen, lernen sie auf Stoppen Sie mal Officer . Generell widmet sich hier Haftbefehl auf einem roughen Beat mit einer knallenden Snare und offenen HiHats ungeliebten Mitmenschen – auch JuliensBlog kriegt einen Seitenhieb ab. Entspannter geht es da auf Blockparty mit Veysel zur Sache, einem von Reef sehr laid-back produzierten Track. Thematisch wird ganz im Sinne von Snoop Dogg und Konsorten die heimische Blockparty in den Offenbacher Blocks besungen. Auch Veysel flowt erhaben – wenn auch technisch eher durchschnittlich. Aber wen interessiert schon Technik, wenn ein Thema so gut und gefühlvoll umgesetzt wird? Das komplette Gegenteil vermittelt Crackfurt , das ein düsteres Bild von Frankfurt und seinen Einwohnern zeichnet; Storytelling á la Haftbefehl eben.

" Nur weil deine Freundin an der Bar kellnert/ denkst du, dir gehört der Laden, du Penner! " – Haftbefehl auf Du weißt ich weiß

Aber Haftbefehl kann nicht nur rappen: Auf dem ersten Track der Platinseite, Welcome to Alemania , muss man in der Hook schon zwei Mal hinhören, denn der Babo singt höchstpersönlich in der Hook. Und es klingt verdammt gut. Auch in Player Hater mit Veysel und Habesha und Du weißt ich weiß featuring Capo singt er im Refrain – und der Gesang ist komplett befreit von Fremdscham. Ansonsten dreht sich auf der zweiten CD fast alles um Geld, Luxusartikel, das süße Leben und noch mehr Geld. Haftbefehl ist " Saudi-Arabi-Money-rich " und Tracks wie Late Checkout , Nur du bist der Baba und Einmal um die Welt und zurück triefen nur so vor Millionärsswag. Das Geld wird für " argentinische Streaks ", " Dom Pérignon " und Reisen in fremde Länder ausgegeben; Ansage reiht sich hier an Ansage: " Keine Zeit zum Schlafen, ich muss Party machen ". Und Joints rauchen, wie mit Marsimoto auf Zwischen Raum und Zeit . Der Beat von Chakuza kommt leicht psychedelisch angehaucht daher mit einem ungewohnten Drumset, einer simplen Melodie und wobbernden Synthies in der Hook.

Im Azzlackz -Kosmos geben aber nicht nur Gewalt, Drogen und der eigene Kontostand die Inhalte vor: Während Haftbefehl im Titel von Erst der Himmel ist der Limit auf die deutsche Grammatik getrost einen Koitus gibt, stellt der Track eine Art gerappte Biografie dar, in der er über sein Leben rappt. Wer das nicht schon im Toxik trifft -Interview ( Biografie , Wörterbuch und Blockplatin im Detail ) getan hat, kann sich hier nochmal einen kleinen Überblick über Haftbefehl s Werdegang machen. Eine Ecke nachdenklicher fallen die Tracks Mann im Spiegel und Traurig aber wahr featuring Shack aus. Gerade der erstgenannte Song zeigt den Azzlackz -Gründer von einer ganz anderen, ungewohnten und erstaunlich offenen Seite. Auch die musikalische Umsetzung weiß zu gefallen und passt sich dem Inhalt an: Aus den Boxen dröhnt ein stampfender Beat mit einer melancholischen Klaviermelodie und dezentem Gebrauch von streicherartigen Synthies. In der Hook wird zudem nur ein Satz gerappt, was sehr gewitzt die innerliche Leere von Haftbefehl verdeutlicht.

Fazit:

Was soll man über dieses Album sagen? Blockplatin ist wie Stracciatella, es hat keine Grauzone: Entweder man liebt es oder man hasst es. Es gibt Leute, die können mit Haftbefehl nichts anfangen – und viele davon werden sich auch mit Blockplatin keinen Gefallen tun. Allerdings sollte man ihm eine Chance geben, denn er zeigt er hier viele neue Facetten, die man so nicht von ihm kannte. Ob jetzt gesungene Hooks, die Wahl der Themen oder der Beats: Hafti hat für jeden etwas in der Bauchtasche. Und die, die ihn davor schon gemocht haben, werden auf keinen Fall enttäuscht werden. Es gibt fast keine Ausfälle, das Album gibt genau das, was Haftbefehl -Releases im Vorfeld versprechen. Die Blockseite fällt wie angekündigt härter, düsterer aus; die Platinseite dafür nachdenklicher und party-lastiger. Auch die Beats von DJ Frizzo , Cönigs Allee , Phrequincy , Abaz , Chakuza , den Bounce Brothas , Farhot , KD-Beatz und Lex Barkey tragen einen riesengroßen Teil zum Hörgenuss bei. Keine Frage: Mit Blockplatin wird Haftbefehl seine Hater nicht zum Schweigen bringen – aber wenn man sich die aktuell erfolgreichsten Künstler wie beispielsweise Cro , Marsimoto , Kool Savas oder Bushido anschaut, dann wird schnell klar, dass es gar nicht darum geht. Es geht nur um die Musik. Und die überzeugt in dem Fall. Vallah.

Bewertung

8 von 10