Einfach 11 böse Bretter aus Frankreich anno 2017 | Hiphop.de

Einfach 11 böse Bretter aus Frankreich anno 2017

Regelmäßige User unserer Seite werden es schon mitbekommen haben: Seit Februar liefern wir regelmäßig die wichtigsten Songs und Geheimtipps aus der französischsprachigen Rapwelt. Ich selbst habe mich vorher fast gar nicht mit unserer benachbarten Szene auseinandergesetzt. Das hat sich zum Glück geändert.

Ich sag's einfach, wie es ist: Aus einem halben Semester Französisch ist original nichts hängengeblieben und ich verstehe daher maximal ein paar Beleidigungen und international verständliche Referenzen auf Filme, Songs oder Serien. Das hat mich aber nicht daran gehindert, einen Einstieg in die Szene zu finden. Vielleicht ist es sogar manchmal besser, nichts zu verstehen.

Bei den Franzosen sowie den französischsprachigen Belgiern und Schweizern kann ich Künstler daher nur anhand des Sounds beurteilen. Für alle, die Rap Français feiern, aber besonders für diejenigen, an denen die Szene bislang vorbeigeht, habe ich hier einige Highlights gesammelt, die mich dieses Jahr geflasht haben. Amuse-toi bien!

Aladin 135 ft. ASF & Elyo - Indigo

Kein langsames Warmwerden, direkt ins Gesicht! Aladin 135, ASF und Elyo sind Mitglieder des jungen Rap-Kollektivs Panama Bende, das im Mai ein ganzes Album namens ADN (Videos & Stream) veröffentlicht hat. Hier hörst du allerdings den Titelsong zu Aladins Soloalbum, das leider nicht ganz so böse nach vorne geht, wie diese Nummer vielleicht vermuten lässt. Aber das Ding hier kann einiges.

Besonders die beiden Feature-Gäste haben es mir angetan. Wie ASF und Elyo langsam in ihre Parts einsteigen, nur um wenigen Sekunden später den Flow mit der genau richtigen Dosis Autotune explodieren zu lassen, ist beeindruckend. Nach und nach wird der Rap dann melodischer und die Hook kann man auch ohne Französischkenntnisse mitsingen und abfeiern.

S.Pri Noir - Skywalker

Wenn du mit "Brett" nur aggressiven Rap assoziierst, dann entspricht Skywalker nicht ganz deiner Vorstellung. Ich meine mit "Brett" einfach starke Songs – und dieser hier ist über jeden Zweifel erhaben!

Solltest du dich gerade nicht innerhalb von fünf Minuten durch diesen Artikel kämpfen, tu dir einen Gefallen und nimm dir Zeit für Skywalker. Optimalerweise bist du nachts im richtigen Modus und drehst Boxen oder Kopfhörer komplett auf. Dann bringt der Skywalker dich wirklich zu den Sternen. (Entschuldigt das billige Wortspiel, aber dieser Song ist einfach Material, um sich in eine andere Dimension zu beamen.)

Erst steht der abwechslungsreiche Flow von S.Pri Noir (sprich: Esprit Noir) bei minimaler Instrumentierung im Vordergrund, aber nach und nach baut der Beat sich immer mehr auf. Bis zum Ende drängt die Produktion von Reek Starcks und Hugz Hefner sich ins Spotlight und glänzt durch eine sehr dichte Atmosphäre. Unfassbares Stück Musik.

Der nächste S.Pri Noir-Song Highlander (zum Video) konnte trotz schönem Dudelsack-Sample nicht ganz meine sehr hohen Erwartungen erfüllen, aber ein vermutlich/hoffentlich bevorstehendes Release darf das gerne korrigieren.

Siboy - Téléphone

Wie der 40-jährige Superstar Booba auch nach mehr als zwei Jahrzehnten noch die französischsprachige Rapwelt dominiert, zeigen aktuell auch seine 92i-Signings. Der smoothe Damso ist spätestens dieses Jahr in die Königsklasse aufgestiegen und der maskierte Siboy bildet mit seiner radikal-aggressiven Vortragsweise das perfekte Gegenstück.

Téléphone aus seinem Debütalbum Special ist genau das, was die Headline verspricht: ein richtig böses Brett. Auf dem treibenden Beat von Pyroman spielt Siboy seine Stärken aus und brüllt hemmungslos in den Parts, der Hook und den Adlibs, ohne dabei sein Gefühl für die Musik zu verlieren. Ähnlich wie der Song hält es das Video: Turnup irgendwo zwischen blankem Wahnsinn und stylischer Kunst.

Niska - B.O.C

Wir bleiben bei der Schreihalsfraktion. Ihr Zugpferd und Vorsitzender ist Niska, der erst 2015 größere Bekanntheit erlangte und zwei Jahre später auf einer Hype-Welle mit dem aktuellen Song Réseaux auf YouTube in nur zweieinhalb Monaten Richtung 100 Millionen Klicks surft (hier mehr zu Niska und dem Song lesen). Fürs Debütalbum Zifukoro (2016) bekam er inzwischen Platin und er zählt zweifellos zu den neuen Superstars der Szene.

Woher der Erfolg kommt, versteht man schnell. Hier trifft die geballte Energie, die ähnlich auch bei Siboy zu hören ist, auf Instrumentals, die auch für eine breitere Masse partytauglich sind. Durch seine Stimmlage hat Niska zudem ein Alleinstellungsmerkmal und rappen kann der Kerl auch. Das alles zeigt er im Song B.O.C, der seit Anfang März mehr als 20 Millionen Klicks gesammelt hat.

Josman - Megazord

Genug gebrüllt, Josman geht die Sache anders an. Seine Musik ist weniger auf Party getrimmt als vielmehr auf halluzinogene Drogentrips. Auf experimentellen Beats mit ordentlich Bass fühlt der junge Rapper aus dem Pariser Vorort Aubervilliers sich am wohlsten.

Aber nur selten klingt das Ergebnis am Ende so böse wie bei Megazord und genau deshalb ist dieser in meiner Liste gelandet. Die Nummer geht trippig und modern nach vorne und hat dank der bedrohlichen Synthies Phasen des Angriffs und der Entspannung. Das Video passt hervorragend zum Gesamtpaket. Wenn dir gefällt, was du hörst, gibt's hier mehr Josman.

Weiter geht's mit sechs weiteren Songs, die ordentlich scheppern ...

Django - Fable

Besonders viel weiß man noch nicht über diesen Django – seit PNL ist es ziemlich angesagt, sich rar und vielleicht ein bisschen geheimnisvoll zu machen. Ist ja nicht verkehrt, wenn dadurch so grandiose Rap-Musik wie hier in den Fokus rückt.

Auf einem eigenen Instrumental flext der Pariser so ziemlich alles weg, was du in letzter Zeit gehört hast. Der Beat ist dabei ähnlich minimalistisch wie das Video – Kunst muss eben nicht teuer sein. Neben Hayce Lemsi oder Sofiane in Zukunft womöglich eine der besten Adressen für aberwitzige Flow-Passagen.

Ein Django-Release gibt es noch nicht und seit Fable im Mai gab es auch keinen neuen Song mehr. Wenn kommt, dann kommt.

Disiz La Peste - L.U.T.T.E

Für sein neuestes Album Pacifique hat der mit 39 Jahren schon relativ alte Hase Disiz wieder seinen ursprünglichen Künstlernamen ausgegraben. Mit der Musik aus der ersten Hälfte der 00er-Jahre hat die LP trotzdem nicht viel gemeinsam.

Auf Pacifique (Stream) setzt Disiz La Peste wie einige teils 20 Jahre jüngere Kollegen auf elektronischen Sound, verträumte Melodien und benutzt EDM-Elemente für musikalische Akzente. Das ist an vielen Stellen schön und gut, aber L.U.T.T.E sticht durch seine Atmosphäre aus dem Werk heraus. Nach ungelogen 0:01 Minuten hatte der Song mich schon abgeholt.

Ähnlich wie bei S.Pri Noir haben wir hier ein Instrumental mit Progress – diese herrlich verzerrten Bässe bleiben einem zum Glück bis zum Ende erhalten.

Di-Meh - Size

L.U.T.T.E ist alles andere als eine Ausnahme. Die ersten Sekunden geben oft schon Aufschluss darüber, welchen Film ein Künstler fährt und ob dieser Film feierbar ist. Mit einem schrägen Tröten-Sample, verzerrtem Autotune-Gelalle und energiegeladenen Adlibs macht Di-Meh von der Genfer Superwak Clique direkt am Anfang von Size einiges richtig.

Mit seinen technischen Spielereien – sowohl beim Sound und der Stimmbearbeitung als auch im Video – und der futuristisch-verballerten Art trifft der Style den aktuellen Zeitgeist der Rap-Welt und bleibt gleichzeitig sehr eigen. Saustabile Turnup-Mucke, wie wir beim Openair Frauenfeld beobachten konnten.

Caballero & JeanJass - On est haut

Caballero, der ursprünglich aus Barcelona stammt, und sein Kollege JeanJass haben es mir besonders schwer gemacht. Es wären auch einige andere Songs für diese Liste in Frage gekommen.

Die beiden werden wie Hamza, Roméo Elvis und allen voran der Überflieger Damso zu einer neuen Welle belgischer Künstler gezählt, die in den letzten Jahren in der französischen Rapszene Fuß fassen konnten.

Vollkommen zu Recht! Ihr diesjähriges Album Double Hélice 2 (Stream) war für mich persönlich ein Highlight der Releases, die ich mitbekommen habe. Die Platte ist modern, man hört eine gewisse Lockerheit und Lebensfreude heraus und die Jungs haben ein nicht zu überhörendes Gespür für Adlibs und Hooks, die auch bei fremdsprachigen Hörern hängenbleiben. Gönn dir, ist gut!

Alonzo ft. MHD - Feu d'artifice

Wenn jemand einen neuen Trend kreiert, der dann extrem erfolgreich wird, springen oft viele Mitläufer auf den Zug auf. Aktuell sieht man: es funktioniert. Von sämtlichen (Deutsch-)Rap-Artists scheinen die karibisch und/oder afrikanisch angehauchten Partysongs am besten zu laufen. Ihm hier verdanken sie das – MHD ist Afro Traps Zugpferd.

Für seine 100%-Single Feu d'artifice hat Alonzo, der in den letzten Jahren Gold und Platin für seine beiden letzten Alben feiern konnte, sich die Dienste des jungen Pariser Shootingstars gesichert. Traditionelle Elemente aus der Heimat der Eltern treffen auf rollende Bässe und Bläser, die einen auf die Tanzfläche peitschen. Dazu spielt Alonzo gekonnt mit Tempo und Flow.

Ja, man kann Trends schnell kaputt machen. Man kann aber auch das beste draus machen und sich die Schokostückchen herauspicken (eigentlich ja Rosinen, aber Rosinen sind ekelhaft). Ganz ohne Grund bekommt kein Trend einen Hype.

Sianna - Sur la tête de Marine Le Pen

Kleine Zugabe, die kein eigenständiger Song mit neuem Beat ist. Auch wenn Sianna dieses Jahr ihr neues Album Diamant noir veröffentlicht hat, ist dieser Freestyle aus Russ' Do It Myself-Instrumental ein absolutes Highlight: DAS IST FLOW!

Viel mehr will ich gar nicht sagen. Dieser Artikel deckt nicht ansatzweise alles ab, was in 2017 in der französischsprachigen Szene feierbar war. Check das Album von Alkpote und DJ Weedim, check Niro, check Sofiane und gönn dir unbedingt Damso, wenn es auch mal etwas Ruhigeres sein darf!

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Kommentare

Sehr guter Beitrag Clark! Wünsche mir mehr solche Artikel über FranzRap. Mach weiter so

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