(K)ein Besuch des EGJ-Camps bei Kollegah & Farid Bang: Berlin-Konzerte im Wandel der Zeit

Mit dem kommerziellen Erfolg von Rap hat sich viel verschoben. Die Stars der Szene sind auch im Live-Geschäft oben angekommen und spielen nicht mehr vor einem Expertenpublikum in kleinen Kellern. Damit gehören ebenso alte Verhaltensweisen der Vergangenheit an. Wenn Ali Bumaye die Columbiahalle besuchen möchte, um sich mit Kollegah und Farid Bang auszutauschen, geht das nicht mehr so einfach. EGJ-Kollege AK Ausserkontrolle hat festgehalten, wie die Polizei den Eintritt verwehrt und Ali selbst von einem Platzverweis ausgeht.

HAHAHA A.C.A.B #wasmansoallesimnetzfindet #sovielzumthemaboss #nohate

17.1k Likes, 941 Comments - AK AUSSERKONTROLLE (@ak_ausserkontrolle_offiziell) on Instagram: "HAHAHA A.C.A.B #wasmansoallesimnetzfindet #sovielzumthemaboss #nohate"

2009 war es noch ohne größeren Widerstand möglich, die Konzerte von ungebetenen Gästen zu besuchen. Auf der damaligen "Mittelfinger Hoch"-Tour von Selfmade Records kam es zu handfesten Auseinandersetzungen. Mehrere Personen stürmten den Gig von Shiml, Casper, Montana Max, Favorite und Kollegah. Die Polizei tauchte zwar auch auf, aber erst nachdem die Situation eskalierte. Zu dieser Zeit stand Kollegah sehr im Fokus, da er mit "Fanpost" einen vielbeachteten Disstrack gegen Fler veröffentlichte.

Im Jahr 2016 hatten sich die Verhältnisse nicht wesentlich verbessert. Mit viel öffentlichem Radau um eine Cola Light auf dem Alexanderplatz wurde die Berlin-Düsseldorf-Fehde neu aufgewärmt. Es folgten "Fanpost 2" und eine Vielzahl an Staatsbediensteten, die für die Sicherheit beim Kollegah-Gig auf seiner "Imperator"-Tour sorgten. Dort rappte Kollegah dann sogar seinen Disstrack. Fler hat sich im letzten Jahr aus all diesen Streitigkeiten zurückgezogen. Statt Angriffsziel ist er Kollabo-Partner für Kollegahs engste Verbündete.

Die Rap-Welt dreht sich immer schneller und Locations, Konstellationen und Setlisten sind grundlegend anders. So ist es auch wenig verwunderlich, dass die ausgewählten Songs des "JBG"-Duos in der Columbiahalle auf die alten Ungereimtheiten verzichten. Vorwiegendes Diss-Ziel von "JBG 3" war das EGJ-Camp, wobei sich vornehmlich über Bushido, Ali Bumaye, Shindy und Laas Unltd. ausgelassen wurde. Da verwundert es kaum, dass der Auftreten des Battle-Kontrahenten nicht unkommentiert bleibt.

Sowohl Farid Bang als auch Kollegah positionieren sich auf Instagram und kommentieren den Konzertbesuch von Ali Bumaye indirekt. Farid Bang formuliert die bekannte Line von Shindy um, die er einst live bei der Performance von "Stress mit Grund" rappte. Gleichzeitig bezieht er sich auf eine bestehende Zeile aus "JBG 3":

Kollegah teilt ein Foto, das ihn und Farid Bang bei der Signatur eines T-Shirts zeigen. Dieses fällt durch den besonderen Schriftzug auf. Über einem Dönerspieß findet sich dort das Wortspiel "Ali can eat" aus dem Track "Ave Maria":

Damals wie heute besteht ein Zwist zwischen Rappern aus der Bundeshauptstadt und Berufskollegen aus Nordrhein-Westfalen. Aufgrund der veränderten Medienlandschaft und der gestiegenen Popularität ist es nicht mehr ohne Weiteres möglich, Differenzen von Angesicht zu Angesicht zu klären. Durch die große Öffentlichkeit weiß auch die Staatsmacht Bescheid. Früher gab es noch Direktkontakt, heute läuft das Ganze übers Netz und Social Media. Wichtig bleibt, dass es nicht auf eine eklige Ebene zurückrutscht, bei der tatsächlich jemand zu Schaden kommt.

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Kommentare

So ein Schwachsinn..

Ja wie also soll man sich beleidigen lassen von irgendwelchen kids in deren liedern? Früher nante man das respekt schelle 1 hat gereicht bei solchen kindern und gut ist heutzutage internet disses und sich groß pumpen um sich dan von der polizei schützen zu lassen -.- verkehrte welt

2018 und der kindergarten geht weiter..

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Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Eine Chronik bekommt Risse: Wohin mit Selfmade Records?

Von Jonas Lindemann am 15.02.2018 - 17:13

Am 1. Dezember vergangenen Jahres schien sich ein Kreis zu schließen. Während Favorite mit "Alternative für Deutschland" auf Rang 15 der deutschen Charts einstieg und somit für die schlechteste Platzierung aus dem Hause Selfmade Records seit Juni 2009 sorgte, veröffentlichten Kollegah und Farid Bang "Jung Brutal Gutaussehend 3". Das Album hatte bereits acht Tage vor Release Goldstatus erreicht und brach etliche Rekorde.

Kollegah und Farid Bang waren es, die mit dem ersten Teil der besagten Kollaboreihe als damals aufstrebende Künstler in eben jenem Juni 2009 auf dem 30. Platz gelandet waren. Seitdem ging es für Selfmade Records lange Zeit nur noch bergauf. Zwischen Februar 2013 und Juli 2016 stürmten neun von zehn Selfmade-Alben an die Spitze der Charts.

Da Selfmade Records wahrscheinlich noch Rechte an "JBG 3" haben, verdient man dort vermutlich an der erfolgreichsten Deutschrap-LP 2017 mit. Allerdings nur im Hintergrund, die Kollaboreihe erschien erstmals nicht über Selfmade. Neben Favorites Album wurde nur Kollegahs "Legacy" herausgebracht. Das Best Of zählte zwar dank der 170 Euro teuren "Gold Award Edition", einem schönen Gimmick für treue Fans, zu den umsatzstärksten Rap-Platten 2017, war jedoch nur eine Auswertung des alten Katalogs. So hatte das Label in der öffentlichen Wahrnehmung im letzten Jahr so wenig mit erfolgreichen Releases zu tun wie schon lange nicht mehr.

Dabei ist es keine zweieinhalb Jahre her, dass man sich als "Label ohne Sägeblatt" zelebrierte. Mit dem Sampler "Chronik III" und einem stattlichen Buch wurde großes Jubiläum gefeiert. "Selfmade Records: Die ersten 10 Jahre von Deutschlands erfolgreichstem HipHop-Label", lautet der Titel des 640 Seiten langen Werkes. Inzwischen stellt sich die Frage, wie viele (erfolgreiche) Jahre noch hinzukommen werden. Der Düsseldorfer Goldschmiede scheint langsam aber sicher das Feuer auszugehen.

Vor allem das Ansehen musste enorm leiden. "Alles Gute, Genetikk" – mehr war zum jüngsten Verlust, den Selfmade verkraften musste, seitens des Labels nicht zu lesen. Darunter häufen sich wieder einmal Kommentare, in denen der Untergang Selfmades prophezeit wird oder schon als besiegelt gilt.

Selfmade Records

Alles Gute, Genetikk

Die knappen Abschiedsworte wirkten genauso sparsam wie die letzte Promophase zu Favs "Alternative für Deutschland". Lange nicht mehr kam eine Albumpromo der früheren Marketing-Maschinerie derart lustlos und reduziert daher. Keine Interviews, keine Blogs, keine besonderen Aktionen und vor allem kein Hype. Das Chart-Ergebnis sprach Bände.

Einen schwierig zu händelnden und quasi dauerhaft abwesenden Künstler wie Favorite nach dem gelungenen Comeback 2015 ein zweites Mal erfolgreich zurückzubringen, scheint auch Selfmade nicht mehr zu schaffen. Es ist fast schon ironisch, dass viele Supporter "Alternative für Deutschland" als Gesamtwerk feierten, die zuvor ausgekoppelten Songs aber teils vernichtendes Feedback erhielten.

Frischer Wind wäre dringend nötig

Die fehlgeschlagene Single-Auswahl passt in das aktuelle Bild, das der Fan von dem Label bekommt. Keines der drei Videos sammelte bislang über 300.000 Klicks. Viele angesagte Newcomer erreichen innerhalb kurzer Zeit mehr. Genau so einer fehlt Selfmade Records schon länger. Ein frischer, hungriger Künstler. Selfmade Records standen nie dafür, einem Hype zu folgen und den angesagtesten Sound der Szene abzubilden. Selfmade Records standen stets für einzigartige Künstler, die alle auf ihre eigene Art technisch versiert sind. Hinzu kam die Bandbreite. Kein anderes Independent-Label hatte ein derartig vielfältiges und zugleich extrem erfolgreiches Roster wie Selfmade.

Frische Künstler signt CEO Elvir Omergebovic inzwischen offenbar lieber bei seinem neuen Label Division, das er 2016 mit den Regisseuren Michael und Markus Weicker von der Videoagentur The Factory gründete. Das Kernteam bilden dieselben Leute wie bei Selfmade. Als erste Amtshandlung wurde RIN unter Vertrag genommen, der einen Karrierestart wie aus dem Bilderbuch hinlegte. Elvir bewies abermals den richtigen Riecher und tat das, was er immer tat: Vielversprechende Rapper in der frühestmöglichen Phase ihrer Karriere zu sich zu holen.

RIN

Riesen Dankeschön an mein Team und meine Bras für das Jahr 2017. Doppel Gold = Ljubav Forvever

Fraglich bleibt, warum solche Artists nicht mehr bei Selfmade, sondern bei einem neu ins Leben gerufenen Label gesignt werden. Das könnte im Fall RIN an der Rolle der Weicker-Brüder liegen – oder an dem von Selfmade 2014 eingegangenen Joint Venture mit Universal. Möglicherweise soll ein neues Signing wie RIN komplett independent aufgebaut werden.

In der Außenwirkung entsteht der Anschein, als entferne sich Elvir schrittweise von Selfmade Records. Kollegah betonte am Ende seiner Selfmade-Zeit immer wieder, dass er sein eigener Manager sei. Bei der letztjährigen 1Live Krone saß Elvir neben seinem neuen Schützling RIN statt bei den 257ers. Vielleicht ein Zufall. Vielleicht, weil die Essener nicht nominiert waren. Vielleicht lässt sich dem Umstand aber auch ein symbolischer Wert beimessen.  

2018 – ein Schlüsseljahr für Selfmade Records?

Auf die großen Jubiläums-Feierlichkeiten folgte 2015 Kollegahs erwartungsgemäß durch die Decke gegangenes "Zuhältertape Vol. 4".  Es sollte sein letztes Soloalbum bei Selfmade Records sein. Wenige Monate später wurde das Ende der Kollegah-Ära bei Selfmade bekannt. Rückblickend lässt sich sagen: Diesen Abgang hat das Label nicht kompensieren können. Was keine Schande ist, wenn das Zugpferd, der erfolgreichste Rapper des Landes, sich verabschiedet. 

Trotzdem war der Schaden nicht in diesem Ausmaß zu erwarten. Mit Genetikk gingen kürzlich die nächsten populären Acts und machen von nun an ihr eigenes Ding: "Danke Selfmade, aber so langsam war die Zeit reif."

2018 könnte somit zu einem Schlüsseljahr für Selfmade Records werden. Sogar zu einer Chance. Mit den 257ers stehen nach wie vor extrem verkaufsstarke Artists unter Vertrag, die insbesondere im Single- und Live-Geschäft lukrativ performen. Zudem leisteten Shneezin und Mike mit ihrer letztjährigen Vertragsverlängerung einen Treueschwur. Das Duo kündigte ebenso ein neues Album für dieses Jahr an wie Karate Andi, der seit seinem Selfmade-Debüt "Turbo" weitestgehend von der Bildfläche verschwand. Rätselhaft ist einmal mehr Favorites Zukunft. Erfüllte er in Form von "Alternative für Deutschland" nur noch seinen Vertrag?

Selfmade Records

257ers verlängern bei Selfmade / „Holz" geht Platin +++ Nach großen Erfolgen im vergangenen Jahr mit den beiden Gold-Singles „Holland" und „Holz", dem Nummer 1 -Album „Mikrokosmos", sowie einer...

Bis dato ist kaum zu erahnen, welche Pläne die interne Führungsriege aus Elvir, Thomas Burkholz und Markus Huber entwickelt haben könnte. Finanziell dürften Selfmade Records dank der zurückliegenden Erfolge keine Probleme haben. Signingtechnisch gab es abgesehen von der Gründung der Production Unit seit Karate Andi keine Neuzugänge. Im November 2016 teaste Elvir einen Artist an. Neuigkeiten dazu folgten anschließend nicht mehr. Ob man damals RIN meinte? Möglich, da Elvir von einem "neuen Projekt" sprach.

Eventuell ahnte man 2014, dass bald der Höhepunkt erreicht würde und ging dementsprechend die Kooperation mit Universal ein. Jedes Produkt hat seinen Zyklus. Ähnlich lief es bei Aggro Berlin, das allerdings nicht einmal zwei Jahre nach dem Universal-Deal die Pforten schloss.

Es würde profitabel sein, fortan wie im Falle von "Legacy" den alten Katalog auszuwerten und parallel weiterhin die 257ers an Bord zu haben. Lediglich aus Fan-Sicht wäre es schade um das legendäre Label, sollte so Selfmades Zukunft aussehen. Hat man andere Ambitionen, scheint eine Roster-Erweiterung unausweichlich. Außerdem sollte sich das Label wieder mehr als verschworenes Kollektiv präsentieren. In jedem Fall muss ein Momentum geschaffen werden, um den Glanz gar nicht allzu alter Tage nicht gänzlich zu verlieren.


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