Mediale Machtdemonstration: Warum die Promo für "JBG 3" ein Kreuzzug gegen den Zeitgeist ist

Jung Brutal Gutaussehend war seit jeher mehr als eine Aneinanderreihung von Adjektiven. Die Buchstaben J-B-G stehen für eine Kampagne, eine schonungslose Art von Musik, einen Kampf gegen Hypes und Trends. Inzwischen zählen Kollegah und Farid Bang selbst zu den prägenden Figuren in einer stetig wachsenden Branche – trotzdem scheint ihre Mission nicht abgeschlossen.

Beim dritten Teil der Serie geht es eindeutig nicht darum, sich generell in den Fokus der Öffentlichkeit boxen zu müssen. Viel mehr konkurrieren die beiden mit dem Jetzt und all seinen Trends um die größte Währung, die das Social-Media-Zeitalter bereithält: permanente Aufmerksamkeit. Wie die beiden Label-Besitzer dieses Spiel bewerkstelligen, stellt alles in den Schatten, was sich je Promophase geschimpft hat. Nach der Kollegah-Latenight-Show und unzähligen YouTube-Videos zur Unterfütterung der Albumkampagne zu King konnten die Fans fast glauben, dass das Unterhaltungsrad kaum weiter zu drehen ist. Der Herbst 2017 schreibt eine andere Geschichte.

Die Verkündung

Kein einfaches Instagram-Bildchen, kein reduzierter Twitter-Post (gut, das fällt bei Farid eh weg), keine simple Presse-Mail – die Ankündigung von JBG 3 erfolgt in Warmups und als trashiger Kurzfilm. Mit vielen Waffen, Trainingseinlagen und der Jagd nach der lange vergessenen JBG-Essenz erschaffen die beiden eine Welt, die das Publikum auf einen Marathon einstimmt. Gleichzeitig wird hier klar gemacht: Wir sind zwar älter geworden, aber kein bisschen erwachsen. Wir haben den gleichen asozialen Humor, besitzen die nötige Selbstironie und wir werden abliefern.

Kollegah & Farid Bang 4 BLOGS: DIE JBG ESSENZ [ JBG3 ] 1. DEZEMBER 2017

"JBG3" [ limitierte STEELBOX ] http://amzn.to/2eJPY3X "JBG3" [ alle Links ] https://KollegahFaridBang.lnk.to/jbg3 "ROAD TO JBG" [ offizielle JBG Playlist auf Spotify ] http://spoti.fi/2fD6uXr Banger Musik auf YouTube: https://www.youtube.com/BangerChannel Kollegah auf Facebook: http://www.facebook.com/kollegah Kollegah auf Instagram: http://www.instagram.com/kollegahderbossofficial Farid Bang auf Facebook: https://www.facebook.com/faridbang Farid Bang auf Instagram: http://instagram.com/faridbangbang Farid Bang auf Twitter: Regel Nr.

Die Teilhabe

Für viele Fans sind ihre Idole kaum greifbar. Es sind Stars, die auf Bühnen und – noch weiter weg – im Internet existieren. Der persönliche Austausch tendiert meist gen null. Ganz anders gehen Kollegah und Farid Bang mit ihrer Anhängerschaft um. Blogs informieren über jeden kleinen Schritt auf dem Weg zum Release. Das Beste daran ist, dass diese Transparenzoffensive für wirkliche Nähe zwischen Künstler und Konsument sorgt. Die bekannten Stars, die es nicht nötig hätten, bringen Merchandise-Pakete persönlich nach Hause. Sie sind sich für nichts zu schade und verteilen eigenhändig Gutscheine in der Innenstadt. Der bisherige Gipfel ist das 180.000 Euro-Gewinnspiel. Inklusive persönlicher Übergabe verlost das JBG-Duo Luxusgegenstände, die Boxinhalte der Mitbewerber zum netten Gimmick degradieren.

Die Gradlinigkeit

JBG – das war schon immer Kollegah und Farid Bang, viel Übertreibung und dennoch eine klare Haltung. Diese Kernthemen verschwinden nicht etwa, sondern werden eiskalt fortgeführt. Es sieht zum Beispiel so aus, als wäre die Sache mit den Deluxe-Boxen langsam an einer Schwelle angekommen. Die Kritik für minderwertige Artikel häuft sich und nicht jeder Artist scheint darum bemüht, die beigelegten Gegenstände hochwertig erscheinen zu lassen. Nun wenden sich Kollegah und Farid Bang nicht direkt gegen diese Verkaufsstrategie, sondern überreizen sie fast ins Absurde. Jegliche neuen Absatzerfolge setzt das Duo wirkungsvoll in Szene, die einzelnen Boxinhalte bekommen eigene Werbeclips und gelegentliche Wetten heizen die Stimmung immer weiter an. Generell statuiert die Kampagne ein Exempel für die Möglichkeiten von Album-Promotion. Was vorher schon als Königsdisziplin von Kollegah und Farid Bang galt, ist nun auf seinem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Jeder soll wissen (und jeder weiß vermutlich auch), was der Winter noch bereithält.

Die Direktheit der beiden Künstler drückt sich genauso in Bildern aus. Die so beliebt gewordene Unschärfe, die Videos einen künstlerischen Touch verleiht, sucht das Auge vergebens. JBG erlaubt keine Grobkörnigkeit, Lowkey-Experimente oder hintergründige Wackeloptik. Was du siehst, ist was du kriegst. Auf übliche Gesprächsformate verzichten die beiden rigoros. Lediglich ein Interview mit der Backspin weit vor Release der ersten Tracks existiert. In ihrem eigenen Podcast Road to JBG  interviewen sich die Protagonisten einfach selbst und umschiffen so auch geschickt die Möglichkeit für Nachfragen.

Die erdachten Feinde und „Freunde“

Es ist wohl nahezu einzigartig, dass Künstler die Fantasie dazu aufbringen, sich neben real existierenden Battle-Gegnern noch zusätzliche Feindbilder ins Leben zu rufen. Die pädagogisch wertvollen Charaktere von Farid Ben & Friend bilden die Anti-These zu den Grundwerten von Jung Brutal Gutaussehend. Sie geben sich nämlich Alt Reif Vorbildich. Diese familienfreundlichen Versionen von Farid Bang und Kollegah werden nicht nur vorgestellt, um einmal einen Lacher zu ernten. Sie greifen fortlaufend aktiv in den JBG-Trubel in Form eines Disstracks und etlicher Social-Media-Aktivitäten ein.

Ähnlich wirkungsvoll ebnet Kollegah seinem neuen "Signing" Bello191 den Weg. Hierbei handelt es sich wieder um eine erdachte Figur, die als Einzelperson quasi alles verkörpert, was JBG 3 nicht sein will. Bello191 bedient beispielsweise die überregionalen Mode-Trends, singt mit Autotune und bildet in seiner Außendarstellung ungefähr jedes Klischee ab, das Trap-Cloud-Mumble-Meme-Rapper transportieren könnten.

Chilli vanilli #onfleek

1,981 Likes, 49 Comments - Jochen (@bello191onfleek) on Instagram: "Chilli vanilli #onfleek"

Die Cliffhanger

Diese Freude an der Parodie drückt sich auch musikalisch aus. Zieh den Rucksack aus nimmt Afro-Trap volley und hebt sich ironischerweise tatsächlich kaum von dem ab, was als angesagt gilt und in den Playlisten rotiert. Neben dem Unterhaltungsfaktor hält der Track aber noch etwas anderes parat. Er ist Teil einer Ansammlung von klugen Cliffhangern. Seit der einsetztenden Berichterstattung um JBG 3 warten die Fans auf den ersten offiziellen Song. Ist es genauso so hart wie früher? Wer wird gedisst? Funktioniert dieser Rap anno 2017?

Kollegah und Farid Bang unterlaufen diese Fragen komplett und führen einen Song als erste Single vor, der die JBG 3-Essenz mit Füßen tritt. Was automatisch folgt, ist der Gedanke, dass es das nicht gewesen sein kann – und nach ein paar Stunden des Wartens erscheint dann endlich Sturmmaske auf. Ein Track, der durch das vorige Manöver noch viel brachialer wirkt, als er eh schon ist. Die Musik samt Video führt diese Cliffhanger-Taktik fort. Es wird gedisst, es fallen Namen, aber die Artists verweisen textlich und visuell ständig auf ein größeres Kaliber am Battle-Horizont.

Kollegah & Farid Bang STURMMASKE AUF [ official Video ]

"JBG3" [ limitierte STEELBOX ] http://amzn.to/2eJPY3X "JBG3" [ alle Links ] https://KollegahFaridBang.lnk.to/jbg3 "ROAD TO JBG" [ offizielle JBG Playlist auf Spotify ] http://spoti.fi/2fD6uXr JBG3 erscheint am 1. DEZEMBER 2017 BangerChannel auf YouTube: https://www.youtube.com/BangerChannel Kollegah auf Facebook: http://www.facebook.com/kollegah Kollegah auf Instagram: http://www.instagram.com/kollegahderbossofficial Farid Bang auf Facebook: https://www.facebook.com/faridbang Farid Bang auf Instagram: http://instagram.com/faridbangbang Farid Bang auf Twitter: Regel Nr.

In dieses Herbeisehnen eines neuen Höhepunkts fügt sich Gamechanger. Auch hier: Disses, Namen, harter Rap – aber ein Angriffsziel wird ausgespart, um es weiter in Aussicht stellen zu können. Nicht zu vergessen ist die rechtlich relevante Zeile, die auf dem Release gerappt sein soll. Es ist unbestreitbar: kleine und größere (zumindest auch fragwürdige) Anreize, um die Schritte hinzu JBG 3 immer weiter zu verfolgen, liegen überall.

Die Endlichkeit

Ein weiterer entscheidender Punkt bei dieser gefühlten medialen Omnipräsenz ist, dass wir alle die Zuschauer eines finalen Akts sind. Die Herren werden nicht jünger und der Kult um die JBG-Reihe soll als Trilogie zu Ende gehen. Jeder veröffentlichte Informationsschnipsel entpuppt sich somit als Letzter seiner Sorte. Es wird keine Fortsetzung, keinen vierten Teil geben – zumindest kommunizieren es die Künstler so. Die gemeinsame Tour gereicht dabei zum krönenden Abschluss und ist natürlich nicht weniger clever in dieses strategische Gesamtkunstwerk eingebettet. Durch das Wissen um das baldige Verschwinden einer liebgewonnenen Künstlerkombination erreicht der bewusst stumpfe Rap mit dem Freifahrtsschein für den Index zwangsläufig eine gewisse emotionale Tiefe. Es gibt danach nichts mehr zum Daraufhinfiebern. Es ist wahrscheinlich für viele Hörer so, als würde sich ein Stück ihres Erwachsenwerdens verabschieden. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt – Gerüchte um ein JBG-Filmprojekt existieren seit einer Weile.

KOLLEGAH

Die JBG Abschieds Tour - ich hoffe ihr kommt vorbei, lasst uns das Ende von JBG gemeinsam feiern! Tickets gibt es HIER www.eventim.de/jbg 04.01. Stereo, Bielefeld 05.01. Palladium, Köln 06.01....

Die Auswirkungen

Diese bunte Mischung aus unzähligen Unterhaltungselementen führt zu Theorien, Interaktionen, Austausch –  also im Prinzip zu all dem, was für eine Promophase als wertvoll gilt. Es dürfte kaum einen minimal Rap-Interessierten geben, an dem vorbeigegangen ist, dass bald JBG 3 auf den Markt kommt. Die kreative Dimension, in der sich diese Kampagne bewegt, dürfte für Deutschrap einzigartig sein. Die Kanten mit dem 44er Bizeps haben ihren Großangriff auf den Zeitgeist total durchorganisiert. Unabhängig davon, ob die Platte tatsächlich die Wucht besitzt, um die Szene zu verändern oder es schafft, Rap dauerhaft wieder eine härtere Gangart zu vermitteln – wer auch immer sein Album demnächst anpreist, wird sich unweigerlich mit diesem alles verschlingenden Marketing-Coup vergleichen müssen. Vielleicht ist das bei genauer Betrachtung sogar der größte Diss überhaupt. Besser lassen sich die technischen Gegebenheiten der heutigen Zeit wohl kaum ausnutzen. Hier wurde ohne übermäßig viele Bars jede Menge verbrannte Erde hinterlassen. Oder um es abschließend mit den Worten des finalen Tracks der Trilogie zu sagen: sie waren Älter Brutaler Skrupelloser.

Wie gut du dich mit dem zweiten Teil der Serie auskennst, kannst du hier testen:

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Kommentare

Hi, bitte erst mal gegenlesen, bevor schwach formatierte Texte mit haufenweise Fehlern veröffentlicht werden.
Die Sprache ist übrigens ziemlich schlecht und unobjektiv formuliert - man bekommt klar das Gefühl vermittelt der Autor sei ein JBG-Fan. Saubere Berichterstattung geht anders.
Journalismus ist das hier sowieso nicht. Gewagte Thesen und kluge Interpretationsansätze fehlen HH.de schon lange.
Es tut mir Leid, aber diese Seite kann sich es auch einfach sparen eigene Artikel zu kreieren, wenn sowas dabei rauskommt - dann macht weiter copy & paste oder schließt die Seite.
Ich komme jedenfalls nichtmehr hierher.Ihr seit entweder zu langsam oder bietet schmierige Qualtität.

Ihr seid echt eine tolle Truppe. Super Typen mit viel Kreativität in den Fingerspitzen. Kudos !

1. Dieser Artikel ist oben mit "Meinung" gekennzeichnet, sodass auch jedem einäugigen auffallen sollte, dass es sich hierbei nicht etwa um einen objektiven Artikel handelt.
2. Gewagte Thesen und kluge Interpretationsansätze? Kollege Schnürschuh die berichten hier von Deutschrap, die Nutzer dieser Seite wollen einfach auf einen Blick erfahren können was der Tag so gebracht hat, quasi als Alternative auf jeder Künstlerfacebookseite vorbeischauen zu müssen.
3. Deutschrap bietet nunmal keine endlosen Weiten an Vorkommnissen, wodurch es schonmal passieren kann und darf, dass ähnliche Artikel auf verschiedenen Seiten entstehen.
4. Dieses Journalistengequatsche nervt und sprengt jeglichen Rahmen. Wenn jemand über die Promophase von 2 Deutschrappern berichtet erwarte ich keinen meisterhaften Qualitätsjournalismus. Nicht jeder Journalismus muss übrigens zwangsweise objektiv sein. Ich persönlich freue mich, wenn in Zeitungen o.ä. auch mal sachlich fundierte, persönliche Meinungen stehen, diese regen nämlich zu Diskussionen an!

einfach auf Youtube rapper Niveau promo gemacht.. wow.. haut mich jetzt echt um

Jbg 3 ist kein hiphop und hat nix damit zu tun .
Kinder verblenden 3 wäre passender.

+ musikalisch einfach nur frustrierend.

Danke. Bin ganz deiner Meinung. Solchen Idioten sollte kein Forum gegeben werden!

Wie man die Lieder musikalisch beurteilt, ist immer noch subjektiv ;)

Ja wir wissen es. Hip Hop.de klebt an Farids und Felix *******. Macht zwar trotzdem keine Realität aus dem, was ihr schreibt , aber ganz nett...

das gegenteil von objektiv ist übrigens subjektiv gruß @Kokapsyche

"hiphop"..also ich hoere deutschrap und nicht hiphop...mit grafitti, breaken und djn haben die wenigsten deutschen hoerer zu tun..
bitte mehr meinungsartikel, die reactionvids zeigen doch das deutsche raphoerer disskusionsbedarf haben..arya macht das uebrigens ziehmlich gut

Ich finde den Artikel super! Endlich mal nicht nur Copy&Paste, sondern eigene Gedanken formuliert und die Promophase klug zusammengefasst. Mehr davon.

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Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Von Jonas Lindemann am 15.02.2018 - 17:13

Am 1. Dezember vergangenen Jahres schien sich ein Kreis zu schließen. Während Favorite mit "Alternative für Deutschland" auf Rang 15 der deutschen Charts einstieg und somit für die schlechteste Platzierung aus dem Hause Selfmade Records seit Juni 2009 sorgte, veröffentlichten Kollegah und Farid Bang "Jung Brutal Gutaussehend 3". Das Album hatte bereits acht Tage vor Release Goldstatus erreicht und brach etliche Rekorde.

Kollegah und Farid Bang waren es, die mit dem ersten Teil der besagten Kollaboreihe als damals aufstrebende Künstler in eben jenem Juni 2009 auf dem 30. Platz gelandet waren. Seitdem ging es für Selfmade Records lange Zeit nur noch bergauf. Zwischen Februar 2013 und Juli 2016 stürmten neun von zehn Selfmade-Alben an die Spitze der Charts.

Da Selfmade Records wahrscheinlich noch Rechte an "JBG 3" haben, verdient man dort vermutlich an der erfolgreichsten Deutschrap-LP 2017 mit. Allerdings nur im Hintergrund, die Kollaboreihe erschien erstmals nicht über Selfmade. Neben Favorites Album wurde nur Kollegahs "Legacy" herausgebracht. Das Best Of zählte zwar dank der 170 Euro teuren "Gold Award Edition", einem schönen Gimmick für treue Fans, zu den umsatzstärksten Rap-Platten 2017, war jedoch nur eine Auswertung des alten Katalogs. So hatte das Label in der öffentlichen Wahrnehmung im letzten Jahr so wenig mit erfolgreichen Releases zu tun wie schon lange nicht mehr.

Dabei ist es keine zweieinhalb Jahre her, dass man sich als "Label ohne Sägeblatt" zelebrierte. Mit dem Sampler "Chronik III" und einem stattlichen Buch wurde großes Jubiläum gefeiert. "Selfmade Records: Die ersten 10 Jahre von Deutschlands erfolgreichstem HipHop-Label", lautet der Titel des 640 Seiten langen Werkes. Inzwischen stellt sich die Frage, wie viele (erfolgreiche) Jahre noch hinzukommen werden. Der Düsseldorfer Goldschmiede scheint langsam aber sicher das Feuer auszugehen.

Vor allem das Ansehen musste enorm leiden. "Alles Gute, Genetikk" – mehr war zum jüngsten Verlust, den Selfmade verkraften musste, seitens des Labels nicht zu lesen. Darunter häufen sich wieder einmal Kommentare, in denen der Untergang Selfmades prophezeit wird oder schon als besiegelt gilt.

Selfmade Records

Alles Gute, Genetikk

Die knappen Abschiedsworte wirkten genauso sparsam wie die letzte Promophase zu Favs "Alternative für Deutschland". Lange nicht mehr kam eine Albumpromo der früheren Marketing-Maschinerie derart lustlos und reduziert daher. Keine Interviews, keine Blogs, keine besonderen Aktionen und vor allem kein Hype. Das Chart-Ergebnis sprach Bände.

Einen schwierig zu händelnden und quasi dauerhaft abwesenden Künstler wie Favorite nach dem gelungenen Comeback 2015 ein zweites Mal erfolgreich zurückzubringen, scheint auch Selfmade nicht mehr zu schaffen. Es ist fast schon ironisch, dass viele Supporter "Alternative für Deutschland" als Gesamtwerk feierten, die zuvor ausgekoppelten Songs aber teils vernichtendes Feedback erhielten.

Frischer Wind wäre dringend nötig

Die fehlgeschlagene Single-Auswahl passt in das aktuelle Bild, das der Fan von dem Label bekommt. Keines der drei Videos sammelte bislang über 300.000 Klicks. Viele angesagte Newcomer erreichen innerhalb kurzer Zeit mehr. Genau so einer fehlt Selfmade Records schon länger. Ein frischer, hungriger Künstler. Selfmade Records standen nie dafür, einem Hype zu folgen und den angesagtesten Sound der Szene abzubilden. Selfmade Records standen stets für einzigartige Künstler, die alle auf ihre eigene Art technisch versiert sind. Hinzu kam die Bandbreite. Kein anderes Independent-Label hatte ein derartig vielfältiges und zugleich extrem erfolgreiches Roster wie Selfmade.

Frische Künstler signt CEO Elvir Omergebovic inzwischen offenbar lieber bei seinem neuen Label Division, das er 2016 mit den Regisseuren Michael und Markus Weicker von der Videoagentur The Factory gründete. Das Kernteam bilden dieselben Leute wie bei Selfmade. Als erste Amtshandlung wurde RIN unter Vertrag genommen, der einen Karrierestart wie aus dem Bilderbuch hinlegte. Elvir bewies abermals den richtigen Riecher und tat das, was er immer tat: Vielversprechende Rapper in der frühestmöglichen Phase ihrer Karriere zu sich zu holen.

RIN

Riesen Dankeschön an mein Team und meine Bras für das Jahr 2017. Doppel Gold = Ljubav Forvever

Fraglich bleibt, warum solche Artists nicht mehr bei Selfmade, sondern bei einem neu ins Leben gerufenen Label gesignt werden. Das könnte im Fall RIN an der Rolle der Weicker-Brüder liegen – oder an dem von Selfmade 2014 eingegangenen Joint Venture mit Universal. Möglicherweise soll ein neues Signing wie RIN komplett independent aufgebaut werden.

In der Außenwirkung entsteht der Anschein, als entferne sich Elvir schrittweise von Selfmade Records. Kollegah betonte am Ende seiner Selfmade-Zeit immer wieder, dass er sein eigener Manager sei. Bei der letztjährigen 1Live Krone saß Elvir neben seinem neuen Schützling RIN statt bei den 257ers. Vielleicht ein Zufall. Vielleicht, weil die Essener nicht nominiert waren. Vielleicht lässt sich dem Umstand aber auch ein symbolischer Wert beimessen.  

2018 – ein Schlüsseljahr für Selfmade Records?

Auf die großen Jubiläums-Feierlichkeiten folgte 2015 Kollegahs erwartungsgemäß durch die Decke gegangenes "Zuhältertape Vol. 4".  Es sollte sein letztes Soloalbum bei Selfmade Records sein. Wenige Monate später wurde das Ende der Kollegah-Ära bei Selfmade bekannt. Rückblickend lässt sich sagen: Diesen Abgang hat das Label nicht kompensieren können. Was keine Schande ist, wenn das Zugpferd, der erfolgreichste Rapper des Landes, sich verabschiedet. 

Trotzdem war der Schaden nicht in diesem Ausmaß zu erwarten. Mit Genetikk gingen kürzlich die nächsten populären Acts und machen von nun an ihr eigenes Ding: "Danke Selfmade, aber so langsam war die Zeit reif."

2018 könnte somit zu einem Schlüsseljahr für Selfmade Records werden. Sogar zu einer Chance. Mit den 257ers stehen nach wie vor extrem verkaufsstarke Artists unter Vertrag, die insbesondere im Single- und Live-Geschäft lukrativ performen. Zudem leisteten Shneezin und Mike mit ihrer letztjährigen Vertragsverlängerung einen Treueschwur. Das Duo kündigte ebenso ein neues Album für dieses Jahr an wie Karate Andi, der seit seinem Selfmade-Debüt "Turbo" weitestgehend von der Bildfläche verschwand. Rätselhaft ist einmal mehr Favorites Zukunft. Erfüllte er in Form von "Alternative für Deutschland" nur noch seinen Vertrag?

Selfmade Records

257ers verlängern bei Selfmade / „Holz" geht Platin +++ Nach großen Erfolgen im vergangenen Jahr mit den beiden Gold-Singles „Holland" und „Holz", dem Nummer 1 -Album „Mikrokosmos", sowie einer...

Bis dato ist kaum zu erahnen, welche Pläne die interne Führungsriege aus Elvir, Thomas Burkholz und Markus Huber entwickelt haben könnte. Finanziell dürften Selfmade Records dank der zurückliegenden Erfolge keine Probleme haben. Signingtechnisch gab es abgesehen von der Gründung der Production Unit seit Karate Andi keine Neuzugänge. Im November 2016 teaste Elvir einen Artist an. Neuigkeiten dazu folgten anschließend nicht mehr. Ob man damals RIN meinte? Möglich, da Elvir von einem "neuen Projekt" sprach.

Eventuell ahnte man 2014, dass bald der Höhepunkt erreicht würde und ging dementsprechend die Kooperation mit Universal ein. Jedes Produkt hat seinen Zyklus. Ähnlich lief es bei Aggro Berlin, das allerdings nicht einmal zwei Jahre nach dem Universal-Deal die Pforten schloss.

Es würde profitabel sein, fortan wie im Falle von "Legacy" den alten Katalog auszuwerten und parallel weiterhin die 257ers an Bord zu haben. Lediglich aus Fan-Sicht wäre es schade um das legendäre Label, sollte so Selfmades Zukunft aussehen. Hat man andere Ambitionen, scheint eine Roster-Erweiterung unausweichlich. Außerdem sollte sich das Label wieder mehr als verschworenes Kollektiv präsentieren. In jedem Fall muss ein Momentum geschaffen werden, um den Glanz gar nicht allzu alter Tage nicht gänzlich zu verlieren.


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